und Industrie, die den deutschen Sparern Milliarden gekostet hat, als die Karre rückwärts ging, träte von neuem auf. Nicht allein im Interesse der Produzenten, nein auch im wohlerwogenen Interesse der Konsumenten ist die gute Behütung unserer Grenzen gegen die ungehinderte Einfuhr von lebendem Vieh geboten.
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Äctifcl übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Wir ersuchen die Herren Einsender, ihre Manuskripte nur <tttf einer Seile beschreiben zu wollen.
Tie Red. d. Gieß. Anz.
Solle« wir Jude« freisinnig wählen?
Die Antwort auf diese Frage wird bei den meisten meiner Glaubensgenossen eine bejahende werden, denn sie finden es selbstverständlich, daß sie nur freisinnig wählen, selbst wenn sie innerlich dieser Parteirichtung nicht angehören. Ich erlaube mir, auf diese von mir aufgestellte Behauptung näher einzugehen.
Die Grundbedingung eines wahren Freisinns ist Toleranz in religiöser Hinsicht, liberale Anschauung auch auf dem Gebiete des Glaubens. Wie steht es nun in dieser Beziehung mit dem Landjuden, der, ebenso wie die Bauern zu der christlichen Wählermasse, immer noch das Hauptkontingent der jüdischen Wähler darstellt? Er ist in der Beobachtung religiöser Vorschriften streng konservativ, gestaltet auch nicht dem geringsten Fortschritt irgend welchen Rau,n und ist intolerant weniger gegen seine christlichen Mitbürger als vorzugsweise gegen seinen eigenen Glaubensgenossen, der aufgeklärt genug ist, der Stimme der Vernunft auch aus dem weiten Gebiete der Religion einigermaßen Gehör zu schenken. Ja, wenn es nur bei der moralischen Abneigung verbleiben würde, dann ließe sich dagegen nicht viel einwenden, aber man folgt diesem unglücklichen, der Aufklärung huldigenden Manne auch auf das materielle Gebiet und bemüht sich, ihn, wenn auch nicht zu schädigen, so doch jedenfalls nicht zu fördern. Tas ist der Jdeengang der auf dem Lande lebenden meist starr an ihrem Glauben festhaltenden Juden; dieser Jdeengang ist wahrhaft orthodox, aber trotzdem wählt der Landjuoe freisinnig. — Solche Juden müßten, ihren Herzens- gesühlen entsprechend, konservativ wählen, aber dadurch, daß sie dies eben nicht thun und sich an die freisinnige Partei anklammern, werden beide Teile geschädigt.
Ich bestreite ben meisten Landjuden das Recht, freisinnig zu wählen, da sie von der wahren Bedeutung des Freisinns kerne blasse Ahnung haben. .
Warum wählen nun trotzdem diese Leute freisinnig? Erkläre mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur! Sie wählen frtilmmg, geleitet von dem Triebe einer scheinbaren Selbslerhaltiing; sie behaupten, die freisinnige Partei habe von jeher unsere Gleich- berechliguna verfochten und an ihr fänden wir immer unjcren stärksten Rückhalt. Taß die freisinnige Partei, hauptsächlich die alte Fortschrittspartei, immer für die Gleichberechtigung der Juden eingetreten, ist Thatfache, aber hätte diese Partei denn je die Gleichberechtigung erzwungen, wenn nicht die deutschen Fürsten, insbesondere daS eole Geschlecht der Hohenzollern, sie nicht aus freien Stücken concebirt hätten? Ohne das Entgegenkommen der deutschen Fürsten hätten wir heute ferne konstitutionellen Verfassungen und ganz bestimmt feine Gleichberechtigung der Juden. Wir haben also unseren Tank für die Gleichberechtigung den deutschen Fürsten, insbesondere dem Hause Hohenzollern, nicht der Fortschrittspartei auszusprechen, die aus eigener Kraft niemals etwas für die Juden hätte erreichen können.
Welches Hauptprinzip verfolgt aber im übrigen die freisinnige Partei? Tie Uebertragung der Regierungsgewalt auf den Reiche tag, also die Schwächung der Krone, die politische Schwächung des Trägers der Kaiserkrone. Nehmen mir an, die freifinntgen Grundsätze würden in unserer Regierungssphäre zur Anerkennung gelangen, sodaß also der Reichstag allein ausschlaggebend, nur sein Wille das oberste Gesetz wäre, wer bürgt uns beim dafür, daß die freisinnige Partei überhaupt je die Majorität im Reichstage erlangen würde? Wir müssen, falls wir vermögend sind, klar, vorurteilslos die Volksleidenschaften zu würdigen, mit der feststehenden Thatsache rechnen, daß über kurz oder lang eine antisemitische Mehrheit im 'Reichstage erscheint, und soll diese Partei alsdann aus Grund der freisinnigen Prinzipien die Regierungsgewalt, wie in den parlamentarisch regierten Staaten ausüben, eofl alsdann der Obhut dieser Partei das Kleinod unserer Gleichberechtigung anvertraut werden, einer Partei, die nur ihre Existenz dem Hasse gegen die Juden, nicht aber der Urteilsfähigkeit ihrer Wähler verdankt? Wir haben in Deutschland Tausende von Wählern, die davon überzeugt sind, daß der südifche Kaufmann heute ein nützliches und notwendiges (ilentent in der deutschen Volkswirtschaft ist, und sie wählen trotzdem antisemitisch, weil eben die (Eingebungen des Haffes stärker sind wie die des Verstandes. Tie erste Handlung einer solchen antisemitischen Mehrheit wäre die Aufhebung der Gleichberechtigung der Juden, indessen, dem Himmel
sei gebankt, wie bie Verhältnisse heute liegen und wenn bet ganze Reichstag aus Antisemiten bestände, an der Gerechtigkeit unserer Hohenzollern würden alle bieie Versuche wie bie Wogen an dem Fels im Meer macht- und kranlos abprallen, denn noch ist unser Kaiser der lebendige Repräsentanl das „rocher de bronce“ und baS „Mium cuiqae“ seiner erlauchten Ahnen. Unser politisches Interesse ersorbert: Unbedingte Aufrechterhaltung der uneingeschränkten Macht der Krone, Bekämpfung aller berjemgen Bestrebungen, die bie Erweiterung der Macht ,bcr sogenannten Volksvertretung" zum Ziele Haden. Ich sage nut vollem Bewußtsein »der sogenannten Volksvertretung', beim sind die Faktoren von Lug unb Trug immer an der Geburt eines neuen Reichstages unbeteiligt ? Wer eine glückliche, zugkräftige, mit schönen Phrasen verbrämte Wahlparole, und sei sie innerlich noch so haltlos unb unwahr, erfindet, der ist säst immer der eigentliche Schöpfer einer Volksvertretung. Tiefem Produkte einer vielfach gefälschten öffentlichen Meinung gegenüber steht die Wahrheit, die Gewissenhaftigkeit und Gerechtigkeit, die nur von der Krone aus- strahlen, nur in ihr in politischer Beziehung ihren festesten Grund haben. Unsere Pflicht ist e5 deshalb, unter keinen Umständen freisinnig ober demokratisch zu wählen, sondern nur für diejenigen Parteien zu ftimmen, die unentwegt für ein starkes 'Kaisertum gegen die Parlamentsherrschaft em treten, denn nur ein wirklich regierendes Kaisertum, kein Schattenkaisertum, ist die sicherste Grundlage unserer öffentlichen Wohlfahrt. Also nochmals der Appell an meine Glaubensgenossen: Handeln wir nach ben im Vorstehenden entwickelten Anschauungen, wählen wir dementsprechend zum Reichstage, bann haben wir unsere Pflicht gegen unser beutsches Vaterland unb uns selbst erfüllt!
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Gießen, den 16. Oktober 1902. 7296
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Gießen, den 13. Oktober 1902. 7231
Für den Schulvorstand:
Mecum, Bürgermeister. I. V.: Schaaf.__________
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Angevote sind bis zum 27. Oktober d. I., vormittags 11 Uhr, verschlossen und mit entsprechender Aufschrift versehen, bei uns einzureichen.
Gießen, am 14. Oktober 1902. 7228
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