Ausgabe 
21.4.1902 Drittes Blatt
 
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Nr. «3

Montag, 31. April 1903

153. Jahrg.

Erscheint täglich mit Ausnahme brt Sonntag«.

DieGießener ^amllkeblärter4* werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Witiko; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Ur iversttawdruckerei (Pietsch tobe«), (Dieben.

General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen.

cs Schisse, die nicht metje in See stechen sollten, aber baß ist gerade so. alö wenn Sie sich ein morsches Boot nehmen und damit auf den Müggelsee hinauösahren und untcrgchen. ES geht Ihnen aber gerade so auch dann, wenn Sie eine neue Nacht nehmen, aber bom Segeln mchtS verstehen. Von den Schiffen, die unter- gegangen sind, waren viele unter 50 Bruttotonnen, die also gar nicht zu den Seeschiffen gerechnet werden können. Wenn die Ne­gierung, nachdem die Resolution angenommen fein sollte, innerhalb kurzer Zeit Vorschriften bezüglich des Tiefganges erlassen würde, so würde die Beunruhigung, Die fälschlich in daS seefahrende Volk hineingetragen ist, überhaupt nicht zur Ruhe kommen. $d) gebe Ihnen die Versicherung, der (Germanische Llohd hat alle die Fälle gesammelt, in denen ein Schiff wegen Ueberladung zu Grunde ge­gangen sein sollte oder bezüglich dessen audi nur angenommen war, das; der Untergang burd) Ueberladung möglicherweise hätte vcr- urfadjt sein können. ES hat sich bei eingehender Prüfung aber nur in einem einzigen Falle der Nachweis erbringen lassen, daß der Untergang wirklich Die Folge von Ueberladung war. Wenn wir die englischen Vorschriften über die Tiefladclinie einfad) auf unsere Schiffe übertragen würden, so wäre bad für unS eine birektc Gefahr, ba unsere Schiffe in ber Bauart vielfad) sehr von den englischen abwcichcn. Die Behauptung, daß unsere Rheder fid) überhaupt gegen die Einführung einer Tiefladelinie sträuben, weil ihnen baburd) Lasten auferlegt würden, ist unrichtig, sie fürchten sich nur vor der Einführung einer falschen Ticsladelinie. Bei ber Hamburg-Amerika-Linie, tucldfc jetzt eine vorgeschriebeue Tiefladelinic hat, werben die Schiffe der 8-Klasse heute vielfach tiefer geladen, als vor Einführung der Tiefladelinie. Sachver­ständig will allerdings heute so ziemlid; Jeder über Alleö fein, cd ist aber vom Standpunkte dcS Technikers und Praktikers sehr fdjivcr, eine richtige Tiefladelinie festzustellen. Ich würde es für ver­messen halten, wenn ein Kapitän sagen wollte: Id) bin im Stande, die Tiefladelinie richtig zu bestimmen. Id; habe mid; jahrelang mit diesen Dingen beschäftigt und glaube einige Erfahrung in ihnen zu besitzen, aber audi ich bin nicht in der Lage, für ein Schiff eine Tiefladclinie festzusetzen. Ich kann sie zwar festsetzen, sie ist aber auch danach. (Große Heiterkeit.) Also allgemeine Vor- fdjrtfhm über die Tiefladelinie lassen fid) nicht aufstellcn.

Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowsttn Alle Bestrebungen, den Seemann gegen die Gefahren seines Bereiches zu schützen, finden bei den Regierungen wärmste Unterstützung. Tas Organ, hier einzu­greifen, ist die Seeberussgenossenschaft, die denn and) eine große Zahl von Verordnungen erlassen hat. Außerdem wird eine der technischen Stellen im Reichsversicherungsamt in Zukunft von einem Schifföbau- technikcr beseht werden, damit auch das Reidisverficherungsamt in die Lage versetzt ist, unter sachverständigem Bcirath die Frage dcS größeren Schutzes der seemännischen Bevölkerung zu prüfen. Ob cs sich aber empfiehlt, noch eine besondere Behörde zu schaffen, die den gleichen Zweck verfolgt und die Tliätigkeit der SeeberufSgenofsenschaft leicht stören könnte, ist mir zweifelhaft. Auf alle die technischen Fragen einzugehen, über die sich eine gesetzgebende Versammlung wie der Reichstag kaum ein Urtheil bilden kann, halte ich für unmöglich. Ich hoffe, daß eine Reihe der hier geäußerten Wünsche in nicht zu langer Zeit wird erfüllt werden können. Ob aber die verbündeten Regierungen zur Schaffuiig einer neuen Behörde geneigt fein werden, darüber vermag ich keine Erklärung abzugeben.

Abg. Kirsch sEentr.) tritt für die Resolution der Kommission mit dem Antrag Stockmann ein.

Abg. Lenzmann (freif. Vp.) erklärt, daß sein Antrag durchaus nickst die Tendenz habe, die Sache auf die lange Bank zu schieben; aber sei allerdings nolhwendig, erst weitere Erfahrungen zu sammeln.

Abg. Raab wendet sich gegen den Kontreadmiral Schmidt, er (Redner) habe keineswegs einige beliebige Zahlen vorgebracht, und daraus Schlüsse gezogen, sondern habe auf Grund eines reichen Ma­terials unter Zugrundelegung zahlreicher Seeamtsentscheidungen seine Meinung vorgetragen. Aus amtlichen Berichten geht hervor, daß viele Schiffe 5060 Jahre alt seien, da sei eine amtliche Aufsicht sebr amPlahe. Er wisse sehr wohl, daß die amSchiff angemalte Ties- laDeltnic noch nicht allein ein Schiff über Wasser halten könne, wenn es keinen Boden habe. Es sei aber doch von hochstehender Seite, die sich ihre Sachkenntnih von Keinem abstreiten lassen werde, die Ein­führung der Tiefladclinie bei der Hamburger Packetfahrtgcsellschaft als eine rettende soziale Thal bezeichnet worden. Redner hofft, daß diese Ansicht auch allmalig bei der Marineverwaltung zur herrschen­den werden möge.

Kontreadmiral Schmidt erwidert, daß er sich keineswegs gegen die Tiefladclinie an sich ausgesprochen habe, daß er vielmehr den Wunsch habe, daß wir auf Grund eingehender Untersuchungen bald­möglichst zu einer brauchbaren Tiefladclinie kommen. Man könne dadurch Material dazu gewinnen, daß man in der Praxis den Tiefgang immer notire. Er habe sich nur gegen eine auf reiner Theorie aufgebaute Tiefladclinie erklärt. Wer sein Buch, das er über die Tiefladclinie geschrieben habe, gelesen habe, werde finden, daß er dort den Wunsch ausgesprochen habe, daß wir in Deutsch­land zu einer Mindestladelinie kommen.

Berichterstatter Dr. Semler (natl.) konstatirt, daß in der Re­solution fc.jft das WortTiefladclinie" gar nicht vorkomme, son­dern nur das WortTiefgang" Tie Kommission habe diese Fassung mit vollem Wissen gewählt, damit nicht eine schablonen- haste Tiefladelinie gewählt, sondern die speziellen Verhältnijfe jedes

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

H69. Sitzung vom 19. April.

if Uhr. Das ßauS ist äußerstschwach besetzt.

Nm BundeSrathötifch: Graf PosadowSky u. A.

Im Anschluß an die gestern in zweiter Lesung erledigte See- rmnnJotbrning steht zunächst zur Berathung eine von der Kommis­sion angenommene Resolution, welche die Vorlegung etncS Gesetzentwurfs verlangt, durch welchen die Frage einer behördlichen Aufsicht über Seetüchtigkeit, Tiefgang, Bemannung und Vcr- proviantirung von Kauffahrteischiffen geregelt, für Abstellung etwaiger Mängel Sorge getragen und zu diesem Zwecke eine der Oberau fsichtsbehor de des Reiches unterstehende Instanz bestimmt wird. m . v ..

Abg. Lenzmann (freif. Vp.) beantragt, in dieser Resolution daS WortTiefgang" zu streichen und am Schlüsse die Worte hin­zuzufügensowie baldmöglichst einen Gesetzenttvurf über den Tief­gang und die Ladelinie vorzulegen, welchen die vraktischen Erfah­rungen der Handelsmarine über Tiefgang und Ladclinie zu Grunde zu legen sind".

DaS HauS ist so schwach beseht, daß nicht einmal die zur Unterstützung dieses Antrages nöthige Anzahl von 30 Mitgliedern anwesend ist.

Präsident Gros Ballestrem erklärt daher, daß er austech­nischen Gründen" erst später die Unterstützungsfrage stellen werde.

Abg. Lenzmann (freif. Vp.) befürwortet hierauf seinen An­trag und wendet fid) dabei auch gegen denVorwärts", der ihm vorgeworfen habe, daß er ein Freund der Rheder sei. Er kenne keinen Rheder persönlich, sei an keiner Schifffahrtsgesellschaft bc* theiligt, und besitze nicht eine einzige Schifffahrtsaktie. Der An­trag sei nothwcndig, da die Ansichten über den Werth der Ticflade- Itnie getheilt seien, eS würde sogar behauptet, daß Schiffe mit einer Tiefladelinie mehr Unfälle erlitten, als andere, die diese Linie nicht besäßen. Man Dürfe bei der Tiefladclinie sich nicht überhasten, sondern müsse erst praktische Erfahrungen abwarten. Er bitte daher seinen Antrag, Der keinerlei politischen Beigeschmack habe, anzu­nehmen.

Abg. Dr. Stockmann (Rp^) schließt sich diesen Ausführungen an. Die Untersuchungen DcS Germanischen Lloyd hätten ergeben, daß Das englische Tiefladcgesctz sich nickst für alle deutschen Schiffe eigne. Er meine jedoch. Die Absicht des Abg. Lenzmann würde besser erreicht, wenn man in die Resolution Der Kommission Die Worte aufiiehmeunter Berücksichtigung der praktischen Erfah­rungen der Handelsmarine".

Abg. Schwart» (Soz.) hält eine Tiefladelinie für durchaus noth- toenbig. Da es notorisch sei. Daß viele Schiffe Durch UcberlaDung zu GrunDe gegangen wären. Auch Die Zahl Der Bemannung müßte gesetzlich festgesetzt werden, viele große Schiffe hätten eine viel zu geringe Bemannung, da die Rheder überall zu sparen suchten. Fehlten Doch auf manchen Schiffen sogar die RettungSgürtel. Die Rheder müßten überall Durch gesetzliche Vorschriften gcbuiiben wer­den, sonst ließen sie es an dem Nothwendigsten fehlen.

Abg. Raab (Antis.) freut sich, daß gegen die Resolution kein Widerspruch erhoben sei und hofft. Daß die Einmüthigkeit des Reichstags aud) auf Die Regierung von Einfluß sein werde. Herr Lenzmann scheine von dem Gedanken auszngehen, daß Die Regie­rung zu stürmisch unD zu unüberlegt vorgehen werbe. Da bieS kaum anzunehmen sei, wäre Der Antrag Lenzmann überflüssig. Die Frage Der TieflaDelinie sei genügend geklärt, in England bestehe feit langem schon ein Gesetz, dessen einziger Mangel sei, daß eS nicht weit genug gehe. Wenn wir aber dem guten Beispiel Eng­lands folgten, würde England sicher sein Gesetz noch weiter aus- bauen. Wünschenswerth sei cs, daß uns eine genaue und zuver­lässige Statistik über die Seeunfälle vorgelegt werde, die uns leider noch immer fehle. Unrichtig fei es, daß England trotz seiner Ticf- ladelinic größere Verluste an Schiffen als Deutschland hätte. Nach Lloyds Bericht in London hätte England 0,02, Deutschland 0,04, Frankreich 0,06 Proz. seiner Mannschaften bei Seeunfällen ver­loren.

Kontreadmiral Schmidt: Die mehrfach auftauchende Behaup­tung, daß viele unserer Schiffe durch Ueberladung zu Grunde gingen, veranlaßte mich zu einem eingehenden Studium Der Unfall­statistik seit 1876, der deutschen wie der englischen. Ich will Ihnen die Ergebniste meines Studiums im Einzelnen nicht vor­fuhren, das würde Sie ermüden, ich habe sic veröffentlicht und Jeder, Der sie nachprüfen will, kann das thun. Meine Ergebnisse stimmen mit denen des Vorredners nicht überein, das ist aber auch kein Wunder, Denn Herr Äaab greift sich irgend ein beliebiges Jahr heraus, während sich meine Statistik, wie das bei jeder zu­verlässigen Statistik der Fall sein muß, auf eine lange Reihe von Jahren erstreckt. Die Unfallstatistik beweist, daß die hölzernen Segelschiffe leichter zu Grunde gehen, als die eisernen, weil sie nicht so widerstandsfähig sind, und sie beweist ferner, daß Segel­schiffe überhaupt leichter zu Grunde gegen, als die Dampfer, weil gerade Die Segel in Wind und Wetter sich als ein das Schiff ge- fährdcndcr Faktor erweisen. Das Alter der Schiffe thut gar nichts zur Sache. Es gehen auch neue Schiffe zu Grunde. Geünß flieht

Schiffes berücksichtigt würden. Er bitte daher, eS bei der Fassung der Kommission zu lasten. , k

Der Antrag Lenzmann findet nunmehr, Da fid) Das Haus etwas gefüllt hat, die nöthige Unterstützung.

Die Abstimmung über Die Resolution und die Anträge Lenzmann und Stockmann wird in Der dritten Lesung stattfinbcn. _ . .

Es folgt die zweite Berathung der zur SecmannSordnung ge­hörenden DreiNebenge setze.

Tas erste Gesetz, betreffenb die Verpflichtung Der Kans« fahrteischiffe zur Mitnahme l, e 1 m z n s ch a f f e n - der Seeleute wird nach unwesentlicher Debatte mit einigen Aenderungen, Die nur Konsequenzen der Beschlüste zur Seemanns« orbnung finb, angenommen.

Desgleichen ber Entwurf betreffend die (Stcllcnbcr* mi11lung für Schiffsleute und der Entwurf bctreftend Abänderung feere chtlicher Vorschriften deg Handelsgesetzbuchs.

Aus Antrag Singer sSoz.) wird hieraus Der nächste Punkt Der Tagesordnung, der Scrvisiarif, zurückgesetzt. Das HauS geht über zur zweiten Berathung der von den Abgg. R i n t e l c n (Eentr.), Lenzma n n (fr. Vp), Munckel (fr. Vp.) und vo» S a I i f d) (kons.) eingebrachten Gesetzentwürfe bett. Aenberung und Ergänzung DcS GcrlchtSvcrfassungögcfctzcS mid der Strafprozeß- Ordnung, der Eivilprozeßordnung und deS Strafgesetzbuchs (Ein­führung der Berufung gegen Strafkarnmer-Urtheile; Nach­eid statt Voreid rc.).

Tic Kommission beantragt rn . ,

1) folgende Resolution anmnehmeltt «Die verbündeten Regierungen zu ersuchen, balbmöglidnl Dem Reichstage einen Ent- Ivurf betr. AenDerung DcS Gcrichtövcrfastimgügesetzev und Der Strafprozeßordnung im Sinne der Wiedereinführung Der Berufung vorzulegen."

2) über die Anträge Dr. Rintelcn (Eentr.), Lenzmann (fr. Vp.), Munckel (fr Vp.), v. Salisch (kons.) hiernach zur LageSordnuiig uberzuaehen.

Abg. Diinlclcn (Eentr., schwer verständlich) begründet den Be­schluß Der Kommission hauptsächlich Damit, Daß c3 bei Der Geschäfts­lage Des Hauses ganz unmöglich erscheine, diese umfassende Materie grunblid) durchzuberathen. Tie Regierung hätte jetzt freie Bahn und würde hoffentüd) ber Resolution ftattgeben unb Durch Den Staalsselretär eine schleunige Ausarbeitung einer cnlforcdjcnoca Vorlage in Aussicht stellen. _

Staatssekretär Dr Nicberdlng: Ich muß die Erwartungen bc8 geehrten VorrebnerS insofern cnttäufd)cn, als ich nicht in Der Lage bin, im Namen der verbündeten Negierungen hier eine Erklärung ab­zugeben. Ich kann Dagegen allerdings aus meiner persönlichen lieber« zcugung Folgendes sagen: Daß. wenn Der Reichstag durch eine Reso­lution, tote sie hier voraeschlagen ist, seinerseits die Absicht tunbgicbr, von der Initiative zu einer Gesetzesvorlage, wie sie geplant war, ab« zustehen. Daß bann die verbündeten Regierungen fid) Der Aufgabe nicht werden entziehen können, eine Revision, Die sie früher als noth- wendig anerkannt haben, wieder ihrerseits in die Hand zu nehmen. Ich bin bereit das e»kläre ich gerne AllcS, was in meinen ifräften steht, zu thun, um in Diesem Sinne für Die Wetterführung Der Sache zu wirken. Ob das im Sinne Des Vorrednersschleunigst' gehen wird (Abg. Singer ruft: Seiner Zeit! Heiterkeit), weiß ich nicht: daß Wir aber redlich Alles thun Werden, um

Die Sache zu fördern, brauche ich nach Den Bor«

gangen Der früheren Jahre nicht weiter auSeinanberzusetzem Der Kommissionsbeschluß spricht aber auch von einer «enderung der Strafprozeßordnungim Sinne der Wiedereinführung Der Be­rufung". Ich versiehe eS vollständig, daß Die Antragsteller und evcnt. auch DaS HauS sich dahin aussprechen, ich muh aber, Da ich nicht in ber Lage bin. Die Ansichten ber Verbündeten Regierungen hier vorzutragen, ihnen Vorbehalten, ob sie ihre Ausgabe nack) dieser Richtung hin so auffasten, wie die Antragsteller. ES ist Dem Hause bekannt, daß unter Den Bundesregierungen sich eine ganze Anzahl befinden. Die mit Der Einführung Der Berufung niemals einver­standen gewesen sind. M) darf diesen hohen Regierungen hier nicht vorgreifen, indem ich vorbehaltlos einer Resolution zuftimme. Die sich für Die Einführung der Berufung auSfpricht, aber auch hiev wird die ernste Absicht nach meiner Meinung bestehen, diese Frage im Einvernehmen mit Dem Hause endlich zu einer gesetzlichen Rege­lung zu bringen.

Die Resolution wird hierauf einstimmig anfltt notnmen. _ _

Die Anträge werden durch Uebergang zur TageSordi nung erledigt. r

Hierauf vertagt sich das HauS auf Montag 1 Uhr« Tagesordnung: Novelle zum Servistarif und Gesetzentwurf betr. Beseitigung Dc3 fliegenden Gerichtsstandes bei Presse.

Nach einer Mttihcilung des Präsidenten soll nach Er­ledigung dieser beiden Gesetze Die zweite Le nng bei Schaum- wernsteuergcsetzeS borgenommen toeiocn.

Schluß 5% Uhr.

Heinrich XXII., Fürst von Rcntz alt. L. f.

Ter regierende Fürst Heinrich XXII. von Reuß ä. L. ist am <5<undtag 9tach mittag halb 6 Uhr gestorben.

Tie letzten Nachrichten, die aus dem landschaftlich außer- ordentlich bevorzugten kleinsten deutschen Ländchen eintrafen, ließen ein balbigeS Ende erwarten. Der Tod scheint dem Fürsten ein tröstender Erlöser gewesen zu fein und ihn vor einem längeren Siechtum bewahrt zu haben. Tottrank kehrte er vor kurzem aus einer Heilanstalt in Meran in die thü­ringische Heimat zurück, um im Kreise seiner Kinder die Augen zu schließen, wie es ihm Wurckch war.

Fürst Heinrich XXII. gehörte nicht zu den Menschen, die vom Schicksal besonders begünstigt ober bevorzugt waren. Am 28. März (also wenige Tage nach vollendetem 56. Lebenswahre) 1846 geboren als Sohn des 1859 gestorbeneu Fürsten Heinrich XX. und der Fürstin Karoline von Hessen-homburg, die just an ernem 18. Januar, ein Fahr nach der Auftichtung des deutschen Kaisertums, sterben mußte, folgte er zunächst 19jährta unter ber Vormund- schäft seiner Mutter seinem Vater m der Regierung, bis er sie am 28. März 1867 selbständig antrat, -n die vormund­schaftliche Regierungsperiode fiel ber Krieg von 1866. Das preußenfeindliche Verhalten der Fürstin Karoline ist in komischer Erinnerung. Bismarck ließ das ganze Fürsten­tum okkupieren und schloß dann mit der Landesmutter, die eine sprichwörllich gewordene Summe Kriegskosten zahlte, Frieden. Zwar trat das Land in den Norddeutschen Bund

ein, aber Fürst Heinrich XXII. ist nie ein Freund Preußens und des neu gegründeten Reiches geworden, wenn ihn auch Kaiser Wilhelm 1883 zum preußischen General der Infanterie ernannt hatte.

Mag Fürst Heinrich XXII. auch im Gefühl seiner eigenen Souveränetät sich über seine Stellurrg zum Reiche und den Bundesfürften keine weitere Sorge gemacht haben, so drückte ihn, und das läßt sein sonst schwer verständliches politisches Verhalten vielleicht um etwas in betzreislicherem Lichte er- scheinen, andererseits schwerer häuslicher Kummer und die Besorgnis um die Zukunft seines Landes. Seine 1872 ge­schlossene Ehe mit Prinzessin Ida zu Schaumbuvg^Lippe wurde nach 12 Jahren gelöst, indem die ^^l^ter wenige Wochen, nachdem sie dem vierten Kinde, der drttten Tochter, das Leden geschenkt hatte, starb. Der einzige Sohn und Thronerbe, der erstgeboreTw Erbprinz Heinrich XXIV., wurde nach fast sechsjähriger kinderloser Ehe feiner Eltern, am 20. März 1878 geboren, hat also vor kurzem sein 24. Lebensjahr vollendet. Da er aber infolge einer Augen- operatton Sprache und Gehör verloren hat, ist er successionsunfähia, undKrone und Reich" gehen mit dem Tode des soeben verschiedenen Fürsten auf den 1882 geborenen Fürsten Heinrich XIV. von Reuß jüngere Linie über, der dem Teilten Reiche mit Begeisterung zugethan ist, wie sein verstorbener Vetter sich von ihm bei jeder (Gelegenheit abwandte. Es ist noch in Erinnerung, wie leidenschaftlich krankhaft er die Feier von Kaisers Geburtstag in seinem Lande verbot, trotzdem die

Haupt- und Residenzstadt Greiz sowohl ein Denkmal für den ersten deutschen Kaiser wie für den Fürsten Bismarck errichtet hat: die Gründer des Reichs.

Ter zukünftige Herrscher von Reuß ä, L-, Fürst Heim- rich XIV. j. L. war ein intimer Freund des verstorbenen Kaiser- Friedrich; und die Zuueigmig der Vater hat sich auch auf die Sohne übertragen. B *nb Heinrich XIV. im 70. Lebensjahr steht (geb. am Mai 1839) ift ber Erbprinz Heinrich XXVII. em Altersgenosse des Kaisers und was man wohl sagen darf Freund. Sind beide doch KorpSbrüder und yicgimentotamctflben und ittt ursprünglichen Sinne des Wortes Gevattern. Ist der regie­rende Fürst Reuß j. L- thatsächlich auch noch Landesherr, so führt der Eroprinz doch die Regieruttg, da sein Äater sich infolge der (nach 1886 erfolgten Tode feiner recht­mäßigen Gattin Agnes von Württemberg) mit einer kleinen Geraer Schauspielerin, die er nach ber Vermahlung zur Frau von Saalburg machte, geschlossenen morganatt- chen Ehe nach seinem sächsischen Gute Thallwitz zurück­gezogen und dem Erbprinzen Die Regentschaft über lassen! )at. Dieser lebt mit seiner Gemahlin (Äise, geb. Prinzessin zu Hohenlohe-Langenburg, auf Schloß Oster stein bei Gera tm Greife feiner vier Linder das glücklichste Familienleben^ geehrt und geliebt von Land und Leute.

Durch des Schicksals Fügung und die bestehenden Bei* trüge werden jetzt die beiden Reuß in der Hand ber jünger«» Linie bereinigt Für Nachwuchs ist nunmehr reHlich gesorgt Ter bersi "'in? Thr-merbe des Gesamthauses ifh