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20/11/1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 273

Zweites Blatt. 152. Jahrgang

Donnerstag 20. NovemberlSQS

rfftetnt »Sglich anbei Hoanlags.

Den, Llehener Anzeiger werden un Wechsel mit den, Kesflschea Landwirt die Eiehener Familien« blätter viermal in bei Woche beigelegt.

RotationSbrud u. Der- Uv. bei Brüh loschen tlioeri.-Buch- u.Stein» bruderei t'Uietld) 14 rben) Redaktion, Ervedltioa und Trudeiet;

Gchol st ratze 7.

Kdieile für Develchent Anzeiger Gieße«.

^rnlpred)anldilii§Jh 51.

Gietzener Anzeiger

M General-Anzeiger **

Amir- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Vezagdpretdi monatlich 76'KL otertel*

jährlich Mk 2.20, durch Abhole- u. ZioeigsteUen niuiiathd) 6o Pi.; durch die Post Dir. 2. viertel*

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VeraniwoTllichi tüt den poItL u. aQgern, xetl. P. Wittko- für Stadt und Üanb* und ,®end)ts|aale Earl Plato, iür den An« zeigenteil: Han# ®ect

Z)ie heutige ^lummer umfaßt 8 Seiten.

Bekanntmachung.

Die Auslosung der Reihenfolge der Hauptschöffen zu den Sitzungen 1903 soll

Samstag, 6. Dezember 1902, nachmittags 4 Uhr Zimmer Nr. 5 des Amtsgerichts in öffentlicher Sitzung ftatt- sinden.

Gießen, 18. November 1902.

Großh. Amtsgericht.

KcNaiilituuichung.

Bei der gegenwärtig herrschenden kalten Witterung sehen wir uns veranlaßt, auf die nachstehend abgediuckten Be­stimmungen des Local-Reglemcnts betr. die Reinhaltung und Wegsamkeit der Straßen und Plätze, sowie die Reinhaltung der Kanäle in der Provinzialhauptstadt Gießen voin 10. No­vember 1879 zu verweisen mit dem Bemerken, daß die Schutzmannschaft zur Ueberwachung angewiesen worden ist.

Gießen, 19. November 1902.

Großherzogucms Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Betr.: Die Reinhaltung und Wegsamkeit der Straßen. § b.

Zur Winterzeit gelten noch weiter folgende Bestimm­ungen :

a. Sobald Glatteis entsteht, muß, soweit die Hofraithen mit Einschluß der Höfe, Gärten und sonstigen Grund­stücke an der Straße oder an öffentlichen Plätzen liegen, der Fußpfad, oder wenn kein Fußpfad vorhanden ist, die Straße zwei bis drei Fuß breit mit Asche oder Sand genügend bestreut werden. Entsteht das Glatteis zwischen 7 Uhr morgens und 9 Uhr abends, so muß sogleich, längstens mit Ablauf der ersten halben Stunde nachher, entsteht es aber in der Nacht, bis 7 Uhr mor­gens gestreut werben.

b. An den auf die Straße gehenden Dachkandeln, Gossen­steinen und sonstigen Ableitungen des Wassers nach der Straße rc. muß das auf den Straßenpstastern oder Fußboden angesetzte Eis auf Aufforderung Großherzog­licher Polizeiverwaltung aufgehauen und weggeschafft werden.

o. Außerdem ist bei Frostwetter dafür zu sorgen, daß das etwa vom Innern der Hofraithen ausgeschüttete Wasser nicht durch die Floßrmnen auf die Straße laufen kann.

<L Bor den öffentlichen Brunnen ist, so oft eS nötig er­scheint, aufeisen und mit Asche oder Sand streuen zu lassen.

e. Bei eintretendem Thauwetter sind nach Aufforderung der Loealpolizeibehärde ohne Verzug die Straßen, öffent­liche Plätze und insbesondere Floßrinnen aufeisen, kehren und Schnee und Eis alsbald von den Straßen entfernen zu lassen.

f. Das Fahren mit kleinen Schlitten und das Schleifen auf öffentlichen Plätzen und Fußpfaden ist untersagt. Wenn diesem Verbote zuwider dennoch Schleifen ent­stehen, so sind diejenigen, welchen die Reinigung über­haupt obliegt, auf Auffordern der Polizeibehörde ver­bunden, die Schleifen entweder mit Sand oder Asche tüchtig bestreuen oder aufhauen zu lassen.

g. Beim Schneefall muß längs der Hofraithen mit Ein­schluß der Höfe, Gärten und sonstigen Grundüstcken auf dem Bankett, oder wo kein solches vorhanden ist, auf der Straße ein 34 Fuß breiter Pfad rein gekehrt und dies bei fortdauerndem Schneefall so oft als nötig wiederholt werden.

h. Schnee und Eis darf aus dem Innern der Hofraithen nicht auf die Straße gebracht werden, ohne daß für augenblickliche Wegschaffung gesorgt wird.

§ 6.

Für Befolgung der vorstehenden Bestimmungen sind bei Wrivatgebäuden, Gärten, Höfen oder sonstigen Grundstücken 6ie Eigentümer derselben oder deren Stellvertreter bezeichnet »erden, bei öffentlichen Gebäuden, Gärten, Höfen oder sonsti- ficn Grundstücken die Vorsteher Verivalter, Pächter oder ßonstige Personen, welchen die Reinigung p.p. überhaupt übertragen ist, allein verantwortlich. Tie Reinigung der- ßmigen Straßenstrecken, wozu nach vorstehenden Vorschriften für einen anderen keine Verbindlichkeit besteht, ferner die Steinigung der öffentlichen Plätze und Brücken, soll auf Kosten des Fiscus, resp. der Stadt geschehen, soweit sie in deren Eigentum stehen.

yulitildje Tagesschau. -

Die Buren und Chamberlain.

Ter Burengeneral Delarey ist aus England lii Brüssel eingetroffen und wird demnächst nach Berlin reisen, wo sich seine Gattin und seine Tocyter bereits auf» halten. Ein Mitarbeiter desPetit bleu" hatte mit Te- IdEcq eine Unterredung, welker mitteilte, die Burengenerale hätten ihre Rundreise in Europa ausgegeben und würden sich demnächst nach Südafrika begeben, um

dort gleichzeitig mit Chamberlain einzutreffen, welchem sie 50 000 notleidende Familien vorführen wollen. Sie würden sich Anfang nächsten Monats in Southampton nach Kapstadt einschiffen und sich von dort mit der Eisen­bahn nach Pretoria begeben. Chamberlain reift bereits am nächsten Montag ab, da er eine längere Seereise machen will. Botha befinde sich augenblicklich krank in London. Am Schluß der Unterredung bat Telarey noch, daß etwaige Unterstützungsgelder an die Standard-Bank in London ge­sandt werden möchten.

DerCentral News" zufolge empfing Chamberlain den General Viljoen am Mittwoch sehr herzlich. Er sprach ganz offen mit ihm über die Lage in Südafrika. Viljoen schlug Chamberlain vor, es sollten in Pretoria, Johannesburg, Bloemfontein und an anderen Orten Te­st ots für Baumaterial und landwirtschastliche Geräte er» eitet werden, die dann unter die Buren zu verteilen wären. Tiefes wäre den Buren ebenso nötig wie Geld. In dem verwüsteten Lande würde Geld stellenweise nutzlos sein, darum würden manche Buren ihre Unterstützung viel­leicht zur Hülste in Geld, zur .Hälfte in Materialien wünschen. Chamberlain sagte, es freue ihn, daß ihm dieser Gesichtspunkt mitgeteilt sei. Ferner schlug Viljoen vor, es sollten so viel wie möglich fäyige Afrikander zu Beamten gemacht werden. Tas würde Vertrauen schaffen und die Briten und Duren aneinander bringen. Es gebe einige ehe­malige Transvaalbeamte, die Viljoen nicht empfehlen könne, aber es gebe andere von makellosem Charakter, die bei Anstellungen niajt übergangen werden sollten. Zuletzt wurde über den hollänbischen Sprachunterricht gesprochen. Viljoen versicherte Chamberlain, daß die Bewegung dafür nicht künstlich von Holland unterhalten werde. 2ie Buren hätten selbst eine toayre Vorliebe für ihre Sprache, und es würde eine schlimme Wirkung haben, wenn man sie unterdrücke. Sur auf erwiderte Chamberlain, eine solche Absicht bestehe nicht. Tie holländische Sprache werde gewährt werden, wo die Mehrheit der Bevölkerung es wünsche.

Im Unterhause erklärte Chamberlain, er erwarte nicht eine weitere Unterredung mit den Burengeneralen, bevor er nach Südafrika gehe.

Ter frühere Staarssekretär von Transvaal, Reitz, ver­öffentlicht in derNorth American Review" einen Artikel, in dem er sagt, der Friedensvertrag binde das G e w i s s e n d e r M ä n n e r n i ch t, die ihn mit dem Messer an der Kehle, um Frauen und Kinder zu retten, unter­zeichneten. Es sei selbstverständlich Pflicht seiner Lands­leute in Südafrika, den Gesetzen Gehorsam zu fein, aber stls Jurist müsse er sagen, daß ein unter Zwang ge- Ichlossener Vertrag nicht bindend sei. Ferner fuhrt Reitz aus, die Engländer hätten nicht die Treue gehalten. Dadurch sei auch die andere Partei ihres Wortes entbunden.

In Bivemsoniein veröffentlicht das Amtsblatt in einer Sonderausgabe die Aufhebung des Kriegsrechts, an dessen Stelle eine Verordnung ähnlich der in Trans­vaal tritt Ter Gouverneur erklärte, die Zulassungsscheine würden beibehalten, er werde sich aber bemühen, die An­wendung des Verfahrens möglichst wenig lästig zu machen.

Die Königin von Italien ist von einer Prinzessin entbunden worden. Tas Ereignis r-uft in Italien große Sensation hervor, weil es erst gegen Weihnachten erwartet wurde. Tie Aerzte irrten sich in der Bestimmung der Geburt, die übrigens normal verlief. In einem Monat eilst sollte die Fürstin Milena von Montenegro nach Rom zu ihrer Tochter kommen und auch die Königin-Witwe Margherita hatte aus diesem Anlaß ihre Rückkehr nach Rom für Mitte Dezember in Aussicht gestellt.

Sie Entbindung der Königin erfolgte um 1.45 Uhr früh. Ter König teilte die Nachricht persönlich dem Minister­präsidenten mit. Ter Palastpräfett setzte die königliche Fw- malie, sowie das diplomarische Korps in Kenntnis. Die Stabt Rcm legte beim Belanntwerden der Nachricht sogleich Flaggenschmuck an. Tie Glocke des Kapitols läutete, die Fons gaben Salven ab. Im italienischen Volke zeigt sich eine kleine Enttäuschung, weil es einen Knaben erhofft hatte. Tas Mädchen erhält den Namen Mafalda. Ter Name Mafalda macht stutzig, kam aber schon oft in der Familie Savoyen vor. Der Name bedeutet Mathilde.

Erfreut sind die Anhänger des Vatikans, denen die Geburt eines italienischen Thronfolgers nicht erwünscht wäre.

Rubino und Konsorten.

Wie die in Brüssel geführte Untersuchung ergeben hat, hat Rubino als Spitzel der italienischen Regie­rung in London viel Geld verdient. Er war beauftragt worden, die italienischen Anarchisten in London zu über­wachen und den italienischen Behörden Nachrichten über Abfahrt und Ankunft von Anarchisten sowie sonstige wich­tige Mitteilungen zu übermitteln. Ter italienische Polizei­chef Prina beslätigte, Rubino in sechs Monaten 4500 Frcs. ausgezahlt zu haben. Wie aus London berichtet wird, wird Rubino auch wegen Bigamie angeklagt. Er soll, bevor er sich in London verheiratete, bereits in Italien mir einer Italienerin verehelicht gewesen sein, lieber ein Jahr lang war Rubino das Gluck günstig und er bezog regelmäßig ein ehübsche Summe von seinen Auftraggebern. Nach sieben oder acht Monaten erst entbehrten Ruvinos Genossen, daß er Spion war. Eine Flugschrift wurde verbreitet, die die Kameraden aufforberte, den Verräter zu beseitigen. Mo­nate lang hielt sich Rubino versteckt, weil er um sein Leben besorgt wac, er schickte aber immer noch fernen Auftrag­gebern feme regelmäßigen Berichte und o.zog Geld dafür, ungefähr vor einem Monat erfuhr nie aiiyu-uiuye tie^ie»

rung feine Position und entließ ihn. Sie sagte, jemand, der sich entdecken lasse, tauge nicht für diese Stellung. Nun schwur er einem Freunde gegenüber der auswärtigen Re­gierung Rache, und 14 Tage vor dem Attentate in Brüssel soll er gesagt haben, er reife nach Italien, um den König zu töten. Er zeigte einen Revolver, den er mit einem Teile des letzten Geldbetrages, den er von jener auswärtigen Regierung erhalten hatte, gekauft hatte. Tie Anarchisten lachten verächtlich, als sie von dieser Trohung hörten. Tie Londoner Polizei glaubt nicht, daßRubino nach Brüssel reiste, um König Leopold zu er­morden, sondern daß er aus Verzweiflung, nachdem ihm alles Geld ausgegangen war, die That be­ging. Zwischen Belgien und der auswärtigen Regierung, in deren Diensten Rubino stand, sollen diplomatische Ver­handlungen schweben. Aucki England wird vielleicht dabei befragt werden. Tie Klage gegen Rubino lautet erstens auf ein Attentat gegen den König und zweitens auf Mord­versuch. gegen die zum Hof gehörigen Personen, die sich in dem von seiner Kugel getroffenen Wagen befanden.

Inzwischen taucht das Gericht von einem gegen das Leben des amerikanischen Präsidenten Roosevelt ge­planten Mordanschlages auf. Newyorker Blätter be­handeln in ernster Weise das sogenannte Bekenntnis einer Frau Lena Dexheimer, dem zufolge anarchistische Gruppen drei Mirglieder zur Ermordung Roosevelts aus­losten. Alle drei Ausgelosten begingen Selbst­mord. Tie Frau war selbst Anarchistin, wird aber durch ihren Gatten zur methodistischen Sekte bekehrt. Der Ches des Bundesgeheimdlenftes erfrärt indes, er habe die An­gaben der Frau Dexheimer untersucht und sie für Phan - tasiegeb ilde befunden.

Deutsches $kidj,

Berlin, 19. Nov. Der Kaiser hat, wie aus den gestern mitgeteilten Reisedispositionen hervorging, seinen Aufenthalt in England abgekürzt und wird aller Wahrscheinlichkeit nach schon morgen in Kiel eintreffen* Am Montag wird der Kaiser in Bückeburg zu den Hof- jagden erwartet.

Kiel, 19. Nov. Tie russischen Kriegsschiffe Retwisan",Pobjaeda",Tiana" undBogatyr" verließen heute vormittag den Hafen und setzten die Reise nach Ost- afien über Skagen fort. Tie beiden am Montag hier ein* getroffenen Hochseetorpedoboote folgen heute abend. Ter KreuzerPallada" bleibt wegen Beschädigung der Maschine vorläufig im hiesigen Hafen.

Dresden, 19. Nov. Prinz Heinrich der Nie­derlande traf heute nachmittag hier ein und begab sich alsbald nach dem Residenzschloß.

Straßburg, 19. Nov. Voraussichtlich findet in der nächsten Woche hier eine Versammlung statt behufs Er- richiung der Organisation der Katholiken E1 s a ß - L o t h r i n g e n s, bei der jeder Kreis durch zwei Delegierte vertreten sein wird.

Stuttgart, 19. Nov. Der Kultusminister hat die Einführung der neuen R?chtschr eibung in den würt- tembergifdjen Schulen mit Beginn des nächsten Sommer- Halbjahres angeordnet.

Ausland.

Kopenhagen, 19. Nov. Tie Regierung ernannte heute die Kommission, die gegen Ende des Jahres nach Westind ien abreifen soll, um Vorschläge zur Aufbesse- rung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Insel ausar­beiten zu können.

London, 19. Nov. Tas Reuter'sche Bureau erfährt, die Räumung Schanghais erfolge bestimmt noch im Laufe des November, das genaue Saturn sei aber noch ungewiß. Thaksächlich geschehe die Abreise der Truppen nicht gleichzeitig, weil die Frage der Transportdampfer in Erwägung gezogen werden müsse: indessen ziehe jede Macht ihre Truppen zurück, sobald sie Transportdampfer ver­fügbar habe.

TieHo h enzo Ilern" ist heute vormittag im Firthos Forth ein getroffen und bei Queensserry vor Anker gegangen.

Tie Leiche des Feldmarschalls Prinzen Eduard von Sachsen-Weimar wurde heute vormittag nach Chichester zur Beisetzung übergeführt. In Vertretung des Königs war der Prinz von Wales erschienen. Ferner waren anwesend Lord Roberts, die Generale Buller, Warren Wood, Methuen und Prinz Christian von Schleswig-Hol^ stein. Ter deutsche Kaiser hatte einen Kranz übersandt.

Wien, 19. Nov. Ter tschechisch^radikale Fresl inter­pellierte im Abgeordneten Hause wegen der von der Studentenschaft im Tem scheu Reich geplanten Er­richtung von Säulen und Türmen zur Erinne­rung an Bismarck in Böhmen. Tie Alldeutschen interpellierten wegen der Entfernung ihres Kranzes vom Kaiser Josef-Tenkmal und wegen der Verhandlungen der Regierung mit den Parteien über die innere tschechische Amtssprache. In Erwiderung auf die letztere Interpella­tion erklärte der Ministerprasioent, daß er die Beantwortung ber Frage nach dem Verhalten der deutschen Parteien zur tschechischen inneren Amtssprache ablehne, lieber das Ber bältnis_ der tschechischen inneren Amtssprache zur deutschen Staatssprache neuerdings theoretische Erörterungen hervor- zurusen, sei im Augenblicke fein Grund vorhanden. Körber fuhrt ferner in Beantwortung einer Interpellation aus, oaß die Annahme unrichtig sei, wonach das Nichtzustande- Eominen des neuen Zolltarifs in diesem Jahre eine Erneuerung der internationalen Handelsverträge raglich machen würde. Ter Taris müsse nur * Beginn