Nr. 111
Wrscheiut täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesflschen Landwirt die Siebener Familien» blätter viermal in der Woche beigelegt.
ytotattonsdruck il Verlag der Brü h l'schen Untvers.-Buch- u. Stein- Druckerei (Pietsch Erben) Redaktion. (Erpebition und Druckerei:
Schul st raße 7.
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Mittwoch 14. Mai 190»
ISS Jahrgang
Drittes Blatt.
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Politische Tagesschau.
Sonderblmdlerische Machenschaften?
Die „Tägl. Rundsch." gab in einer ihrer letzten Nummern einer Zuschrift Raum, die wegen der Andeutungen von Neigungen zur Sonderbündelei seitens drei ober vier Kundesstaaten im Deutschen Reich Aufsehen erregen dürste. Das genannte Blatt erinnert an den Besuch des bayerischen Premierministers v. Crailsheim in Stuttgart. Diesen Besuch hatte das offizielle amtliche Organ Württembergs, der „Württembergische Staatsanzeiger", mit dem etwas merkwürdigen Kommentar begleitet, es möchte der mündliche Meinungsaustausch zwischen den leitenden Ministern Bayerns und Württembergs dazu beitragen, die zwischen Württemberg und Bayern bestehenden freundschaftlichen Beziehungen zu fördern. Diese Auslassung des „Württem- bergischen Staatsanreigers" ging damals ziemlich unbeachtet vorüber, erhält aber jetzt durch die Mitteilung der „Tägl. Rundsch." eine eigentümliche Beleuchtung. Jene Zuschrift giebt nämlich die Meinung eines Diplomaten wieder, „daß zwei der deutschen Bundesstaaten immer mehr „divergierten", indes der eine von ihnen mit einem b ritten (deutschen!) schon lange politisch verbunden sei und sich mit einem bierten (deutschen) nunmehr verständigt hab e."
Die Zeiten des alten, seligen deutschen Bundes scheinen nach dieser Mitteilung wieder^yren zu sollen, wenn sich die Meinung jenes „Diplomaten" bestätigt! Leider ist sein Name verschwiegen geblieben; die „Tägl. Rundsch." will ihn nicht nennen, um nicht unnötig Sensation zu erregen. Es wäre aber doch sehr interessant, den Namen dieses Diplomaten zu erfahren. Denn schon daraus könnte man schließen, wie viel an der ganzen, nach dem letzten Besuche des Grafen Posadowsky an den süddeutschen Höfen recht unwahrscheinlich klingenden Mitteilung wahr ist.
Heer und Flotte.
Die Aenderungen an der Offiziersuniform haben die Herausgabe von Deckblättern für die Offizier- Bekleidungsvorschrift nötig gemacht. Es sind davon zunächst die Maschinengewehr-Abteilungen betroffen worden. Diese haben auch die graue Litewka der Kavallerie erhalten, die den Jägern und Schützen gleichfalls gegeben wurde, für alle übrigen Waffen ist sie dunkelblau. Eivil- tragen innerhalb des Deutschen Reiches ist auch den im dienstlichen Auftrage oder mit dienstlicher Genehmigung an Luftfahrten teilnehmenden Offizieren gestattet, falls der Aufstieg in der sltahe der Grenze erfolgt, und zwar mit Genehmigung desjenigen Vorgesetzten, der die Teilnahme an der Fahrt angeordnet oder gestattet hat, außerdem in solchen Einzelfällen, wo nach dem Urteile der kommandierenden Generäle oder höchsten Waffenbefehlshaber bei gewissen Dienswerrichtungen der Zweck des Auftrags in Uniform nicht erreicht werden könnte. Bei den Orden ist die Chinadenkmünze hinter der Kriegsdenkmünze von 1864 eingeschaltet. Die Festungsbau-Offiziere, deren Uniform genau beschrieben wird, sind der Klasse der Zeug- und Feuer- werksosfiziere beigegeben worden. Die neuen Waffenrock- knöpse sind gewölbt und haben anstatt 2.5 Ctm. nur 2.05 Ctm. Durchmesser. Den Offizieren aller Waffengattungen ist erlaubt, den Degen (Säbel) am Unterkoppel mit einer besonderen Tragvorrichtung anzubringen. Ferner ist eine Beschreibung des Kaiser-Schießpreises für die Infanterie- Regimenter gegeben, deren Chef der Kaiser ist. Das Abzeichen ist ein Geflecht von goldener Drahtschnur. Für Leutnants ist die Schnur schmäler und kürzer als für Hauptleute. Diese tragen das Abzeichen dauernd, die Leutnants nur, so lange sie bei h er betreffenden Kompagnie stehen. Für das Luftschiffer-Bataillon und die zu diesem kommandierten Offiziere sind auch Llnschuallsporen zulässig; an Stelle des Revolvers kann eine Selbstladepistole treten.
Aus Kluöt und Kund.
Gießen, den 14. Mai 1902.
** Ernennung. Ernannt wurde der zweite Staatsanwaltsgehilfe bei der Staatsanwaltschaft am Landgericht der Provinz Starkenburg Christ zum Hilfsgerichtsschreiber bei dem Landgericht der Provinz Starkenburg für den Dienst bei der Kammer für Handelssachen.
** Die Reifeprüfungen für Nichtschüler werden in diesem Jahre an dem Gr. Herbst-Gymnasium zu Mainz, dem Gr. Realgymnasium zu Gießen und der Gr. Oberrealschule zu Offenbach abgehalten werden, und zwar in Mamz am 22. Sept., in Gießen am 25. Sept.,
in Offenbach am 8. Sept, beginnend. Gesuche um Zulassung zu diesen Prüfungen sind unter Nachweisung bes eiterigen Bildungsgangs und sittlichen Verhaltens, sowie unter Vorlage der letzten Schul- und Privatzeugnisse bis pätestens zum 12. Juni 1902 bei dem Gr. Ministerium )es Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, einzureichen. Die Gesuche sind mit dem vorgcschriebenen Stempel im Betrage von 1,50 Mark zu versehen. Hierbei gelten nachfolgende Bestimmungen: Die Zulassung soll in der Regel nur an solche erteilt werden, welche Angehörige des Großherzogtums sind oder in demselben ihren ständigen Wohnsitz haben. Wer früher eine Anstalt her bezeichneten Arten besucht hat, soll in der Regel zur Reifeprüfung nur rugelassen werden, wenn mit Ablauf des Halbjahres, in bem er sich meldet, von dem Eintritt in die Prima an gerechnet, zwei Jahre, und, falls er schon aus der Ober- Sekunda abgegangen, außerdem noch diejenige Zeit verflossen ist, welche er der Regel nach in dieser Klasse noch hätte zubringen müssen, um in die Prima versetzt zu werden. Ist der Austritt aus der Anstalt in Prima erfolgt, so entscheidet die unterzeichnete Behörde nach Anhörung der betreffenden Direktion, ob das Halbjahr, in dem oder an dessen Schluß der Austritt erfolgt ist, auf den zweijährigen Kursus der Prima zugerechnet werden darf. Wird die Prüfung nicht bestanden, so kann sie in her Regel nicht vor Ablauf eines Jahres wieberholt werben. Die an die Kasse her betrefjenben Anstalt vor Ablegung her Reifeprüfung zu entrichtende Gebühr beträgt 30 Mark.
** Schulärzte im Großherzogtum Hessen. Mährend die größeren Städte Hessens schon in den letzten Jahren mit der Anstellung von Schulärzten vorgegangen sind, geschah in den übrigen Gemeinden des Landes wenig oder nichts in dieser Angelegenheit. Das Ministerium hat nun kürzlich ein Aus sch reib en erlassen, worin die Anstellung von Schulärzten allen Gemeinden empfohlen wirb. Vom Kreistage zu Offenbach würbe bie Anregung bereits aufgenommen unb für hie Bestellung eines Arztes für bie Volksschulen ber Landgemein b e n bes Kreises bie Summe von 800 Mark bewilligt. Die Stelle würbe bem Kreisassiftenzarzt Dr. Zinßer in Offenbach übertragen.
** Keine Fahrpreisermäßigung. Anträge auf Fahrpreisermäßigung für gemeinschaftliche Eisenbahnreisen größerer Gesellschaften werden, wie wir hören, während der Zeit vom 16. bis 21. Mai grundsätzlich abgelehnt, da die Züge an diesen Tagen ohnehin überfüllt sind.
** Statistisches. Im Aiärz sind auf deutschen Eisenbahnen — ausschließlich der bayerischen — 20 Entgleisungen auf freier Bahn (davon neun bei Personenzügen), 13 Entgleisungen in Stationen (davon eine bei Personenzügerr) unb sieben Zusammenstöße in Stationen (davon drei bei Personenzügen) vorgekommen. Dabei wurden ein Bahnbediensteter getötet, ein Reisenber unb fünf Bahnbebienstete verletzt.
** Der Jahresbericht ber Gro ßh. hessischen Gewerbeinspektion für 1901, ber soeben fast 200 Seiten stark erschienen ist, genxujrt einen Ueberblirf unb bis ins Kleinste gehenden Einblick in bie weitverzweigte Thätigkeit ber Gewerbeaussichtsbeamten im Großherzogtum. Der Bericht stellt fest, baß bie Aufsichtsbeamten im großen unb ganzen bei ben Arbeitgebern einem wachsenben Be- bürfnis begegnen. Aber es finb doch auch hier noch eine ganze Anzahl Ausstellungen zu machen, bie zeigen, baß noch gar manches besser werben muß Dagegen ist eS wenig verwunberlich, wenn darüber geklagt wird, daß bie Sprech- ftunben auf den Amtsstellen von den Arbeitern noch nicht genügend benutzt werden, während sie bei zufälliger Begegnung auf der Straße, namentlich nach einer" statlgehabten Revision, gerne ihre Anliegen Vorbringen. Am mangelhaftesten ist es bamii in dem neu eingerichteten Bezirk Worms bestellt. Der mündliche Verkehr der Arbeiterinnen mit den Assistentinnen in Offenbach und Darmstadt wird immer lebhafter. Besonders gute Erfahrungen hat man auch hier damit gemacht, wenn Beschwerden und Wünsche der Arbeiter durch ihre Organisationen eingebracht wurden, die ja ihre Mitglieder genau kennen und daher den Wert der Beschwerde nach der Qualität des Beschwerdeführers einzuschätzen wissen. Allerdings haben die Arbeiter zuweilen auch darunter zu leiden, wenn sie Mißstände zur Sprache bringen, und der Jahresbericht bedauert, daß das Gesetz keine Handhabe bietet, Arbeiter in derartigen Fällen vor dem Uebelwollen ihrer Arbeitgeber zu schützen. — Aus der Fülle des gebotenen Materials feien noch ein paar Zahlen hervorgi^oben. Revisionen gewerblicher Anlagen fanden 1901 im ganzen 2876 statt. Die Gesamtzahl der Revisionen durch Assistentinnen betrug 857. Die Zahl der Fabriken und diesen gleichgestellten Anlagen betrug am
1. Oktober 1901 4816, die Zahl her in diesen Anlagen beschäftigten Arbeiter 83 430. Darunter befanden sich 62 946 erwachsene männliche Arbeiter; Arbeiterinnen über 16 Jahren 13 634; junge Leute beiderlei Geschlechts von 14 bis 16 Jahren 6802 (männl. 4432, weibl. 2370); Kinder beiderlei Geschlechts unter 14 Jahren 48 (männl. 36, weibl. 12). Zuwiderhandlungen gegen Schulgesetze für die jugendlichen Arbeiter wurden von den Aufsichtsbeaniten ermittelt in 478 Anlagen, bestraft wurden aus diesem Grunde 53 Personen; Zuwiderhandlungen gegen Schulgesetze für Arbeiterinnen wurden in 156 Anlagen ermittelt, deshalb bestraft wurden 18 Personen. An einer Stelle des Berichts wird geklagt über große Milde ber Gerichte. Ucberarbeiten (mehr als elfstündige Arbeit, und mehr als zehnstündige Samstags) wurden 39 Betrieben bewilligt für 1909 erwachsene Arbeiterinnen, die Summe der bewilligten lieber» stunden (außer an Samstagen) betrug 22 992. Sonntagsarbeit wurde gestattet in 55 Betrieben für 811 Arbeiter an 160 Sonn- und Festtagen mit 14 234 Arbeitsstunden.
Ostheim, 13. Mai. Eine sehr ehrenvolle Auszeichnung wurde dem Ehepaar Gemeindeeinnehmer Schneider hier, die ihre goldene Hochzeit feierten, zuteil, indem ihnen vom Großherzog dessen Bild mit eigenhändiger Namensunterschrift übermittelt wurde. Das Jubelpaar stiftete aus Anlaß der goldenen Hochzeit eine sehr wertvolle Altardecke für die hiesige Kirche.
Grünberg, 12. Mai. Am Samstag hielt der O r t s - gewerbeverein Grünberg im „TaunuS" seine ordentliche Generalversammlung ab. Aus dem von dem Vorsitzenden, Spenglermeister Kaiser, erstatteten Rechenschaftsbericht entnehmen wir, daß im Laufe des verflossenen Vereins- jahreS fünf Vorstandssitzungen, zwei Monatsversammlungen und zwei Generalversammlungen abgehalten wurden, während drei öffentliche Vorträge den Mitgliedern Gelegenheit zur Erweiterung ihrer Kenntnisse boten. Recht erfreuliche Erfolge des Vereins waren insofern zu verzeichnen, als der Vorstand durch Vermittelung der Zentralstelle und der Handwerkskammer erreichte, daß größere Arbeiten an Staats- und Provinzialbauten losweife zur Vergebung gelangten, wodurch es auch den kleineren Handwerkern möglich gemacht wurde, an den Submissionen sich beteiligen zu können. Einen recht erfreulichen Aufschwung hat bie Handwerkerschule zu verzeichnen, deren Schülerzahl gegenwärtig 74 beträgt; bie hierfür sich naturgemäß fteigernbe Aufgabe, für Deckuna höherer Ausgaben sorgen zu müssen, wurde durch einen seitens ber Gr. Zentralstelle erfolgten Zuschuß von 179 Mark erleichtert. — Nach Verlesen ber Jahresrechnung burch ben Rechner wurde die Wahl des Gesamtvorstandes vorgenommen und hierbei der seitherige Vorstand wieder- und Spenglermeister Julius Von-Eiff zugewählt.
Hungen, 13. Mai. Der Geflügelzuchtverein wurde am Sonntag definitiv gegründet. Es gehören ihm bis jetzt 35 Mitglieder an, wovon mehrere auswärtige sind. In ben Vorstand wurden gewählt: Lehrer Best-Langd, erster Vorsitzender, Hrch. Nicolai-Hungen, zweiter Vorsitzender, Gottlieb Schaab-Hungen, Rechner und Schriftführer, sowie noch feier Beisitzer.
b. Mainz, 12. Mai. Gestern abend zwischen 7 und 7i/8 Uhr war hier das ziemlich seltene Phänomen einer herrlichen Nebensonne, die senkrecht über der wirklichen Sonne (annähernd zwölf Grad) stand, zu beobachten. Die Sonne selber war nach dem „M. Journ." verdeckt hinter schweren Wolken, während an der oben angedeuteten Stelle zwei rote fischförmige, langgestreckte Wolken sichtbar waren, die sich nach und nach zu einer großen, nicht scharf umgrenzten Kugel herausbildeten. Später wurde diese hellgelb unb ging bann langsam zurück, bis bie reinen roten Wolken wieder erschienen. Die ganze Erscheinung bauerte etwa fünf Minuten. Nachdem bas Phänomen verschwunden war, setzte ein Regen ein. — Gestern gelang es unserer Polizei, eine Schwindlerin zu verhaften, welche sich seit einiger Zeit hier eingemietet hatte und auf ziemlich großem Fuße lebte; die Schwindlerin gab sich als eine Gräfin Don Kugeltyitz aus, ihr Gemahl lebe in Rußland. In Wirklichkeit heißt bie Person Olsen unb sie ist in ycoibbeutfd)» lanb gebürtig. Sie wurde nach Wiesbaden abgeführt.
Litterarische Neuerscheinungen.
(Besprechung Vorbehalten.)
„lieber Land und Meer", Heft 14 und lö. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, a Heft 60 Pfg.
„K unstwar t", Rundschau über Dichtung, Theater, Musik und vildende Kunst, Machest. Verlag von G. T. W. Callwey, München. Vierteljährlich 3 Alk., ä veü 60 Psg.
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