Ausgabe 
21.4.1902 Erstes Blatt
 
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Wie«, 20. April. Nach derN. Fr. Pr." Hat die jüngste Reise des Grafen Bülow die Erneuerung des Drei­bundes zum thatsächlichen Ergebniisse gehabt. Die Erneuerung beziehungsweise Fortsetzung des Dreibundes zwischen den drei Vertragsmächten sei verabredet, wenn auch die Schriftstücke noch nicht unterfertigt seien. Die Erneuerung des Dreibundes sei unter den gleichen Bestimmungen erfolgt, welcher die bisherigen Verträge enthielten. Die neuen Ver­trage sollen auch für den gleichen Zeitraum Geltung haben, wie die ablaufenden.

Petersburg, 20. April. Der Mörder des Ministers Ssipjägin soll im Gefängnis Selbstmord begangen haben. Ein unverbürgtes Gerücht will wissen, daß Balta- schew alias Malischem wenige Stunden nach seiner Einlieferung in das Gefängnis Gift nahm und tot ist.

Jus Stadt und Kaud.

Gießen, den 21. April 1902.

LU. Vou der Laudesuuiversit'at. Mit dem heutigen Tage beginnen die Immatrikulationen an der Universität für das Sommersemester. Die Vorlesungen nehmen am 28. ihren Anfang.

* Kreisausschußsihung. Eine für die Kreisverwaltungen grundsätzlich wichtige Entscheidung hat am Samstag nach eingehender Verhandlung der Kreisausschuß des Kreises Gießen gefällt. Der Kreis Büdingen hat beschlossen, mit einem Kostenaufwand von ca. 120 000 Mk. für den Kreis und einen angrenzenden Bezirk des Schottener Kreises in der Nähe des Bahnhofes Stockheim am Ausgang des Nidderthales eine Sammel-Wasenmeisterei zu errichten. Hiergegen haben außer den Bürgermeistereien von Stockheim, Selters und Ortenberg die Standesherrschast Stolberg-Ortenberg, die Eisenbahndirektion Frankfurt a. M., der Besitzer der Hessen­mühle und eine Anzahl von Einwohnern der Stadt Orten­berg Protest eingelegt und zwar teilweise auf Grund der hessischen Ausführungsverordnung zu den gesetzlichen Be­stimmungen, betreffend Anlage einer Abdeckerei, resp. Wasen- meisterei. Der Kreisausschuß entschied, sämtliche Ein­sprachen abzuweisen. lieber den Verlauf der Ver­handlungen teilen wir folgendes mit: Die Anlage wird sich nach dem neuesten verbesserten System Podewils als eine Fabrikanlage darstellen, die in ihrem Aeußeren mit einer Ab­deckerei nicht die allermindeste Ähnlichkeit haben wird. Das Ministerium erklärte, daß die von ihm gegebenen Aus­führungsbestimmungen zu den Gesetzesvorschriften, betreffend Anlage von Abdeckereien, auf die geplante Anlage keine An­wendung finden könne, weil bei Erlaß dieser Verordnung Sammelwasenmeistereien der hier in Frage kommenden Art überhaupt noch nicht existierten und weil das Verfahren, mittels dessen in diesen Anstalten die Tierkadaoer vernichtet werden, ganz verschieden von demjenigen sei, das in den ein­zelnen Abdeckereien geübt werde. Der Vertreter der Eisen­bahndirektion Frankfurt a. M. bezog sich auf die in Frage kommende Verordnung des hessischen Ministeriums, wonach Abdeckereien 500 Meter von menschlichen Wohnungen entfernt sein müssen. Die geplante Anlage wäre aber nur ca. 30 Meter vom Bahnkörper entfernt. Es sei zweifellos, daß durch die Ausdünstungen, wenn die Sammel-Wasen- meisterei erst im Betrieb sei, die Passagiere der vorbei- sahrenden Züge belästigt werden würden. Weiter stehe ganz in der Nähe ein Bahnwärterhaus, auch sei die Station Stock­heim nur ca. 600 Meter entfernt. Die Beamten würden durch eine Sammelwasenmeisterei an jener Stelle belästigt werden und darum habe die Eisenbahnbehörde den Wunsch, die Anlage möge nicht an jener Stelle erfolgen. (Schluß folgt.)

8. Eine Provinzialausschußfitzung des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberheffen findet am Donnerstag dem 24., nachm. 3 Uhr, im Hotel Prinz Karl in Gießen statt. Es wird in der Hauptsache verhandelt werden über den An­trag des Abgeordneten Haas betr. die Errichtung einer Landwirtschaftskammer (Referent Herr Generalsekretär Oekonomierat Dr. Müller); Beratung über die Bestimmungen betr. die Verwendung der Staatsmittel zur Förderung der Viehzucht, sowie des Obst- und Gemüsebaues (Referent Herr Vizepräsident Kreisrat Dr. Wallau). Ferner über Anträge der Verwaltungskommission der Jungviehweide Tiergarten, Anerkennung von Schweinezuchtvereinen, Mitteilungen über den Kartoffelabsatz nach Amerika. Das Hauptinteresse wird sich konzentrieren auf die Errichtung einer Landwirtschafts­kammer, einer Einrichtung, die jeden hessischen Landwirt her­anzieht zu den gemeinsamen Aufgaben, welche immer drin­gender infolge des Sinkens der landwirtschaftlichen Produkten- preffe an die Landwirte herantreten. Diese Aufgaben lassen sich nicht lösen allein durch die Landwirte, die den landwirt­schaftlichen Vereinen angehören, so erheblich auch die Zahl der Mitglieder seit einiger Zeit gewachsen ist. Eine vollgiltige Vertretung der hessischen Landwirtschaft bilden unsere land­wirtschaftlichen Vereine nicht, da die große Mehrzahl der Landwirte denselben heute noch nicht angehört. Die Erricht­ung einer Landwirtschaftskammer für das ganze Großherzog­tum würde hierin Wandel schaffen. Am Samstag dem 26. d. Nits., vormittags 10*/, Uhr, findet im Rathaussaale in Büdingen die Frühjahrshauptoersammlung des landwirtschaftlichen Bezirksvereins statt.

* Verhafteter Einbrecher. Der am Freitag unter dem Verdacht, den Einbruchsdiebstahl zu Großfelda begangen zu haben, Verhaftete, ist der aus London stammende Kaufmann Otto Vorbach. Er befindet sich z. Z. im hiesigen Provin- zial-Arresthaus in Untersuchungshaft.

** Grober Unfug. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag wurde ein fremder Hausierer, der in einer Wirt­schaft an der Bahnhofstraße eine Fensterscheibe vorsätzlich zer­trümmerte, weil ihn der Wirt wegen seines renitenten Be­nehmens aus dem Lokal verwiesen hatte, verhaftet. In einer Wirtschaft an der Dammstraße war am Abend ein gleicher Fall vorgekommen. Beide Male wurde leider von dem Geschädigten kein Strafantrag wegen Sachbeschädigung gestellt.

** Ein verunglücktes Rößlein. Gestern früh kurz nach 7 Uhr siel einem Geschäftsmann in der Frankfurterstraße ein wertvolles Pferd, das der Knecht im Hofe vor dem Stall putzen wollte, in die vor dem Stalle befindliche Mistgrube, die etwa vier Dieter tief und zufällig leer war. Tas Pferd hatte in dem Augenblick, als der Knecht nochmals in den Stall ging, mit den Vorderhufcn auf der mit Breitem zu­

gedeckten Grube gehackt; die Bretter gaben nach, und das Pferd verschwand in der Tiefe. Es wurde sofort ein Gerüst aufgestellt und das etwa 12 Zentner schwere Pferd mittels eines Flaschenzugs aus der Grube gezogen. Es glückte, das Pferd bis auf einige geringfügige Hautabschürfungen unver­sehrt herauszuziehen.

Darmstadt, 21. April. Der Großherzog hat dem Finanz- mtnifter Dr. Gnauth die Erlaubniß zur Annahme und zum Tragen des ihm vom Großherzog von Oldenburg verliehenen Ehren-Großkreuzes des Hausordens des Herzogs Peter Frie­drich Ludwig erteilt, desgl. dem Obersinanzrat Dr. Rohde und dem Geh. Finanzrat Dr. Götz für das Ehrenritterkreuz 1. Klasse.

Griesheim a. M., 20. April. Der auf dem hiesigen Bahnhofe als Fahrkarten-Ausgeber beschäftigte Hilfs­beamte Blum ist seit gestern Nachmittag flüchtig. Er hat sich ernste Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen lassen; in der Billetkasse sollen an 900 Mk. Defizit fein, wie die vorgenommene Revision ergeben hat.

Leydens 70, Geburtstag.

Berlin, 20. April 1902.

Gestern vormittag erschienen bet Professor v. Leyden Staatssekretär Graf Posadowsky und der bayerische Ge­sandte Graf Lerchenfeld, um namens des deutschen Central­komitees zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke herzliche Glückwünsche zum 70. Geburtstage zu entbieten. Am nachmittag war in der Privatklinik Leydens eine intimere Vorfeier.

Heute mittag fand im Saale der Philharmonie in An­wesenheit der Vertreter der Staatsbehörden und der Stadt­behörden, sowie zahlreicher Mitglieder der medizinischen Welt des In- und Auslandes die Feier des 70. Geburtstages des Geh. Medizinalrates Pros. v. Leyden statt. Erschienen waren Geheimrat Aeumann vom Kultusministerium, die Professoren Koch, v. Bergmann, Hertwig und andere. Nach der Eröffnungs­ansprache des Geheimrats Waldeyer-Berlin hielt Hoftat N o t h - nagel-Wien eine Festrede und schilderte Leyds Werdegang und die großen Erfolge und wünschte ihm ein langes Leben zum Wohle ber Menschheit. Generalstabsarzt der Armee Dr. v. Leuthold begrüßte den Jubilar namens des Sanitätskorps und der Kaiser Wllhelm-Akademie und ge­dachte seiner hervorragenden Erfolge um die Heranbildung der Militärärzte. Sodann sprachen Abordnungen der deut­schen und außerdeutschen Universitäten. Die Professoren Waldeyer, Hertwig und Gusserow sprachen für Berlin, Jaffv für Königsberg, wo Professor Leydens Lauf­bahn begann und Pros. Jolly für Straßburg, wo Leyden gleichfalls wirkte. Geheimrat Professor Dr. Quincke-Kiel überbrachte Glückwünsche des Kongresses für innere Medizin, dessen Begründer und Ehrenmitglied Professor Leyden ist. Namens der auswärtigen Unioersttäten sprachen Nothnagel - Wien, Jacksch - Prag, Krauß - Graz, Mitu- leccu-Bukarest, Runeberg-Helsingfors. Dr. Jakob-Berlin überbrachte im Auftrage der Universität Odessa deren Ehren­mitgliedschaft, Generalarzt Schaper und Geheimrat Müller gratulierten namens der königlichen Charits und der Gesellschaft der Charitsärzte, Geheimrat Kirchner über­brachte Glückwünsche des Komitees für Krebsforschung und teilte die Ernennung Professor Leydens zum Ehrenvorsitzenden des Komitees mit. Es folgten Ansprachen 18 aus­ländischer Deputationen, darunter der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien, der Gesellschaft für innere Medizin zu Wien, der Akademie Bologna und zahlreicher russischer Gesell­schaften, von denen acht Prof. v. Leyden zum Ehrenmitglied ernannten, der ärztlichen Vereine in Paris, Cherbourg, Brüssel, Bukarest und Marienbad und der Finländischen Gesellschaft der Aerzte, der Aerzte Japans, welche durch Generalarzt Dr. Honda üertreten waren. Alsdann überreichte Geheimrat Prof. Dr. B. Fränkel-Berlin die 56000 Mark betragende Leyden-Stiftung zur Förd errung medizinischer Forschungen und bemerkte hierbei, daß außerdem Herr Kapell zu Händen des Jubilars 26 000 Mk. für Kinderheil­stätten an den Seeküsten und Herr Riedel 100 000 Mk. für em Findelhaus stifteten. Sodann folgte die Ueberreichung einer Festschrift der Freunde durch Professor Korayi-Budapesl und einer Festschrift der früheren und jetzigen Asiistenten durch den Privatdozenten Michaelis. Privatdozent Dr. Jacob enthüllte eine Leyden-Büste, welche für den Neubau der Charitee bestimmt ist. Es schlossen sich nun­mehr Beglückwünschungen zahlreicher deutscher ärztlicher Vereine und Heilstättenvereine, sowie die Ueberreichung be­sonderer Festschriften und Festgaben an. Hofrat Nothnagel- Wien hielt die Schlußrede. Prof. Leyden dankte tiefergriffen allen Rednern einzeln für die dargebrchten Huldigungen. Am Abend fand, wie wir bereits in unserer heutigen Morgen­ausgabe berichteten, im Saal derPhilharmnie" ein Fest­mahl statt, an dem über 400 Personen teilnahmen.

Ein Scherzwort zur Leyden-Feier geht augenblicklich in 'Berlin um. Weßhalb so fragt man wird zum Jubiläum des Klinikers gerade ein Diner veranstaltet? Nun, weil er Spezialist für die Nieren (diniren) istl

Der Krosigk-Urozeß.

(Dritter Verhandlungstag.)

Gumbinnen, 19. April.

Heute wird im Gerichtssaale eine große Tafel auf- gestellt, auf der eine Zeichnung der Reitbahn, in der der Mord verübt wurde, der Bandenthür mit dem Guckloch, der verschiedenen Ställe usw. enthalten ist.

Martens bemerkt auf Befragen des Präsidenten, am 21. Januar 1901 habe er vormittags Fußdienst und nach­mittags Reitdienst gehabt. Um 31/2 Uhr mußte er nach der Regimentskammer gehen. Gleich ihm seien Hickel und einige andere Unteroffiziere dorthin kommandiert gewesen. Gegen 4 Uhr sei der Dienst auf der Kammer beendet ge­wesen . Danach hätten sie auf gemeinschaftliche Kosten für 40 Pfennig Branntwein holen lassen. Die Flasche sei einige Male herumgegangen. Wieviel er getrunken habe, wisse er nicht. Gegen 41/2 Uhr sei er mit Hickel in die Wohnung seiner Eltern gegangen. Er habe sich mit Hickel etwa 10 Minuten in der elterlichen Wohnung aufgehalten. Als sie von dort fortgingen und um die Ecke kamen, sagte Hickel, indem er auf die Ställe sah:Dort brennen feine Lampen, ich muß sofort hingehen und ver­anlassen, daß sie angezündet werden". Er, Marten, sei daurauf auf f eine Stube Mr. 48 gegangen-

Auf Antrag des Vertreters der Anklage, Oberkriegs-- gerichtsrats Meyer, beschließt der Gerichtshof, Hickel während der Vernehmung Martens aus dem Saalch führen zu lassen.

Marten erzählt:Ms er auf seine Stube gehen wollte, sei er dem Dragoner Stumbries begegnet Dresem. sagte er, er werde noch am selben Abend das Remonte- pserdIsidor" reiten,der Kerl müsse einmal ordentlich durchstudiert werden, der Hund müsse heute Farbe be­kennen". In der Stube habe er den Unteroffizier Grigat getroffen und ihn gebeten, ihm etwas Brot zu geben. Er nahm an, daß sich in den Stuben Drückeberger auf­hielten, weil die Unteroffiziere alle in der Reitbahn waren. Er machte daher die Thür der zweiten Stube auf, um zu sehen, ob Drückeberger darin seien. Präs.: Weshalb machten Sie gerade die Thür zu der zweiten Stube auf? Martern Das weiß ich nicht. Ich blieb alsdann einige Augenblicke auf dem Korridor stehen, um auf Drücke­berger aufzupassen und traf die Dragoner Weber und Bartulein. Dann begab ich mich nochmals in die elter­liche Wohnung, da ich dort mein Telegraphenbuch vergessen hatte. Als ich in die Kaserne zurückkam, traf ich wieder Stumbries. Dieser fragte, ob ich schon wisse, daß fick der Rittmeister soeben erschossen habe. Ich sagte:Sie sind wohl verrückt?" Ich mag vielleicht ge­lächelt haben, weil ich diese Erzählung nicht glauben konnte. Ein vergnügtes Gesicht habe ich jedenfalls nicht gemacht. Ich ging darauf in den Stall; dort fragte mich Vize-Wachtmeister Scholz, ob ich schon wüßte, daß der Rittmeister ge- oder sich erschossen habe; vielleicht hat er auch gesagt, der Rittmeister ist verunglückt. Ich ver­setzte: Ist es wahr? Präs.: Weshalb fragten Sie, Sie hatten die Nachricht ja schon von Stumbries gehört? Marten: Ich glaubte es aber nicht.

Aus Veranlassung des Präsidenten muß nunmehr Hickel wieder in den Saal treten. Der Präsident teilt ihm die Aussagen Martens mit. Er hält dann Marten vor, daß- da er sich vom Reitdienst gedrückt hatte, es unvorsichtig vou ihm war, daß er doch zum Reitdienst ging, da er vom Rittmeister hätte bestraft werden können. Es sei besser, gar nicht als zu spät zum Dienst zu kommen. Marten erklärt, er glaubte nicht, daß der Rittmeister noch da war. Vize-Wachtmeister Scholz übergab ihm die Abteilung, die er sofort ab sitzen ließ. Alsdann sei er in den Rekruten­stall gegangen; dort habe ihn Unteroffizier Bunkus ge­fragt: Ist es denn wahr? Ich wollte es nicht glauben, da mir bekannt war, wie vorsichtig der Rittmeister war. Gleich daraus ließ Oberleutnant v. Hoffmann den Re- krutenstall absperren und sagte:Es ist ein furchtbares Verbrechen geschehen, der Rittmeister ist erschossen worden; jeder, der etwas weiß, soll sich melden." Von da ab habe ich erst die Sache geglaubt.

Präs.: Sie sollen auf die Frage, weshalb Sie zu Bunkus gesagt:Ist es denn wahr?" einmal geäußert haben: Ich wollte mich nicht verdächtig machen. Mar­ten: Ich wurde von Kriegsgerichtsrat Lüdicke so viel ge­fragt, daß ich dies zu meiner Verteidigung anführte. Auf Antrag des Verteidigers, Rechtsanwalts Burchard, wird aus den Akten festgestellt, daß Marten diese Aeußerung bei feiner Vernehmung am 23. Januar 1901 gemacht hat.

Es wird das Schießbuch vorgelegt. Danach hat Marten 1898 viermal geschossen. Marten bemerkt, er sei kein guter Schütze gewesen, und habe seines Wissens, nach­dem er von der Telegraphenschule aus Berlin zurückkam, nicht mehr geschossen.

Weiter erklärte Marten, er habe auf niemanden einen Verdacht gehabt. Es sei richtig, daß er bei der Vernehmung vor dem Kriegsgerichtsrat Lüdicke gesagt habe, er hätte deshalb mehrfach gefragt: Ist es denn wahr?, weil er sich nicht verdächtig machen wollte. Der Kriegsgerichtsrat habe so viel gefragt, daß er dies schließlich als Erklärungs­grund gab.

Die Vernehmung der beiden Angeklagten war um Mittag beendet. Es wurde hieraus eine Pause gemacht.

Heute nachmittag wurde mit der Vern e hmu ng der Zeugen begonnen. Oberleutnant v. Hoffmann be­kundet, der Befehl, diejenigen, die nicht in der Reitbahn waren, sollten sich rechts und die anderen nach links aufstellen, wurde so laut gegeben, daß derselbe weder überhört, noch mißverstanden werden konnte. Trotzdem habe sich Marten link auf gestellt. Leutnant Lo r e n z sagte aus, am Samstag vor dem Morde sei gegen 4 Uhr nach­mittags die Bandenthür der Reitbahn, während in dieser Reitübungen ftattfanben, geöffnet worden. Der Rittmeister sei darüber sehr ungehalten gewesen und habe die be­treffende Person feststellen lassen wollen. Letztere sei aber sogleich verschwunden gewesen. Die Bandenthür sei oft­mals aus Neugierde geöffnet worden. Es fei dies kein seltenes Vorkommnis gewesen. Oberstabsarzt Dr. Goebel und Stabsarzt Dr. H a s s e l b e r g bekundeten Übereinstim­mend, die Kugel sei dem Rittmeister von vorn in die Brust gedrungen und zum Rücken herausgekommen. Es sei dem Rittmeister ein großes Gefäß in der Nähe des Herzbeutels und die große Lungenschlagader zerrissen. Das Geschoß war ein kleinkalibriges und mußte unbedingt tödlich wirken. Aus Anftage des Verteidigers Burchard bekundet Dr. Goe­bel noch, in dem Gehirn des erschossenen Rittmeisters seien Wucherungen und in der weichen Hirnhaut Flüssig­keit vorgefunden. Einen Schluß aus den Charakter lasse aber der Gehirnbefund nicht zu.

Gegen 5 dreiviertel Uhr .wird die Verhandlung auf Montag vormittag 9 Uhr vertagt.

Die zweite Kammer der <Lar>dstände

tritt, wie wir bereits in unserer heutigen Morgenausgabe mitteilten, am nächsten Freitag vorm. 10 Uhr zu einer Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung steht u. a. folgendes: Der Staate ertrag über die Vereinigu ng der Großh. Hessischen Landeslotterie und der Thüringisch-Anhaltischen Staatslottevie, der Antrag der Abgg. Ulrich und Genossen, das Hilfspersonal in staatlichen Betrieben betreffend, drei Anträge betr. die Sonntagsrückfahrkarten betreffend; ein dringlicher Antrag der Abg.g. Horn und Genossen, Strohmangel betr., und eine Vorstellung der Bauernvereine von Seligenstadt, Klein-Krotzenburg 2c., Ab gäbe von Streu aus den Domanialwaldungen betreffend; Antrag des Abg. Ulrich, den Bau eines Gymnasiums in Offenba ch betreffend; zwei Anträge, die Erteilung von Wirtschafts­erlaubnissen betreffend; mehrere Vorstellungen, die Gehalts-, Einkommens-, sowie Altersversorgungsverhältnisse der Orts- und Polizeidiener betreffend; die Vorstellung des Fußgendarmen 1. P. Dotzert in Gießen, die Erhöhung seiner Pension bezw. Bewilligung der Verstümmelungs­zulage betreffend; die Vorstellung der Petitions-Kommission der landwirtschaftlichen Bezirksvereinsversammlung zu Langlvaden, Hagelve rf.i cherung betreffend; Antrag der