Nr. 191 Erstes Blatt.
152. Jahrgang
Samstag 16. August 1908
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Betr.: Maul- und Klauenseuche.
Da nunmehr die Schafherden wieder auf die Sommerweiden getrieben werden, bringen wir unsere Anordnung vom 10. Mai 1899 nachstehend in Erinnerung.
Für den Fall der Zuwiderhandlung behalten wir uns die Sperrung des ganzen Kreises gegen den Durchtrieb von Schafen vor.
Gießen, den 14. August 1902.
Großherzogliches Kreisamt Gießen-
I. 23.: Dr. Heinrichs.
Kckanntmachung.
Betr.: Wie oben.
Nachdem die Einschleppung der Schafräude und der Maul- und Klauenseuche in den Kreis durch wandernde Schafherden festgestellt worden ist, ordnen wir hiermit gemäß § 8 des Ausschreibens Großh. Ministeriums des Innern vom 3. Juli 1897 an, daß wandernde Schafherden im Kreise Gießen nur die Kreisstraßen benutzen dürfen und der Führer derselben mit dem Zeugnis eines beamteten Tierarztes versehen sein muß, in welchem das Freisein der Herde von Maul- und Klauenseuche bescheinigt ist. Ein solches Zeugnis ist drei Tage lang giltig und muß dem Polizeiaufsichtspersonal, in allen Fällen aber unaufgefordert der Ortspolizeibehörde desjenigen Ortes vorgezeigt werden, in dessen Gemarkung die Herde zum Aufenthalt eingeführt wird. Zuwiderhandlungen unterliegen der Strafbestimmung in § 66, 4 des Reichsgesetzes vom 23. Juni 1880.
Gießen, den 10. Mai 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen- v. Bechtold.
Gießen, den 14. August 1902. Betr.: Maul- und Klauenseuche.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Ortspolizeibehördeu und die Gendarmerie des Kreises.
Sie wollen wandernden Schafherden Ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden und die in obiger Bekanntmachung geforderten Zeugnisse an den Großherzogl. Kreisoeterinärarzt Schmidt zu Gießen einsenden, sowie denselben von jedem Eintreffen einer solchen Herde alsbald in Kenntnis setzen. — Sollten die Führer der Herden nicht mit den erforderlichen Zeugnissen versehen sein, so ist die sofortige Einsperrung der Herde und chre Bewachung insolange anzuordnen, bis die Seuchenfreiheit der Herde durch kreisoeterinäramtliches Zeugnis nachgewiesen ist, und uns sofort Nachricht zu geben. Wird
die 23erseuchung festgestellt, so ist den Anordnungen des Großh. Kreisveterinärarztes pünktlich zu entsprechen.
I. 23.: Dr. Heinrichs.
Bekanntmachung.
Betr.: Schießübungen.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß das Feld-Artillerie-Regiment Nr. 25 zu Darmstadt am Samstag dem 30. d. Mts. ein Schießen mit scharfer Munition in dem Gelände abhalten wird, welches begrenzt wird durch folgende Ortschaften, Straßen und Linien:
im Süden: «Schwalheim—Dorheim;
im Osten: Dorheim — Melbach — Södel — Wölfersheim—Wohnbach — Straße Wohnbach — Münzenberg bis zum nordösllichen Waldausgang nach Münzenberg;
im Norden: Nordrand des Waldes südlich Münzenberg und weiter bis Rockenberg;
im Westen: Rockenberg — Oppershofen — Steinfurth — Wisselsheim—Rödgen—Schwalheim.
1. Das genannte Gelände wird von 9 Uhr vormittags ab durch Sicherheitsposten für jeglichen Verkehr abgesperrt werden. Den Anordnungen der Posten muß aus Gründen der Sicherheit unbedingt Folge geleistet werden.
2. Das Aufheben blind gegangener (nicht geplatzter) Geschosse ist mit der größten Gefahr verbunden und deshalb verboten. Falls solche gefunden werden, empsiehlt es sich, die Stelle zu bezeichnen, ohne das Geschoß zu berühren, und baldigste Mitteilung an das Kommando des Feldartillerie- Regiments Nr. 25, Friedberg, zu machen.
Gießen, den 14. August 1902.
Großherzogliches Kreisamt Gießen-
I. 23.: Dr. Heinrichs.
Gießen, den 14. August 1902. Betr.: Wie oben.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzogl. Bürgermeistereien Bellersheim, Obbornhofen, Utphe, Trais-Horloff, Inheiden, Hungen, Bettenhaufen, Mufchenheim, Eberstadt und Ober-Hörgern.
Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sic in ortsüblicher Weise zur Kenntnis aller Einwohner bringen, sie auch am Tage vor dem Schießen wiederholen. Auch sind die Einwohner darauf hinzuweisen, daß sie den Weisungen der Posten strikte Folge zu leisten haben.
I. 23.: Dr. Heinrichs.
Bekanntmachung.
Betr.: Schießübungen.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß das 2. Bataillon Jnf.-Regiments Nr. 168 am 22., 23. und 25. August d. I., jedesmal von 1 Uhr nachmittags bis 7 Uhr nachmittags gefechtsmäßiges Schießen mit scharfer Munition mit Schießrichtung von den Höhen südlich der Gambacher Mühle nach dem Buch- (Feller-) Berg abhalten wird.
Das für den Verkehr gesperrte Gelände wird begrenzt: im Norden: Durch die Wetter von Griedel nach Osten bis zur Chaussee Eberstadt—Münzenberg, den Weg Münzenberg—Bellersheim bis zum Weg Mufchenheim—Obbornhofen;
im Osten: Durch den Weg Mufchenheim—Obbornhofen von seinem Schnittpunkt mit der Straße Trais— Münzenberg—Bellersheim;
im Süden: Durch die Linie Obbornhofen—Oppershofen;
im Westen: Durch die Straße Södel—Oppershofen (vom Gabelpunkt des Weges nach Wölfersheim), die Straße Oppershofen—Rockenberg, Weg Rockenberg—Griedel (auf dem linkenWetter-Ufer).
Die als Grenze angegebenen Wege sowie die genannten Ortschaften dürfen betreten werden, jedoch muß das innerhalb dieser Grenzen gelegene Gelände eine Stunde vor Beginn und bis eine Stunde nach Schluß des Schießens von jedem Verkehr frei bleiben.
Gleichzeitig werden die Einwohner der beteilgten Gemeinden darauf aufmerksam gemacht, daß die Wege Münzenberg— Rockenberg, Rockenberg — Wohnbach, Wohnbach — Münzenberg und Münzenberg—Oppershofen während vorstehend genannter Zeit für jeglichen Verkehr gesperrt sind.
Gießen, den 16. Aug. 1902.
Großherzogliches Kreisamt Gießen-
I. V.: Dr. Heinrichs.
Gießen, den 16. August 1902. Betr.: Wie oben.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien Bellersheim, Obbornhofen, Utphe, Trais-Horloff, Inheiden, Hungen, Bettenhausen, Mufchenheim, Oberstadt und Ober- Hörgern.
Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie ortsüblicher Weffe zur Kenntnis aller Einwohner bringen und dieselbe nochmals am Tage vor dem jedesmaligen Schießen wieder-
Das Gießener Schloß.
0. PL Gießen, 16. August 1902.
Ein Zeuge aus halb vergesse neu Zeiten, liegt am Brandplatz das altersgraue Gießener Herrenschloß. Auf gewaltigen Mauern strebt es empor, trotzig und stark, als wäre es noch immer die alte Zwingburg, an der einst die Kraft des Feindes zerschellte, den Wellen gleich die auf die Felsen stürzen. Bewunderung erfüllt uns, wenn wir diese alten Mauern betrachten, diesen ehrwürdigen, düstern Bergfried, der noch heute in ungebrochener Stärke dafteht, und uns die Geschichte so vieler Völker und Geschlechter, so vieler Jahrhunderte erzählt. 23ei seinem Anblicke träumen wir uns zurück in die Romantik des frühen Mittelalters, in jene fernen, sagenumwobenen Zeiten, wo dieser Turm die Unbesiegbarkeit des Schlosses bedeutete, wo er wohl oft genug der letzte Retter von Freiheit, Ehre und Leben der Helden war, die sich ihm in der höchsten Not anvertrauten!
Und wenn wir weiter an dem alten riesenhaften Recken vorbei in den dunkeln Schwibbogen und in den stillen Schloßhof treten, begreifen wir, wieviel der Stadt Gießen an diesem Wahrzeichen ihrer frühesten Geschichte liegen mußte, urid daß es nur eines leisen Anstoßes bedurfte, um die Erwerbung der Ruine und ihre Restaurierung zu veranlassen. Gewiß sind damals auch Stimmen laut geworden, die nur den Turm, diesen Campanile von Gießen, erhalten, das eigentliche Schloß dagegen beseitigt wissen wollten, aber die Stadtverordnetenversammlung hat die Mittel nicht gescheut, die zur Restaurierung des Ganzen erforderlich waren. Obwohl gegen die Bewilligung der Bausumme wegen anderer wichtiger Ausgaben mit Recht Be- benfen geltend gemacht wurden, muß mau heute doch anerkennen, daß die Stadt sich mit dieser Restaurierung ein Denkmal chrer Pietät für Gießens Geschichte gesetzt hat, wie kein zweites hier vorhanden ist; und wenn ihr auch der Beifall der Gegenwart nicht bedingungslos zu teil wird, so wird ihr die Zukunft um so dankbarer sein.
Im Schloßhof und im Schiloß selbst herrscht heute die Anordnung, die mit einem Umbau immer verbunden ist. Wohin wir blicken, überall Schutt, Baumaterial, Arbeits- gegenstände und nochmals SchutL Im Rohbau ist das Schloß ja ziemlich fertig, es fehlt eigentlich nur noch der Treppenbau. Es ist uns nicht ganz verständlich warum man die, in elegantem Bogen ansteigende, aus schwerem, massiven Eichenholz gezimmerte, uralte Treppe nicht erhalten hat, sondern sie schutzlos der Zerstörung durch den Schutt usw. überlassen hat Es last doch durchaus keine Veranlassung vor, aus dem Schiloß erneu modernen Prachtbau herzustellen, man beabsichtigte doch wohl vor allem, soviel wie möglich von dem Altertümlichen und damit den ursprünglichen Charakter des Schroffes zu erhalten. We
nigstens wäre allein unter dieser Voraussetzung der Umbau von vornherein für jedermann gerechtfertigt gewesen. Doch diese Erwägungen sind jetzt müßig, die alte Treppe rst einmal geopfert, und es muß eine neue gebaut werden. Dazu ist indessen das Geld noch nicht bewilligt worden. Das ist auch wohl der Grund, weshalb auf dem Bau z. ZL nicht gearbeitet wird.
Bei der Restaurierung der Fassaden hat man sich im allgemeinen an den Styl gehalten, der einst bei der.Erbauung des Schlosses maßgebend gewesen ist. Wir lassen hier zur Erläuterung eine Stelle aus dem 4. Jahresbericht des „Oberh. Vereins für Lokalgeschichte" folgen. Es wird dort gesagt: „Trotz alledem trägt noch heute die Anlage im ganzen das Gepräge einer Herrenburg spätestens ans der Mitte des 14. Jahrhunderts. Bezeichnend dafür ist die Anlage des Bergfrieds und des Gefängnisses, ferner die beiden Spitzbogenthore, deren eines, das auf den Braudplatz führende, neuerdings ganz umgebaut wurde, aber doch den gleichen Spitzbogen erkennen läßt, wie das östliche Thor."
Wenn wir das eben Gesagte berücksichtigen wollen, können wir uns mit der Auffassung des Baumeisters, der gegenwärtig dieRestaurierung leitet,im einzelnen nicht immer befreunden. Muß auch zugegeben werden, daß die Archii- tettur in den vorhandenen Resten des Schlosses keineswegs einheitlich ist, so verdiente doch der ursprüngliche Styl unbedingt den Vorzug. Das gilt besonders von dem, auf den Brandplatz führenden Hauptportal. Selbst nach seiner Ausarbeitung durch den Bildhauer, die es zierlicher erscheinen lassen wird, paßt es nicht in den architektonischen Rahmen der Fassade. Ganz abgesehen von seinem unmotivierten Styl macht es einen etwas plumpen Eindruck, woran vor allem der übermäßig schwere Aufsatz schuld ift Wenn dieser Aufsatz, der außerdem das darüb erliegende Fenster zum Teil verdeckt, beseitigt würde — was wir nur wünschen können, — sv würde das Portal sich dem architektonischen Rahmen immerhin schvn eher einfugen Seines Styles wegen gefällt uns ferner der daneben befindliche Erker nicht Endlich können wir uns nicht damit eluverstanden erklären, daß man in die, der Straße am Kanzleiberg zu- gekehrte Fassade, etwa in Höhe des Hochparterres, ein gewaltiges Loch durch die Mauer geschlagen hat Offenbar soll es zur besseren Erleuchtung der dahinter liegenden Küche dienen,deren eigentliche Fenster, tote wir hier gleich bemerken wollen, in den Schloßhof führen. Es ist ohne weiteres klar, daß der gerade in dieser Fassade zum Ausdruck kommende festungsartige Charakter durch, dieses Riesenfenster vollständig zerstört wird. Der ursprüngliche Entwurf hatte hier Schießscharten vorgesehen, die zur Verteidigung eines daneben liegenben Thores aedacht waren.
Tas Schloß sollte nämlich mit dem auf dem benachbarten Grundstücke stehenden Hause durch eine ziemlich hohe, crene- lierte Mauer verbunden werden, die ein spitzbogiges Thor enthielt. Es ist sehr bedauerlich daß man von der Ausführung dieses ursprünglichen, von der Stadt und dem Großherzog genehmigten Entwurfs Abstand genommen hat.
Im Innern ist das Schloß mit zweckmäßig eingerich teten Räumen ausgestattet worden. 23on den alten Räumen sind Haupt ächlich die Keller, sowie das unheimliche Gefängnis erhalten geblieben. Das letztere insbesondere erinnert lebhaft an die düstere Romantik des Mittelalters. Der enge, winklige Gang, das kahle, finftere Gefängnis selbst mit den gewaltigen, vom Alter geschwärzten Steinquadern, die steinerne Pritsche, und die ebenfalls in Stein eingelassene alte, eiserne Kette, mit der die Gefangenen gefesselt wurden! Grauen empfindet der Besucher, wenn er daran denkt, daß an diesem traurigen Ort so Mele, oft von tyrannischer Willkür hierher verbannt, chr Leben haben beschließen müssen, fern von freunden, fern von b>r Welt, ihre Feinde verwünschend und Gott um Erlösung bittend!
Und doch ist dieses Gefängnis noch nicht das düsterste im Schlosse. Wenn wir die Treppe hinauf ins erste Gemach des Bergfrieds steigen, bemerken wir in der Mitte des Raumes eine Fallthür. Darunter befindet sich das, beinahe neun Meter tiefe, schaurige Verließ. Welche Greuel mögen sich in diesem Raume abgespielt haben! Wer hier eingeschlossen wurde, war wohl in den meisten Fällen für ewig verschollen ! Durch die dicken Mauern drang nrcht der Klang seiner Stimme, kein Sonnenstrahl fiel in diesen Kerker, einsame, finstere Nacht war das Schicksal des hier lebendig Begrabenen. Wie ost sind in der letzten Zeit in diesen alten Türmen Skelette gefunden worden, die uns mit grauenhafter Deutlichkeit jene Zeiten brutaler, grausamer Willkür vor 2lugen führen!
Auch in dem Schlosse selbst schlummern noch viele Geheimnisse. In einem der Fußböd en des Schlosses vermutet man Särge, die an heimlich Ermordete und bann hier Verscharrte denken lassen, und weiterhin soll sich unter der schweren Granitplatte der Schloßftont am Kanzleiberge ein unterirdischer Gang befinden. Wie uns mitgeteilt wird, sollen an veiben Orten Nachgrabungen vorgenommen werden. Wer aber wollte behaupten, daß mit diesen Nachforschungen alle Geheimnisse des Schlosses aufgedeckt würden? Wer könnte sagen, ob in der Tiefe der Erde unter den Kellern, ober in den, viele Meter dicken Mauern nicht noch so Manches verborgen liegt, was der aufdeckenden Hand des Forschers harrt? Und ob überhaupt jemals alle Geheimnisse dieses alten Schlosses an baä Tageslicht kommen werden? Wer vermöchte es zu sagen!


