Ausgabe 
19.7.1902 Drittes Blatt
 
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15Ä. Jahrgang

Nr. 167

Drittes Blatt.

Samstag 16. Juli 1862

Erscheint täglich außer Sonntags.

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Gießener Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Metzen

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Verantwortlich: für den polit. u. allgem. Teil: P. Witiko; für Stadt und Land" und Gerichtssaal": Eurt Plato; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Aer erste Jahresbericht der KandrverLsKamurer zu Darmstadt.

Dem soeben erschienenen Bericht der Handwerkskam­mer für Hessen vom 25. Mai 1900, dem Tage der Kon­stituierung ab, bis zum 31. 9Rärz 1902 entnehmen wir folgendes: Aus dem 1. deutschen Handwerks- und Ge­werbekammertag zu Berlin 15.17. diovember 1900 wurde die Kammer nebst 7 anderen in den Ausschuß der deutschen Handwerks- und Gewerbekammern gewählt. Von dem bei Abschluß der Rechnung für 19001901 verbliebenen Kasse­vorrat wurden 1000 Mk. als Pensionsfonds für Beamte der Kammer angelegt. Weitere 1500 Mk. wurden dem Fond aus dem für 19011902 verbliebenen Kassevorrat über- ttnesen. Der Haus'haltungsplan für 19011902 balanciert aus 15170.20 Mk. Die Kosten werden zu zwei Drittel vom Staate getragen. Welchen Umsang dje Arbeiten genommen haben, ist daraus zu ersehen, daß das seit 6. August 1900 geführte Journal 913 Postsendungen ausweist. Auf dem Gebiete des Lehrlingswesens hat die Kammer eine eifrige Thätigkeit entfaltet. Nach der von der Kammer geführten Lehrlingsrolle werden in rund 40 000 Betrieben 5302 Lehr­linge ausgebildet. Eine übersichtliche Tabelle hat die Kam­mer zu^rmmengestellt, aus der sich, die Verteilung der Lehr­linge . af die einzelnen Handwerkszweige ergiebt. Im großen und ganzen darf der von der Kammer gewollte Ab­schluß' eines schriftlichen Lehrvertrags als bestehend an­genommen werden. Was die Dauer der Lehrzeit und die Höchstzahl der zu haltenden Lehrlinge betrifft, so glaubte die Kammer hierin bald Aenderung schaffen zu müssen. Es wurden Bestimmungen sestgelegt Wonach die Lehrzeit im Kammerbezirk allgemein drei Jahre mit vier Wochen Probezeit, bei den Buchdruckern und Feinmechanikern vier Jahre mit gleiche Probezeit beträgt. Ueber die zulässige Zahl der zu beschäftigenden Lehrlinge wurden sür jedes einzelne Gewerbe besondere Bestimmungen getroffen. Zur Abnahme der Gesellenprüfungen konnten in Hessen 151 Ausschüsse errichtet werden, von der Kammer hiervon 10.

nähme der Meisterprüfungen wurden im Bezirk .ör bis auf weiteres drei Prüfungskommissionen und zwa. mit den <Ätzen zu Darmstadt (für Starkenburg), Meßen (sür Oberhessen) und Mainz (für Rheinhessen) er­nannt. Das KapitelErstattung von Gutachten, Unter­stützung der Staats- und Gemeindebehörden in der Förde­rung des Handwerks durch Mitteilungen weist eine er­sprießliche Thätigkeit auf. Zur Lage des Handwerks giebt der Bericht eine interessante Uebersicht. Hiernach war der Geschäftsgang im Baugewerbe im letzten Jahre sehr ver­schieden. Vom Lande aus wird er als zufriedenstellend be­zeichnet, während in den Städten über den Geschäftsgang sehr geklagt wird. Insbesondere wird das (jetzige) System des Submissionswesens und die Vergebung der größeren Bauten an Generalunternehmer bemängelt, dazu die Klage, daß' keine Lehrlinge zu bekommen seien. Der Ge­schäftsgang im Schneiderhandwerk wird im allgemeinen als bedrückt bezeichnet (Konfektions- und Warenhäuser). «Von dem Schuhmacherhandwerk wird nicht minder geklagt (Fa­briken, Schnellsohlereien). Der Geschäftsgang im Kondi­toren- und Bäckergewerbe wird von einigen Innungen, z. B. Darmstadt, Oppercheim, Bingen und Gießen als zufrieden­stellend bezeichnet, während sämtliche übrigen Innungen ihn als flau hinstellen. Die Preise für die Rohstoffe sind sehr verschieden und zwar stellte sich der Doppelzentner Weizen aus 2026 Mk. und Roggenmehl auf 21,50 Mk. Konkurrenz wurde geschaffen durch die großen Damps- bäckereien und Konsumvereine. Die Geschäftslage im Metzger- gewerbe hat sich im Lause der letzten Jahrzehnte schwie­

riger gestellt. Um einen möglichst hohen Nutzen zu erzielen,! werden, alle möglichen Futtermittel verwendet, ohne daß auf die Verwendbarkeit des Fleisches Wert gelegt wird. I Das Schweinematerial ist ost derart, daß es nicht zu ver­werten ist. Die Viehpreise haben eine enorme Höhe erreicht. Die Einkaufspreise bewegten sich im vergangenen Jahre je nach Qualität bei Ochsen zwischen 64 bis 76 Mk., Kühen und Rindern 5068 Mk., Hammeln 56 bis 60 Mk. per Zentner Schlachtgewicht, Schweine 6870 Mk. Die Ver­wertung der sogen. Schlachtabfälle, als Haut, Talg rc., hat sich durch Gründung von Genossenschaften bedeutend ge­hoben. Auch in der Schlachtviehversicherung hat der ge­nossenschaftliche Zusammenschluß vielfach im Gewerbe segensreich gewirkt. Im Holzbearbeitungsgewerbe (Küfer, Dreher, Wagner, Schreiner) wird das Geschäft als flau bezeichnet. Ueber das Kredit- und Borgsystem und über Lehrlingsmangel wird sehr geklagt. Spengler und Installa­teure sind bis jetzt zufrieden, doch wird mit Besorgnis in die Zukunft gesehen, da der Hausierhandel mit email­lierter Ware zunimmt und die selbstgefertigten Weißblech- ivaren zurückdrängt. Die Konkurrenz der städtischen Gas- und Wasserwerke wird von den Installateuren sehr gefühlt. Schmiede und Schlosser sind im allgemeinen zufrieden. Der Geschäftsgang im Vuchäindergewerbe wird als mittelmäßig bezeichnet. Der Buchbinder ist gezwungen, um noch existieren ,zu können, entweder fabrikmäßig für Wiederverkäufe:: zu produzieren oder mit seinem Handwerk ein Handelsgeschäft zu verbinden. Barbiere rc. Geschäftsgang mittelmäßig. Buchdrucker befriedigend; Glaser ebenso; Konkurrenz machte sich durch die Bauunternehmer bemerkbar, die ganze Bauten übernehmen. Sattler und Tapezierer sind nicht zu­frieden (Konkurrenz durch Warenhäuser für Reiseartikel, Lederwaren und Möbelläger), Weißbinder und Maler sind allgemein zufrieden. Der Pflege des Genossenschafts­wesens hat die Kammer die größte Aufmerksamkeit ge­widmet. Insgesamt bestanden bis zum 31. März 19 ge­nossenschaftliche Organisationen, darunter in Gießen ein Rohstoffvcrein für Schuhmacher Gießens, freie Genossen­schaft, und eine Hefe- und Salz-Bezugsvereinigung der Bäcker-Innung zu Gießen. In ersterer betrug die Zahl der Mitglieder z. Zt. 31. Bon jedem Mitglied ist ein Anteil von 300 Mark einzuzahlen. Im ganzen waren eingezahlt am 31. Dezember 1901: 2756,09 Mk. Der Gesamtumsatz im letzten Jahre betrug 10 739,88 Mk. Hierauf wurde er­zielt ein Reingewinn von 1512,82 Mk. Da raus' wurde verteilt auf die Einlagen eine Dividende von 4 pCt. 286,95 Mk. und auf den Warenbezug zurückvergütet 7 pCt. 751,65 Mk. Der Lagerbestand hatte am 31. Dezember 1901 einen Wert von 6089,07 Mk. Die Außenstände betrugen zur selben Zeit: 2142,58 Mk. Kredit wird nur gewährt bis zur Höhe der Einlage und gegen Schuldschein. Der Rohstoffverein hat aus dem Hauptverein ein Darlehen von 1000 Mark zu 31/2 PCt. erhalten. Die Beteiligung hat in den letzten Jahren abgenommen. Als Grund wird der allgemeine Itückgang der Geschäfte im -Schuhmacherhandwerk angegeben. In der Einkaufsvereinigung der Bäckerinnung in Gießen betrug der Umsatz in Hefe: ca. 200 Ztr., in Salz ca. 600 Ztr. Nament­lich im Hefebezug ftnd die erzielten Vorteile sehr bedeutend. Der Reingewinn wird in der Hauptsache an die Mitglieder nach Verhältnis ihres Bezugs verteilt, zum kleinen Teil zur Deckung der Unkosten bei Verbandsreisen und gemein­samen Ausflügen verwendet.

(Bei den Einkaufsvereinigungen haben die Mitglieder keinerlei besondere Geschäftseinlagen zu leisten. Bei den ! Genossenschaften unter 1 und 2 ist die Haftpflicht genräß § 85 und 86 der Gewerbeordnung auf das Vermögen der ! Innungen bezw. der Nebenkassen beschränkt; die letzten

beiden unterstehen als steie Vereinigungen den Bestim­mungen des Bürgerlichen Gesetzbuches und haften die Mit­glieder eventuell mit ihrem Gesamtvermögen.)

Die weitere Entwickelung der meisten dieser Genossen­schaften hängt im wesentlichen von der Kapitalsfrage ab. Zur Aufbringung eines beträchtlichen, für den Anfang aus­reichenden Betriebskapitals schlägt die Kammer vor, nach dem Muster der landwirtschaftlichen Genossenschaften ein Zentralinstitut' in Form einer Aktiengesellschaft zu errichten, das auf Namen lautende Aktien zu 200 Mk. ausgiebt und daß der Staat denselben Aktienbetrag übernimmt, der aus privaten Kreisen gezeichnet wird. Tce Hauptaufgabe wäh­rend des nächsten Jahres so schließt die Ausführung würde sein, ein Zentralinstitut auf dieser oder einer ähn­lichen Grundlage ins Leben zu rufen. Davon, daß dies gelingt, hängt es ab, ob das Genossenschaftswesen im Handwerk sich von den vereinzelten, oft nur vegetierenden Versuchen, die aber selbst im besten Falle nur einem kleinen Handwerkerkreise merkbare Hilfe brachten, sich gleich dem der Landwirte zu einer großen Organisation auswächst, die den Gesamthandwerterstand aus eine höhere wirtschaftliche Stufe hebt.

Kunst und Wissenschaft.

Die Wirkung des Rauchens auf die Geistesthätigkett ist zum ersten Riale von zwei Gelehrten des psychologischen Labo­ratoriums der Universität Genf untersucht worden. Ein bekaimter Schriftsteller hat unlängst das hübsche Wort geprägt, das Rauchen sei das nachdenklichste aller Laster. Dieses Aper?u, das jedenfalls nur eine persönliche Erfahrung ausdrücken sollte, hat jetzt in ge­wissem Grade eine Bestätigung durch die wissenschaftliche Beobach­tung erhallen. Ein hervorragender Physiologe, Charles Fers hacke die Wirkung des Tabakgenusses aus die Leistungsfähigkeit des Menschen nach einer Richtung bin bereits untersucht, aber nur mit Rücksicht auf die M us k e l t'h ä t i g k e i t, die in der That durch den Tabakgenuß gesteigert wird. Die beiden Genfer Psychologen sind nun weiter gegangen und haben nach einem Maß­stab für den Einfluß des Rauchens auf den geistigen Vorgang ge­sucht, den man in der Erkenntnistheorie mit dem Ausdruck der Jdeen-Assoziation bezeichnet. Die Experimente wurden auf Grund eines erprobten und recht interessamen Verfahrens unternommen. Einer der beiden Herren mußte sich als Versuchskaninchen hergeben, mit einigen Zigaretten bewaffnet in einem Sessel Platz nehmen und die an ihn gestellten Fragen beantworten. Letztere bezogen sich auf die Verbindung zweier verwandter Begriffe, die nach einer Liste von Worten festgestellt worden waren. Wenn z. B. das Wort Bad" gebraucht wurde, so sollte damit der Begriffheiß" ver­bunden iverden, mit dein WortEmail" der BegriffZahn" und ähnliches. Die Verfliche wurden an 17 Tagen hintereinander je eine halbe Stunde durchgeführt und erbrachten den völlig klaren Nachweis, daß der Tabakgenuß vermutlich durch Vermittlung des Reizes auf die Geruchsnerveir anregend auf die geistige Thätigkeit wirkte. Wie so viele psychologische Experimente litten auch diese freilich an einiger Unsicherheit. Die Versuchsperson gehörte zu den sehr mäßigen Rauchern, und es ist wohl mit Ge­wißheit anzunehmen, daß ein leidenschaftlicher Raucher sich dabei anders verhalten haben würde, wahrscheinlich nach der Richtung hin. daß die Wirkung des Tabaks auf die Beförderung der geistigen Thätigkeit noch stärker hervorgetreten wäre.

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Plaudereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Berliner Schaumschläger. Haby, der es erreicht hat. Die Fremdwörtersucht der Barbiere. Ueber die Herkunft mancher Namen: Tattersall, Kremser, Casseler, Gilka rc.

Die Obliegenheiten unserer Figaros haben sich im Laufe der letzten hundert Jal)rc wesentlich geändert; zwar klappert noch die Haarschere und blitzt das Rasiermesser aber, wer weiß heute nock etwas vom Aderlässen, von Schröpfköpfen, vom Zwicken usw.? Die Hand des Arztes ist geübter geworden; der Heilgehilfe ist langsam beiseite geschoben; nur der scherzhafteDoktor"-Trtel ist ihnen geblieben und die gelenke Zunge, die über alles Bescheid weiß' Ein Berliner Schaumschläger, der nicht die neuesten Kalauer wüßte; dem nicht für gewisse seiner Kunden poli­tische Bonmots zur Verfügung ständen, dre den Reiz be­sitzen, mit irgend einem Strafgesetzparagraphen zu kolli­dieren; der nicht die Dell'Era schon frisiert hat oder irgend eine andere Bühnengröße, (wenn auch nur in seiner blühenden Phantasie!) versteht sein Geschäft nicht. Es ist Tradition bei ihnen: das Mundwert muß mit der Schere um die Wette klappern. Interessant ist es oft, zu beobachten, wie die politischen Llnfichten der geschmeidigen Taugenichtse mit ihren jeweiligen Opfern wechseln. Mit dem Mann aus dem Bolt fraternisieren sie; für den ele­ganten Jüngling, dessen etwas rote Hände den Arbeitstag hinterm Ladentisch verraten, haben sic sofort eine plumpe, aber gern gehörte Sck)meichclei parat; den Gelehrten ver­wickeln sie in ein Gespräch über die buntesten Probleme, von denen sie so wenig verstehen wie die Eskimos von der Straußenzucht; und wenn ein Gardeleutnant kommt, ver­stecken sie schnell denVorwärts" und rücken die etwas neutralereJugend" ins Bordertreffen. Denn Zeitungen von allen Parteifarben sind sür größere Geschäfte eine Unerläßlichkeit. Dort, wo sich ein bestimmtes gleichartiges.

Publikum einfindet, wie in der Nähe von Kasernen oder bei Neubauten, herrscht natürlich darin rechts oder links vor. Im Studentenviertel ist Figaro selbstverständlich auch Aus­helfer in den kleinen Geldverlegenheiten, in die Musen­söhne mitunter geraten sollen; vielfach hat er auch einen Handel mit Zigarren, vermittelt Rennwetten, besorgt The- aterbitlets, und noch manches andere, was vielleicht nicht ganz so harmlos ist. Die Sauberkeit unserer Berliner Bar­bier- und Friseurstuben verdient alle Anerkennung. Auch in den Arbeitervierteln wird nach dieser Richtung hin alles mögliche aufgeboten. Zumal in Desinfektionssachen über­wacht die Polizei die Geschäfte mit scharfem Auge. Trotz­dem entgeht man mitunter nicht dem Schicksal, dicht hinter einem braven, vierbeinigen Pudel geschoren zu werden, ohne daß ein Jnstrumentwechsel vorgenommen wird. Das Gefühl für das Unschickliche eines solchenUebereinenkamm- scherens" lebt eben in manchem Jünger der edlen Zunft doch noch immer nicht, und die berühmte Holzkugel, die in manchen Tiroler Orten beim Rasieren aus einem Mund in den anderen wandert, um die Backen recht straff zu machen, findet manchmal auch in dem sanitär so hoch stehenden Spree-Athen ihre kleinen Seitenstücke! Natürlich nicht in den Durchschnittsgeschäften oder gar in jenen gold- und spiegelstrotzenden Salons, bei deren Besuch man Be- Hemmungen in dem empfindlichsten aller mensckfiichen Organe, im Portemonnaie nämliche verspürt. Unser Mode- friseur ist vorläufig noch immer Haby, in der Mittel­straße, dicht beim Friedrichstraßen-Bahnhof. SemeL>a- lons" sind im Sezessionsstyl gehalten; Otto Eck mann, der frühverblichene Meister der neuen Richtung, hat sie entworfen und in diesen Räumen tann man den echten Gardeton studieren, der an das Sturmknarren der märki­schen Fichtcnstämnie erinnert. Haby hat Zulauf; er hat es erreicht, durch seine deutsche BarttrachtEs ist er­reicht", zu den Lokalberühmtheiten Berlins gezahlt zu werden. Was an der Mode, die Schnurrbart spitzen nach der Nasenwurzel zu dirigieren, deutsche ist, hält sich mit

dem Schild des Erfinders die Wage.Frauyois" ist sein Vorname, der nach Paris schmeckt,Haby" dürfte czechisch sein Daß er sich Friseur" nennt, ist Standesunsitte; er will aber auch alsParfumeur" respektiert werden. Dazu macht sichDeutsche Barttracht" eigentlich ganz niedlich! Freilich, die Fremdwörtersucht grassiert just , unter den Schaumschlägern! Sie müssen mindestensFriseur", wenn nicht garCoiffeur" an ihrenSalons" stehen haben; sie kennen keine Kopstväsche, sie shampoonieren? Sie treiben keine Nagelpflege, sie empfehlen sich fürManicure", und so fort bis ins Unendliche. An manchen Thüren findet sich natürlich auch das bekannte:On parle franyais" und English spoken", der Fremden wegen, die sich aber meist mit der internationalen Zeichensprache ganz gut behelfen und auf das heimische Idiom gern verzichten. Bei vielen ihrer Salben und wohlriechenden Wässer verführt sie die Aufschrift zur Fremdwörterei. Warum unsere deutschen Fabrikanten, von den Eau de Colognen ganz zu schweigen, noch immer Französisch oder Englisch auf ihren Flaschen­schilder ivnd Seifenhüllen stehen haben, bleibt auch ein seltsames Rätsel. Anders steht'es mit jenen Erzeugnissen, deren Namen aus dem ihrer Ersinder entstanden ist, wie wir z. B. in der Weberei uns derGobelins", desBatist" usw., in Modesachen desRoquelaure" oderMackintosh" nicht zu entäußern brauchen. Diese Namen sind Denk­mäler für ihre Erfinder. Dahin gehört auch derTattersall", das Wort für Reitbahnen unter Dach, das jener Engländer, der die erste dieser Reitbahnen gründete, als Eigennamen trug; dahin gehört unserKremser", der Name eines Berliner Fuhrherrn, der die Omnibusse jenes Namens bei uns heimisch machte; dahin ist auchGilka" zu rechnen undMampe", der ein Berliner Sanitätsrat war. Daß der berühmteCasseler" Rippespeer nach einem Berliner Fleischer, namens Cassel, heißt, sei hier auch erwähnt. Es lvird manchem Leser erklären, warum man in Kassel selbst so selten echtesCasseler" bekommt.' A. R.