Ausgabe 
17.5.1902 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 114 rfftetnt täglich außer Sonnlags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Sesstschen Landwirt bte Siebener Famillen- Nätter oierinal in der Woche beigelegt.

ptototionSbrucf u. Ver­lag der Brüh l'scheu Univers.-Buch- u.Steiu- bruckerei (Pietsch Erbeut Redaktion. Trpeditton und Druckerei:

Schnlstraße 7.

Adrefie für Depeschen: Anzeiger ließen.

Kernsprkchlmschluß Nr. 51.

Drittes Blatt. 153. Jahrgang Samstag 17. Mai 1S«S

jnSBEF A Ak '!r*1T Ä monatlich 7b Ps^ viettel^

SietzenerAMgers

General-Anzeiger v **

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MU

Aas AurscheuschaftsdenLmal zu Kiseuach. Aorbericht zur Denkmals-Enthüllung.) (Nachdruck verboten.)

g. Eisenach, 17. Mai.

Die Geschichte der deutschen Burschenschaft ist eng t>ei> Hunden mit der WartburgstadL, und es ist begreiflich, daß in den Reihen der alten und jungen Burschenschafter vor langen Jahren schon der Wunsch laut wurde, in Eisenach ein deutsches Burschenschaftsdenkmal zu errichten. Der Plan fand das lebhafteste Interesse des Großherzogs Karl Alexander. Als vor Jahren eine Deputation alter Burschenschafter in Sachen des Denkmalsbaues von chm in Audienz empfangen wurde, äußerte der Fürst:Das schönste Denkmal, das sich die deutsche Burschenschaft wünschen kann, besitzt sie schon; es ist das deutsche Reich, an dessen Bau sie redlich mitgearbeitet hat. Sie besitzt auch schon ein zweites, nämlich in Jena, und jetzt will Jie wiederum chre vaterländische Gesinnung durch die Errich­tung eines Denkmals in Eisenach bethätigen. Das ist ein gier Plan, der meine volle Anerkennung findet. Der

d des Denkmals entspricht den alten guten Absichten und en der deutschen Burschenschaft, mit denen ich stets einverstanden gewesen bin. Die Burschenschaft hat schwere Zeiten durchmachen müssen, aber daß der Kern ihrer Be­strebungen gut und richtig gewesen, hat der Erfolg gelehrt. Möge sie auch fernerhin, über Parteistreitigkeiten hinweg­sehend, nur das Reich im Auge behalten. Wir Fürsten haben dieselbe Aufgabe!" Mit diesen schönen Worten hat der kunstsinnige Großherzog den Zweck des Baues treffend gezeichnet. Dem Heldenkaiser Wilhelm I. und se inen Paladinen, die die patriotischen Ziele und Bestrebungen der Burschenschaften zu herrlicher, glanz­voller Vollendung gebracht haben, widmeten die deutschen Burschenschaften in dankbarem Gedenken das Denkmal, dessen Weihe in diesen Tagen stattfinden soll.

Der Bau hat eine wechßelvolle Geschichte. Als Stand­ort des Denkmals war ursprünglich der in unmittelbarer Nähe der Wartburg gelegeneMetilstein" und spater das an der TouristenstraK des Marienthals gelegeneBreiten- gescheit" ausersehen. Man gab indes diese Pläne wieder .ruf und entschied sich für die nördlich der Stadt gelegene aussichtsreiche Höhe des Wartenbergs. £der oben hatten 1817 im Anschluß an das denkwürdige Wartburgfest einige junge Burschenschafter in jugendlichem Uebermui mißliebige Schriften und andere Zeichen deutscher Schmach verbrannt, nicht ahnend, daß dieser Studentenstreich zu einer gefähr­lichen Staatsattion ausgebauscht werden und die folgen­schwere Dcmagogenverfolgung nach sich ziehen könnte. So war dieser Berg gewisicr maßen ein für die Geschichte der deutschen Burschenschaft dentwürdiger geworden, und lebhaften Widerhall fand deshalb weit über die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinaus der Gedanke, auf dieser windumbrausten Höhe das Denkmal zu errichten. Das zeigte sich besonders in der regen Betelligung aus allen Gauen Deutschlands, als in den Psingfttagen 1897 hier oben in feierlicher Weise der Grundstein zum Denkmal gelegt wurde. Ein imposantes Bauwerk sollle es werden, das nach dem Plane des Regierungsbaumeisters Z ei ß-Charlottenburg auf dem langgestreckten, kahlen Bergrücken erstehen sollte:

eine ün romanischen Stil, ähnlich dem bekannten Land­arafenhaus der Wartburg gehaltene Ruhmeshalle, an die sich ein 30 Meter hoher Turm mit drei Relief-Medaillons anschließen sollte, Bismarck, Mollke und Roon darstellend. In der Südseite des Turmes in einer rundbogigen Nische sollte das Standbild Kaiser Wilhelms I. und auf der Ost­seite des Denkmals das des Großherzogs Karl August von Weimar, des hochgesinnten fürstlichen Beschützers der Burschenschaft in schwerer Zeit, Platz finden. So verband dies projektierte Bauwerk in außerordentlich ansprechender Weise den Charakter des Denkmals mit dem des Wohn­lichen.

Wie ist's denn nun aber gekommen, so wird der Un- eingewechte ftagen, daß man in diesen Pfingsttagen auf einem ganz anderen Berge ein ganz anderes Denkmal, als das soeben beschriebene, enthüllt? Die Frage ist schnell zu beantworten. Man änderte das Projekt aus pekuniären und Zweckmäßigkeits-Gründen, und wechselte den Denkmals­platz, weil das in unmittelbarer Nähe des Wartenbergs gelegene Stadtbild durch eine umfangreiche Fabrikanlage keineswegs an Schönheit gewonnen hatte.

Das nunmehr vollendete Denkmal führt uns aus die im Süd osten Eisenachs, nahe dem Staotpark gelegene Göpelstuppe, einem bewaldeten Bergrücken, von dem aus man einen wundervollen Rundblick aus die Stadt und die zu ihren Häupten thronende Wartburg, sowie auf die wal­digen Höhen der Umgegend genießt. Hier steht es der Wartburg gegenüber, fest gefügt aus mächtigen Quadern, allen Stürmen und Wettern siegreich trotzend. Einen schöneren Platz, leicht und bequem zu Fuß und Wagen er­reichbar von den verschiedensten Orten der Stadt, hätte man zum Denkmal schwerlich finden können. Der monu­mentale, vom Architekten Kreis-Dresden entworfene Lau verkörpert in tünstlerischer Weise den buüschenschaft- lichen Gedanken. Auf ^reitgelagertem, mittels Treppen, Stützmauern und Rampen sich dem Gelände anpassendem Unterbau erhebt sich auf drei hohen Stufen der aus Mei­ninger Sandstein erbaute, antik-tempelartige, hochragende massige Bau, dessen Hauptkörper durch neun kräftige, vor­gelegte dorisierende Säulen gegliedert ist. Durch diese jtreng und straff wie Eichflämme aufstrebenden Pfeiler sollen die den verschiedensten deutschen Stämmen angehörenden deutschen Burschenschaften sinnbildlich angedeutet werden. Auf dem Hauptgesims prangt in großen gothisierenden Lettern der Wahlspruch der Burschenschafter:Ehre, Frei­heit, Vaterland!" Den in schönen Umrißlinien gegliederten Ausbau über dem HauptgejimS schließt die auf einem Kissen ruhende deutsche Kaisertrone ab, während die Ringsläche des die frrone tragenden Postaments mit Adlerwappen ge­schmückt ist. Die aus dem wuchtigen Unterbau, gleichsam herauswachsende Kaiserkrone versinnbildlicht die Erfüllung der von der deutschen Burschenschaft erstrebten Einheit Deutschlands. Die Kuppel zieren sechs ca. 80 Centimeter hohe, in Stein ausgehauene Medaillonbildex, welche fol­gende deutsche Heroen barstellen: Arminius, Karl der Große, Luther, Dürer, Beethoven unb Goethe. Die neun 15 Meter hohen und 21/2 Meter starken Säulen umschließen einen durch keinen Einbau gestörten Jnnenraum von acht Meter Durchmesser, der mit seinem Kuppelgewölbe in liy2 Meter Höhe überdeckt ist und durch schmale Schlitz­

öffnungen beleuchtet wird. Er bildet die eigentliche Ge- dachtnishalle. Die den äußeren Säulen entsprechenden inneren breiten Wandflächen sind zur Aufnahme von vier Widmungstafeln für die in den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71 für das Vaterland gefallenen oder an ihren Wunden gestorbenen 87 Burschenschafter, sowie für Statuen Kaiser Wilhelms I. und seiner Paladine und für das Blldnis Karl Augusts von Weimar bestimmt. Das Kuppelgewölbe, ist durch eine kunstvolle Mosaikmalerei von Prof. Guß- mann-Dresden geschmückt. Ter Einblick in das Heilig­tum unb bie Besichtigung der int Innern angebrachten Erinnerungstafeln und Statuen ist jederzeit von außen möglich, während von innen der Blick allseitig in die reifr* volle Thüringer Landschaft mit der Wartburg schweifen kann.

Die Halle, die eine Art Pantheon darstellt und mit Fenstern aus Antik- und Opalglas erhellt wird, enthüll die Statuen von Kaiser Wilhelm I., Bismarck, Roon und Karl August. Letztere ist 21/2 Meter hoch und aus ftanzösischem Sandstein gemeißelt. Der Schöpfer der Statue, Bildhauer Ho säus-Berlin, stellt den Großherzog in der Pekesche bar, über bie der offene Mantel herabfällt. Schlicht unb würdevoll steht der Fürst da, die Hände übereinander ge­legt, gestützt auf einen kräftigen Wanderstock. Ueber den Standbildern unb Tafeln stehen bie Namen der Vorläufer, Mitbegründer und Verteidiger der Burschenschaft, wie Fichte, Ardt, Jahn, Niemann, Horn, Scheibler, Oken, Fries, Luden. Die Kuppel ist sinnvoll dekoriert mit Adlerpaaren auf gol­denen Ornamenten unb einem Gemälde, welches den Kampf ber Äsen mit ben bösen Mächten, dieGötterdämmerung", darstellt. Kräftige, durch Decksteine verbundene Stein- psosten von fünf Meter Höhe unb einem Qm. Grunbfläche umschließen im Osten den Bau im Halbkreis unb bilden gewissermaßen einen Vorhof, der gelegentlich als geson­derter Festplatz dienen kann. In seine Äje soll späterhin noch eine große Burschenschaftshalle gebaut werden. Das Denkmal hat eine Höhe von 32 Metern und gewährt einen wuchtigen, dabei formschönen Eindruck. Weithin unb von vielen Orten sichtbar, verleiht es bem lanbschaftlichen Bild der Göpelskuppe, wie überhaupt dem ganzen Panorama Eisenachs einen ungeahnten Reiz.

So wird es zweifellos ein neuer Anziehungspunkt der Wartburgstadt werben, eine Wallfahrtsstätte vieler Tausenbe. Möge von ihm aus bnrschenschastliche Begeiste­rung hinausgehen in breite Schichten ber deutschen Be­völkerung, zum Segen nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung!

Hochfeine, stilvolle 1 Hof-Möbelfabrik und mn . 1 Kunstsohreinerei von

Einrichtungen j ä 758 Etablissement allerersten Ranges.

Grossh. Hessischer und Kaiserlich Russischer Hoflieferant.

Permanente Ausstellung von 120 Zimmer-Einrichtungen Auf Wunsch kostenlose Unterbreitung meiner Haupt-Kollektion.

Damen-Handscinihe Preislagen A. Waag, weg"?:

Plaudereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Reiseonkel und Provinzmimen in Berlin. Synoden-Eifer und feine Aussichten. Pfingufahrten. Die Geschichte der Mühle von Sanssouci.

Um Pfingsten herum blüht nicht nur der Flieder; auch die Kongresse schießen ins Kraut. So kam es, daß in der verflossenen Woche die geplagten Mitglieder jenes Stande^ in ganzen Rudeln anzutreffen waren, die das schöne Eichendorfssche Wort vom Wanderer folgendermaßen umgedichtet haben:

Wen Goll wlll rechte Gunst erweisen. Den läßt er bald nach Hause reisen!"

Ich meine die Geschäftsreisenden; die Reisediener, Wie sie in allen Zeiten hießen; die Commis Voyageurs, wie ie in den Witzblättern heißen, diemerkontilischen Ge- andten", wie sie bei guter Laune sich selbst zu nennen iflegen. In derNeuen Grünsllaße" hatten sie chre Ber- ammlungen. Eine Guirlande euer über die ganze Straße ort mit einem Transparent daran, daß die tiefsinnigen Buchstaben V. R- K. D. zeigte, machte schon von weitem daraus aufmerksam. DerVerband reisender Kaufleute Deutschlands" mögen die Satiriker auch noch so viel an den fahrenden Rittern des Merkur ausAusetzen haben, ist eine der gesundesten und segensreichsten Einricht­ungen auf dem Gebiete des Vereinswesens und leistet in Notfällen oft mehr und vor allem schneller Hllfe als manche behördliche Jnstttntion. Neben diesen typi­schen aut frisierten und stets mit der modernsten Kravatte Maftcten immer fidelen Kaufleuten wandeln heuer Leute durch die Berliner Straßen, die noch viel sicherer heraus zu erkennen finb, als jene. Das blatzgraue gtattra|utte Gejicht, die wrldgcnialc Frisur, das Pathos der Sprache sowohl als auch die lcbhajten Gelten, m vielen Fallen ein geradezu herausfordernder,ya»el°ck mit großen Lares und ein beinahe siaatsge,ahrlicher schlappyut darüber; so baumelt der Provinzmime, dessen Engagement mit dem letzten April meist erloschen ist, in der Metropole umher und märtet hier auf einen neuen Ä>ntr°kt. Das Geschäftliche in diesem Berufe wird nämlich alles über Berlin vermittelt. Die Theater, die bei uns noch nicht geschlossen sind, haben daher em kritisches Parterre; Ulli) wenn Otto AommerstorU den Äloclengzeßer Heinrich

spielte, so kann er sicher sein, daß unten im Zuschauer- raum manch einer sitzt, der dies unb jenes in Oppeln ober Perleberg mindepens ebensogut ober noch besser gemacht hat. Aber so kollegial und wohlwollend sind nicht nur die guten Schauspieler. Wackere Selbst-Ein­schätzung gedecht auch anderwärts! Von den Brettern auf Brettl ist nur ein Schritt, und es hat ihn manch einer gethan just in diesem Jahre, wo die Ueberbrettl- kunst so üppige Senker trieb. Der Einfluß auf die alten Varites ist natürlich nicht angeblichen, unb bie Ber­liner Stadtsynode, die in diesen Tagen gleichfalls ihre Beschlüsse faßte, hat nicht unrecht, wenn sie bie Ver­rohung dieser zweifelhaften Kunststätten beklagt, in denen den eigentlichen Artisten von Koupletsängem unb Chan- treufen ber Raum mehr unb mehr fortgenommen wirb. Es ist gerabezu haarstäubenb, was man mitunter in diesen bier- unb tabatbunjHgen Lokalen an Zweideutigkeiten vor­gesetzt bekommt unb welch ein wieherndes Gelächter ben traurigen Clown belohnt, ber bas schöne Instrument ber Sprache so schamlos mißbraucht. Aber wenn sich die Mitglieder ber Synode ein bild en, daß ihre Beschlüsse nach dieser Richtung hin nennenswerte Erfolge aufweisen wer­den, so sind sie meiner Meinung nach stark im Irrtum. Die Bedienung durch Kellnerinnen, um deren Fortfall sie sich bemühen wollen, bedeutet so gut wie nichts. Man wird dadurch das Laster auf der Straße vermehren. Ueber- haupt läßt sich durch polizeiliche Maßregeln in einer solchen Riesenstadt herzlich wenig erreichen. Die Heim­lichkeit gebiert nachher nur noch ärgere Skandale. Was helfen konnte, wären wirkliche Volkstheater mit guten gesunden Stücken für für ein ganz ge­ringes Eintrittsgeld. Aber das kostet natürlich Opfer und daran hapert's! Ebenso zwecklos ist die be- absichttgte Herabsetzung der Schlußzeit der Verkaufsläden an Sonntagen. Die Inhaber halten jetzt bis 10 Uhr vor­mittags offen, die Synode will, daß schon um 91/2 Uhr geschlossen werde, wert der Kirchenbesuch sich dadurch reget gestalte! Ich glaube nicht daran. Tas kommt im letzten Grunde immer nur dem Riesenheer der Verkäufer unb Verkäuferinnen zu gute, bie ihre Sonntagsausflüge dann um eine halbe Stunde früher an tret en können. Und sie haben's doch wahrlich golden gegen diegute alte Zeit", in den ihre heutigen Chefs hinterm Sabentifcf) stauben, und froh waren, wenn sie aller 14 Tage einen freien Sonntagnachmittag bekamen!

Aber man soll nicht schelten gegen den Drang des Großstädters, jeden freien Tag zu benutzen, um hinaus- zukommen aus dem großen Häusermeer mit seiner stickigen, drückenden Luft. Wenn's auch dadraußen" manchmal ein bischen bunt zugeht! Wie viel junge lufthungrige Seelchen schauen in diesen vorpfingstlichen Tagen mit bangen Augen zum Himmel hinauf, der sein April-Gesicht immer noch nicht abgelegt hat. Wenn Pfingsten schlechtes Wetter wäre! Schreckliche Vorstellung! Was wird dann aus Wannsee, Grünau, Buckow und Chorin? Oder auch Pots­dam, das für viele den Hauptanziehungspunkt bildet? Wie oft schon habe ich meine Freude gehabt an dem krausen Gemüt von Dichtung unb Wahrheit, mit ber bie Berliner bie Sehenswürdigkeiten von Sanssouci umgeben, wenn sie für Freunde oder Verwandte den Cicerone spielen! Mit welchem Stolze erzählen sie, wenn die berühmte Mühle auftaucht, die hübsche Geschichte vomollen Fritzen" und bem Müller von Sanssouci, der sein Eigentum trotz aller Angebote unb Entschädigungen nicht aufgeben wollte, unb ber erregten Drohung des großen Königs die kühne Antwort entgegensetzt:Ja, wenn wir das Kammergericht nicht hätten!" Eine Antwort, die in Frankreich alsJl-h-a des juges a Berlin!" noch heute geflügeltes Wort ist! Schade, daß die ganze Geschichte eigentlich nicht wahr ist, wie aus den Akten des Rentamts zu Potsoam ersichtlich wird. Danach ist der damalige Müller, noch dazu nur ein Pächter, namens Grävenitz, mehrfach darum eingekom­men, die Mühle verlegen zu dürfen, well ihm Parkbäume und Schloß den ganzen Wind abfingen. Der König aber hat ihm antworten lassen,daß die Winbmühle stehen bleiben müsse, da sie bem Schloß eine Zierde mache". Und auch dem Nachfolger des Grävenitz ward der gleiche Be­scheid. Immerhin ist diese Anekdote für die Charakteristik des Philosophen von Sanssouci durchaus gütig, wenn sie auch historisch nicht haltbar erscheint. Das Volk kannte unb schätzte das hohe Gerechtigkeitsgefühl des Königs unb legte sich danach bie unsterbliche Geschichte zurecht. Denn trotz aller Akten: man wird sie weiter erzählen, nicht nur in diesen Psingfttagen, zu denen ich dem Leser eitel Lust unb Maienwonne wünsche, sondern auch noch in hundert Jahren. Hoffentlich sind bie gerechten Richter in Berlin ebenso unsterblich. Vorläufig hat Frankreich noch ben alten Respekt vor ihnen. Ter FallMartew hat es erst kürzlich gezeigt. A- R.