Nr. 245
Erscheint tLattch außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener Familien. Witter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brüh Pjdjen Eniverl^Buch- u. Steindruckerei (Pietsch Erben) Redaktion. Expedition und Druckerei:
Schulstratze 7.
Üdrefse für Depeschen: Anzeiger Gießen.
sternsprechanschlnß Nr 51.
Drittes Blatt.
152. Jahrgang
Samstag 18. Oktober 19<pfe
GietzenerAnzeiger
** General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Zleöer die Ikeischuot.
Man schreibt uns aus Kreisen der oberhessischen Landwirtschaft:
Es ist so viel über die hohen Fleischpreise, besonders über den Preis des Schweinefleisches in den verflossenen Monaten geklagt und man hat das mangelhafte Angebot von Schlachtvieh nur allein darauf zurückgeführt, daß manche unserer Grenzen für die Einfuhr von Schlachtvieh gesperrt seien, daß es Wunder nimmt, wenn die durch diesen Ansturm bedrohten Landwirte sich verhältnismäßig selten zum Worte meldeten.
ES sei gleich vorausgeschickt, daß einsichtigen Landwirten der Schweinefleischpreis eben zu noch ist. Allzu scharf macht schartig. 100 Pfd. Schweinefleisch kosten 68 bis 70 Mk., das sind 6 bis 10 Mk. etwa zu viel. Tie Landwirte wären zufrieden, wenn 100 Pfd. Schweinefleisch 56 bis 62 Mk. kosteten. Anders ist es mit dem Preise des Rindfleisches. Er ist hoch, aber nicht höher als hier und da in früheren Jahren auch. Tie Preise für Rinder werden auch recht bald, leider zu früh für den Landwirt, wieder sinken, denen auch der Preis für Schweinefleisch folgen wird. — Hat nun aber der Konsument Ursache, darüber zu klagen, daß er vorübergehend auch einmal zu Gunsten des Landwirtes etwas tiefer in die Tasche greisen muß? Wie oft haben und die Konsumenten, wenn wir über zu niedere Preise für unsere Produkte klagten, getröstet damit, daß auch bei ihren Einkünften und geschäftlichen Unternehmungen die Zeiten wechselten, bald gingen die Geschäfte schlecht, bald gut. Man müsse sich darein schicken. — Nun gilt endlich einmal ein einziges landwirtschaftliches Produkt einen, wie zugegeben wird, recht guten Preis; darüber sollte sich die Mehrzahl der Konsumenten freuen, statt zu wettern, wenn ihre früheren Tröstungen bei Preisen von 40—50 Mk. pro 100 Pfund Schweinefleisch ehrlich gemeint waren. Tenn bei 54 Mk. per 100 Pfd. Schweinefleisch beginnt etwa erst die Rentabilität der Schweinemast, was darunter ist, ist vom Uebel.
Noch schlimmer lagen die Verhältnisse für den Landwirt in Bezug auf den Preis des Rindfleisches. Fette, abgemolkene Kühe mußten um jeden Preis losgeschlagen werden. Bei diesem Verkauf gingen an dem für frische melkende Kühe angelegten Kapital 30—40 Prozent verloren, und besonders dieser Verlust machte selbst die Milchwirtwirtschaften, die frische Milch zu guten Preisen abfetzen konnten, unrentabel. Heute ist der Preis für solche Kühe so hoch gestiegen, daß dieselben ohne Verlust verkauft werden können; lange wird die Freude der Landwirte darüber nicht dauern.
Ich habe schon oben hervorgehoben, daß endlich einmal ein Hauptprvdukt der Landwirtschaft im Preise so hoch gestiegen ist, daß es eine angemessene Rente abwirft; Tivi- denden können deswegen immer noch nicht verteilt werden. Wie sieht es denn aber mit den übrigen, den Hauptprodukten aus? Ter Preis der Brotfrüchte deckt nicht die Gestehungskosten, wenn trotzdem das Brot noch verhältnis
mäßig teuer ist, so ist das nicht Schuld der Landwirte. In Gießen kosteten 4 Pfd. Brot im Jahre 1876, obgleich es damals keinen Getreidezoll gab und eine sehr gute Ernte vorausgegangen war, 58 Psg.; 100 Klg. Weizen kosteten zu derselben Zeit 30 Mk. Nach dem heutigen Weizenpreis von 15 Mk. müßte der vierpsündige Laib Bvot 29 Pfg. kosten, er kostet aber 42 Psg. Sind die Geschäftsunkosten der Müller, Bäcker und Getreidehändler in dem Maße gestiegen? — Ich wiederhole, die Schweinefleischpreise lfind etwas zu hoch, aber man mißgönne das doch den Landwirten nicht zu sehr. Sie haben doch auch mitthun müssen, als alle Erzeugnisse der Industrie ungeheuer im Preise stiegen, das Eisen, das die Landwirte sozusagen täglich brauchen, um 100 Proz., der Reichsbankdiskont stand lange Zeit auf 7—8 Proz. So schlimm ist das mit dem Schweinefleisch noch lange nicht, und dafür sind die Brotsrüchte um so billiger.
Und nun schallt der Ruf nach Oeffnung der Gre nzen für lebendes Vieh durch das Land. Würde damit geholfen werden und würde diese Hülfe, wenn es eine solche wäre, im Interesse der Konsuinenten liegen? Ich glaube nicht, denn im Auslande sind die Fleischpreise auch hoch, so hoch, daß sie unsere Preise nicht drücken würden. Auf dem Markt in Frankfurt und anderswo stehen ja allwöchentlich weit über hundert österreichische Ochsen. Taß die Auslandpreise auch hoch find, giebt ja selbst die „Frkft. Ztg." zu. In Nr. 257 ihres Blattes schreibt sie aus England: .Tie Fleischpreise sind in London in unerträglicher Weise gestiegen. Viele Fleischerläden im Osten sind geschlossen. — Taß der hohe Preis für das Fleisch auch andere Ursachen hat, teilt wieder die „Frkft. Ztg." in Nr. 261 mit:
Staßfurt. Gemäß dem Beschluß der hiesigen städtischen Behörden haben zum Zweck der Erzielung billiger Fleischpreise jetzt die Schlachtungen in städtischer Regie begonnen. Tie Preise sind nach der „Magdeburger- Zeitung" gegen die der Fleischerinnung um 10—15—20 Pfennig für das Pfund billiger. Tie Fleischer sind von der Konkurrenz der Stadt sehr wenig erbaut; sie erklären, daß sie bei den thatsächlich teuren Preisen für Schweine unter Hinzurechnung ihrer Unkosten und eines Verdienstes nicht gut billiger verkaufen können.
Man sieht aus den Mitteilungen der ,^rkft. 3tg." einmal, daß auch im Auslande, selbst in dem von seinen Kolonien versorgten und so leicht zugänglichen England Fleischnot herrscht und daß andererseits das Fleisch auch unter gewöhnlichen Verhältnissen erheblich verteuert wird, sobald es aus den Händen der Landwirte in die des Metzgers Übergegangen ist.
Liegt es im Interesse der Konsumenten, daß die Grenzen sämtlich geöffnet werden für die Einfuhr lebender Schlachttiere? Im verflossenen Jahre, ehe die deutschen Grenzen so gut bei der Einfuhr von Schlachttieren behütet waren, wie heute, wurden die deutschen Landwirte die Seuchen unter ihren Schweinen und dem Rindvieh nicht los. Ich will keine statistischen Zahlen anführen,
sondern nur einige Beispiele aus unserem Kreise und aus der Provinz, die jeder Leser kontrollieren, kann. Tiese Beispiele thun aber auch dar, wie sehr man sich durch das beständige Auftreten der Viehseuchen von der Schweinezucht und auch von der Rindviehhaltung abschrecken ließ. Tas Auftreten der Seuchen führte zahlreiche Verluste herbei: die Tiere gingen entweder zu Grunde oder sie wurden zu Zuchtzwecken oder zur Milchgewinnung untauglich und mußten um jeden Preis beseitigt werden. Tiefes fortgesetzte Auftreten der Seuchen und die dadurch entstehenden Lücken in den Viehbeständen, uiid die Unlust, unter diesen Umständen Nutztiere heranzuziehen, erklären zum Teil das heute noch bestehende mangelhafte Angebot von Schlachttieren. Wäre das Angebot wirklich heute schon groß genug, so würden die Preise rascher sinken. Ich habe Beispiele aus der Umgebung Gießens für den ungeheuren Schaden, den die Seuchen angerichtet haben, versprochen. .Bor wenigen Jahren brach die Schweineseuche in den Gemeinden Krofdorf-Gleiberg «aus. Tie Gemeinde hatte bis dahin viele Jahre hindurch Schweine gezüchtet und weit über den eigenen Bedarf hinaus gemästet. Sie unterhielt einen Hirten, der die ganze Herde täglich in den Wald trieb, beschickte jeden Gießener Markt mit einer kleinen Herde vott Zuchtschweinen. Tann brach die bei uns bis dahin unbekannte Schweineseuche aus, fast der ganze Bestand an Schweinen ging zu Grunde oder mußte beseitigt werden. Tas Vermögen der eigenen Versicherungskasfe reichte nicht aus. Um den Schaden zu decken, mußten diachschüsfe erhoben werden. — Tie Gemeindeangehörigen züchten seit dieser Zeit keine Schweine mehr. Aehnliche Begebnisse trugen sich in anderen Gemeinden der Umgebung Gießens zu. Ich erinnere nur an die zahlreichen Nutz- tiere, die in W i e s e ck vor wenigen Jahren an der Maul- und Klauenseuche zu Grunde gingen. — Nach der Statistii haben die Nutztierbestände in Teutschland, mit Ausnahme der Schafe, in jedem Jahr bedeutend zugenommen. In welch ganz anderem Maße würden sie aber zugenommen haben, wenn sie nicht durch die fortgesetzt eingeschleppten Seuchen dezimiert worden wären und wenn infolgedessen die Lust, Nutztiere zu züchten, in zahlreichen Gemeinden Teutschlands in ähnlicher Weise wie bei uns abgenommen gehabt hätte. —
Seitdem die Grenzen besser behütet sind, hört man von den Viehseuchen nur selten etwas. Turch eingeschmuggeltes Vieh treten sie hier und da auf, können aber meist rasch im Entstehen unterdrückt werden. Tie hohen Fleischpreise locken, es sind ungeheure Mengen von Schweinen herangezogen, die Ställe sind gefüllt. Würde jetzt die Reichsregierung die Grenzen für lebendes Vieh noch weiter öffnen, denn ganz geschlossen sind sie ja nicht, so würden alsbald wieder die Seuchen unter unseren Viehbeständen wüten, zahlreiche Tiere würden zu Grunde gehen und aufs neue die Mutlosigkeit unter den Viehzüchtern Teutschlands einreißen. Tarin fingen wir in einigen Jahren wieder von vom an und die Fleischnot von heute, bie jedenfalls leichter zu tragen ist, als die hochgehenbe Flut von Handel
Utaudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Einführung der Federwesteu. — Thealerernte: erster Schnitt: Die Liebesschaukel, Schuapphahne, Kaltwaffer, Der Schatzgräber, Manna Vanna.
Im Interesse des oft für den Fußgänger bedrohlichen Straßenverkehrs hat die Polizei jüngst bie Direktion der Großen Berliner Straßenbahn veranlaßt, die Stirnseiten ihrer sämtlichen Wagen mit den sog. „Federwesten" zu versehen, jenen Schutzvorrichtungen, aus federnden Eisenbändern zusammengesetzt, die sich schon vor Jahr und Tag bei Probeanwendungen als praktisch und Hilfe gewährend erwiesen haben. Da auch die gefährlichsten Kreuzunaspunkte jetzt stets mit gut instruierten und zumeist sehr umsichtigen Schutzleuten besetzt find, die den Verkehr für Wagen und Fußgänger regeln, so wird die Statistik der kommenden Monde in nicht unwesentlichen Differenzen beweisen, wie notwendig dergleichen war. Nörgler behaupten, so weit hatten wir schon lange sein können, und pfeifen dabei das Lieb von der österreichischen Landwehr; aber die riesige Verkehrssteigerung der letzten Jahre läßt das langsame Tempo, tu dem die Neu-Einrichtungen kommen, wohl begreiflich erscheinen.
Die jetzt endlich voll einfetzende Thällgkeit unserer Bühnen giebt den so kritisch veranlagten Spree-Athenern eine Ablenkung von solchen und anderen Dinaen. Fast überall sind schon kleine Schlachten geschlagen. Im „Trianon-Theater", dem kleinen intimen Bühnenhäuschen unter den Stadtbahnbogen bei der Friedrichstraße, drin Otto Julius Bierbaum voriges Jahr seinen kurzen Direktor- Traum — kling, klang, gloria — Ping, Pang, verloria! — träumte, gab man bie von Halm übersetzte Donnay'sche ,Liebesschaukel" mit ausgesprochenem Erfolg. Die Liebes- schautel ist der famose Balken, der über irgend einen Hebelpunkt gelegt, bald hier, bald dort, in bie Höhe geht und in die Tiefe schnellt. Er veranschaulicht das Schwanken des Herzens, das bald für diesen, bald für jenen mehr oder weniger schwärmt, trotz den Fesseln der Ehe- und doch alles in Ehren und ohne Entgleisungen ä la Residenz- Theater ! Dieser Donnay ist ein kleiner Philister, aber geistreich und liebenswürdig, was man nicht auch dem Verfasser der „Schnapphähne" zuerkennen darf, mit denen das „Schauspielhaus" seiyen diesjährigen Feldzug eröffnete. Das Stück, von Waller Bloem, einem Elberfelder Rechtsanwalt, verfaßt, spielt in der Zeit der Wegelagerer, denen Kaiser Rudolf an den Kragen ging, und führt nach
kleinen Raubritter-Abenteuern den Sohn eines reichen Äauf»: Herrn in die Arme eines minniglichen Edelfräuleins unter Versöhnung der beiderseitigen Väter, die so den Zusammenschluß von Ritter- und Bürgertum symbolisieren sollen.: Die Sache stimmt historisch leider nicht ganz, da Schnapphahn bekanntlich den Pseffersack auch noch etliche Jahrhunderte später für das ihm zustehende Edelwild hielt — aber das liebe Publikum nimmts damit nicht zu genau. Ludwig Fulda brachte im „Lessing-Theater" seine Komödie „Kallwasser" zur Aufführung, das sich ein wenig über modernes Kurwesen moquiert. Es spielt in einem Sanatorium für Nervenkranke, hat aber sonst nichts weiter Aufregendes. Tie zündende Wirkung des „Talisman" wird es nirgends erreichen. Am „Deutschen Theater" ist zunächst ein Stück von dem Odenwälder Carlot Neuling „Der Schatzgräber" abgelehnt worden, weil es dem prüden Teil des Publikums zu „unsittlich" war. Ein Stück für Backfische war es auch nicht, aber nicht etwa lüstern, sonbem In der Zeichnung feiner Bauerntypen herb-ehrlich und allerdings derb-deutlich. Dafür hat bald darauf „Monna Vanna" gefallen, das eigentlich noch viel gewagter ist, Mer machte es nun der Name Maeterlinck, der für seine geheimnisvoll Mystik feine kleine Gemeinde in Berlin hat, oder thut es das Renaissance-Milieu, das so wohl- thuend absticht gegen das moderne Bauerntum — wenigstens für das Premiören-Konventikel unserer Theater — die gefährliche Situation, in der der Belagerer Pisa's als Entgelt für seinen Abzug bie schöne Monna Vanna, bie Gattin b es Verteidigers Guido Colonna, allein und nur in ihren Mantel gehüllt, für eine Nacht verlangt, und diese sich, bie Pisaner zu retten, dazu bereit erklärt, fanb keine entrüstete Ablehnung. Monna Vanna führt ihren Vorsatz aus, bleibt rein und unberührt, sindet bei ihrem Gatten jedoch keinen Glauben und bekennt sich endlich zum Gegenteil, um den gefangenen Prinzivalli, den einstigen Belagerer, der ihr Jugendgespiele gewesen, zu retten. Es steckt viel Seelenkunde, viel überraschende Lebensweisheit in diesem „Maeterlinck", der eine ungeahnte dramatische Kraft auf weist. _______ R.
Die Frau der Gegenwart im Umgang und Verkehr (Weiblicher ,Migge"). Von Zoe v. Reuß. Verlag von Wilhelm Aiöller, Berlin S., Prinzenstr. 95. Preis Mk 2. Es ist ein glücklicher Gedanke, Kurgge's Umgang mit Menschen für bie Bedürfnisse der Gegenwart zu vervollständigen. Tie Lebens- und Umgangsregeln, die der alte Baron Knigge, dessen 150. Geburtstag am 16. d. M. war, und der einst als Hess. Hofbeamter in Kassel, Hanau
und Frankfurt lebte, in seinem berühmten Buche vor nahezu 120 Jahren bot, sind heute noch brauchbar. Tie Frau aber, als eigenes selbstthätiges Geschöpf, existiert im „Knigge" nirgends. Allenthalben ist sie nur die Zugabe, als Anhängsel des Mannes, ein liebenswürdiges ober verderbenbringendes, ein Engel oder Teufel. Dieser Umstand mußte sich in der Gegenwart als Mangel erweisen. — Die Verfasserin der „Frau der Gegenwart im Umgang und Verkehr" hat es nun unternommen die Lücke auszufüllen, und das Fehlende zu ergänzen, und auf solche Weise das verdienstvolle Buch hierdurch gewissermaßen der Gegenwart zurückzugewinnen. Sie hat die gesunden Anschauungen des Buches adoptiert, sie aber gleichzeitig auch vertieft, und dem „Kleingeld" Kingge's stellenweise schwereres und gewichtigeres Metall beigemischt. Das Buch bringt die Frau zur Erscheinung, mit ihren neuen, großen Rechten und Pflichten — im Hause und im öffentlichen Leben, es zeigt ihr, wie sie handeln soll, um fest zu stehen, und den erschwerten Kampf ums Dasein erfolgreich zu führen. So ist das Buch ein Leitfaden für das verheiratete und unverheiratete Weib.
Frankfurt a. M., 16. Oft. Um den Opernhauskonzerten vermehrte Anziehungskraft zu sichern, will Intendant Jensen in diesem Winter den nicht uninteressanten Versuch mit Dirigenten-Gastspielen machen. Für das gestrige erste Konzert wurde Felix Weingartner berufens welcher in seiner Doppeleigenschaft als Dirigent und Komponist erschien. In ersterer Eigenschaft fand er in unserem Opernhaus bei den Kennern bereits Bewunderung, als er, noch Neuling und unberühmt, während einiger Monate den wegen Krankheit beurlaubten Kapellmeister Desoff vertrat. Und gestern weckten die vollendete Wiedergabe von Liszt's symphonischer Dichtung „Les Preludes", wie nicht minder die prächtige Begleitung des von Alfred Reisenauer vorzüglich gespielten Klavierkonzerts (A-dur> von Liszt tiefgehende Begeisterung. Weniger Glück hatte der Komponist Weingartner, da seine symphonische Dichtung „König Lear" enttäuschte, und nur einen Achtungserfolg gewann. Seine als Hauptnummer gespielte Symphonie Nr. 2 (Es-bur), eine etwas opernhaft fiingenbe, an Reminiszenzen, aber auch an Schönheiten reiche Komposition, sand vielen Beifall.
Das Frankfurter Streichquartett wird diesen Winter drei Kammermusik--Wende abhalten nnb zwar am 27. Okt. und 15. Dez. b. I., sowie am 2. Marz 1903. Ter erste dieser Mende bringt Werke von Brahms. Selles und Gernsheim.


