Ausgabe 
20.12.1902 Fünftes Blatt
 
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Sh*. 899 Fünftes Blatt. 158. Jahrgang Samstag 80. Dezember 1903

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~ Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WM

FrrnfprtchonfchlußNr 51. " zeigenteil: Hans Bech

Vermischtes.

"Gedenkhalle, nicht wie anfänglich geplant wurde Ruhmeshalle soll der Monumentalbau heißen, den die Görlttzer vor drei Wochen im Beisein dcS Kaisers vaterländischen Erinnerungen geweiht haben. Damit soll offenbar einer Anregung nachgekommen werden, die der Kaiser in seiner Görlitzer Rede auSsprach. Zum Direktor deS Baues ist der frühere Oberlehrer, jetzige Inhaber einer Privat- MilitärvorbereitungSanstalt Feyerabend, der durch seine anthro­pologischen Forschungen in der Lausitz bekannt ist, vom 1. April ab gewählt worden.

Schenkung einer berümten Gemäldegalerie an daS holländische Volk. Der Marinemaler 6. W. Mesdag im Haag stiftete seine herrliche Gemäldesammlung, deren Wert auf Millionen eingeschätzt wird, und in der die größten holländischen Meister der Jetztzeit, wie Israels, die Gebrüder Maris BiSchop sowie die berühmten Maler der Barbisoner Schule, wie Corot, Milet, Daubigny u. A. glänzend vertreten sind, als Geschenk der holländischen Ra­tion. Bei seinen Lebzeiten wird das Mesdag-Museum noch der Leitung des Stifters unterstehen und durch weitere An­käufe bereichert werden.

* Arme Mädchen! Eine Näherinnen-Versammlung fand kürzlich in Wien statt. E? wurde dabei festgestellt, daß unter den Arbeiterinnen dieses Zweiges der Beschäf­tigung tiefe Armut und großes Elend herrsche. Biele Näherinnen sind so arm, daß sie sich nicht ausreichend gegen die Kälte schützen können. Ein ärztliches Kommissionsmit- glied erklärte, er habe keine gesunde Heimarbeiterin ge­funden, und ein technisches Mitglied teilte mit:Mich wundert eS, daß diese Leute kein Verbrechen begehen. Sie würden wenigstens einen anständigeren Unterstand er­halten." Er meinte also, für diese armen Menschen wären die Gefängnisse ein besserer Unterstand als ihre Woh­nungen; man würde erst dann an ein Elend glauben, wenn Tausende dieser armen Heimarbeiterinnen vor das Parlament ziehen und ihr Elend öffentlich zeigen wollten.

®ine aufregende Scene spielte sich in einem Petersburger Konzertsaal vorgestern ab. Im Adelssaal zu Petersburg gab der bekannte Pianist Joseph Hofmann ein Konzert, dem mehrere tausend Personen beiwohnten. Plötzlich wurde eine junge Dame, eine glühende Verehrerin deS Vir­tuosen, wahnsinnig, stürzte auf daS Podium, hielt dem Künstler ein Bouquet entgegen und schrie mit gellender Stimme: ,Jm Namen GotteS bitte ich, nicht zu applaudierenI' Die Saaldiener eilten sofort herbei und schafften die Unglückliche fort. Hofmann beendete daS Konzert unter tiefster Erregung.

* $ er Wertd esMenschenlebenS ist höchst ver­schieden, je nach der Auffassung des Gerichtshofes. Für einen bei Southampton getöteten Arbeiter mußte nur eine Entschädigung von 2430 Mk. gezahlt werden, dagegen für einen Ehemann, der bei dem Schiffbruch eines französischen Dampfers umkam, 80 000 Mk., und für einem ebensolchen, der bei einem Newyorker Eisenbahnunfall umkam, 400 000 Mark Für die Nase einer Frau, die bei einem Droschken- Unfall rn Frankreich beschädigt wurde, wurden 5600 Mk. gezahlt, für den Dod eines Knaben auf der Eisenbahn in Krankreich 20000 Mk., für den Verlust eines Armes bei einem Straßenbahnunglück in Birmingham 14 000 Mk, für ben Finger eines Tischlers, der in Bolton (England) ab­geschnitten wurde, 24 000 Mk., für den Frnger ernes Knaben, der bei einem Niveauübergang in Melbourne abgequetscht wurde, 24 000 Mk. Während Jmger so teuer bewertet wer­den, bewilligte kürzlich ein Londoner Richter für den Verlust

Auaes nur 1000 Mk.

sTffieroeflunfl der Gletscher. Man schreibt aus der Schweiz: Die Gletscherbewegung wird, wie man weiß,

im schweizer Hochgebirge genau verfolgt und systematisch registriert. Dem Gesetze des allgemeinen Rückganges scheinen auch die Gletscher deS OberengadinS zu folgen, über deren Verhalten neuestens Folgendes gemeldet wird: Sämtliche Gletscher sind im Schwinden begriffen; der Roseggletscher ist seit der letzten Messung um 24,1 Meter zurückgegangen, der Mortratschgletscher um 13,3 Meter, doch zeigt dieser Gletscher an einer Stelle ein Vorrücken von 7 Metern. Der Palü- gletscher ist auf der ganzen Linie zurückgegangen und zwar um durchschnittlich 14,6 Meter; der Fornogletscher ist durch­schnittlich um 14,2 Meter zurückgewichen und an zwei Stellen um 6,5 Meter vorgerückt. Der Piennogletscher ist um 11 Meter geschwunden.

* Mädchenhandel in Athen. Bei einer Athener Wittwe, der Mutter von 6 hübschen Töchtern, fand ein häusliches Fest statt, zu dem mehrere junge Männer und einige Freundinnen der Familie geladen wurden. Rach dem in später Nacht erfolgten Aufbruch der Gäste wurde das Fehlen der jüngsten Ibjährigen Tochter Katinitza konstatiert, über deren Verbleib auch bei weiteren Nachforschungen näheres nicht festgestellt werden konnte. Endlich brachte ein Tischler auS der Nachbarschaft die Meldung, daß die Ver­schwundene in einem verrufenen Hause sich befinde. Polizei­lich angestellte Recherchen ergaben zunächst nichts. Schließlich entdeckte man die Gesuchte eingeschlossen in einem großen off er in halb ersticktem Zustande. Sie war während der Familienfeier von einem der Gäste entführt, und dann für 100 Drachmen (80 Mk.) an die Inhaberin des öffentlichen Hauses verkauft worden.

Chinesische Schriftsetzer. Während in unsern Buchdruckereien der einzelne Setzkasten etwa 110 Fächer für- deutschen und 160 für Antiquasatz enthält, bedarf der chine­sische Schriftsetzer einer viel umfangreichern Einrichtung. Be­kanntlich besitzen die Chinesen kein Alphabet, sondern eine Wortschrift, deren Urbestandteile rohe, zuweilen symbolische Bilder sind. Dazu kommt, daß zahlreiche Wötter in der Sprache denselben Laut, aber eine durch die Betonung aus- gedrückte verschiedene Bedeutung haben und daher in der Schrift besonderer Unterscheidungszeichen bedürfen. Holder besuchte in Chikago die Druckerei eines kleinen chinesischen Tageblattes, zu besten Satz 11000 Schriftenfächer vorhanden waren. Dazu besaß daS Blatt noch eine kleine Schriftgießerei, um etwa nicht vorrätige Schriftzeichen Herstellen zu können. Größere chinesische Buchdruckereien sollen Setzkasten mit 20000 und noch mehr Fächern haben. Daß die Arbeit der chinesischen Setzer höchst mühselig ist, geht schon daraus her­vor, daß an dem Satz des erwähnten vierseittgen Blättchens neun Mann täglich 1218 Stunden arbeiteten. Während bei und ein Setzer bei einigen Anlagen es schon in zwei bis drei Jahren zu einer gewissen Fertigkeit bringt, gehätt für den chinesischen dazu ein halbes Leben. Um die Auffindung des nötigen Schriftzeichens in dem Wust von Fächern zu erleichtern, find diese nach derJdeen-Assoziation" geordnet. So ist das Fach, welches daS WottFischt enthält, mit den Fächern für Schuppe, Floste, Netz, Fischer rc. umgeben, neben dem Schriftzeichen fürFleisch" finden sich die Fächer für Kuh, Ochse, Metzger, Fell, Küche usw.

Für die Frauen.

Die Weihnachtsarbeiten unserer Kinder. Eine praktische Hausfrau schreibt zu diesem Thema:

Vor mehreren Jahren war ich in der Adventszeit bei einer verheirateten Freundin auf Besuch. Das zehnjährige Töchterchen faßte großes Zutrauen zu mir und weihte mich

in seine WeihnachtSgeheimnisie ein.Elf Arbeiten muß ich fertig schaffen," sagte das Kind mit sehr wichtiger Miene,für Papa, Mama, die beiden Großmamas, Onkel und Tanten."

Dann zeige mir doch mal deinen Vorrat," bat ich, ganz neugierig gemacht, was die Kinderhände denn aller leisten sollten. Da brachte mir die Kleine eine ganze Truhe voller Handarbeiten: Toilettenkissen, Deckchen, Servietten­ringe, Nadelbücher, Lesezeichen re. ES waren meistens nur Kleinigkeiten, die nicht gerade viel Arbeit erforderten, nur so­genannteKinderarbeiten", aber die Zeit sollte doch dafür da sein, und ich fragte mich: wann hat die Kleine Muße zum Nähen und Sticken? Bei Tageslicht kommt sie nicht zur Handarbeit. Da ist der Schulunterricht, die Schulauf­gaben sollen gemacht werden, für die Klavierstunde muß ge­übt werden. Der Schulweg nimmt die Zeit fort, die Mahl­zeiten, ein kurzes Spiel im Freien mästen in Betracht ge­zogen werden. Es bleibt wirklich kaum ein Viettelstündchen für die Weihnachtsarbeiten. Also abends bei der Lampe! Daß dieses den kindlichen Augen zum Nachteil gereicht, be­darf wohl kaum der Erwähnung.

Zu verwundern ist es wahrlich nicht, wenn unter solchen Umständen unsere Backfische schon über Kurzsichtigkeit ober sonst ein Augenleiden klagen. Tie Augen unserer Kinder werden in den kurzen Wintertagen durch die Schule schon genügend angestrengt, da hätte man allen Grund, die kleinen Schülerinnen möglichst mit Handarbeiten zu verschonen! Eine meiner Bekannten hat sich dieses allerdings zu Herzen genommen, bethättgt es aber in einer keineswegs lobens­werten Weise. Von ihren drei kleinen Töchtern erwatten die zahlreichen Verwandten auchselbstgefertigte" Geschenke; Mama hilft sich da nun schnell aus der Verlegenheit: sie läßt ihr Wirtschaftsfräulein sticken, nur ein paar Stiche bleiben für die Kinder noch,damit sie's doch gemacht haben". Ein solches Verfahren ist natürlich sehr zu miß­billigen; denn auf diese Weste erzieht man die Kinder nicht zur Aufrichtigkeit.

Meines Erachtens sollte man die Weihnachtsarbeiten der Kinder möglichst auf die Familienmitglieder beschränken. Jede einsichtsvolle Tante wird sich doch auch sagen können, daß ihrem Nichtchen die außergewöhnlichen Handarbeiten eine Anstrengung bedeuten und wird auS diesem Grunde gern darauf verzichten, zumal wenn sie daS Kind wirklich lieb hat.

Sollen jedoch diese kleinen Aufmerksamketten den Ver­wandten gegenüber nicht wegfallen, so laste die Mutter ihre Kinder zu rechter Zeit mit den Weihnachtsarbeiten be­ginnen, am besten schon im Sommer. Wie mancher Ferien­tag schleicht dem Kinde in der Sommerfrische langsam dahin, besonders wenn e§ regnet! Gewiß würde eS sich da gern die Langeweile mit einer hübschen Handarbeit ver­treiben, zumal wenn diese den Zauber der Weihnachtsüber­raschung in sich birgt.

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