Ausgabe 
18.1.1902 Drittes Blatt
 
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Nr. 15

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem keffifchen Landwirt die Siebener Zamilien- blSfter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh l'schen Unioers.-Buch» u.Stein- druckerei (Piets ch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:

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Ndresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

FtrnsprechanschlußNr.51.

Drittes Blatt. 153. Jahrgang Samstag 18. Januar 19058

__. _ _ Vezugspret-r @ A HtT W monatlich 7bPs.,viertel-

W . jährlich Mk. 2.20; durch

GiehenerAnjeigers

General-Anzeiger v ää

y für den polrt. u. allgem.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WKZ zeigenteil: Hans Beck.

Plaudereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Engländer in Berlin. Wandel im Straßenverkehr. Richter Lynch an der Spree.

Der Himmel schickt den Arbeitslosen Beschäftigung; es schneit und schneit in Berlin, und der Schnee bleibt liegen, und es wird richtig noch einmal Winter, trotzdem derVogel Bülow", auch Pfingstvogel und Pirol genannt, eben noch so schön gepfiffen hat, der doch bekanntlich nur um Pfingsten hemm zu hören sein soll. Freilich, unserVogel Bülow" richtet sich ebenso wenig nach dem Kalender, wie nach dem Barometer. Er sucht auch nicht das Dickicht auf, wo ihn niemand hört, sondern wählt Plätze mit der besten Akustik, wie den deutschen Reichstag aus, um von hier aus seine schallenden Weisen zu pfeifen, unbekümmert darum, ob der diebischen Elster und ihrer Sippe das Lied gefällt ooer nicht. Boni Völkerpfingsten sind wir also trotz unseresVogel Bülow" noch recht, recht weit; aber erfreulich vornehm sind wir in Berlin, als der führenden Stadt des Reiches, doch geworden. Das haben die Chinesen in der kritischen Zeit des Vorjahres empfunden und anerkannt; das erleben augen­blicklich die in Berlin zu längeren: oder kürzerem Aufenthalt anwesenden Engländer. Die Kolonie ist nicht klein. Kauf­leute, Sprachlehrer, Sportsmen und ihr Anhang, vor allem auch Künstler leben in der deutschen Reichshauptstadt eine ganz ansehnliche Zahl. Macht es die deutsche Luft, daß sie die Verhältnisse in Südafrika mit ganz anderen Augen an­sehen wie die meisten ihrer Landsleute? Verschiedentlich hört ich aus ihren Kreisen heraus die lebhafteste Mißbilligung über die Haltung der englischen Preffe gegen Deutschland äußern. Nur wenige von ihnen leiden an der maßlosen Selbstüberschätzung, die den meerumschloffenen Briten sonst auszeichnet. Die Mehrzahl bedauert die Chamberlain'schen Entgleisungen,

und hat wohl längst erkannt, daß die Parallelen zwischen unserem ftanzösischen Feldzuge und der leidigen Transvaal- Affaire ebenso ungeschickt wie unhaltbar sind. Berlin rächt sich denn auch, wie das sonst schon und auch in London üblich gewesen ist, nicht durch Verfehmung englischer Elemente, sondern bewahrt ihnen gegenüber nach wie vor die artige Haltung des gebildeten Gastfteundes. Während deutsche Künstler in Krakau, Budapest re. aus politischen Gründen am Auftreten verhindert wurden, gaben in Berlin englische Vir­tuosen gut besuchte Konzerte, ernteten reichlichen, oft enthusiast­ischen Beifall und erzielten angenehme Kritiken. So konzer­tierte in der vorigen Woche Arthur Speed, ein englischer Pianist, und Parry Such, der nicht mehr unbekannte Violoncello-Spieler von der Themse, in der Sing-Akademie; und im Bechsteinsaale gab Herr Donald Francis Trvey aus London am Samstag den ersten seiner vier Kammer­musik-Abende. Sie können sämtlich mit dem Verlauf ihrer Konzerte zufrieden sein, obgleich wir in Deutschland eigentlich einen Mangel an Künstlern von ähnlichen Qualifikationen bisher nicht gerade haben spüren können. Von derHetze" gegen England ist also nichts zu spüren, wenn man sie nicht gerade in den englischen Zeitungen sucht. Die gesellschaft­lichen Beziehungen des Hofes zur englischen Botschaft haben auch keinerlei Stürungen erfahren. Old-England kann sich wirklich nicht beklagen; höchstens darüber, daß wir zu höflich mit ihm verfahren trotz unserer Antipathien gegen seinen Kolonialsekretär und seine Leibgarde! Diese Antipathieen fteilich sind da, und zumal da, wo Veteranen von Metz, Sedan und Orleans ihren Abendschoppen stechen, kann man manch' kräftig Wörtlein zu hören bekommen. Auch schlechte Witze kann man dort über sie hören, z. B. fragt da einer ironisch, welches die verträglichste Nation sei. Und die Ant­wort lautet: Natürlich die Engläuder, denn sie suchen mit guten Minen aus dem bösen Spiel zu kommen! rc.

Gute Mienen, aber mit e, zeigen seit kurzem auch die

Paffanten der sonst so schwer zu kreuzenden Verkehrszentren am Potsdamer Platz, an der Leipziger- und Friedrichstraßen- Ecke, am Spittelmarkt, Alexanderplatz rc. Der Polizeipräsi­dent hat nämlich endlich eine Regelung des Verkehrs einge­führt, der lange Bedürfnis war, und in New-Pork, London rc. schon seit Jahren gepflegt wird. Der vorhandene Schutz- mannspvsten läßt durch ein bestimmtes Zeichen sämtliche Gefährte auf eine kurze Pause halten und führt die betref­fenden Fußgänger, wenn nötig, selbst nach der andern Seite des Platzes oder die Straße hinüber. Diese Einrichtung wird allgemein mit Freuden begrüßt und sehr in Anspruch genommen. So haben wir auch auf diesem Gebiete endlich einen erfreulichen Schritt vorwärts gemacht. Auf manchem andern fteilich wirds schlimmer und schlimmer. Die eben beendigte Verhandlung gegen den Raubmörder Jänicke giebt davon ein krasses Beispiel. Selten wohl hat Jemand mit größerem Cynismus ein solches Verbrechen begangen und eingestanden. Und die Gruppe dieser arbeitsscheuen, jungen Taugenichtse, aus denen dergl. schreckliche Gesellen heraus­wachsen, wird immer größer. Unlängst beobachtete ich, wie ein solcher Lümmel eine alte Frau mit bösen Reden und Drohungen auf der Straße verfolgte. Sie mußten sich wohl kennen; denn er verlangte Geld von ihr, offenbar zum Ver­trinken. Und als ihm das geängstigte Mütterchen endlich eine Mark aus ihrer Tasche holte, warf er diese hohnlachend in den Straßenschmutz und versuchte, die Frau durch Schläge zu einem größeren Opfer zu veranlassen. Das Publikum jedoch nahm sich der Alten an, die thatsächlich die Mutter des ver­kommenen Lüderjahns war, und spielte den Richter Lynch. Und das gehörig. Ein alter, gutgekleideter Herr zog sogar die Handschuhe ab, um seinen Spazierstock besser handhaben zu können. Als der Unhold windelweich war, kam ein Schutzmann und führte ihn ab. Und es war erfreulich, daß er sich nicht früher bücken ließ! A. R.

Herstellung von Mundwässern lag bis vor ca. 10 Jahren fast ausschließlich in den Händen von Parfumeuren und Droguenhändlern. Die Wiffenschaft bekümmerte sich zu jener Zeit noch wenig um Mundreinigungsmittel. Begegnete man doch damals vielfach der Ansicht, daß eine Zahnseife oder ein

paar Tropfen kölnischen Wassers oder eines anderen Parfums in Wasser zur Zahnpflege genügten. Inzwischen wurden ein­gehende Studien und Untersuchungen ausgeführt, und es stellte sich heraus: a) daß eine unsaubere Mundhöhle die

schwersten körperlichen Leiden im Gefolge haben kann; b) daß die Zahnpflege nur dann ihrem Zwecke entspricht, wenn sie mit Hilfe von Zahnbürste und einem richtig hergestellten antiseptischen Mundwasser ausgeübt wird; und c) daß es zu den schwierigsten Aufgaben gehört, ein Mundwasser herzustellen, das allen wissenschaftlichen Anforderungen entspricht*). Die Anforderungen, die an ein gutes Mundwasser gestellt werden müssen, sind folgende: es darf 1) weder die Zähne angreifen, 2) noch die Mundschleimhaut ätzen, 3) es muß ausreichend antiseptisch (säulniswidrig) wirken und 4) guten Geschmack und Geruch besitzen. Die meisten chemischen (antiseptischen) Grundstoffe, die bisher zur Herstellung von Mundwässern für geeignet gehalten wurden, mußten (nach dem Ergebnis jener Untersuchungen) ohne weiteres als untauglich ausgeschieden werden, weil sie entweder, wie die antiseptischen Säuren, Sublimat u. a., die Zahnsubstanz angreifen (entkalken) oder aber, wie übermangansaures Kali, Formalin, Wasserstoffsuper­oxyd, Tannin, Seife (alle Zahnpasten enthalten Seife) u. a., die

Mundschleimhaut erheblich schädigen. Die Schädigung der zarten Mundschleimhaut ist noch weit nachteiliger als die Schädigung der Zähne.

Kein einziges Mundwasser des Handels außer Odol hat diesen rigorosen Prüfungen Stand gehalten. Nach den über­einstimmenden Urteilen hervorragender Forscher*) entspricht Odol zur Zeit den obengenannten vier Bedingungen am voll­kommensten und ist daher als das absolut beste von allen gegenwärtig bekannten Mundwässern bezeichnet worden.

*) Am liebsten hätten wir diese Untersuchungen vollständig ver­öffentlicht. Wir befürchteten indessen, daß dre meisten Leser e§ mißliebig empfinden wurden, wenn wir chnen an dieser Stelle Tabellen und Zahlenwerte vorführen wollten. Den spröden Stoff in einem allgemein verständlichen Plauder-Style klar zu legen, war absolut unmöglich. Wir haben deshalb Auszüge der inter­essantesten Untersuchungen drucken lassen und werden sie jeder­mann, der dieserhalb an uns schreibt, sofort kostenfrei zusenden.

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