IM)le örrtSüMinta würde dem nicht widersprechen, wohl aber die geistige, die mindestens zwei Jahre mehr andentet. Auf Wunsch des Fürsten untersuchte ein Frankfurter Zahn- arxt die Zähne des Mädchens, um aus den vorhandenen Müchzahnen das Mter festzustellen. Der ZahncuK erklärte das Lind für miirdeftens siebenjährig. Da es öfters von einem Orte „Fraustadt" spracht wo ein Baron mit seinem Pferde verunglückte, auch Kenntnisse verriet über die Arbeit in Zigarrenfabriken, so sprach rnan das Kind unvermutet polnisch an. Dabei stellte es sich heraus, daß es die Sprache verstand; auch beim Spielen im Garten, z. B beim Vorbei- laufen einer Latze, sprach es polnisch. Ein aus einem benad)» barten Gute beschäftigter Aufseher glaubte sich zu erinnern, daß bei Fraustadt vor einigen Jahren ein Luid verschwand. Sofortige telegraphische Anfragen des Fürsten blieben bisher erfolglos. Fürst Isenburg hatte sich bereit erklärt, das Lind bei sich zu behalteu Dre angeblichen Eltern aber verlangten eine unverschämte Summe als „Entschädigung"". Sie zogen also mit dem Mädchen ab. Inzwischen scheinen sie sich anders besonnen zu haben. Sie telegraphierten dem Fürsten von der österreichischen Grenze, daß sie chm das Kind gegenZah lungvon1000Markübertassen wollten. Der Fürst war damit einverstanden und läßt das Mädchen zu sich holen. Angaben über die Herkunft des Lindes wären an ihn zu richten.
Mainz, 16. Äug. Nach der „Frkf. Zig." hatten wir dieser Tage ein seltsames Reisevorkomninis milgeteilt. Heute erhalten wir folgende Zuschrift, die wir zum Abdruck kommen lassen wollen, obwohl sie den Vorschriften des Preßgesetzes, auf das die Herren Einsender in einem Begleitschreiben sich berufen, keineswegs entspricht:
Wir EndesuMerzeichneten erklären hierdurch gegenüber dem Artikel in Nr. 187 Ihres geschätzten Blattes: 1. Es ist nicht wahr, daß wir oder auch nur einer von uns einen Mitreisenden durch antisemitische Reden belästigt hätten, so daß dieser halb ohnmächtig in Groß-Gerau angekommen sei. Wir haben uns lediglich in etwas lebhaster Weise unterhalten; einer von uns, Dr. Mahr, dabei auch gesungen und den Mitreisenden in harmloser Weise geneckt. Dieser ist auf die Scherze bis ganz tun vor der Station Groß-Gerau eingegangen, sodaß ein mitreisender Bahnbeamter aus- iprach, er habe angenommen, daß der 'Mitreisende zu unserer Ge sellschaft gehöre. 2. Es ist nicht wahr, daß wir in Darmstadt hätten sistirt werden müssen, um uns zu zwingen, unsere Namen anzugeben, und daß wir dort unsere Namen anzugeben gezwungen worden wären. Als in Tarinsladt der Stationsbeamte nach unseren Atomen fragte, haben wir dieselben sofort angegeben. In Groß- Gerau sind >vir nach Miseren Namen gar nicht gefragt morden, vielmehr von dem Stationsbeamten ausdrücklich wegen des ganzen Vorfalles an die Station Darmstadt verwiesen worden.
Eine Unterschrift trägt dieses Schreiben nicht, das Begleitschreiben dagegen ist unterzeichnet von den Herren Hofbuchhändler Reitzel, Großh. Obcrrechnungsreoisor Reitzel und Amtsrichter Dr. Mahr. Der letztere zeichnet zugleich in Vollmacht des Herrn Rechtsanwalts Dr. Geßner.
Frankfurt a. M., 15. Aug. Heute morgen wurde im Schöffengericht ein Brief gefunden, der die Polizei zu eifrigen Nachforschungen veranlaßt. Er ist, so meldet ein Berichterstatter, teils chiffriert, teils in Mrrent- schrift geschrieben und enthält Andeutungen über den Kaiserbesuch in Homburg. Genau ist angegeben, wann der Kaiser heute in Homburg ankommt, welcheSpazier- gänge und Wagenfahrten er unternimmt, wann er den Kurgarten besucht. Hinter diesen Angaben stehen Zahlen, deren Bedeutung bis jetzt noch nicht aufgeklärt ist. Der Berichterstatter, der etwas argwöhnischer Natur zu sein scheint, glaubt die ganze Fassung des Briefs lasse „auf eine Besprechung oder Vorbereitung bezüglich eines Anschlages gegen den Kaiser schließen." Er macht aber den Vorbehalt: „Es liegt ja die Annahme nahe, daß man es hier mit einer Mystifikation zu thun habe, aber dieser naheliegenden Mutmaßung widerspricht der ganze Stil des Brieses." Die „Frkf. Ztg." dagegen hält, wohl mit Recht, die aanze Sache für den thörichtcn Stteich eines dummen Jungch. Wenn der! Berichterstatter darauf hin- weist/o ia$ der Polizei in letzter Zeit anonyme Anzeigen mit der Prophezeiung eines Attentats zugegangen sind, so ist das nichts Ungewöhnliches, gerade so selbstverständlich, wie die Verstärkung der Homburger Polizei durch auswärtige Kriminalbeamte. Ter „Anarchist", der den Brief im hiesigen Gerichtsgebäude verloren hat — er hat, wenn es ihm ernst war, wichttgeres zu thun, als gerade fetzt Verhandlungen über Lappalien beizuwohnen — ist offenbar ein alberner Mensch, der nicht weiß, welches Unheil man mit solchen Thorheiten anrichten kann.
Frankfurt a. M., 15. Aug. Die Vorbereitungen zu dem am 19. und 20. Septbr. hier staltfindcnden 1. deutschen Bankiertage schreiten, nach der »Frkf. Ztg.", rüstig vor- wätts. Zur Vorbereitung der Festlichkeiten ist ein engerer Ausschuß geblldet worden, besten Vorsitz der Präsident der Handelskammer, Kommerzienrat Andrcae, übernommen hat. Eine sehr erhebliche Zahl von Meldungen ist bereits eingegangen. Auch haben verschiedene Behörden, Handelskammern und andere Körperschaften ihre Teilnahme durch Vertreter in Aussicht gestellt.
Cron berg, 15. Aug. Das erbprinzliche Paar von Sachsen-Meiningen ist heute nachmittag in Schloß Fried- richshof eingetroffen. — Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen statteten heute nachmittag mit ihren Söhnen der Kaiserin in Homburg einen Besuch ab.
Homburg, 15. Aug. Auf dem Deukmalsvlatz entwickelt sich eine immer geschäftigere Thätigkeit. Gartner und Zimmerleute haben alle Hände voll zu thun, um dem z. B noch mit weißen Tüchern umhüllten Denkmal durch Palmen- und sonstige Pflanzengriippen einen malerischen Hintergrund zu verleihen oder um ihm gegenüber die Zuschauertribüne aufzuschlagen und seitivärts das Kaiserzelt zu errichten. Ter Zutritt zur Tribüne ist beim Feste nur denjenigen gestattet, welche durch einen freiwilligen Beitrag ihr Interesse an dem Denkmal bekundet haben. Ter Denk- malfonds beziffert sich z. Zt. auf 30 500 Mk. und ist noch schnell im Wachsen begriffen.
Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Aus Mainz schreibt man: Indem Atelier des Professors Busch in München wird gegenwärtig ein Denkmal für den vor drei Jahren verstorbenen Bischof Haffner hergestellt. Tie Aufstelluna soll am 2. November, dem TodeStag des Bischofs im hiesigen Tom erfolgen. — Aus Friedberg wird geschrieben: In der Gemarkung Laichen wurden kürzlich durch Herrn Bausch Windecken ek achgr abun g en vor genommen, wobei man auf 10 Aeckern aus Mauerreste stieß, die von beträchtlicher Alls dehnung waren. Auch sonsttge interessante Gegenstände, aus der Röm er zeit stammend, wurden gefunden. T<r von den interessanten Funden benachrichtigte Strecken > om rnissar der Limes-Kommission, Prof. Wo; ,'rai Hirt, war der Meinung, daß cs sich um eine gro ß e r o m i f di c n siedeln.ng handele. — Von dem Geistlichen des Orts
int Kreise Friedberg, in dem gegen den Lehrer seitens der Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Stttlichketts- vergehens eingeleitet worden ist, geht uns die Erklärung zu, daß er die am Schlüsse unserer ersten diesen Fall behandelnden, inzwischen berichttgten Mitteilung sich findende Notiz, nach der gegen ihn mancherlei Beschuldigungen erhoben werden, als eine jeder thatsächlichen Begründung entbehrende Verdächtigung bezeichnet. — Das Senkenbergische Stift in Frankfurt a. M verlieh den Stilbel- Preis, der alle vier Jahre zur Verteilung gelängt, dem Vorstand des zovlogisch-zootomischen Instituts der Würzburger Universität Professor Tr. Theodor Bo v er i für fein großes vor zwei Jahren erschienenes Werk: ,Lellstudien, Heft 4, Ueber die Natur der Centrosomen."
Vermischtes.
Magdeburg, 15. Aug. Unterschlagungen in bedeutender Höhe — man spricht von 120 000 Mk. — sind bei der Firma Schaeffer & Budenb erg begangen worden. Infolgedessen wurden gestern zwei in verantwortlichen Stellen befindliche Angestellte verhaftet, nachdem bereits vor ca. zwei Monaten zwei untergeordnete Beamte verhaftet worden sind. Seit dieser Zett wurden umfangreiche Nachforschungen angestellt, die zu den beiden letzten Verhaftungen geführt haben.
* LaSkowi tz, 15. Aug. Heute morgen ist der Schnellzug bei der Einfahrt in den hiesigen Bahnhof mit allen drei Wagen aus unbekannter Ursache entgleist. Personen sind nicht verletzt; der Materialschaden ist unerheblich. Der Betrieb wird aufrecht erhalten.
* Gleiw itz, 15. Aug. Hier erkrankte eine Arbeiterfamilie an Pilzv er gif tu n g. Auf dem Wege nach dem Krankenhause starben zwei Kinder. Mann und Frau liegen krank darnieder.
* Bordeaux, 15. Aug. Ein geistesgestörter Fischer tötete gestern abend in einem Anfälle von Raserei feine 29jährige Frau und versuchte alsdann Selbstmord, indem er sich mit einem Degen 20 Stiche beibrachte.
* Rom, 15. Aug. Der Bandit Lombardo ist gestern in Calabrien in der dttihe von Tauro von Gendarmen getötet worden. Derselbe beunruhigte seit einem Monat die Einwohner; er hat zahlreiche- Morde, Diebstähle und Erpressungen auf dem Gewissen.
* Typhus. 'Nach einer Meldung aus Gera ist eine Typhus-Epidemie in der Zunahme begriffen. Bis jetzt sind 15 schwere Typhuserkrankungen behördlich gemeldet.
* Sommerschnee. Im Erzgebirge und im östlichen Vogtland ist nach einem Telegramm aus Leipzig Schnee gefallen. Im östlichen Sachsen ist die Temperatur aus r/z Grad Wärme gesunken.
Kunst und Wlsscnschnst
— Wie aus Leipzig gemeldet wird, ist gestern Abend der Herausgeber des mufifalijdjcn Wochenblattes, E. W. F r i tz s ch, nach langem, schweren Leiden g e st o r b e n.
Universitäts-Nachrichten.
Der vierte internationale Kongreß für Gynäkologie und Geburtshilfe sindet in R o m vom lö. bis 21. September statt. Generalsekretär für Deutschland ist Professor Tr. Otto. Auf der Tagesordnung steht u. A. folgender Vortrag des neuen Direktors der Gießener Frauenklinik, Dr. Pfannenstiel, über Behaiidlung der Vorlagerungen des Uterus.
Gerichtssaal.
E. Gießen, 15. Aug. Ferien st rafkammer. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Bücking, die Anklagebehörde vertrat Oberstaatsanivalt Theobald. Es stand nur eine Sache zur Ab- urteilung. Der in Bad Nauheim zur Kur weilenden Sophie Liebermann aus Worunge bei Kiew wurde zur Last gelegt, daß sie am 25. Juli d. I. zu Bad Nauheim fahrlässigerweise den Brand eines von Menschen bewohnten Hauses herbeigeführt habe. Vergehen gegen § 309 des St.°G.-Bs. Die Hauptoerhandlung ergab durch das Geständnis der Angeklagten und das Zeugnis des Polizeikommissars von Bad Nauheim, Schildwächter, folgenden That- bestand: Tie Angeklagte wohnte mit ihren Angehörigen im Hause der Witwe Krämer in Bad Nauheim, während sie dort zur Kur weilte. Am Abend des 25. Juli L I. zündete sie sich eine Cigarette an und warf das noch brennende Streichhölzchen in der Richtung nach den Gardinen hinweg. Ohne sich weiter darum zu bekünnnern ging sie dann hinaus. Als sie nach wenigen Minuten ins Zimmer znruckkehrte, hatten die leichten Gardinen und die Möbel Feuer gefangen. Bald sing auch das Gebäude an zu brennen. Wenn auch glücklicher Weise der Brand schnell gelöscht werden konnte, so war doch der Mobiliar- und Jmmobiliarsckaden ein beträchtlicher. Das Gericht erkannte, indem es erschwerens den Leichtsinn der Angeklagten und die durch das Feuer für die Hausbewohner entstandene Gefahr, mildernd ihre bisherige llnbestraftheit und ihr Ge- ständiiis in Betracht zog, auf eine Geldstrafe von 50 Mark sowie auf die Kosten des Verfahreiis.
ö. Gießen, 12. Ang. Gew erb egericht. Ten Vorsitz führt Bürgermeister Mecuni. Als Beisitzer fungieren Schuhmachermeister Karl Berg und Schriftsetzer Adolf Hensel hier. — Ter Fuhrunternehmer I. hier hak gegen den Knecht H. hier auf Zahlung einer Entschädigung auf Grund des § 124b der Gew.-Ord. — 13,20 Mk. — geklagt, weil er das Arbeitsverhällnis ohne Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist gelöst habe. Da Beklagter nicht zur Verhandlung erschienen ist, erließ das Gericht auf Klägers Antrag Versäumnisurteil. — In der Klagesache des Gerbergesellen Al. hier gegen den Gerbernu ister P. hier, in welcher Zahlung von verdientem Lohne und verausgabe von Papieren ver° langt wurde, kam ein Vergleich zu Stande. — lieber die Klage des Kellners D. gegen den Restaurateur H. hier haben wir bereits berichtet. Im heuttgen Sennin wurden 4 Sachverständige vernommen, aus deren Erklärungen zu entnehmen war, daß in Restaurationen, wie derjenigen des Beklagten, an die Kellner Salair nicht bezahlt werde. Tie Sachverständigen vertraten auch die Ansicht, daß Kläger, da Salair nicht vereinbart gewesen, weniastens nach Ablauf des ersten 'Monats, wenn er auf Salair gerechnet, solches hätte forderii müssen und nicht erst nach 3 Mo- naten, nachdem das Arbeitsverhälliiis beendet gewesen. Tas Gericht ivies die Klage kosteripstichttg ab, indem es sich den Ausführungen der Sachyerständigen anschloß.
Frankfurt a. M.» 15. August. Vor dem Kriegsgericht hatte sich der Unteroffizier Georg Jäck von der 12. Kompagnie des 87. Infanterie-Regiments in Mainz wegen Mißhandlung von Untergebenen zu verantworten. Ter Angeklagte, dem von feinen Vorgesetzten das Zeugnis einer sehr guten Führung erteilt wird, pflegte die ihm unterstellten Soldaten, wie ine Beweisaufnahme ergab, bei geringen Versehen auf die Backe zu schlagen, am Ohr zu ziehen, ja sogar mit dem Gewehr ober Seitengewehr zu stoßen. Ein Soldat erhielt von ihm einen Fußtritt, em anderer Schläge mit einem Giimmischlauch ins Genick, doch wagte feiner der Untergebenen, den Vorgesetzten wegen dieser 'Mißhandlungen zur Anzeige zu bringen. Erst ein Gefreiter, den der Unteroffizier „schlappes Luder" genannt hatte, erstattete von den Vorgängen in der Korporalschaft Meldimg. Tie eingehende Untersuchung ergab dann die Feststellung von siebenundsiebzig Fällen von'Miß. b a n d t u n g. Zu der Gerichtsverhandlung waren über 30 Soldaten als Zeugen geladen, durch deren Aussagen alle 77 Fälle erioiejen wurden. Ter Vertreter der Anklage beantragte deshalb I eine Strafe von 4 Monaten Gefängnis und Degradation. Ter Gerichtshof war aber der Meinung, daß der Angeklagte nur ,in I dienstlichem Ucbereifer- gefehlt habe. Er sah die festgeftellten 177 Fälle mit Ausnahme von zweien als „minder schwere" au
sprach daher nicht die Degradation aus und erfaiutte auf eine Gesamtstrafe von drei MonatenGesängnis, wovon 1 Monat auf die Untersuchungshaft abgerechnet wurde.
Miel, 15. August. Die vielbesprochenen Mißgriffe der KielerPolizei gegen zwei Frauen sind zur gerichllichen Verhandlung gekommen. Es wurde aber nicht etwa gegen die schuldigen Beamten verhandelt, sondern gegen die .Kieler 9t. Nachrichten^, welche die groben Uebergrifle an die Oeffentlichkeit gebracht und das Verfahren der Polizei und des Polizeipräsidenten, der dies zu rechtfertigten suchte, gebührend kritisiert haben. Tas Ergebnis lief auf eine Verurteilung der Polizeibeamten hinaus, die höchst leichtfertig und unberechtigt zwei Frauen inhaftiert haben. Es wurde folgendes festgestellt: Eine Frau Ingenieur Larsen wollte sich um 4 Uhr morgens von einer Familienfeier heimbegeben und erbat sich unterwegs, da sie von einem Manne belästigt wurde, den Schutz des Schutzmanns Homener. Sie wollte noch einmal in das Haus, in dem die Feier stattgesunden hatte, zurückgehen, irrte sich jedoch in dem Hause, woraus sie trotz allen Widerstrebens zum Polizeibureau geführt wurde und bort üoer Nacht bleiben mußte, weil das polizeiliche Meldebureau fälschlich angab, daß sie nicht in dem von ihr bezeichneten Hause wohne. Ter zweite Fall betrifft ein Fräulein Tüchsen, die bei einem Herrn Andresen wohnt, in dessen Wohnung stets nachts Licht brennt, weil er auf einem Nachts eintreffenden dänischen Tampser beschäftigt ist. Tas war den Schutzleuten verdächtig, und weil Frl. Tüchsen häufiger mit Vorübergehenden aus dem Fenster heraus gesprochen hat, wurde sie eines Abends von dem Schutzmann Böttcher verhaftet. Auf dem Polizeibureau wurde ihr am andern Morgen ertlärt, daß sie wegen Verdachts der gewerbsmäßigen Unzucht untersucht werden müsse. Ta Sonntags der Polizei kein Arzt zur Verfügung steht, bat sie, einen Privatarzt auf ihre Kosten kommen zu taffen. Das wurde a b g e 1 e h n t, sie wurde den ganzen Tag und noch eine Nacht zurückbehalten, und erst am Montag erfolgte die ärztliche Feststellung zu ihren Gunsten; alle Versuche chrer Verwandten, ihre Freilassung zu ermirten, waren vergeblich gewesen. Während der ganzen Haftzeit ist sie ohne Nahrung geblieben. Polizeipräsident v. Puttkamer mußte zugeben, daß nur gegen gewerbliche Unzucht vorgegangen werden darf, und davon ist hier keine Rede gewesen, wenn die Tüchsen auch einen früheren intimeren Verkehr zugestanden hat. Tas Gericht sprach daher in seinem freisprechenden Urteil aus, daß in dem einen wie in dem anderen Fall die Polizei ihre Besugnlffe überschritten hat. Von einer Bestrafung der Schutzleute hat aber bisher nichts verlautet.
— Die Frage, ob ein Mordversuch mit untauglichen Mitteln strafbar sei, hat die Kieler Strastarnmer bejaht. Tas Dienstmädchen Helene Tibbern hatte ihre T i e n st h e r r i n, die Frau Postbauinspektor Langhof, wegen schlechter Behandlung zu vergiften gesucht. Als die Herrin am Abend des 5. Mai das Theater besuchte, goß die 17jährige Tibbern aus einer Flasche, die die Ausschrift: „Salzsäure, Gift!" und drei Kreuze trug, etwa 20 Tropscn in eine Karaffe, die ein halbes Liter Wasser enthielt. Die Frau gebrauchte gewöhnlich das Wasser am Morgen zum Ausspülen des Mundes. Die Mischung war nach sachverständigem Urteil ganz ungefährlich, da der Arzt häufig bei Magenkrankheiten eine fünfmal so starke Mischung Salzsäure und Waffer verordnet. Der Dienstherrin kam das Wasser sofort verdächtig vor. Ohne etwas davon ginossen zu haben, ließ sie es untersuchen. Das Mädchen war geständig, daß es die A b - sicht gehabt habe, die Frau zu vergiften. Die Staatsanwaltschaft beantragte 1'/, Jahre Gefängnis, die Verteidigung in erster Linie Freisprechung, da ein Alordverjuch mit untauglichen Rütteln nach der 'Aiislegung berühmter Rechtslehrer straflos sei. Das Gericht sprach die Angeklagte des G i f t in o r d o e r s u ch s in Verbindung mit versuchter Schädigung der Gesmidheü schuldig und verurteilte sie zu 2 Jahren Gefängnis. Tie Sache wird das Reichsgericht beschäftigen.
Zandel und Verkehr. Kolkswittschaft.
— Frankfurter Metallwerk I. Patrick, «kt.-Gcf., Frankfurt a. M. Tas zweite Betriebsjahr hat der mit 1 'Million Mk. Aktienkapital und 71 308 'Mark Hupothekenschuld arbeitenden Gesellschaft einen Verlust von 4270 Mark gebracht, wobei außerdem noch der Gewinnvortrag von 8393 Mark aus dem Vorjahr aufgebracht wurde. (Im Vorjahr wurden 5 Prozent Dividende pro rata der geleisteten Einzahlungen oerteilt.) Der Warenaewinn ist von 129 611 Mark auf 99 038 Mark zurückgegangen. Den Ausständen bei Debitoren mit 53 777 Alk. stehen Krcditorenforüerungen. von 119 011 gegenüber.
— Ein landwirtschaftlicher Trust in Amerika. Der „Standard" meldet aus New-Pork vom 14. d.: Tie Vereinigung der Larrdivirte zum Verkauf der Eriiteii arbeitete im vorigen Jahre so günstig, daß sie ihre Unternehmungen bei der diesjährigen Ernte bedeutend ausdehnt. Eine Gesellschaft unter der Firma Farmers National Corporative Exchange wurde hier gegründet mit Toll. 50 Millionen Kapital zum Zwecke, Getreide zu kaufen und zu verkaufen, sowie Elevatoreii zu bauen und zu betreiben.
_ — Ein deutscher Linoleumtrust? Tie unbefriedigende
Situation, in der sich die deutsche Linoleummdustrie befindet, veranlaßt die „K. Z.", die Vereinigung sämtlicher Linoleumfabriken zu einer einzigen Aktiengesellschaft anzuregen.
— Aktien ° Gesellschaft Hessische Steiubrüchc, Berlin. Unter diesem Namen soll mit dem Sitze in Berlin eine Aktien- Gesellschaft errichtet werden, um Steinbrüche bei Steinpert, Kreis Biedenkopf, zu betreiben, welche bisher einer gleichnamigen G. m. b. H. mit dem Sitze in Bismarck i. W. gehörten. Die geplante Aktiengesellschaft soll ein Aktienkapital von 1500 000 Mark haben, davon sollen 500 000 Mark für den Bau einer Eisenbahn verwendet werden, die gebaut werden muß, weil der Massentranspott durch Fuhrwerk sehr beschwerlich sei.
— Ungarische Ltaatsanlcihe. Unter Bezugnahme auf eine Kundmachung des Ung. Finanzministeriums betr. Einlösung gekündigter Ungar. Staats-Obligationen wird mitgeteilt, daß die Einlösung der in Gold rückzahlbarer Stücke jemeüig ein dem Pariser Wechselkurse entsprechender Kurs festgestellt werden wird.
— Schultert. Gegenüber einem verbreiteten Gerücht, demzufolge die Elektrizitäts-Gesellschaft S ch u ck e r t die Ausgabe von Vorzugsaktien beabsichtigen soll, wird von zuständiger Seite aus Nürnberg gemeldet, daß von solchem Projekt in der Direktion der Gesellschaft nichts bekannt und für die Geldbedürfniffe der Gesell» fchaft durch Disposition ihrer Banken gesorgt ist.
— Petrolcum-Produkte-Akt.-Ges., Hamburg. Die Gründung dieser Gesellschaft, die aus der Firma Gehlig, Wackenheim und Co. in Hamburg-Mannheim entstand und jetzt bereits oen Geschäftsbetrieb aufgenommen hat, ist von einer noch größeren Bedeutung, als man bisher angenommen Hot. Dem Anschein nach wird nämlich die Londoner „Shell Transpott and Trading Company", die die holländisch-ostindischen Petroleumproduzenten und außerdem auch bedeutende Produzenten in dem neu erschlossenen Texas-Oelgebiet vertritt, durch Verniittelung der neuen Gefellschast, mit der sie enge Beziehungen hat, den Expott von Heizöl in umfassendem Alaße nach Deutschland aufnehmen. Celfeuerung hat sich in vielen Fällen bei der Heizung von Schiffsmaschinen als zweckmäßig bereits erwiesen, sie ^er-fordett weniger Heizmaterial und weniger Heizpersonal, es stand ihrer allgemeinen Einführung bisher nur einerseits der Preis des Oeles und sodann der Umstand im Wege, daß nur an relativ wenigen Orten auf regelmäßige und prompte Lieferung von Cel zu rechnen war. Im Uebrigen haben sowohl Versuche der kaiserlichen 'Manne, als u. 91. auch der Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie die Vorzüge der Celfeuerung erwiesen, und man ist durchaus geneigt, sie in größerem Maße als bisher zu adoptieren; neuere Dampfer der Rhedereien silid bereits mit Anlagen für diese Art der Feuerung versehen. Die „Shell Line" resp. deren Hamburger Verbindung wird nun- mehr Tanks im Hamburger Petroleumhafen errichten und alsdann zu regelmäßiger Lieferung im Stande fein. Dieses Vorgehen ist, wie auf den ersten Blick ersichtlich, nach den verschiedensten Richtungen hin von großer Bedemung.
— Deutsche Gcuoffcuschaftsbauk vouLoergel, Parrisius u. Eo., Bcrliu-Fraukfurt a. M. Eine außerordentliche Hauptversammlung der Gewerken ist auf den 26. August nach Berlin berufen, in der über Einstellung des Betriebs Beschluß gefaßt werden soll. Wie noch mügeteilt wird, ist die Genossenschaftsbanl auch an der Zeche Helene mit 200 000 Mark bcteihai. Auch


