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Erstes Blatt. 152. Jahrgang
Dienstag 18. März 1902
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem yesflscheu Landwirt die Siebener Kamilien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'sehen Unrvers.-Buch-u.Stem- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, (Srpebttton und Druckerei:
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Fcrnsprechanschluß Nr. 51.
GietzenerAnzeiger
vjr General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Netzen
Bezugspreis: monatlich 75 Pf.,viertel jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2.— viertel- jährl. ausfchl. Bestellg.^ Annahme von Anzeigen für dle Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr»> Zeilenpreis: lokal 12 Pf^' auswärts 20 Pfg.
Verantwortlich: für den oolit. u. allgem.' Teil: P. Wittko: für „Stadt und Land" und „ G erich tssaal": R. D i t t- mann; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Bekanntmachung.
In Nieder--Wöllstadt, Kreis Friedberg, ist die Maul- urrd Klauenseuche erloschen.
Gießen, den 17. März 1902.
Großherzo glich es Kreiscrmt Gießen.
v- Bechtold.
Gießen, den 16. März 1902. ödru Errichtung und Einrichtung der Fortbildungsschulen, hier: Darstellung des Zustandes derselben.
Die Großh. Kreisschulkommission Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 4. v. Mts. (Kreisblatt Nr. 18) noch nicht entsprochen haben, werden au deren alsbaldige Erledigung erinnert.
v. Bechtold.
Politische Tagesschau.
Die Warschauer Spioneugeschichte.
Polnische Blätter melden aus Warschau, Kwan zig Offiziere seien wegen Verbindung mit dem Oberstleutnant Grimm verurteilt worden. In einer der letzten Nächte seien wieder eine größere Anzahl horerer Offiziere, darunter am Hofe bekannte Personen, eingeliefert worden, sodaß die Gesamtzahl der Verhafteten 60 betrüge. Russische Geheimpolizisten seien nach Krakau gekommen, um aridere Mitschuldige, die sich durch Flucht der Verhaftung entzogen hätten, dort zu verfolgen. Grimm soll selber als russischer Kundschafter im Auslande gewirkt und ein Doppelspiel getrieben haben, sodaß sein Verkehr mit verdächtigen Personen nicht auffiel. Er habe im Palais Zamoyski gewohnt, wo auch die Generalftabsbureaus untergebracht sind, und eine Abteilung geleitet, die besonders die Mobilisierungspläne, die Rückzugspläne, die Festungspläne von Warschau und anderen Orten umfaßt habe. Grimm habe sie sämtlich, nach, den polnischen Blättern, an Deutschland verkauft. Die Polizei habe ihn durch einen Brief in das Hotel Anglais gelockt, das von Gendarmen umstellt worden sei, während man seine Wohnung durchsucht habe.. Gegenwärtig sei er in der Warschaue-r Zitadelle in Haft. Der Lemberger „Slovo Poliki" meldet aus Warschau, Grimm wurde von der russischen Armeeleituug selbst zu, Spionage im Auslande benutzt und hatte Befehl, mit allen als Spionen bekanntne Personen in Verkehr zu treten. «Er soll in dieser Beziehung wertvolle Dienste geleistet haben und genoß daher das volle Vertrauen seiner militärischen Vorgesetzten. Daher konnte er unbehindert mit ausländischen Spionen verkehren. Grimm soll nach Angabe der Einen durch seine eigene eifersüchtige
Frau, nach Angabe Anderer durch eine aristokratische Dame, die sich zeitweise in Wien aufhalt und mit der er in Verbindung trat, verraten worden sein, weil er ihr das Honorar, mehrere tausend Rubel, für früher geleistete Dienste vorenthielt. Uebrigens soll der durch Auslieferung der Pläne verursachte Schaden nicht allzu groß sein, weil die Mobilisierungspläne alle drei Jahre gewechselt werden. Trotzdem soll der Zar tief niedergeschlagen sern. Der Kriegsminister erteilte den Auftrag, sofort alle Plüne, die Grimm kopiert habe, gänzlich umzuarbeiten. Es steht ein vollständiger Personenwechsel in allen oberen Militärstellen bevor, da sich das Mißtrauen aller gegen alle bemerkbar macht. Der zweite Chef des Generalstabes, General Hertavann, demissionierte. Außerdem sollen noch überraschende Enthüllungen bevorstehen, die als „europäische Sensation" bezeichnet werden müßten. Es wird aber wohl so schlimm nicht sein!
2. Sitzung Grotzh. Handelskammer Gießen, fiir die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach.
Protoko ll-Aus zug.
Gießen, 14. März.
Anwesend find die Herren: Kommerzienrat Koch, Vorsitzender, Kommerzienrat Heichelheim, Balser, Dürbeck, Grünewald, Hoos, Jhring, Katz, Moll, Nowack, Rinn, Röhr, Schirmer, Schmall, Steinecke, Wallach und Zurbuch, sowie der Sekretär Karl Vogel.
Entschuldigt fehlte Herr Ramspeck.
1. Ges chüs ts b er icht. Aus dem Geschäftsbericht ist hervorzuheben: Durch Ausnahmetarif für Eisenerz, abgerösteten Schwefelkies zum Hochofen- und Bleihütt-enbetrreb sowie Koks zum Hochofenbetrieb vom 1. Juni 1901 war der Einheitssatz pro Tkm. bei 1 bis 100 Km. Entfernung aus 1.8 Pfg., bei 101 bis 190 Km. auf 1.5 Pfg., bei 191 und mehr Kilometer aus 1 Pfg. festgesetzt. Dadurch sind die hessischen Gruben für ihren Versand nad). dem rheinisch? westfälischen Jndustriebezirk ungünstiger gestellt worden als die elsaß-lothringischen, da sie für den Vorzugsfrachtsatz von 1 Pfg. wegen der geringen Entfernung nicht in Betracht kommen. Die Kammer hat daher im Interesse der Berg- und Hüttenwerke unseres Bezirks beim Herrn Minister für öffentliche Arbeiten in Berlin eine weitere Frachtermäßigung für den Versand von Hessen nach dem rheinisch^- westsälischen Bezirk beantragt, um unsere Gruben konkurrenzfähig zu erhalten.
An die Königl. Eisenbahn-Direktion Frankfurt a. M. war das Ersuchen gerichtet worden, für den Sjo mm ersah rpl an einen Anschluß des bayrischen Schnellzugs 166, welcher nachmittags 4.21 in Frankfurt a. M. eintrifft, mit dem S.-Zug 77 der Ma i n - We s e r- Bahn — Abfahrt in Frankfurt a. M. 4.20 — herbeizu- sühren. Unser Antrag wurde ab gelehnt-, weil eine
solche Maßnahme eine gleichzeitige Späterlegung der unmittelbar nachfolgenden Personenzüge 797 Frankfurt-Cassel und 721 Frankfurt a. M.-Homburg bedingen und ferner die wichtigen Anschlüsse dieses Zuges in Gießen an den Personenzug 643 nach Coblenz und in Marburg an den Personenzug 779 nach Cassel ausgehoben werden würde.
Aus eine Anfrage der Königl. Eisenbahn-Verkehrsinspektion Fulda erklärte sich die Kammer, nach Anhörung der betreffenden Interessenten, mit Verlegung des Abfertigungsschlusses der Güterabfertigungsstelle in Lauterbach von abends 7 auf 6 Uhr einverstanden. Die Neuerung ist am 1. Februar in Kraft getreten.
Der uns gegenüber geäußerte Wunsch, für eine Verlegung des Bahn Hoss Ranstadt eintreten zu wollen, ist an die Großh. Betriebs-Inspektion II Gießen mit der Bitte um Berücksichtigung weiter vermittelt worden.
Die Großh. Bürgermeisterei Alzey teilte mit, daß beabsichtigt sei, für bevorstehenden Sommerfahrplan den Zug 431 Kaiserslautern-Mainz und Gegenzug 438 in Wegfall kommen zu lassen. Wir treten im Interesse unseres Bezirks bei Königl. Preuß. uni) Großh. Hess. Eisenbahn- Direktion Mainz für Beibehaltung der betreffenden Zugverbindung ein.
Im Januar d. I. trat die Kammer auf Antrag aus beteiligten Kreisen für tägliche Einstellung des bis jetzt nur an Sonn- und Feiertagen fahrenden Nach- mit tagszuges Hungeu-Laubach (ab Hungen 6.50) em, indem sie zugleich im Interesse des Arbeitervcrkehrs eine geeignete Späterlegung befürwortet. Dem Antrag ist nicht entsprochen worden. Unter Betonung der un- lohnenden Frequenz dieser Strecke erklärte die Großh. Ver- kehrs-Jnspettion, nur dann für die tägliche Einlegung des Mendzuges 1073 — Abfahrt 7.20 — und des Gegenzuges! 1074 befürwortend eintreten zu können, wenn auf bte bisher im Sommer beförderten Züge, Hungen ab 6.35 vorm., Laubach an 7.05 — Laub ach ab 8.15 vorm., Hungen an 8.47 verzichtet würde. Die Kammer wird auch fernerhin für die oben erwähnte, nötige Verkehrsverbesserung ein- treten.
Aus dem Kreise unserer Mitglieder wurden wir auf die vielfachen Klagen über die ungenügende Reinig u n g d e r A b s u h r st r*a ß e vom G ü t e r b a h n h o f hingewiesen. Wir haben deshalb die Großh. Verkehrs-Inspektion um Abstellung dieser Uebelstande ersucht.
Auf Anfrage teilten wir dem Großh. Ministerium der Finanzen, Abteilung für Steuerwesen mit, daß wir gegen einen Antrag des Hauptfteueramts Gießen, auf Verlegung der Geschäftszeit für Zoll- und Steuerabfertigungen an den Wochentagen von i/22 bis V26 auf 2 bis 6 Uhr nichts einzuwenden hätten, ihn vielmehr nur befürworten könnten. Die betreffende Bestimmung ist am 1. Februar 1902 in Kraft getreten.
Nachdem' »das Ministerium des Innern den von der
Gießener Stadtthcater.
Es lebe das Lebe«,
Drama in 5 Akten von Hermann Sudermann.
(Buchausgabe bei Cotta in Stuttgart, 172 S., 3 Mk.)
Kurz vor Thoresschluh bescherte uns die Direktion unseres Stadttheaters noch die bedeutendste Novität des jungen Jahres. Das Urteil Berlins und Frankfurts, das nicht günstig lautete und in der Regel die Provinzialbühnen zu bestimmen pflegt, verliert bei Sudermann seine Geltung. Bei ihm darf jeder Theaterdirektor stets zum mindesten auf einen äußeren Erfolg hoffen, denn er bewährt sich immer als Freund und Liebling des deutschen Theaterpublikums in seiner weit überwiegenden Mehrzahl, wie Sardou der Liebling der Franzosen und der Deutschen ist; Beweis dafür: der erneute Erfolg seiner längst abgespielten „Madame Sans-Gene" in unseren Tagen. Und vielleicht wird nach Jahren Sudermanns „Es lebe das Leben" in französischen Provinztheatern die nämlichen Triumphe feiern, wie Sardous ungeniertes Drama heute noch bei uns; ba§ Zeug dazu hat das Sudermann'sche Stuck.
Hat Sudermann den Berliner und Frankfurter Mißerfolg verdient ober nicht? Hat man das Recht, ihn auch nach seinem neuesten Drama in einen Topf mit dem geschickten Theatermacher Sardou zu werfen? Die Kritik in Hamburg, Köln und anderen bedeutenden Theaterstädten urteilte, nach den kurzen Notizen, die uns darüber vorlagen, anders als die „maßgebenden" Rezensenten an der Spree und am Main. Und Gerhard Hauptmann sagt einmal sehr richtig: „Das große Mißlingen kann mehr bedeuten, als je das beste Gelingen vermag." Die Worte stammen aus seinem als Drama mit Recht allenthalten schmählich abgefallenen „Michael Kramer", der m. E. eine Meisternovelle in Dialogform ist. — Unser Theaterpublikum, das überaus zahlreich erschienen war, entschied sich zu Gunsten Sudermanns.
„Es lebe das Leben!" Wie fioh das klingt! Geltung hat's leider nur sehr bedingt. Sudermann hat uns in feinen Dramen zumeist das Evangelium des Lebens verkündet. Die kleine Alma in der „Ehre" lachte noch naiv zu ihrer Sünde; Frau Ada in „Sodoms Ende" ist die bewußte eitle Sünderin ohne geistige, im Boden einer persönlichen Lebens- anschauung wurzelnde Anwartschaft auf eine Sondermoral, die Verführerin, an der des Mannes Leben zu Grunde geht; Magda in der „Heimat" erringt sich, ohne Rücksicht auf ihre Nächsten, ein freies persönliches Leben, zu dem sie frei- üch sich selber mehr prahlerisch überredet als andere überzeugt;
Elisabeth im „Glück im Winkel" wird aus der Stille der Resignation zum überwundenen Leben und Lieben neu aufgerüttelt, um bann roieber im Sinne des Lessing'schen Sichbescheidens selbstlos hinter dem Glück der Ihren sich zu verbergen; die „Morituri" spielen mit dem Leben, werfen es von sich wie etwas Verbrauchtes als seine Uebenmnber und Verächter; sie haben sein schmerzliches Glück genossen, im Gegensatz zu dem Lebensüberwinder „Johannes", der um die geistige Wiedergeburt des Lebens ringt; Marikke im „Johannisfeuer" endlich sttehlt sich ihr bischen Recht auf Lebensfreude, entsagt aber, um von einem kurzen Genuß zu zehren, ehe sie der Pflichten gegen andere vergißt. Von denen, die sterben müssen, weil sie ihr eigenes Leben gelebt haben, und denen, die leben müssen, weil sie in sich gestorben sind, handelt Sudermanns letztes Stück.
Wägen wir die Fülle der Sudermann'schen Gestalten von seinem dramatischen Erstling an gegen einander ab, so sehen wir, daß Sudermanns Motivirungen von Stück zu Stück edler, das Psychologische feiner, jede einzelne Gestalt gereister geworden ist. Und einen Schritt vorwärts auf der ansteigenden Bahn bedeutet auch „Es lebe das Leben".
Beate Gräfin v. Kellinghausen hat an der Seite eines prächtigen, lebensfrischen Mannes von kerngesundem Geist und Körper, dem aber leider, wie seinem älteren Kameraden v. Räcknitz, die Pferde noch höher im Werte stehen als die Weiber, zwanzig Jahre ganz glücklich gelebt. Er hat sie in seiner Art riesig gern, sie aber verlangt von ihrem Manne doch etwas mehr. Denn sie ist eine Höhennatur, die Blüte einer geistig und körperlich vollendeten Kultur. Ihr Gatte war jahrelang eins der beliebtesten Mitglieder einer großen Reichstagsfraktion und so gelang es ihr durch ihn, als eine neue „Egeria" die Fäden der gesamten Parteipolitik mit ihren zarten Fingern zu spinnen. Ihre „polizeiwidrig klugen Augen" beherrschen das Leben aller derer, in das sie blicken. Ihren durch lange Krankheit geschwächten Körper hält eine starke geistige Thätigkeit, unterstützt durch die Fläschchen eines Medizinmannes, aufrecht. Sie liebt das Leben mit ihrer ganzen Schönheit und Gewalt und will es bis zum letzten Atemzuge auskosten. Und sie hat es auch gekostet. Im Baron Richard v. Völkerlingk, der an einer oberflächlichen Frau leidet, hat sie eine wahlverwcmdte Natur gefunden, den Mann, der ihr die Harmonie des eigenen Lebens, das Leben selber bedeutet. Ihm gab sie sich hin, als sie bereits die Gattin des Grafen Kellinghausen, ja die Mutter eines Töchterchens war. ~ Ihr bedeutet die Hingabe keine Sünde, ihr „war es eine Stufe empor zu ihrem Selbst — zur end
lichen Erfüllung der Harmonie, die die Natur mit ihr im Auge hatte" (4. Akt, 11. Szene). Beate, die „Glückselige", hat sich, überzeugt vom natürlichen Recht der Persönlichkeit, auf den Boden einer Sondermoral gestellt; Nietzsche's Philosophie hat ihre Lebensanschauung bestimmt. Sie sieht in seiner Universalmoral das alte Astartenideal, dem man noch heute wohl unsere Seelen opfert. Sie bestreitet den Segen einer allgemeinen Moral, die der Gesamtheit das ethische Gleichgewicht und möglichste Reinheit sichern soll, denn der Begriff Gesamtheit scheint ihr nicht in logischem Zusammenhang zu stehen mit einer Moral, die die Einzelnen zu Millionen verderben läßt, „wenn nur die Gesamtheit hübsch gesund bleibt". Von dem anerzogenen Gewissen der Allgemeinheit wird sie verdammt, von dem eigenen Gewissen freigesprochen. Dieser Persönlichkeitsmoral, einer Moral, die zweifellos den Standpunkt von „Sodoms Ende" und von der „Heimat" überragt, stellte Sudermann geschickt die Praxis einer staatserhaltenben, die traditionelle Moral schützenden politischen Partei gegenüber. Zu Völkerlingks Gunsten hat Graf Kellinghausen auf fein Reichstagsmandat verzichtet. In der Ersatzwahl siegt Völkerlingk. Der unterlegene Gegenkandidat aber hat, wie das im breiten bürgerlichen Leben wohl auch eine schmutzige Konkurrenz in neidvoller Niedertracht thut, nach bekanntem Muster im Wahlkampfe vor keiner Gemeinheit zurückgeschreckt, die zwölf Jahre zurückliegenden intimen Beziehungen zwischen Völkerlingk und Beate agitatorisch ausgenützt und mit plebejischem Behagen in einem Winkel- und Skandalblättchen breitgetreten. Die Klatscherei einer Sorte Menschheit, die, gestohlenes Material in der Hand, andere mit Kot bespritzt, ruft natürlich in den Kreisen der betroffenen Partei Bestürzung hervor, denn Völkerlingk wird von ihr als eine Leuchte, als die kommende Größe angesehen. Der Parteichef selber bemüht sich die Sache schleunigst zu vertuschen. Ihm kommt es darauf an, daß die Gesamtheit seiner Partei vor allem nach außen hin gesund dasteht. Ob unter der Zwangsjacke der Gesell- schastsordnung auch eiternde Beulen am Körper der Einzelnen wuchern, ob diese knechtende Moral auch die Seele des Einzelnen zerstißt — man darf um keinen Preis „aus dem Stil fallen". Herr v. Brachtniann warnt eindringlich, der Sache irgend welche Bedeutung beizulegen oder gar die Gerichte in Bewegung zu setzen. Er erzählt ganz munter, daß er von gegnerischer Seite als Brandstifter, Wechselfälscher, Verleiter zum Meineid und ähnlichen Gesellschaftsspielen verdächtigt worben ei. So etwas bringt eben jebe exponierte Stellung im öffentlichen Leben mit sich, zu der nun einmal ein besonders


