Ausgabe 
15.9.1902 Zweites Blatt
 
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Port-au-Prlnce, 13. Sept. Es liegen sichere Nach­richten darüber vor, daß der Rebellen-Admirnl Killick die erste Explosion auf demErste ä Pierrot" persönlich ver- ^fsqcht hatte und umgekommen ist.

Aus Stadt und Land.

. Gießen, den 12. Sept. 1902.

Die Viper betitelt sich der neue Roman, der mit dem heutigen Tage in unserer Unterhaltungsbeilage er­scheint.Die Viper" ist ein, nach dem Französischen von H. Revel bearbeiteter-Kriminalroman, der seines eigenar­tigen Milieus und der außerordentlich packend geschriebenen Handlung wegen hervorragend interessant ist. Da die Er­werbung de§ Romans, mit großen Kosten verknüpft war, hoffen wir, daß er viele Freunde sinden möge.

* * Blumenpflege durch Schulkinder. In Frank­furt fand vor einigen Tagen eine Ausstellung der durch Frank­furter Schulkinder gepflegten Pflanzen statt. Auch in Gießen ist bekanntlich in diesem Jahre ein erstmaliger Versuch mit der Blumenpflege durch Schulkinder gemacht worden, indem dieses Frühjahr jedes Kind der zwei oberen Klassen der Stadt. Mädchenschule von derVereinigung für Blumenpflege" drei Topfpflanzen zum Geschenk erhalten hat. Nächsten Sonn­tag, 21., findet nun eine Ausstellung dieser Pflanzen in der Turnhalle der Städt. Mädchenschule Westanlage statt, wodurch den Kindern Gelegenheit gegeben werden soll, zu zeigen, was aus ihren Pfleglingen geworden ist. Auch sollen dabei, wie in Frankfurt und anderen Städten, diejenigen Kinder, welche die bestgepflegten Pflanzen aufzuweisen haben, für ihre besondere Mühe und Sorgfalt mit einem kleinen, dem Zweck der Blumenpflege dienenden Preise bedacht werden.

*Eine schauderhafte Kält?", das ist das Signum 6er letzten Tage. Nach dem letzten gewitterartigen Regen, der in ganz Deutschland herniedergegangen ist und überall großen Schaden angerichtet hat, ist die Sonne noch nicht wieder zum Vorschein gekommen, und wir müssen ihrer Wärme spendenden und belebenden Strahlen entbehren. Die Schneider freuen sich zwar ob dieses schlechten Wetters; denn niemals sind soviel Mäntel und ähnliche Hüllen bestellt worden, wie jetzt. Statt kalten Bieres und der verschiedenenWässerchen" in ditto verschiedenenFläschchen" ist jedenfalls und unter- allen Umständen ein steifer Grog zu empfehlen, der inner­lich mindestens ebenso gut wärmt, wie äußerlich das Kunst­werk des Schneiders. In Berlin herrschte gestern gegen halb 1 Uhr starker Hagelfall. Die Dächer waren stellen­weise gänzlich von Hagelkörnern übersät und machten einen ganz winterlichen Eindruck.

* * In den. November versetzt glaubte rnan sich am gestrigen Sonntag, so kalt und unfreundlich führte er sich ein. Das war kein Wetter zum Verweilen im- Freien und zum Anlegen von Sommertoiletten.. Mäntel und Paletots, die bisher unbeachtet von Menschen aber auch von Motten in den Spinden hingen, .wurden hervorgeholt und auf ihre Tragfähigkeit" geprüft, Sommerhüte nebenhin gelegt und alles buntfarbige Schuhzeug atls dem Gesichtskreise verbannt. Und trotzdem stand und stehen noch ungefeierte Feste, in erster Linie Kirmessen auf dem Sonntags-Programm. In Annerod, dem wald- und bergumgrenzten Nachbarorte, fanden auf derPlatt" sogar zwei Kirmessen statt, die na­türlich nicht versäumt werden durften. Die Zahl der Be­sucher aus der Stadt war merklich kleiner als sonst, immer»

hin hätte sie hingereicht, um unter den Vorräten der fürsorglichen Wirte gehörig aufzuräumen, wenn der Therino- meter um ein Dutzend gestiegen wäre. Wer sich nicht entschließen konnte, einen Tanz zu riskieren, fror, und wer fror, dem schmeckte das Bier nicht. Den klugen Gedanken, sich in irgend einLokal" zurückzuziehen, hatten die meisten, - so daß die Gaststuben und was zu solchen hergerichtet war, bald bis auf das letzte Plätzchen besetzt waren. Der Daub ringer Kirmes führte die Eisenbahn die Gäste, wenn auch nicht in der gewünschten Anzahl, zu. Die dort, und in der nächsten Umgebung wohnende zahlreiche Bevölke­rung, die die Woche über in Lollar und Gießen beschäftigt ist, kann nötigenfalls ihre Kirmes allein so lebhaft gestalten, daß man die Städter nicht besonders vermißt. Letztere tauchten in leicht abschätzbarer Anzahl auch in Bieber bei Rodheim und in Ruttershausen bezw. Kirchberg auf. Von den Vereinen, die nochSommerfestlichkeiten" auf der Rolle hatten, sind zu nennen der Ria sch in en bauer- Verein, der einen gutbesuchten Familieu-Ausflug nach dem Bernhardtshauser Hof" (Klein-Linden) unternahm, der Kutscher-Verein, der mit Kind und Kegel nach der Stadt Lich" kutschierte und die Bürgergesellscha ft, die sich ebenfalls mit Familie inSteins Garten" niederlieb. Das Mittclstück vom Stiftungsfest-Programm derM.-K.", freie Vereinigung Gießener Buchdrucker, wurde bei Steinmüller in Heuchelheim m Form eines Familienfestes ausgeführt, nachdem am Samstag ein Kommers voraufgegangen, eine Nachfeier am Montag den Schluß bilden soll.

Unfall. In der Nacht vom 13.14. d. Mts. gegen 12 Uhr spielte ein hiesiger junger Mann in der Sonnenstraße mit einem geladenen Revolver, wobei sich der Schuß entlud und den jungen Mann an der Hand verletzte.

Verhaftung. Gestern nachmittag gerieten 2 zu- gereifte Handwerksburschen mit einem hiesigen Dienslknecht auf dem Seltersweg in Wortwechsel, der zu Thätlichkeiten führte. Einer der Handiverksburschen, der angetrunken war und die Passanten belästigte, leistete einem hinzukommenden Schutzmann keine Folge und mußte verhaftet werden.

v. Klein-Linden, 15. Sept. Gestern feierte unsere Gemeinde das alljährig wiederkehrende Fest der Klein­en der sch ule. Nachmittags um 4 Uhr bewegte sich der izestzug von der Kleinkinderschule aus, unter Vorantrilt des Mein öinbener Posaunenchors, nach dem 'JJhgnon» schen Garten. Pfarrer Weber aus Lang-Gons hielt die oellrede. Außer dem Posaunenchar wurde das Fest von dem Klein-Lindener Kirchengesangverein und dem gennschten Ehor des evangelischen Arbeitervereins aus Gießen ver­schönert. Am Schlüße der Feier wurde die Bescheerung der kleinen Kinder vorgenommen. Jedes erhielt als Geschenk eine Bretzel, welches von den Kleinen mit vielen Dank an» genommen wurde.

§ Butzbach, 15. Sept. Mit dem 1. Oktober d. Js. «oird unsere berittene Gendarmerlestatwn aufgehoben und

nach Alsfeld verlegt, da die berittenen Gendarmen jetzt möglichst in die Kreisstädte gelegt werden. Der Gendarmerie- Wachtmeister Held wird als Oberwachtmeister nach Fried­berg und der berittene Gendarm Ebert nach Alsfeld versetzt. Beide erfreuten sich großer Achtung und Beliebtheit im diesseitigen Bezirke. Die unberittenen Nachfolger der­selben sind Wachtmeister Conradi und Gendarm Dietz.

§ Kriftel, 15. September. Unser ältester Mitbürger, Straßenwärter I. F i n g e r I., feierte gestern feinen 8 5. Ge- burts tag in voller geistiger Frische. Kürzlich wurde ihm das allgemeine Ehrenzeichen verliehen. Ter Genannte ver­sieht noch seinen Dienst und erfreut sich allgemeiner Beliebt­heit in der Gemeinde.

nn. Darmstadt, 15. Sept. Der erste Hessische Spengler- und Jnstallateurtag rouroe am gestrigen Sonntag unter zahlreicher Beteiligung der Kol­legen aus Nah und Fern hier imKaisersaal" abgehalten. Besonders die Städte Gießen, Mainz, Offenbach, Worms, Bingen waren stark vertreten und auch von Württemberg, Baden und anderen deutschen Bundesstaaten waren die Vertreter der Verbände und Handwerksgenossenschasten er­schienen. Ten Vorsitz führte Ew a Id-Darmstadt, der die Versammlung, insbesondere den 2. Vorsitzenden der Hand­werkskammer Darmstadt, Stadtrat Rockel, begrüßte und die Sitzung mit einem Hoch aus Kaiser und Großherzog er­öffnete. Vo tt e r-Stuttgart und L e on h ar d-Hernsheim überbrachten Grüße des Verbandes der Blechner und In­stallateure Badens und von Süddcutschland und drücken ihre Freude aus, daß auch die Hess. Kollegen sich zur Gründung eines Landesverbandes zusammenschließen wollen. Hierauf referiert Herr Rockel-Darmstadt in eingehender Weise über den gewerblichen Zusammenschluß des Handwerks, ins­besondere über die Zwecke und Ziele eines Verbandes der Spengler und Installateure in Hessen und dessen Anschluß ap den Süddeutschen Verband. Redner weist auf die großen Erfylge anderer Stände, insbesondere der Landwirtschaft und des Arbeiterstandes hin, die durch engen Zusammen­schluß schon Großes errangen. .Von der Versammlung wird hieraus einstimmig die Gründung eines Landesverbandes für Hessen beschlossen und zu Mitgliedern des provisorischen Vorstandes gewählt die Herren: Rockel, Becker und F. Ewald- Darmstadt, Reitmeyer und Agirus-Mainz, Grünheit-Lffen- bach, Selbst-Worms, Brikmeyer-Bingen, Faber-Gießen, Hoth- Groß-Biberau, Reiß-Beerfelden unb Frick-Friedberg. Auch der Anschluß an den Süddeutschen Verband der Blechner und Installateure wurde einstiinmig gutgeheißen. Zugleich wurde beschlossen, daß der nächste Verbaitbstag im Monat Mai 1903 in Mainz- siattfindet. Backer-Darmstadt referiert, daß im Jahre 1904 der 3. Süddeutsche Berbandstag in Darmstadt stattsinden soll. Mit dieser Veranstaltung wird eine Ausstellung gewerblicher technischer Neuheiten auf dem Gebiete des Gas- und Wasserinstallationswesens und der Klempnerei verbunden sein. Geplant ist ferner eine Aus­stellung von Meister- und Gesellenstücken der Mitglieder des Süddeutschen Verbandes, wobei Staatsprämien für die besten Leistungen in Gold, Silber und Bronze verliehen werden. Hierauf giebt Direktor Parch ein fesselndes Bild über den Wert des genossenschaftlichen Zusammenschlusses des Handwerks in Hessen und die damit erreichten vor­trefflichen Resultate. Auch die Errichtung einer Zentral- genossenschafts-Kasse sei bereits durch Anteilzeichnungen ge­sichert, sodaß dieselbe im nächsten Jahre in Thätigkeit treten werde. Rockel-Darmstadt referiert noch über das Sub­missionswesen in Hessen, tvobei er die kräftige Initiative der Handwerkskammer und der hessischen Regierung hervor­hebt, die, Hand in Hand mit dem Handwerk liefeinschnei- dende Verbesserungen im Vergebungswesen eingesuhrt habe. Sache der Baubeamten sei es, diese Bestimmungen genau durchzuführen. Ueber den obligatorischen Befähi­gungsnachweis im Bau gern erbe referiert derselbe Redner. Er fordert den Nachweis für alle Gewerbe des Bauhandwerks, insbesondere für die Maurer, Zimmerer^ Steinmetze, Weißbinder unb Stukkateure, Bauschlosser und Bauschreiner, Dachdecker, Brunnenmeister, Spengler und In­stallateure. Tie Versammlung stimmt den Ausführungen einstimmig au. Barber-Mannheim wünscht die Errichtung einer Fachschule für Installateure in Süddeutschland, um auch diesem neuen Gewerbe die nötige Ausbildung zu ge­währen. Tem Projekt soll seitens des Verbandes näher­getreten werden.

Gesellschaft für soziale Reform für das Kroh- herzogtum Kesse».

FC. Frankfurt, 14. September.

Auf Einladung des Sekretärs des Schiedsgerichts für Arbeiterversicherung Scherf-Gießen hatten sich heute Mitglieder der Gesellschaft für soziale Reform aus dem G r o ß h e r z o g t n m Hessen im Hotel National zusam- mdngcfurtbcn. Erschienen waren u- a. Justizrat Kammer- direltor Dr. G e y g e r - Assenheim, Stadtverordneter Reis- Mainz, Landtagsabgeordneter Tr. F r e n a y - Mainz, Rechts­anwalt Tr. Fu Id -Mainz, Verwaltungsselretär Schäfer- Mainz, Redakteur Ehr en tl an -Alsfeld, und Sekretär Scherf- Gießen.

Nach kurzer Begrüßung der Mitglieder durch Herrn Scherf wurde in die Tagesordnung eingetreten und zunächst über die Organisation und Konstituierung eines Zweig­vereins für das Großherzogtuni Hessen verhandelt. Nach­dem Herr Scherf die Aufgabe und den Zweck des zu gründen­den Zweigvereins dargelegt, erklärte sich Reis-Mainz mit dem Antrag einverstanden. Dr. Frenay-Mamz will zunächst festgestellt wissen, welche Mitglieder und Vertrauensmänner in den einzelnen Städten der Gcsellschast für soziale Reform zur Verfügung stehen, und wünscht vor allem die Gründung von weiteren Ortsgruppen, ivie in Mainz. Dr. Fuld tritt für die Gründung eines Zweigvereins em, dem alle Mitglieder der Gesellschaft angehören sollen. Tie Orts­gruppe Mainz zähle bereits 50 Mitglieder und fünf Korpora­tionen und entfalte eine anregende Thätigkeit. Minister Frhr. v- Berlepsch habe für die Wintersatson einen Vor­trag versprochen, von dem sich der Verein weitere Erfolge verspreche. Nachdem Tr. Frenay noch einmal für die weitere Gründung von Ortsgruppen eingetreten, ine der Zentral­stelle Berlin gegenüber selbständige Thätigkeit entfalten, befürwortet Reis-Mainz wiederholt die Gründung eines Zweigvereins für das ganze Großyerzoglum, von dem er sich dann auch einen Einfluß auf den hessischen Landtag verspricht. Auch die Agitation für bic gute Sache würde eine nachhaltigere und erfolgreiajcre fein. Er schlägt vor, einen Vorort zu bestimmen, der die weiteren Schritte zu unternehmen Ijqde. Auf Vorschlag aus der Versammlung heraus ivurbe M ainz, in Lum ocr einzige und stärkste Ortsverein existiere, als Vorort, L-crbürgerineister Tr. Gaßner daselbst alv Vorsitzender r. s Ü.Ircifir Schäfer als Schriftführer gewählr. o. rner wurde befufoifen, eine Neu­wahl des Vorortes uno des Dorstitibrs umbe des Jahres

1904 vorzunehmen. Aus eine Anfrage erklärte Tr- Frenay, daß in Worms die Verhältnisse für Gründung einer Orts- grupwpe sehr ungünstig liegen, wenn man auch eine Reihe von Mitgliedern für bte Gesellschaft gewinnen könne. Tr. Fuld-Mamz hält es nicht für ausgeschlossen, daß Minister Freiherr v. Berlepsch auf Einladung auch in Tarrn stad t, Gießen und anderen Städten Hessens Vorträge hallen würde.

Zu Punkt 2 der Tagesordnung: Vorträge für die Winterfaison, wird mitgeteilt, daß Reichstagsabgeordnete! Baffermann in Mainz einen Vortrag zugesagt habe. Außerdem will Reis-Mainz über das Zwangserziehungs­gesetz und seine Dllingel (letztere hatte er an einigen Bei­spielen aus seiner Praxis der Armendeputation flargelegt), Tr. Frenay über die Wohnungsfrage und Dr- Fuld über die Beschränkung der Kinderarbeit, Scherf über Versiehe- rungsgesetzgebung, Arbeiterschutz und Wohnungsfrage, sprechen. Zur Bestreitung der Kosten für Veranstaltung von Vortragen wird vorgeschlagen, entweder den Beitrag von drei Mark zu erhöhen ober nicht ben ganzen Bei­trag an bie Zentralstelle in Berlin abzuführen. Tr Frenay schlagt vor, biefen Punkt vielleicht in Köln am nächsten Sonntag noch einmal zurückzukommen, wo bie Generalversammlung ber internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz ftattfinbet, von welcher bie Gesell­schaft für soziale Reform eine Unterabteilung bilbet. Die von Scherf-Gießen verfaßten und der Versammlung unter­breiteten Satzungen für den neuen Zweigverein werden dem Vorsitzenden des Vorortes Mainz als Material über­wiesen.

Als letzter Punkt wurde die Wohnungsfrage be­handelt. Scherf-Gießen schilderte in beredten Worten die herrschende Wohnungsnot und das Elend so vieler Arbeiterwohnungen. Obwohl die gemeinnützigen und Aktien-Wohnungsgesellschaften viel gutes geschaffen hätten, seien die Baugenossenschaften mehr zu empfehlen, da sie den Arbeiter nicht fühlen lasse und nidjt das Bewußtsein aufkommen lasse, daß er eine Wohllhat em­pfange, insbesondere werde auch durch die Erfolge ber Baugenossenschaften in ben beteiligten Ärbeiterkreifen bas Zutrauen zur eigenen Kraft mehr gestärkt. Redner em­pfiehlt sodann sehr warm bie Bildung von Baugenossen­schaften nach dem Muster der Building Societis, bie sich in Englanb und Amerika ausgezeichnet bewährt hätten. Diese feien eine Art Sparvereine, aus denen den Mit­gliedern Vorschüsse gewährt würden in Höhe ber ein» gezahlten Beiträge und des zeitigen Wertes der noch zu leistenden Einzahlungen. Es seien also in Wahrheit keine Baugenossenschaften, sondern Real-Kreditbanken.

Dr. Geyger hält es für sehr gut, wenn die Arbeiter, die in großen Städten arbeiten, auf dem Lande wohnen können, indem sie durch die Vorortbahnen und Staats­bahnen möglichst billig befördert werden. Das fei zum großen Teil schoit der Fall unb werbe als großer Segen empsunben. Ter Arbeiter bleibe bem Getriebe ber Stadt fern, bleibe feiner Familie erhallen, wohne unb lebe billiger. Tie Gründung der von Herrn Schers angeregten Genossenschaften halle er für sehr schwierig.

Scherf führt noch aus, daß das zuerst erforderliche Kapital von der Regierung oder Sparkassen zur Verfügung gesteltt werden müs,e. Tr. Frenay stimmt den Ausführ- ungen des Herrn Dr. Geyger zu und meint, die Geldfrage sei eine sehr schwierige, es mü,se erst der nötige Kredit ge­schaffen werden. Tas Wohnungsgesetz in Hessen werde über­schätzt, es sei gar nicht so bedeutend, doch sei wenigstens das Prinzip anerkannt.

Um die Gründung solcher Baugenossenschaften anzu- regen, will der zu gründende Zweigverein einen diesbezüg­lichen Aufruf erlassen.

Tas provisorische Kornllee für die Sektion Oberhessen des hessischen Zweigvereins setzt sich It. gefaßtem Beschluß zusammen wie folgt: Freiherr v. Leonhardi-Groß-Karden als Vorsitzender, Pfarrer Schlosser- Gießen ftelloertr. Vorsitzender, Sekretär Scherf-Gießen als Schriftführer.

Vermischtes.

Paris, 13. Sept. DemEclair" zufolge dürfte die Räumung der Insel Martinique bte Summe von 300 Mill. Frs. kosten. Die Kollnisten werben nach Guade­loupe, Guyana und Neukaledonien weiter befördert werden. Ein aus Martinique zurückgekchrter Kapitän, ber bereits GO Mal die Fahrt nach Martinique gemacht hat, bewachtet die dortige Lage für weniger Besorgnis erregend. Die pessimistischen Nachrichten würden von Amerikanern in Um­lauf gesetzt, weil diese Interesse daran hätten, ben Handel mit Martinique zu monopolisieren. Fort de Frances sei nicht bedroht, ebenso auch nicht die südlichen Teile ber Insel, wo die Zuckerplantagen sich in guter Verfassung befänden.

Madrid, 14. Sept. Große Auflegung verursachte gestern abend in Malaga ein plötzlich irrsinnig gewordener Gendarm, der auf bas Publikum zu schießen begann, 7 Personen tötete und 5 schwer verwundete. Sofort abgesandte Truppen töteten den Gendarmen.

* Wien, 13. Sept. Auf ber Station Nikolsburg bet Nordbahn sind am Vormittag zwei Lastzüge zusammen gestoßen, wobei mehrere Wagen zertrümmert wurden. Ein mit Zündhölzchen beladener Wagen geriet in Brand. An- geblich ist niemand verletzt.

* Lemberg, 13. Sept. Nach einer Meldung der Slowo Polski" wurden bei den gestern in Czenstochau vorgekommenen antisemitischen Exzessen 14 Juden und 1 Polizeisoldat getötet.

Petersburg, 14. Sept. ^Auf dem Markt der Stadt Czenstochau wurde infolge Streites mit einem Krämer eine Bauersfrau von einem Juden überfallen unb erhielt einen Hieb auf den Kops. Alsbald verbreitete sich das Ge­rücht, eine Christin sei erschlagen worden. Erne Anzahl Arbeiter griff bie Läden an, warf die Waren hinaus und schlug die Scheiben ein. Zur Wiederherstellung der Ordnung wurde eine Militärabteilung herbeigerufen, bie, nachbem eine dreimalige Mahnung erfolglos war und gegen die Abteilung Steine geschleudert wurden, feuerte. Zwei Personen wurden tätlich getroffen und fünf schwer verwundet.

* Petersburg, 13. Sept. Infolge von wiederholten Zeitungsmeldungen über Unordnungen bei Bau ber Bai­kalringbahn sah, wie aus zuverlässiger Quelle jetzt ver­lautet, ber Chef dieser Bahn sich genötigt, eine Untersuchung einzuleiten, bie die Richtigkeit ber Blättermeldungen bestätigte. Wie beim Bau der großen sibirischen Bahn, so sind auch beim Bau der äußerst kostspieligen Baikalbahn große Unterschleife begangen worden. Zunächst wurde be- jchlossen, ben Jngemer sofort zu entlassen, besten Schuld er-