Ausgabe 
14.4.1902 Erstes Blatt
 
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»ügigkett gegenseitig zugestanden worden sein soll. Erne derartige Vereinbarung ist aber zwischen Poeußen urrd anderen deutschen Staaten weder abgeschlossen noch zur Zeit beabsichtigt.

Es ist mithin das Spielen in sämtlichen außerpreußischen Staatslotterien nach wie vor in Preußen strafbar. In Hessen und Thüringen strebt man dagegen diese Lotterie- freizügigkett an und wird sie im Verkehr mit dem König­reich Sachsen wohl auch erreichen. Preußen muß aber natürlich immer seine Extrawurst haben und tritt nur dann in Verbindung mit den anderen deutschen Staaten, wenn es seinem Geldbeutel allein von Vorteil ist! Wie in Eisend ahnd ingen, so in Lotteriesachen. Semper idem! Nun, es geht in manchen Dingen Gott sei Dank auch ohne Preußen!_______

Aus Stadt und Sand.

Gießen, den 14. April 1902.

Von der Universität. Der Groß Herzog hat am 12. 2lpril den Privatdozenten Dr. Wilhelm Horn zu Gießen, wie dieSDarrnft. Zig." meldet, zum außerordent­lichen Professor der Landesuniversität mit Wirkung vom 1. Mai 1902 an ernannt. Wie wir hinzufügen können, ist dem Prof. Horn die durch Prof. Wetz' Berufung nach Frei­burg erledigte außerord. Professur für englische Philologie übertragen worden. Der außerord. Professor bei der philo­sophischen Fakultät der Landesuniversität Dr. Kornemann wurde auf sein Nachsuchen aus dem Staatsdienste entlassen.

* Audienzen. Der Großherzog empfing am 12. April den Professor Dr. Pitz, Direktor der Großh. Realschule zu Alsfeld.

* Auszeichnung. Der Großherzog hat dem Haupt­mann v. Selasinsky, Batteriechef im 2. Rhein. Feld­artillerie-Regiment Nr. 23, seither im 1. Großh. Feldartillerie- Regiment Nr. 25 (Großh. Artilleriekorps) das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.

- Ernennungen. Der Großherzog hat den Ober­lehrer an dem Schullehrer-Seminar zu Friedberg Professor Dr. Frenzel zum Kreisschulinspektor bei der Kreis-Schul- kommission Worms, den Oberlehrer an der Realschule zu Oppenheim Dr. Dittmar zum Oberlehrer an dem Real­gymnasium und der Realschule zu Gießen, am 12. April den Oberlehrer an der Realschule zu Alsfeld Roth zum Oberlehrer an dem Gymnasium und der Oberrealschule zu Offenbach, sämtlich mit Wirkung vorn 1. Mai an, ernannt. Der Großherzog hat den Finanzaspiranten Pons aus Langen zum Ministerialregistrator beim Ministerium des Innern mit Wirkung vom 1. April ab, den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Msfeld Dröll zum Amtsrichter in Bens­heim und den Gerichtsasseffor Dr. Heyer aus Darmstadt zum Amtsrichter in Alsfeld, beide mit Wirkung vom 1. Mai 1902, den Gerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Langen Haubach zum Gerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Zwingen­berg und den Hilfsgerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Schotten Bopf zum Gerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Langen, beide mit Wirkung vom 1. Mai 1902 an, und den Revifionskontrolleur bei dem Hauptsteueramt Worms Bauer zum Rendanten bei dem Salzsteueramt Wimpfen ernannt.

* * Hotel-Verkauf. Herr G. Nauheimer hier verkaufte sein Hotel und CafsGroßherzog von Hessen" für den Preis von 250 000 Mk. an Herrn Aug. Hell aus Wies­baden. Die nötigen Mittel und anerkannte fachmännische Tüchtigkeit werden es dem neuen Besitzer ermöglichen, das schöne Etablissement in weiterem flotten Betriebe zu erhalten.

* * Verein der Gastwirte von Gießen und Umgegend. In der letzten Generalversammlung wurden in den Vorstand gewähtt: Hotelier Mund (Victoria-Hotel), 1. Vorsitzender, Kaspar Stein (Steins Garten), 2. Vorsitzender, Bernd (Hohenzollern) und Klages (Franks. Hof), 1. und 2. Schrift­führer, Max Jaskowsky (Aquarium), Rechner gleichzeitig Ortsrechner der Bundes-Sterbekasse. Zu Beisitzern wurden gewählt die Herren: Hettler, Roch, Jeldhaus, Herr und Sauer.

w. Darmstadt, 13. April. Gestern empfing Ministerial­rat Braun eine aus sechs Vertretern bestehende Kommission der Gastwirte des Großherzogtums, um deren Wünsche in Betreff der zu erlassenden Ausführungs-Bestimmungen wegen

der vom BnndeSrat auf Grund des § 120 e der Gewerbe- Ordnung herausgegebenen Verordnung, die Beschäftigung der Angestellten im irt§geroerbe angehend, ent­gegenzunehmen. Die Kommission war in der Lage, darauf hinzuweisen, daß in der vorliegenden Frage die Wünsche der Prinzipale sich vollständig decken mit denen der Angestellten, soweit dieselben organisierten Verbänden angehoren und als solche befragt werden konnten. Ministerialrat Braun ver­sprach, thunlichst weitgehend die vorgetragenen Wünsche bei den in Aussicht stehenden Maßnahmen der Regierung zu berücksichtigen.

w. Nikder-Rarnstadt, 13. April. In der Epileptischen Anstalt befinden sich jetzt 23 männliche und 10 weibliche Pfleglinge. Die Erbauung des von Anfang an in Aussicht genommenen zweiten Flügels kann im Hinblick auf dies rasche Wachstum nicht aufgeschoben werden, wenn die Anstalts­leitung nicht sehr bald in die unangenehme Lage versetzt werden soll, Anmeldungen aus Mangel an Raum abzuweisen. Es steht zu hoffen, daß auch jetzt wieder die Gaben reichlich fließen, damit der Neubau noch im Laufe dieses Jahres unter Dach kommen kann. Auch der innere Ausbau der Anstalt ist vorgeschritten. Auf Grund des Beschlusses, daß auch er­wachsene weibliche Epileptische ausgenommen werden dürfen, hat bereits ein 19jähriges Mädchen Aufnahme ge­funden. Zwei weitere weibliche Erwachsene werden demnächst eintreten.

Kandel und Verkehr. Volkswirtschaft.

3'/rProz. Anleihe der Provinz Oberheffcu. Aus eine An­leihe von 600 000 Mk., deren Erlös zum Bau des Siechen­hauses in Gießen dienen soll, waren Offerten eingefordert worden. Den Zuschlag erhielten die Bankfirmen Aron Heichelheim- Gießen und Gebr. Neustadt-Frankfurt a. M. zu 98,06. Die Bank für Handel und Industrie-Darmstadt hatte, wie wir hören, 97,73 geboten.

Preußische KousolS. Gleich allen übrigen Werten sind in den letzten Tagen auch die preußischen Konsols etwas zurück­gegangen; es war dies nur eben eine Folge der allgemeinen Be­wegung. Man hat aber auch nach anderen Gründen gesucht und sie darin gefunden, daß die Einnahmen der preußischen Staals- bahnen im abgelausenen Rechnungsjahr einen gewaltigen Rück­gang erfahren haben. Diese Kombmatwn ist eine ganz salsche, da der Rückgang der Eisenbahneinnahmen eine längst bekannte Sache ist, die von Monat zu Monat an den Ausweisen genau verfolgt werden konnte. Das Auf- und Absteigen der Eisenbahneinnahmen steht mit dem preußischen Staatskredit in gar keinem Zusammen­hang, da die preußischen Finanzen die besten der ganzen Welt sind und aus einer Grundlage ruhen, die nahem unerschütterlich ge­nannt werden darf. Die ganze preußische Staatsschuld ist durch das Vermögen in den Eisenbahnen gedeckt, und wenn auch der Ertrag je mit den Konjunkturen hin- und herschwankt, so hat der Staat schließlich noch genügend andere Einnahmequellen, um über ein Minus in den Betriebsverlältniffeu der Eisenbahnen mit Leichtig­keit hinwegsehen zu können.

Zum Börseugesetz. Der badische Finanzminister Buchenberger hat eine entschiedene Rede für die Börsen ge­halten und erklärt, es sei Aussicht vorhanden, daß gegenüber der Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Börsen Hilfe geschaffen werde. Er warnt davor, populäre Gesetze zu schaffen, die von der Tagesströmung diefiziert werden. Zur Charakteristik des Börsen­gesetzes teilt bte Direktion der Diskonto-Gesellschaft mit, daß ein Rentier, der sich später selber Konzertzeichner nannte, bei ihr Warschau-Wiener Obligationen zeichnete und als er wegen Ver­weigerung der Abnahme verklagt wurde, den Differenzeinwand er­hob. Das detr. Amtsgericht habe dann die Beweiserhebung be­schlossen und den Börsenvorstand um sein Gutachten ersucht.

Akkumulatorenwerke System Pollak, Frankfurt a. M. Die Gesellschast zeigt an, daß Herr Massenbach nunmehr aus dem Vorstand ausgeschieden ist. Im übrigen würden die Geschäfte der Gesellschast in unveränderter Weise fortgesührt. Heute (Montag) findet eine Sitzung des Aussichtsrates statt, in der das Ergebnis der Revision zur Vorlage gelangen soll. An der Frankfurter Samstagsbörse war der Kurs der Aktien abermals gestrichen.

Der industrielle Niedergang. Anläßlich der Debatte über den Eisenbahnetat im preußischen Abgeordnetenhaus hat der Eisenbahnminister eine ermunternde Rede gehalten. Er hat die Meinung ausgesprochen, daß der Notstand nahezu im Schwinden begriffen sei. Es würden bedeutende Summen für neue Bauten uird Anschaffungen verwendet werden. Daß viel Geld der Industrie zugewendet roerben soll, hört man gerne und wird man glauben können, aber daß die wirtschaftliche Depression nächster Zeit schon behoben sein wird, will kein Einsichtiger mehr recht glauben.

Eine serbische Anleihe soll wieder einmal in Sicht sein. In der Skuptschina wurde dieser Tage ein Ukas des Königs ver­lesen, wodurch der Finanzminister ermächtigt wird, eine Vorlage behufs Aufnahme einer 5°/oigen, durch den Ueberschuß des Mono­

pol-Ertrags garantirten Anleihe im Betrage von 50 Millionen No­minal zu unterbreiten. Jüngst hat die Ottomanbank gegen Schatz­bons eine 7°/oige Anleihe im Betrage von einer Million Francs unter der Bedingung einer l%igen Eommissionsgebülw gewährt» Was wird Serbien erst zahlen muffen, wenn es 50 Millionen Fres. haben will. Tie Skuptschina hat deshalb auch erst die Vorlegung des mit der Bankengruppe abgeschlossenen Vertrags verlangt, ehe sie sich über die Anleihe schlüssig macht.

Zur Lage der Kohlcuiudustric. Wie aus Effen gemeldet wird, betrug die Kohleusörderung der Syndikatszechen im Atonal März 3 667 510 Tonnen. Abgesehen vom Dezember 1899, m wel­chem Atonal die bekannten Verkehrsstörungen herrschten, hat das Syndikat eine ähnlich niedrige Kohlenförderung nicht gesehen.

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Gerichtssaal.

Leipzig, Samstag, 12. April. Das Reichsgericht verwarf heute dieR e v i s io n von 18derim W r e s ch en e rSchulkrawall- Prozeß verurteilten Angeklagten. Stallgegeben wurde der Re­vision des Schuhmacherlehrlings Wisniewski. Das Urteil gegen W., wider den wegen groben Unsugs auf 4 Wochen Gefängnis ev fannt worden war, wurde ausgehoben und die Sache an das Land» gencht zurückverwiesen, da bei der Strafbemessung nicht beachtet worden war, daß dem noch nicht 18 Jahre alten Angeklagten höchstens eine Haststrüse von 20 Tagen auserlegt werden konnte. Die bezüglich der übrigen Angeklagten vorgebrachten Revifions- grünbe wurden gemäß dem Anträge des ReichsanwaltS verworfen. Tie Behauptung, daß der Gerichtshof außer den Ergebniffen det Beweisanfiiahme auch privates Wißen zu feinen Feststellungen be­nutzt habe, sei unzulreffend. Ferner sei die Behauptung unbegrün­det, daß Zeuge Kreisschulinspeetor Winter bei seiner zweiten Ver­nehmung am 19. November (nach Schluß der Beweisaufnahme am 16.) nochmals hätte vereidigt werden müssen; denn eine Entlassung des Zeugen war nicht erfolgt. Auch die materiellen Rügen, die hauptsächlich ungenügende Feststellung des Thatbestandes des tz 144 (Beamlen-Nötigüng) behaupteten, wurden als unbegründet ver­worfen.

Vermischtes.

König Eduards Cigarren.

König Eduard, der als Raucher Ungeheuer passionitt, Liebt die theuersten Eigarren, Die Havana importtrt.

Aus dem feinsten Kraut gewonnen Und behandelt mit Geschick, Kosten sie schon in der Heimath, Wie man sagt, vier Mark das Stück!

Frellich ist auch ihre Größe Ungewöhnlich kolossal, Und den meisten Rauchern würde

Ihr Genuß vielleicht fatal.

Doch der König hat's ja sicher Schon als Prinz so weit gebracht, Daß ihm auch der stärkste Tabak Nur noch wenig Skrubel^uaHt^

Auszug aus öeu Kjrchkuduäjeru der Stadt Gieße».

Evangelische Gemeinde.

Getaufte. Lukasgemeinde. Den 5. April. Dem Pscrrr» amtskandidat, Repetent bei der theol. Fakultät, Eduard Edwin Becker ein Sohu, Franz Theophil Fritz Otto, geb. den 2 März. Den 6. Dem Professor Geh. Justizrat Dr. Arthur Schmidt eine Tochter, Erna Marie, geboren den 21. Februar. Dem Postboten Heinrich Wichelm Jullmann eine Tochter, Emma Luise, geb. den 14. Februar. Dem Bureaudiener Georg Trapp eine Tochter, Else Elisabetha, geboren den 28. Februar. Johannesgemeinde. Den 6. April. Dem Gastwirt Johann Matter eine Tochter, Paula Regina, geboren den 22. März. Den 9. April Dem Händler Johannes Ruth eine Tochter, Katharina Johanna, geboren den

Getraute. Lukasgemeinde. Den 5. April. Heinrich Wahl, Bahnarbefter zu Gießen und Karoline Wack, Tochter des Landwirts Karl Wack zu Königsberg.

Beerdigte. Johannesgemeinde. Den 4. April. Marie Scheid, 59 Jahre alt, ledig, Hospitalftin, starb den 2. April. Den 7. Elisabethe Michel, Witwe des Taglöhners Heinrich Michel, 74 Jahre alt, Hospitalftin, starb den 3. April. Den 10. Apr.il. Karl Lotz, städtischer Arbeiter, 40 Jahre all, starb den 9. April. Eine Frau altert frühzeitig, S5 ** macht, als ohnedies nötig ist. Dies geschieht unbedingt, wenn sie sich bei der Wäsche mit einem billigen, schlechten Waschpulver plagt, das nicht reinigt und ihr noch nebenbei die Wäsche ruinirt, anstatt bequem zu arbeiten mit Giolh's gemahlener Kernseife mit Salmiak und Terpentin, die höchste Waschkraft besitzt und infolgedessen koloffale Arbeftsersparnis bringt. Enthält kein Ehlor oder den Händen oder der Wäsche schädliche Substanzen. Täglich steigender Absatz beweist allgemeine Beliebtheit und vorzügliche Qualität. Per Packet 15 Pfg. Fabrikant I. Gioth. Hanau a. M.

Hessische Blätter für Volkskunde herausgegeben im Auftrage der Vereinigung für hessische Volkskunde von Adolf Strack. Band I, Heft 1. Gießen (v. Münchowsche Druckerei) 1902. 66 S. 8°.

Seitdem die im Titel genannte Vereinigung nicht mehr eine Abteilung des Oberhessischen Geschichtsoereins, son­dern als selbständiger Verein neu organisiert ist, hat sie in kurzer Zeit großen Aufschwung genommen und im ganzen Lande eine bedeutende Mitgliederzahl gewonnen. So ist sie schon jetzt in den Stand gesetzt, eine neue Zeitschrift zu begründen, deren erstes Heft seit wenigen Wochen vorliegt. Damit aber ist sie gleichzeitig eingetreten in die große Bewegung, die zur Erforschung unseres gesamten Volks­lebens, eine junge Wissenschaft, die Volkstunde, geboren hat.

Tie Ziele, die sich die Blätter stecken, sind weit. Zwar wollen sie in erster Linie die Erforschung heimischer Sitten und Gebräuche, Märchen, Sagen und Lieder, mit einem Wort heimischen Volkstums fordern, aber sie wollen auch dem Ganzen als dienendes Glied sich einreihen und die Erörterung allgemeiner Fragen der Volkskunde pflegen. Tas vorliegende Heft trägt dieser doppelten Ausgabe Rech? nung. Es wird eröffnet durch einen Beitrag Hermann Useners, des bekannten Forschers auf dem Gebiete der Religionsgeschichte, in Bonn über den alten Merseburger Zauberspruch, der gebrochene Glieder heilt. Albrecht Tieterich, Professor an unserer Universität, verbreitet sich anknüpfend an seinen früheren Aufsatz in den Blättern für Hess. Volkskunde über Himmelsbriefe. Er weist nach, daß schon im griechisch-römischen Altertum solche Briefe existiert haben, deren Spuren teilweise auf jüdisches Gdbiet hinüberführen. Ter alte Glaube an die Himmelsbriefe hat sich noch bis in die neueste Zett hinein zähe gehalten. Dieterich führt ein Beispiel aus dem Jahre 1451 an und teilt den Bericht eines Offiziers mit, wonach diesem i. I. 1864 beim Auszug in den dänischen Krieg ein Himmelsbrief als Schutz gegen Gefahren aller Art angeboten worden ist. Kein Soldat aus den Brandenburgischen Regimentern soll damals ohne Himmelsbrief ins Feld gezogen sein. In dem dritten Aufsatze von allgemeinerem Interesse spricht

Prof. Trews überreligiöse Volkskunde". Er weist dar­auf hin, daß der Glaube unseres Volkes nicht nur der bibel- mäßige und offiziell ttrchliche ist, sondern daß der schlichte Mann eine Menge Ideen hege,die das Volk sich selbst geschaffen, selbst gebildet hat und woran die nie rastende, roenn auch noch so konservative Seele des Volkes immer weiter arbeite". In der Erforschung dieser Volksrellgion sieht Trews eine lohnende Aufgabe der Pfarrer. Der heimischen Volkskunde gelten zwei größere Aufsätze. In dem ersten der beiden läßt Oberbibliothekar Pros. Hermann Haupt einen längst verstorbenen stillen Forscher zu Ehren kommen. Karl B e r n b e ck ist nie an die Oeffentlichkett getreten, aber umso eifriger hat er in enger Studierstube und draußen unter dem Volk, in Wald und in Feld ge­forscht und gesammelt. Da er von Jugend auf ge­lähmt nie nach einem Amt gestrebt hat, konnte er sein ganzes Leben seinen Neigungen und Liebhabereien widmen. Von seinen bedeutenden Sammlungen sind die Sternwaffen, mehr als 100 Steine, wie schon Kraft berichtet, größtenteils in das Wiesbadener Museum gelangt. Von seinen schriftlichen Aufzeichnungen hat die Universitätsbibliothek mehrereBündel Notizen und halbfertiger Aufsätze erhalten. Aus chnen schöpft Haupt seine interessanten Mitteilungen. Bernbeck stand mit dem Volk und besonders der Jugend üt stetem regem Verkehr, daher haben seine Aufzeichnungen zur Volkskunde einen hohen Quellenwert. Die Proben, die Haupt giebt, stammen zum großen Teil aus dem hessischen Hinter­land, einer noch wenig erforschten und bekannten Gegend. Sie ersttecken sich aus Sagen und Kinderlieber, auf Ge­bräuche bei der Hochzeit und auf das Verhältnis der jungen Eheleute in dem ersten Jahre der Ehe. Tann werden Heil­and Zaubersprüche gegen Feuer und Pestilenz, für das Blut- stillen, gegen den Brand and ein Festmachen gegen Feuer­waffen, schließlich ein Stück Aberglauben aus Langd mit­geteilt. Ten hier erzählten Brauch, einem Kinde im ersten Lebensjahre, wenn es zum erstenmale in ein Haus kommt, ein Ei dreimal im Munde herumzudrehen, um das Zahnen zu erleichtern, kann ich für Gießen betätigen. Hier und auch im Vogelsberg berührt man dem Kinde mit der Spitze des Eies dreimal das Zahnfleisch. Bezüglich des Zauber-

.spruches gegen Feuer vermag ich folgendes mitzutetten. Ich erinnere mich aus meiner itinbfyeit der oft wiederhollen Erzählung einer alten israelitischen Frau, wonach hier in Gießen einmal ein großer Brand gewütet und allen Lösch- versuchen getrotzt habe. Endlich sei ein Mann aus Heuchel­heim gekommen, sei mit einem Laib Brot unter dem Arm dreimal um die Braridstätte herumgegangen, habe dabei einen Zauberspruch (dessen Text ich vergessen habe) ge­sprochen und dann das Brot in die Flammen geworfen. Tas Feuer sei darauf sofort erloschen. Nach einer anderen Wendung war es ein zinnener Teller, nach einer brüten ein Laib Brot und drei zinnerne Teller, die den Flammen geopfert wurden. Vielleicht ist diese Sage eine Erinnerung; an den großen Brand vom 27. Mai 1560, der 168 Häuser einäscherte und so denBrandplatz" schuf. Ich wäre für eine genauere Mitteilung der Sage sehr dankbar. Einen sehr schonen Bettrag liefert Prof. Adolf Sttack über hessi­sche Vierzeiler (Schnödahüvfel), deren er 86 mitteüt. Es sind dies kleine, ursprünglich zum Tanze gesungene Liedchen, deren Vorhandensein somit auch für Hessen nachgewiesen ist. Ter Verfasser hat Recht, wenn er meint, daß es wett mehr solcher Liedchen gebe, als er augenblicklich mitzutetten vermag, ganz abgesehen von den unzähligen Varianten. Zu Nr. 63 und 64 mochte ich bemerken, daß beide auch i)ier an einander anschließend gesungen werden, es wird aber zwischen sie ein dritter Vierzeiler ein geschoben:

Sie giebt mr drei Brocke Damit soll ich locke: Komm Hinkelche bi Komm Hinkelche bi.

Es würde zu weit führen, auf den Inhalt des AuffatzeA näher einzugehen. Ich empfehle die treffenden Ausführungen der Beachtung der Leser. EineBücherschau" undGe­schäftliche Mttteilungen" schließen das Heft ab. Alles in allem glaube ich sagen zu dürfen, daß mit dieser Ver­öffentlichung die Vereinigung ihrem Ziele ein tüchtiges Stück näher gekommen ist und daß die werbende Kraft; derBlätter" ihr viele neue Freunde zuführen wird.

KL