Ausgabe 
13.1.1902 Drittes Blatt
 
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schlcdene Anschauungen? Wenn an einer Universität GeschichtS- professoren beider Konfessionen lehren, ist eine Verständigung eher möglich, als wenn eine Konfession ein Monopol hat. Nicht die Anstellung katholischer Professoren reifet die Konfessionen in Straß­burg ausei: ander, sondern das geschieht gerade dann, wenn die katholischen Elsässer sich geradezu scheuen, die Universität Straß­burg zu besuchen. Sie haben ja gehört, daß nur ein Drittel der Straßburger Studenten Einheimische sind. Der Ausdruckabge­stempelte Geschichte" paßt keinesfalls auf die katholischen Dozenten; diese sind ebenso frei wie die Protestanten. Die katholische Slirdjc legt darin den Dozenten keinerlei Schranlen auf. Für die gegen- theilige Behauptung beruft man sich auf einzelne katholische Aeuße- rungen. Diese sind vollkommen mißverstanden worden.

Nun ist viel von derV o r a u s s e h u n g s l o s i g k e i r" der Wissenschaft gesprochen worden. Diese sogenannte Voraus­setzungslosigkeit beruht selbst auf einet ganz falschen Voraus­setzung. Worauf es hier ankommt, ist das: Unsere Universitäten sind Staatsanstalten, sie werden aus Staats- oder Neichsmitteln bezahlt. So lange das geschieht, muß mit Fug und Recht verlangt werden, daß die natürlichen Bedürfnisse des Landes und Reiches dabei Berücksichtigung finden. Wir haben heute gehört, daß man in Folge des bisherigen Verfahrens der Negierung vielfach zu der falschen Ansicht gekommen ist, die Fakultäten hätten ein Vorschlags- vder Besetzungsrecht. Nun, dann ist klar, daß die Hauptschuld daran, daß die Verhältnisse sich so gestaltet haben, wie es in Straßburg geschehen ist, auf die Negierung fällt! (Sehr richtig! im Centrum.) Wenn die Negierung an die Vorschläge der Fakultät nicht gebunden ist, dann ist sie allein für die Zustände verantwortlich. (Sehr richtig! im Centrum.) Wie ist es beim dann eigentlich möglich, daß es in Straßburg so werden konnte, wie es geworden ist? Schon in den siebziger Jahren wunderte ich mich als Student darüber, das; in Straßburg auf einer ganzen Reihe von Lehrstühlen der Katholizismus heruntergesetzt, aber auf keinem einzigen wissenschaftlich vertheidigt wurde. Diesem Lande, das eben deutsch geworden war und das in seiner überlviegenden Mehrheit katholisch ist, wagte man das zu bieten, und hoffte dadurch sogar die Bevölkerung dem Deutschthum zugänglicher zu machen! Heute sind unter 74 Professoren in Straßburg nur 4 katholisch; von den ordentlichen Professoren sind nur 2 katholisch, die beide der medizinischen Fakultät angehören I In der juristischen und philosophischen Fakultät war kein einziger katholischer ordentlicher Professor! (Hört, hört! im Centrum.) Wie kann man sich ein­bilden, daß das auf Zufall beruht! Ist cs denn auch Zufall, daß in Bonn 29 katholische Professoren sind? Das wird in Bonn auf einer vernünftigen Berücksichtigung der paritätischen Bedürfnisse eines paritätischen Landes beruhen. Diese Bedürfnisse sind in Straßburg nicht berücksichtigt loorden. Im Namen der Gesammt- heit meiner politischen Freunde kann ich versichern: Wir werden dafür sorgen, daß diese Frage nicht mehr von der Tagesordnung verschwindet. (Lebhafte Zustimmung im Centrum.) Die Ver­hältnisse an der Straßburger Universität waren für die Mehrzahl der Elsaß-Lothringer, auch der rechtlich und billig denkenden Protestanten, ein Aergernih und ein Stein des Anstoßes. Wir er­warten, daß mit dem bisherigen System definitiv gebrochen wird. Die sogenannte Voraussetzungslosigkeit ist nichts weiter als die völlige Cinsicbislosigkeit für die Bedürfnisse eines paritätischen Landes. Di,-Voraussetzungslosigkeit" dieses Sturmes beim Fall Spahn gehl von der einen Voraussetzung aus, daß ein Katholik eo ipso unfähig sei. wissenschaftlich zu arbeiten. Und das wagen die Pro­fessoren dem deutschen Volke zu predigen, obgleich Jeder von ihnen weiß, daß die katholische stirche von je der eifrigste Förderer der Wissenschaft war (Lärm links), daß sie lange Zeit die ganze wissenschaftliche Bewegung allein getragen hat. So lange die Pro­testanten das Monopol auf die Lehrstühle hatten, waren sie zu­frieden; jetzt, wo der Katholizismus auch ein kleines Plätzlein be­kommen soll, regen sie sich auf. Die Universität Straßburg kann nur bann ein Versöhnungselement für bas Elsaß sein, wenn bie Bebürfnisse des Landes in Zukunft besser berücksichtigt werden als bisher. Bisher hat sie diesen Beruf, versöhnend zu wirken, durch­aus verfehlt. Wenn nun eine andere Periode kommen soll, so be­grüßen wir das mit großer Freude. (Lebhafter Beifall im Centrum.)

Abg. Bebel (Soz.): Wie ist man in China vorgegangenI Der sogen. Mörder des Gesandten v. Stettler hat nur das getijan, was auch deutsche Soldaten auf Befehl thun müssen, denen ja befohlen werden kann, unter Umständen sogar auf Vater und Mutter zu schießen. (Unruhe.) Jener Chinese hat auf Befehl gehandelt, und trotzdem ist er erschossen worden. Man soll ja sogar den rnerk- würdigen Geschmack gehabt haben, seinen Kopf mit nach Deutsch­land zu nehmen vielleicht giebt die Regierung Auskunft darüber. Ich erinnere hierbei aber vorweg an den Lärm, den man in Deutsch­land schlug, als cd den Franzosen einfiel, den Kopf Schills rnirzu- nehmen. Dem chinesischen Prinzlein, das hierher entsandt wurde, sind hinsichtlich der Form seines Auftretens so große Zugeständnisse gemacht worden, daß die ganze Sühnemission zum Gaudium des Inlandes, des Auslandes, kurz, der ganzen Welt ausgefallen ist. Ich fuhr zufällig in dem Zuge, in welchem ein Theil der chine­sischen Gesandtschaft sich befand, und es war deutlich den Herren anzumerken, daß sie sich sehr wohl fühlten bei ihrer Mission in Deutschland. Die Kriege in China, Transvaal und auf den Philippinen sind ein Schandmal für die civilisirte Welt und em Zeichen dafür, daß wir in einer Zeit der Verwilderung und Ver­rohung jedes Völkerrechts leben, die Wegnahme der Jnstrumewe von der Pekinger Sternwarte ist einer der stärksten Belege dafür. Auch Professor von Lißt hat diese Handlung als völkerrechtswidrig gekennzeichnet. General von Lessel hat vor Gericht ausgesagt, daß die Instrumente weggenommen seien als .Kriegsbeute, um einen Theil der Kosten des Krieges zu decken, und daß die Wegnahme auf Befehl erfolgt sei. Ich frage den preußischen Kriegsminister: Wer hat diesen Befehl erthcilt? Ist er vom Grafen Wuldersee ansgegangen? In diesem Falle müßte er nach § 129 des Militär­strafgesetzbuchs wegen Plünderung bestraft werden und diese Strafe beträgt nach § 131 Gefängniß bis zu fünf Jahren und Ver­setzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes. (Hört, hört! bei dcn Sozialdemokraten.) Als man den Chinesen später die Instrumente wieder anbot, verstanden diese es sogar, sich uns gegen­über als die Großmüthigen zu erweisen. Sie sagten: Ihr havl sie gestohlen, nun behaltet sie nur! (Heiterkeit.)

Daß man sich über die Aeuherungen Chamberlains so aufge­regt hat, begreife ich nicht. Es wird so gethan, als sei es ganz und gor ungerecht, wenn gesagt wird, es ist in Deutschland manches vor- gckommen, was nicht hätte Vorkommen sollen. Giebt es denn über­haupt einen Krieg, wo dergleichen nicht vorkommt? (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Und kann man leugnen, daß nament­lich in der zweiten Hälfte des deutsch-französischen Krieges, nach Sedan, eine ganze Reihe von Gewaltakten, auch deutscherseits, ver­übt sind, die man sehr wohl scharf verurtheilen kann? Eine ganze Menge von Franktireurs wurden, ohne daß ihre Schuld erwiesen war, niedergeschossen. Also, man entrüste sich nur nicht zu sehr! Nein, ich möchte eine deutsche Armee nicht der Gefahr aussetzen, wie jetzt die englische, zwei Jahre einen solchen .Krieg fortführen zu muffen, dessen Ende nicht abzusehen ist. Glauben Sie denn, daß nicht auch deutsche Truppen in solchem Kampfe verwildern und ver­rohen? Wenn die englische Armee aus Elementen zusammengesetzt fein sollte, wie sie der Abg. von Liebermann gestern bezeichnet hat, so möchte ich doch daran erinnern, daß man uns auch in Deutschland aufgefordert hat, eine solche Armee zu gründen. Als es sich 1900 um die Gründung einer Kolonialarmee handelte, schlug dpr Schwäbische Merkur" vor, dazu die Hefe des Volkes zu nehmen. Gefangene und Offiziere, die in der Armee nicht als fair gelten. (Hört, hörtI links.) Alfo, auch in Deutschland haben sich bereits sehr angesehene Stimmen erhoben, eine ähnliche Armee zu gründen, wie sie die Engländer yaden. Es ist auch auf China hingewiesen. Die Plünderungen sind bestritten, aber notorisch haben sich auch Missionare an den Plünderungen betheiligt. Daß Plünde rungen stattgefunden haben, geht übrigens daraus liervor, daß zahlreiche Kunftgegenftände, alte Waffen, ja l'ugar ein Äaiserzelt nach Deutschland gebracht sind.

Also ich meine, wir haben alle Ursache, über die Vorgänge in China den Mantel der christlichen Liebe zu decken. Selbst Bischof Anzer schreibt in seinem letzten Neujahrsbrief:Kein Mensch weiß, was ans diesem chinesischen Chaos werden wird." Der Abg. Basser- mann sagte, er sei bewiesen, daß die Hunnenbriefe gefälscht sind. Nein, ich halte Alles, was ich über die Hunnenbriefe gesagt habe, aufrecht, und zwar gerade wegen der Prozesse. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)

Im Falle Feilitzsch hat Generalmajor Endres die Ausfüh­rungen meines Freundes Südekum bestritten, aber in der bairischen Kammer hat der Minister von Asch meinem Freunde v. VoUrnar auf dieselben Ausführungen kein Wort erwidert. Daß ein Offizier, der in der bairischen Armee nicht mehr möglich ist, für Preußen gut ist, wirft doch ein eigenartiges Licht auf unsere Verhältnisse. .Mann es eine schwerere Beleidigung für den bairischen .Kriegs­minister geben? DieAugsburger Abendzeitung", ein offiziöses Blatt, sagt in einem offenbar uon dem bairischen Kriegsminister inspirirten Artikel, der preußische Kriegsminifter sei wahrscheinlich nur einem von höherer Stelle geäußerten Wunsche nachgelommen. (Hört! hört! links.)

Gegen den Zolltarif werden wir alle Mittel anwendeu, die ver­fassungsmäßig und geschäftsorduuiigsmäßig noch zu Gebote stehen.

Reichskanzler Graf Biilow: Der Herr Vorredner ist auf eine Rede gekommen, welche der Kaiser im vergangenen Frühjahr in Kuxhaven gehalten hat. Wenn Sie diese Rede Nachlesen wollen ich habe sie leider nicht hier so werden Sie finden, daß ihr jeder annektionistische Gedanke vollkommen fern gelegen hat. Tiefe Rede war eine Friedenskundgebung, gehalten im Sinne friedlicher Ausdehnung deutscher Arbeit. Es besteht auch kein Gegensatz zwi­schen jener Rede des Kaisers und unserer wirthschaftlichen Politik. Ich habe schon bei der Tarifdebatte darauf hingewiesen, daß zwischen einer vernünftigen Weltpolitik und eine vernünftige Welt­politik werden wir machen und einer vernünftigen Heimaths- politik denn wir werden auch nur eine vernünftige Heimaths- polilik machen (Lachen bei den Sozialdemokraten) es giebt auch eine (auf die Sozialdemokraten hinweisend) unvernünftige (Hei­terkeit), aber die werden Ivir nicht machen--ich sage zwischen

einer vernünftigen Weltpolitik und einer vernünftigen Heimaths- politik besteht keinerlei Gegensatz. Ich habe mich übrigens ge­wundert, daß gerade Herr Bebel, der doch, ich will nicht sagen, ein fanatischer, aber ein entschiedener Gegner der Weltpoliti! ist, im Namen der Weltpolitik gegen die Heimathspolitik polemisirt. Wenn das Herr Rickert thäte, den ich zu meiner Freude heute wieder im Hause gesehen habe, so würde ich das im gewissen Grade begreiflich finden, auch wenn es Herr Barth thäte, der, glaube ich, jetzt wieder dem Hause angehört, so würde ich es allenfalls ver- ftehest, aber der Abg. Bebel darf sich diesen Luxus nicht gestatten (Heiterkeit), das Roß der Weltpolitik darf er uns gegenüber nicht tummeln, es sei denn, daß er vorher für mindestens Drei Flotten­vorlagen gestimmt hat. (Große Heiterkeit.) Nun hat Herr Bebel auch gesagt, daß in den Dreibundstaaten Mißtrauen gegen uns bestände. Ich möchte Herrn Bebel fragen, worauf sich diese seine Ansicht gründet. Ich kann ihm versichern und ich spreche in diesen, Augenblicke nicht als Diplomat in dem Sinne, wie er ihn auffaßt, sondern mit voller Offenheit, mit viel größerer Ehr­lichkeit, als er annimmt (Heiterkeit) also ich sage, daß bei unseren Verbündeten gar kein Mißtrauen gegen uns besteht. Ich habe gestern die Freude gehabt, ans Nom ein Telegramm zu er­halten, wonach mein verehrter Freund, der italienische Minister Prinetti, unserem dortigen Botschafter gesagt hat, meine Rede über unser Verhältniß zum Dreibund enthalte kein Wort, das er nicht unterschreibe. Und wenn Sie einen Blick werfen wollen auf die Wiener Presse, so Iverden Sie sich davon überzeugen, daß meine Ausführungen auch dort ungefähr in berfetben Weise beurteilt werden. Also ich kann Herrn Bebel nur bitten, auch hinsichtlich unserer internationalen Beziehungen sich nicht allzu viel Bären aufbinden zu lassen. (Heiterkeit.)

Die Ausführungen des Abg. Bebel über unfere chinesische Politik waren mir wieder ein Beweis dafür, daß es in Deutsch­land im Gegensatz zu manchen anderen Ländern Politiker und her­vorragende Politiker, sowie ganze Parteien giebt, die Fragen der auslnärtigen Politik beurteilen mehr vom Standpunkt ihrer sub­jektiven Empfindung, mehr von ihrem Parteistandpunkt aus, mehr vom Standpunkt ihrer mehr oder minder berechtigten Abneigung gegen die Negierung, als von dem des klug erwogenen Staats- inreresses aus. Wenn Herr Bebel 1900 Minister des Aeußeren gelvesen wäre (Heiterkeit), so würde er es auch nicht geduldet haben, daß die Chinesen Deutsche vertreiben, Häfen sperren, deutsche Waaren nicht mehr zulassen wollen, und er würde es ferner nickst geduldet haben, daß die Chinesen unserem Gesandten, der dort in mutiger, ritterlicher Weise gestorben ist (Beifall), wie cjn Soldat auf dem Schlachtfelde (Beifall), er würde die schmähliche Ermordung dieses Mannes auch nicht ruhig hingenommen, auch nicht geduldet haben, und wenn er sie geduldet hätte, so würde ihn das deutsche Volk nicht mehr länger als Minister geduldet haben. (Sehr gut! rechts.) Unsere Interessen in China waren und sind viel zu groß, als daß wir dieselben als quantite negligeable be­trachten, sie kleinmütig hätten preisgeben köiinen. Im Ucbrigen waren gerade diese Ausführungen des Abg. Bebel wieder ein schlagender Beweis dafür, daß er und seine Freunde in der chine­sischen Frage vom ersten bis zum letzten Tage einen Standpunkt eingenommen haben, den die große Mehrheit des Volkes weder teilt, noch begreift. (Sehr richtig!) Ich möchte es nur einmal erleben, wie es wirken würden, wenn in Paris oder London ein Abgeordneter über die Politik seines eigenen Landes, über das Hcer des eigenen Landes, so sprechen würde, wie hier der Abg. Bebel. (Sehr gut!) Ich zweifele nicht daran, daß es auch Eng­länder und Franzosen giebt, die es ganz gern sehen würden, daß die Ansichten Bebels über überseeische Politik, über Kolonial­politik, über alle Wehrfragen, über nationale Fragen bei uns die herrschenden würden, aber wenn es sich darum handeln würde, diesen Ansichten Geltung zu verschaffen in England oder Frankreich, dann würde es heißen: Ja, Bauer, das ist ganz was Anderes! (Lebhafte Zustimmung.) Nun hat der Abg. Bebel auch von Pro­zessen gesprochen. Der .Kriegsminister wird hierauf antworten. Nach meiner Ansicht kann aber ein Zweifel nicht bestehen, daß Alles, was in der Presse gesagt ist über Grausamkeiten unserer Truppen, entweder maßlos übertrieben, ober schlankweg unwahr ist, und daß namentlich die sogenannten Hunnenbriefe entweder nur Schnurrpfeifereien, oder blasse Renoinmage waren. Es schwebte über ihnen der Geist des seligen Münchhausen (Heiterkeit), der an ihnen seine helle Freude gehabt haben würde. Alle ausländischen Nachrichten über China stimmen darin überein, daß unsere Truppen sich immer ausgezeichnet haben durch Bravour und Humanität. Und wenn die französischen, englischen und italienischen Minister im Parlament erklärt haben, daß die französischen, englischen und italienischen Truppen nichts Unwürdiges gethan, sich nichts zu Schulden hätten kommen lassen, so erkläre ich mit mindestens der­selben Entschiedenheit dasselbe auch für die deutschen Truppen. (Beifall.)

Der Abg. Bebel hat auch Bezug genommen auf ein Urtheil beö Bischofs Anzer über die weitere Entwicklung der Verhältnisse in China. Ich habe eine sehr ausgezeichnete Meinung von dem Herrn Bischof, glaube aber doch, daß im vorliegenden Falle seine Anschauung, falls

sie wirtlich in der vorgebrachten Weise zum Aus­

druck getommen ift ein wenig zu pessimistisch war. Jedenfalls sind gegen die Wiederkehr solcher Vorkommnisse, wie wir sie vor

einem Jahre in China erlebt haben, vollständig soweit Vor­

kehrungen getroffen worden, wie das möglich war im Hinblick auf bie inneren chinesischen Verhältnisse und auf die ungeheure Ausdehnung des chinesischen Reiches. Ich glaube auch persönlich, daß die Ereignisse der letzten Itr Jahre an der chinesischen Regie­rung und dem chinesischen Volke nicht spurlos vorübergegangen sind. Es ist den Chinesen in recht empfindlicher Weise klar gemacht worden, daß sie sich nicht ungestraft gegen Europäer vergehen dürfen. ES ist kein Zweifel gelassen worden, daß wo es sich um die Be-.

kämpfung von Barbareien handelt, die europäischen Mächte einig sind und einig bleiben werden. Gewiß werden die chinesischen Behörden noch manche Kämpfe in nächster Zeit auszufechten haben, es wird insbesondere im Norden Chinas nicht an lokalen Unruhen fehlen, die Ansicht unserer Vertreter in China geht aber doch überwiegend dahin, daß große, schwere Be­wegungen nach menschlicher Voraussicht in China in absehbarer Zeit nicht zu erwarten sind. Es ist eine alte Erfahrung, daß wenn orientalische Reiche.mit europäisch civilisirten Völkern zusammen- treffen, daß das zu sozialen und wirthschastlichen Krisen führt. Solche Krisen müssen überwunden werden, wie man ein Gewitter oder eine - Springflut überwindet; wir geben uns aber der Hoffnung hin, daß in China die europäische Kultur von jetzt an ohne Störungen, ohne akute Zwischenfälle sich weiter entwickeln wird. jedenfalls haben die Mächte in dieser Beziehung alle diejenigen Vorkehrungen getroffen, die möglich waren und im Bereiche der Vernunft lagen. Was in China erreicht ist, darüber habe ich ja schon in diesem Hause gesprochen. Beim Beginn der chinesischen Aktion habe ich gesagt, daß wir Genugthuung verlangen müssen für die Ermordung unseres Gesandten und für die sonstigen Verstöße gegen das Völkerrecht; ich habe gleichzeitig betont, daß wir in China keinerlei Eroberungs- tcndenzen verfolgen, daß unsere Interessen in China wesentlich wirthschaftlicher Natur wären, daß wir eine angemessene Ent­schädigung verlangen müssen für unsere Kriegskosten und möglichste Sicherung gegen die Wiederkehr solcher Vorkommnisse. Ich habe ge­sagt, daß wir nicht einen Tag länger, aber auch nicht eine Stunde kürzer das Expeditionskorps dort halten würden, als es absolut nöthig wäre, und ich habe endlich gesagt, daß wir das gute Ein­vernehmen mit den anderen Mächten aufrecht erhalten und so weit als möglich gemeinsam mit anderen Mächten vorgehen würden. Wenn Sie sich an dies Programm erinnern wollen, so werden Sie zugeben, daß Alles erreicht ist. Deutschland hat sich im Osten seine große Weltmacht gesichert, wir haben uns friedvoll,, maßvoll und be-.. sonnen gezeigt, aber auch keinen Zweifel gelassen,'daß wir, wie wir frembe Rechte achten, so auch unsere eigenen Rechte geachtet wissen wollen. Wir haben unsere Position behauptet und befestigt. Deutschland geht aus den chinesischen Wirren mit ungeschwächten Kräften und in vollen Ehren hervor. (Beifall.)

Nun hat der Abg. Bebel endlich noch Bezug genommen auf die Haltung unserer Truppen im deutsch-französischen Kriege. Wir Alle wissen, daß der Krieg ein grausames Handwerk ist, und daß es nie einen Krieg gegeben hat, in dem nicht beklagenswerthe Aus­schreitungen vorgekommen sind. Die Frage ist aber die, ob im deutsch-französischen Kriege unser Heer, was Menschlichkeit angeht, in allererster Linie gestanden hat, und diese Frage bejahe ich auf das Allerentschiedenste. (Beifall.) Weiter werde ich auf diese Aeuße- rung des Herrn Bebel nicht antworten. Wenn unser Heer vom Aus­land angegriffen wird, so halte ich es für meine Pflicht, dagegen Front zu machen, aber über Angriffe, die von der Tribüne dieses Hauses aus deutschem Munde gegen unser Heer gerichtet werden, überlasse ist das Urtheil dem deutschen Volke und der deutschen öffentlichen Meinung. (Lebhafter Beifall.)

Minister von Goßler: Herr Bebel hat es so dargestellt, als ob wir in China eine ruhige Bevölkerung überfallen und grausam be­handelt hätten. Das stellt doch die Thatsachen auf den Kopf. Die Missionare waren ein Muster in der Vertheidigung ihrer Gemein­den (hört, hört!), und viele-christliche Chinesen haben den marter- vollsten Tod um ihres Glaubens Willen erlitten. Der Krieg war ein anderer als Herr Bebel sich vorstellt. In China sind Helden- thaten von Christen vollbracht worden. Was die Hunnenbriefe an»

langt, so hatte Herr Bebel sich zunächst bereit erklärt, Namen zu nennen. Dann sagte er, das fiele ihm nicht ein. Herr Bebel hat mir selbst gerathen, die Beleidigungsklage anzustrengen gegen Die Zeitungen, Die die Briefe veröffentlicht hatten. Als dann aber der Prozeß kam, nannte Herr Bebel den Namen nicht, sondern sagte, ec habe ihn vergessen. Ich frage nun Herrn Bebel: Liegt irgend ein Beweis dafür vor, daß der Inhalt der Briefe richtig ist. Daß hier in Europa Hunnenbriefe fabrizirt und nach China geschickt worden sind, dafür habe ich Beweise. In Luzern sind Flugblätter verbreitet worden mit der Unterschrift:Schuhmann" (Zurufe bei den Sozial­demokraten: Normann - Schumann l) überschrieben:Bebels Mein­eid und Hunnenreden".

Was die a st r o n o m i s ch e n I n st r u m e n t e anlangt, so kann man ja zweifelhaft sein, ob deren Wegnahme nützlich war. Der Feldmarschall hatte Befehl gegeben. Staatseigenthum zur Deckung der Kosten zu beschlagnahmen. Das ist mit Den Instrumenten ge­schehen.

Die Vorwürfe der Feigheit und Kriegsuntüchtigkeit gegen den Hauptmann Feilitzsch entbehren jedes Grundes. Der Hauptmann hat sich in China außerordentlich ausgezeichnet. Am 13. März 1901 wurde in derMünchener Post" ein Brief veröffentlicht, in dem über die Behandlung seitens des Hauptmanns Feilitzsch Beschwerde geführt wurde. Der Bataillonskommandeur vernahm darauf eine ganze Kompagnie; es kam trotz der eingehendsten Untersuchung nur heraus, daß der Hauptmann zuweilen derbe Worte gebrauche. Das ist zum Theil süddeutsche Art. (Heiterkeit.) Außerdem hatte er zuweilen die Soldaten, aber nur bei sehr groben Pflichtvernachlässigungen, geschüttelt. Von körperlichen Schmerzen oder Wundmalen konnte da­bei keine Rede sein. Er that das bei Vergehen, auf denen Arrest steht; er wollte die Leute nicht anbinden; es war das eine Schonung, die ich wohl begreife. Natürlich mußte eine Verurtheilung eintreten, zumal sich herausstellte, daß er in drei Fällen Bestrafungen nicht gemeldet hatte aus Rücksicht auf die Soldaten. Und in Folge dessen wurde über ihn eine Freiheitsstrafe verhängt. Weiteres gegen ihn liegt nicht vor. Sein Kommandeur aus der bairischen Armee hat ihm besonders attestirt, daß er bei jeder Gelegenheit seine volle Schuldig­keit gethan und namentlich bei selbständigen Aufträgen sich ausge­zeichnet hätte. Bei seiner Rückkehr entstand nun die Frage, wo er eingcfteUt werden sollte. Es fanden hierüber Verhandlungen zwischen dem bairischen und dem preußischen Kriegsminister statt, wovon dem Hauptmann v. Feilitzsch Kenntniß gegeben wurde. Er hat darauf gebeten, in der preußischen Armee eingestellt zu werden. Se. Majestät haben eingehend die Akten geprüft und beschlossen, ihn im Regiment 32 einzustellen, und wir sind nun überzeugt, in ihm ein vortreffliches Mitglied unserer Armee gewonnen zu haben.

Bairischer Generalmajor von EndreS: Ich stelle zunächst fest, daß der Hauptmann Feilitzsch niemals nachgesucht hat, in der bairischen Armee wieder angcfteHt zu werden. Herr Bebel irrt in der Annahme, daß der Artikel in derAugsburger Abendzeitung" vom bairischen Kriegsminister inspirirt sei. Wenn der bairische und der preußische Stricg§minifter etwas mit einander zu reden haben, so bin i ch das Organ für die Verhandlungen. In Baiern würde man, wenn der Hauptmann Feilitzsch nicht wieder angestellt ivorden wäre, gesagt haben: Es ist eine gerechte, aber eine schwere Strafe über den Hauptmann verhängt worden, und man hätte sich gesagt: Unser Kriegsminister sieht die Sache aber sehr streng an. Wir freuen uns jetzt aber, daß auf die schwere, aber gerechte Be­strafung eine gewisse Remedur eingetreten, daß der Kaiser die S-.'.cu. nicht ganz so streng ansieht.

Hierauf vertagt sich das Haus.

Persönlich bemerkt Abg. Bebel: Ich habe heute gar nicht von der Echtheit des Inhalts der Briefe gesprochen, sondern nur von der Echtheit der Briefe.

Nächste Sitzung: M o n 1 a g 1 Uhr (Fortsetzung der Etats- b e r a t h n n g).

Schluß 6s, Uhr.