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18.11.1902 Zweites Blatt
 
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Kie islamitischeKefahr".

Ueber der amerikanischen, slavischen und gelben Ge­fahr ist die islamitische wenig beobachtet und thatsächlich auch noch ziemlich verborgen. Wer aber nicht Ueber- raschungen erleben will, wie sie das chinesische Abenteuer brachte, der versäume nicht, auch die politischen Kräfte zu beobachten, deren Wirksamkeit im Glaubensbereich des Islam bald da, bald dort zur Erscheinung kommt. Noch rlt es nicht lange her, daß die Engländer unter großen Opfern den Aufstand des Mahdi niederwarfen, und doch haben sie schon wieder mit einem anderen von ähnlicher Art zu thun, insofern augenblicklich Mullah dafür sorgt, daß britische Waffen nicht rosten. Muhamedaner giebt es nun im Norden Afrikas nicht nur, sondern auch in Europa und Indien, in letzterem Lande allein soviel, als Deutsch­land Einwohner zählt. Muhamedanische Bettelmönche, Der­wische genannt, durchwandern das weite Gebiet vom nörd­lichen Afrika bis aum östlichen China und tragen das ihrige dazu bei, daß der Gemeinsamkcitsgedanke bei den Be- kennern des Islams nicht einschläft. Bekanntlich legt diese Religion ihren Anhängern die Pflicht auf, die Herrschaft des Islam gewaltsam zu verbreiten und zur Bekämpfung der Ungläubigen in den Glaubenskrieg (Djihad) zu ziehen. Falls es nun dem Oberherrn der Gläubigen, dem türkischen Sultan, aus politischen Gründen gut scheint, die grüne Fahne des Propheten zum Kampf gegen die Franken, das sind wir Europäer, zu entfalten, so gäbe er damit das, Zeichen für 175 Millionen Muhamedaner, denChristen­hunden" an den Kragen zu gehen.

Zum Glück sieht die Sache nicht so gefährlich aus, wie es scheint, denn diese 175 Millionen verteilen sich rolllisch folgendermaßen: auf Rußland 10 Millionen, die hauptsächlich in Asien wohnen, auf die europäische Türkei 2300000, asiatische Türkei 15 400000, Bulgarien, Bosnien und Herzegowina, Griechenland und Rumänien, Serbien und Montenegro zusammen 13 700 000; die Chanate Buchara und China 3 200 000; Persien, Afghanistan und Beludschistan 13 Millionen; Arabien 2 Millionen, China 4, Jndobritisches Reich 57, niederländischindische Besitzungen 14 Millionen; Nordafrika und Aegypten 18 Millionen; Sudan 25 Mill., Sahara 2*/- Millionen. Diese Zersplitterung ist immerhin ein gewaltiger Trost, und dennoch giebt es Schriftsteller, die nach jahrzehntelangem Aufenthalt im Orient vor Unter­schätzung der anaeblicb faulen, trägen und korrupten Orien­talen warnen. Wo der Europäer mit seinemKultur­plunder" den Fuß hinsetzt, verteuert er das Leben, züchtet er künstlich Bedürfnisse, die dem Orientalen von Haus aus abgehen. Hier prallen zwei Kulturen aufeinander, von denen die eine mehr äußerlichen Glanz und mehr technische Macht­mittel, die andere mehr innere Kraft und noch sehr viel Religion enthält. Dem Orientalen ist es bitter ernst mit der Religion. Das tropische Klima zwingt ihn zu einer größeren Konzentrierung in die Tiefen seines Gemütes und, wie geschulte und gebildete Beobachter versichern, hat im Orient die breite Masse des Volkes infolge der Bedürfnis­losigkeit und billigen Lebensmittel einen weit größeren Anteil an den Schätzen orientalischer Bildung, als bei uns, die wir auf der Jagd nach Erwerb kaum zur Selbstbesinnung kommen. Es kommt hinzu, daß im Bereich des Islam die Derwische und Sufi, obwohl zum Teil Bettler, dennoch einen Stand von Hühergebildeten repräsentieren, der die politischen und sozialen Mängel des Orients sehr wohl empfindet und sich aller Kulturentwickelung widersetzt, die den Menschen zum Sklaven überflüssiger Bedürfnisse macht. Tie Europäer wollen aber gerade dem in geistig kulturellem Sinne keineswegs tieferstehenden Asiaten ihrenKultur- plunder" aufzwingen. Die Zukunft wird vielleicht zu unserer Ueberraschung zeigen, daß die islamitische Gefahr noch ein harter Lehrmeister werden kann, gerade weil der Orientale in Religionsdingen zum grenzenlosen Fanatiker wird.

Äirgesjchau.

3u dem Diner beim Präsidenten des Reichstags Grafen Ballestrem vorüber wir bereits in der gestrigen Abendausgabe be­richteten, waren u. a. auch erfch-ienen vom Zentrum die ALgg. Graf Hompesch, Frhr. v. Hertling, Tr. SchMer, Grüber und Tr. Bachem, von den Nationalliberalen Graf Oriola, Büsing und Tr. Sattler, von den Konservativen Graf Schwerin-Läwitz, Graf Limburg-Stirum, Graf Stol­berg-Wernigerode, ferner außer dem Reichskanzler der dandelsminister Möller, die Staatssekretäre Graf Posa- dowsky, fron Richthofen und von Thielmann. In der z o l l - politischen Unterhaltung, die nach Tisch geführt wurde, soll man nach demTag" über Pourparlers nicht hinausgekommen .sein. Nach derKöln. Bvlksztg." dagegen wurde zwischen der Regierung und der Neichstagsmehrheit -offiziell verhandelt über eine Basis zur Verstän­digung wegen des Zolltarifs. Voraussichtlich würden l)ie Verhandlungen so gefördert, daß der Reichstag am Donnerstag in erneute Beratungen eintreten kann. Nach demBerl. Tagebl." endlich wurdein frischer Weise das Zustandekommen des Zolltarifs berührt, und die verschie­denen Ansichten mit einander ausgetauscht, so daß manches Mißverständnis beseitigt und der Weg zur Verständigung in den allgemeinen Grundzügen angebeutet worden ist".

Möglich, obschon nicht ersichtlich ist, was fürMiß­verständnisse" auf den vielen Aussprachen innerhalb und außerhalb des Parlaments unter den geladenen Herren obwalteten. Aber die leitenden Männer der Regierung und die Führer der Parteien sind bei der Gelegenheit wahrscheinlich einander näher gerückt. Tas zuverlässigste Barometer für die immer günstiger werdende Stimmung stellt dieKreuzztg." dar. Sie konstatiert mit Hervor­hebung durch den Truck,daß der leitende Staatsmann nach wie vor den größten Wert auf ein Zustandekommen des Zolltarifs legt". Man wird sich erinnern, daß die Kreuzztg." vor nicht langem noch den Urteilen über die resignierte Reichsregierung" eine gewisse Berechtigung zu- erkannte. In dieser Hinsicht sind die konservativen Kreise zu einer anderen Auffassung gebracht worden. Wie die Kreuzztg." versichert, macht sie die Initiative des Grafen Bülow zur Förderung der Zolltarifreform jetzt in erheblich kräftiger Weise geltend, als je zuvor in irgend einem Verhandlungsstadium. Ter Reichskanzler will also ein Erkalten des Interesses oder das Aufsteigen von Be­denken verhindern und drängt auf endgiltige Entscheidung über die gemachten Verständigungsvorschläge. Tas an­gebliche Kompvomißprogramm (Beichlußfassung nur über das Tarifgesetz, Abtrennung des Tarifs, Aufforderung durch Resolution an die Regierung, die Tarisdebatten zur Richt­schnur zu nehmen) würde mit den Bestrebungen des Grafen Bülow nach Zustandekommen des Zolltarifs unvereinbar sein. Es scheint ssich 'ba um einen vorübergehend aufge­tauchten unmaßgeblichen Vorschlag zu handeln, wie deren gar mancher in diesen kritischen Wochen entstanden und fallen gelassen worden ist. Nach verschiedenen Anzeichen übernimmt die Zollmehrheit die Rolle desKlügeren", der nachgiebt. Für dies größere Maß von Nachgiebigkeit ist die Begründung gefunden, daß die Staatsräson gebiete, schwere politische Gefahren hintanzuhalten, wie sie durch das Scheitern des Tarifentwurfs und in Verbindung damit einen erbitternden und verhetzenden Wahlkampf herbei­geführt werden würden. Tie Berufung auf das allgemeine Wohl ist nicht übel; trotzdem wird sie nicht verhindern, daß vomUmfall", vomKuhhandel" und dergleichen ge­sprochen wird. Tenn bestanden alle diese Besorgnisse, die letzt mit düsteren Mienen verkündet werden, nicht in der­selben Zahl und Stärke zu der Zeit, als dieMatadore der Maßlosigkeit" ein Unannehmbar nach dem anderen in den Tarifentwurf einzeichneten'? Ter Berg ist nicht zum Propheten gekommen, da geschieht denn das andere Wun- der, daß der Prophet zum Berge sich begiebt.

Ein Spckulationsmanover.

Man schreibt uns aus Berlin, 17. November:

Die Zugehörigkeit der beiden deutschen Groß- Rhedereien Bremen und Hamburg zum amerikanischen Schiffahrtstrust ist auf die Kursentwickelung der Aktien dieser Rhedereien letzthin nicht ohne Einfluß gewesen. Die Börsenkreise erachten als ungünstiges Moment, daß die Rhedereien an die Trusts 6 Prozent Dividende garantiert haben, ein Satz, der aus den Erträgen des letzten Geschäfts­jahres auf die eigenen Aktien nicht werde verteilt werden können. Die Folge sei Inanspruchnahme des Reservefonds oder Kürzung der für Abschreibungen vorgesehenen Summen. Selbst wenn nun eine dieser Eventualitäten eintritt, so wird der innere Wert der Aktien doch nicht derart beeinträchtigt, daß ein anhaltender Rückgang der Kurse gerechtfertigt er­scheint. Der Umstand, daß letzthin in Anteilscheinen des Lloyd und der Packetsahrt umfangreiche Verkäufe für ameri­kanische Rechnung ausgeführt wurden, läßt aber offenbar auf Spekulationsmanöoer schließen. Die Kurse sollen gedrückt werden, damit bei Veröffentlichung des Geschäftsberichts Tief­stand zu verzeichnen ist und wieder billigst eingekauft werden kann. Es ist ein Beweis für die mangelnde Spannkraft be­sonders der Berliner Börse, daß sie solche , Strömung" wider­standslos über sich ergehen läßt.

Deutsches Keich.

Berlin, 17. Nov. Man meldet aus London: Kaiser Wilhelm unternahm mit Gefolge heute morgen vor dem Frühstück einen Spazierritt in der Nachbarschaft des Schlosses Lowther. Nach dem Frühstück fand ein Jagd- ausslug statt, an dem der Kaiser, Lord Lonsdale und die gesamte Umgebung des Kaisers teilnahmen. An die Jagd schloß sich ein Frühstück an, zu dem Gräfin Lonsdale und die übrigen auf dem Schlosse weilenden Tarnen sich ein­fanden. Nach den bisherigen Bestimmungen wird der Kaiser Tonnerstag nach Dalmeny abreifen, dort bei Lord Rose­berry frühstücken und später nach Queensferry an Bord der ,Hohenzo Ilern" zurückkehren. TieHohenzollern" und die BegleitschiffeNymphe undSleipner" sind heute von Medway nach Leith abgegangen. Ter Kaiser sprach der Prinzessin Eduard von Sachsen-Weimar telegraphisch sein Beileid anläßlich des Todes ihres Gemahls aus. König Eduard gab heute seiner Teilnahme persönlich gegenüber der Prinzessin Ausdruck, der er einen Besuch in der Woh­nung abstattete.

lieber die angeblicheAusweisung" Krupps aus Italien brachte derVorwärts" unglaubliche Mit­teilungen und spielte dabei auf einen der häßlichsten Para-

Nr. 271

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Zweites Blatt. 152. Jahrgang

Dienstag 18.November1S«S

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger 87

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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KM- Tägliche Auflage 8235.

graphen des deutschen Strafgesetzbuches an. Jetzt find die betr. Nummern des ,^Vorwärts" und der EssenerArbeiter* ztg.", die jenen Artikel nachdruckten, beschlagnahmt worden. TerFränk. Cur." in Nürnberg hat den Artikel unbeanstandet zum Abdruck gebracht.

Es verlautet, daß der Erkrankung des kürzlich be­urlaubten Zentrumsabg. Prof. Tr. Hitze ein kompliziertes schweres Herzleiden zu Grunde liegt.

Tas Zentralarbertsnachweishaus, das von der Landesversicherungsanstalt Berlin erbaut, ist gestern mittag feierlich eröffnet worden. Ter Vorsitzende derLandes- versicherungsanstalt Berlin, Tr. Freund, begrüßte die Er­schienenen, unter denen sich auch Staatsminister Freiherr v. Hammerstein befand. Staatssekretär Graf Posadvwsky führte in seiner Ansprache aus, die neue Zeit erfordere neue Wege, und diese würden in Berlin erfolgreich einge­schlagen. Tie Hauptstadt des Deutschen Reiches habe viel­fache Einrichtungen humanitärer Art musterhaft geschaffen und stehe in dieser Beziehung an der Spitze unseres mo­dernen Kulturlebens in Deutschland. Er empfinde herz­liche Freude und Genugthuung darüber, daß eine solche vorzügliche Einrichtung aus der freien Initiative der Selbst­verwaltung und hochherziger Männer entstanden sei. Hier­auf erfolgte ein Rundgang durch das neue Gebäude.

Görlitz, 17. Nov. Reichstagsabg. Tr. Paasche hielt gestern hier in einer öffentlichen Versammlung eine Rede über den Stand der Zolltarisver Handlungen. Er stellte dabei in Aussicht, daß eine Verständigung mit Der Reichstagsmehrheit zu stände kommen werde, knüpfte aber daran die bestimmte Erwartung, daß die Regierung an ihrer Haltung unerschütterlich festhallen werde.

Meiningen, 17. Nov. Ter Landtag beschloß ein­stimmig, den § 1 der Verfassung, der von der Leistung bey llnterthaneneides handelt, aufzuheben.

Kolonialpost.

Tie Rinderpest in T eu t sch-Südwestafrika. Tie kürzlich in Teutsch-Südwestafrika aufgetretene Rinder­pest hat nicht den Umfang angenommen wie in früheren Jahren. Bekanntlich haben, als vor vier Jahren die beuche in ganz Südafrika herrschte, die Veterinär-Sachverstän­digen vorhergesagt, daß man sich auf erneute Ausbrüche der Pest gefaßt machen müsse. Mit Rücksicht hierauf hatte man alle Vorbereitungsmaßregeln, um der Viehseuche ent­gegentreten zu können, getroffen, sodaß die Verbreitung der­selben im ganzen beschränkt worden ist. Als wesentliches Moment tritt hinzu, daß man in der Behandlung der Pest, besonders in der Gegend von Windhoek, große Erfahrung hat und energisch gegen sie vorgeht. So ist es vor allen Dingen gelungen, eine Schädig ung des erfreulich auff* blühenden Viehhandels auf dem Landwege abzu­wenden. Derselbe nimmt ungestört seinen Fortgang. Be­kanntlich ist in den Etat von 1902 die Ällfchädigungs- summe von 40000 Mk. zu Beihilfen für die durch die Rinder­pest besonders betroffenen Ansiedler und Eingeborenen ein­gestellt, und es ist zu erwarten, daß nach Feststellung deF diesjährigen Schadens das Verfahren wiederholt wird.

Ausland.

London, 17. Nov- Ter König von Portugal traf heute nachmittag von Calais kommend in Dover ein, wo eine Ehrenwache am Landungsplätze ausgestellt war. Ter König fuhr mit Sonderzug nach Windsor weiter. König' Eduard erwartete in Winosor am Bahnhofe den König von Portugal. Beide Monarchen begrüßten sich aufs herz­lichste und begaben sich nach dem Schloß.

Paris, 17. Nov. Tie Regierung hat die Absicht, dem Parlament einen Gesetzentwurf über energische Bekämpf­ung des Alkoholismus zu unterbreiten. Ter Ministerpräsident veranlaßte zu diesem Zwecke die Aka­demie der Medizin, alle gesundheitsschädlichen Essenzen vorzulegen, die zur Herstellung von alkoholhaltigen Ge­tränken verwendet werden. Professor Laborde wurde mit der Aufstellung der Liste beauftragt

Madrid, 17. Nov. Tie tyofÄ^i sand in einem Land- Hause in Cornelia bei Barzelona 33 Remington-Gewehre und 6000 Patronen, die den einen Aufstand planenden Karl ist en gehören. Tie Regierung vermutet eine well ver­zweigte Organisation. Einige Verhaftungen wurden vor­genommen und zahlreiche Verhaftungen stehen bevor.

Rom, 17. Nov. TerJtalie" zufolge näherte sich gestern nach Beendigung des Gottesdienstes in der russischen Kapelle eine durch ihr Benehmen auffallende, nach Art der russischen Studentinnen gefleibete Dame dem russi­schen Botschafter Nelidow und versuchte ihn zu schlagen. Tas Blatt fügt hinzu, daß die Dame bereits bei anderer Ge­legenheit durch ihr sonderbares Benehmen den Gottesdienst

Budapest, 17. Nov. Mehrere oppositionelle Blätter bringen die angeblich von verläßlicher politischer Selle stammende Nachricht, daß der Monarch die Absicht habe, abzudanken. Charakteristisch für die Lage ist, daß dieses Gerücht von den oppositionellen Blättern mit der Nachricht verbunden wird, Coloman Szell habe sich nun völlig der Reaktion ergeben und mit derselben einen Pall geschlossen.

Haschar Nemzet" veröffentlicht einen Leitartikel von Maurus Jokai, in welchem dieser die Opposition beschwört, von den Angriffen auf die Person des Königs in Parlament und Presse ab zu l als en. DaS