Nr. 161
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden int Wechsel mit dem Kesfischen Landwirt die Gießener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag bc. Brüh l'sche Untvers. Buch-u.Stei bi ucferc t (Piets ch Erben) Reüakr.. Erpeditio». um Druckerei:
Schul st ratze 7.
Adresse für Depeschenr Anzeiger Gietzen.
Kernsprechanichluß Nr. 51.
Drittes Blatt.
153. Jahrgang
Samstag 13. Juli 1903?
Gietzener Anzeiger
** General-Anzeiger ** >6V
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen
Bezugspreis: monatlich7bPf.,viertel^ jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePostMk.2.—viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr, Zeilenpreis: lokal 12Pf* auswärts 20 Psg.
Verantwortlich: für den polit. u. allgern.. Teil: P. Wittko; für ,Stadt und Land" und „Gerichtssaal": Curt Plato; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
B3
nun setzt die theologische ein. Wie die Krankheit geheilt wird, hat Jesus gezeigt, der in nie dageweseuer Vollkommenheit das Göttliche in fid), nun Ausdruck brachte. Er ist nie krank gewesen, denn er hatte nie Furcht vor der Krankheit, er hatte nie falsche Vorstellungen, und seine Lebensaufgabe war, beides, Furcht und falsche Vorstellung bei den Menschen zu beseitigen, den Glauben an den alles durchdringenden Gott zur Erkenntnis der Menschen zu bringen Durch seine Auferstehung hat er gezeigt, daß das, was der „sterbliche Geist" Tod nennt, in Wirklichkeit awch nicht vorhanden ist.
Weil Jesus das Menschheitsideal in sich verwirklicht, bei sich nie die Herrschaft oes göttlichen Geistes über den sterblichen Geist verlor, also stets und immer in Gott lebte, konnte er alle Krankheiten heilen. Ebenso geht's auch dem Menschen. Wenn er im sterblichen Geiste lebt, liegt die Gefahr der Krankheit nahe, die sofort eintritt, sobald die Furcht hinzukommt; vermag aber der Mensch sich allmählich über den sterblichen Geist zu erheben und sich in den göttlichen zu versenken, so muß die Krankheit in dem Maße weichen, als diese Erhebung und Versenkung geschieht. Dies vermögen aber nicht alle Menschen. Ta nun weiter der göttliche Geist alles durchdringt, können die Menschen für einander eintreten, und einer kann für den anderen thun, wozu dieser in Krankheit, wo der sterbliche Geist so mächtig ist, nicht im stände ist .
So behaupten die Scientisten, sie allein setzten das Werk Jesu fort, sie allein haben die richtige „Wissenschaft", die richtige Auslegung der Bibel, die „gläubige Kirche". Ihr Ausgangspunkt ist die Stelle Marei 16, 17—18, „die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da glauben, sind die: In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Zungen reden, Schlangen vertreiben, und so sie etwas Tätliches trinken, wird's ihnen nicht schaden; auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird's besser mit ihnen werden." Nach der Meinung der Vertreter der christlichen „Wissenschaft" hat die Kirche nicht mehr den Glaubensmut, diese Worte des Herrn von der Heilung durch Glauben und Gebet zu verwirklichen, sie aber thäten es und heilten die Kranken.
Jedermann kann „Wissender", kann Christian scientiat werden. Ein Kursus stellt sich auf 400 Mk. Derselbe ist Geheimnis, gerade wie die Sitzungen für die Kranken, die dem „Wissenden" je 20 Mk. einbringen. Das Prinzip der Krankenheilung besteht darin, daß man den sterblichen Geist, der in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist, sondern nur ein Scheindasein führt, durch das Göttliche im Menschen überwinde, daß man darnach ringe und arbeite, sich im täglichen Leben der absoluten Gegenwart der göttlichen Liebe und Weisheit stündlich bewußt zu werden und die Furcht banne. Das n.nnt der Scientist Gebet, und wer das vermag, ist im stanoe, die Verheißungen Christi zu erfüllen, sich und andere zu heilen.
Aus dieser kurzen Darstellung geht hervor, daß das Sy st em der Mrs. Eddy, wie D. Stöcker im Reichstage gesagt hat, eine sch lechte Philosophie und eine noch vielschlechtere Theologie ist. Das Rätsel des Bösen dadurch zu lösen, daß man es leugnet, die Krankheit als Einbildung des sterblichen Geistes, der in Wirklichkeit nicht vorhanden ist, als Geistesstörung zu bezeich,- nen, die Existenz der Materie, des Körpers als nur im Scheindasein vorhanden auszuführen, geht wider jegliche Vernunft, Wissenschaft und Erfahrung. Man möchte annehmen, niemand vermöchte, jemanden glauben zu machen, daß alles nur in unseren Gedanken, Neigungen und Anschauungen existiere, daß es keinen Tod gebe, wie keine Geburt, kein Werden, Wachsen und Vergehen, daß der Mensch von Ewigkeit zu Ewigkeit sei, wie der Gott, den er widerspiegele. Und doch scheint die Zahl der „Gläubigen" immer größer zu werden.
Die Scientisten verstehen es, sich einen christlichen Anstrich zu geben. Wenn sie sich auf Jesus berufen, der
A!e christlich-wissenschaftliche «Heilmethode.
Von Pfarrer Stock-Ober-Breidenbach (Originalbericht des „Gieß. Anz.")
Aus Amerika isst seit einiger Zeit eine Lehre zu uns herüber nach Deutschland gekommen, die sich den sJZunten Christian Science, d. h. christliche Wissenschaft, gegeben hat, und bereits in Berlin und Hannover gemeindebildend vor- gegaugen ist. Ihren Hauptboden findet diese „Wissenschaft" besonders bei den Sektierern, und auch in unserer Gegend soll in solchen Kreisen zum Teil eine Hinneigung zu der Bewegung nicht unverkennbar sein. Jedenfalls bedeutet die Annahme der christlichen Wissenschaft eine völlige Abkehr vom wahren Christentum und eine gänzliche Aufgabe der überbrachten Wissenschaft. Der alleinige Zweck der Anhänger der neuen Lehre ist der, auf Grund der göttlichen Verheißung Kranke durch Gebet gesund zu machen. Es ist jedem bewußten Gliede der christlichen Gemeinde nötig und wichtig, sich mit den Grundideen jener Leute bekannt zu machen. Dazu mögen nachstehende Zeilen dienen.
Als Mrs. Eddy, die nachmalige Gemahlin des Arztes Dr. Asa Gilbert Eddy, einst schwer krank darniederlag und dabei die Beobachtung machte, daß tausendfach verdünnte Drogen scheinbare Heilungen erzeugten, wurde sie in der längst von ihr festgehaltenen Annahme bestärkt, daß nicht Meoikarnentt Krankheiten zu heilen im stände wären, daß vielmehr alle physischen Wirkungen auf geistigen Ursachen beruhen. Sie verlangte eine Bibel, sprach ein Gebet, und die von den Aerzten bereits Ausgegebene stieg gesund von ihrem Krankenlager auf. Ein an Typhus Erkrankter wurde von ihr dadurch geheilt, daß sie Kochsalz so sehr verdünnte, bis salzige Bestandteile fmim noch vorhanden sein konnten, einen Tropfen davon in ein Glas Wasser that und von dieser Flüssigkeit alle drei Stunden einen Theelöffel voll reichte. In dreijähriger Zurückgezogenheit bildete sie ihr System aus, das sie seit 1866 unaufhörlich und mit vielem Eifer predigt. Nachdem sie nun im Jahre 1881 in Boston ein „metaphsisches Kolleg" gegründet hat, machen ihre Schüler und ganz besonders ihre Schülerinnen in ausdringlichster Weise für „die allein wahre Wissenschaft" in der ganzen Welt Propaganda. Zur Zeit sollen es 5000 an der Zahl fein.
Die Grundidee der „Wissenschaft ist folgende: Gott ist Ausgangs- und Zielpunkt aller Dinge. Es ist aber keine Persönlichkeit, sondern eine Kraft, das Prinzip des unendlich allgegenwärtigen Guten. Dieser göttliche Geist findet im Menschen seinen vollkommensten Ausdruck, der, zwar nicht selbst Gott, aber von Gott so wenig zu trennen ist, wie der Strahl von der Sonne. Der Mensch ist Gottes Bild, daher nicht körperlich, sondern rein geistig. Materie giebt es nicht, sie ist nur da in der falschen Vorstellung des Menschen. Diese Vorstellung geht hervor aus dem „sterblichen Geiste", das ist „das von den körperlichen Sinnen hergeleitete falsche Bewußtsein vom Sein." Wie mit der Materie, so verhält es sich auch mit dem Bösen. „Das Böse hat im wahren Universum teme Stätte, es ist eine bloße Scheinschöps - ung des Menschen." Daher giebt es auch keine Krankheit, Krankheit ist Einbildung. Der menschliche Körper, der ja überhaupt gar nicht existiert, „wäre genau so gefühllos wie ein Stück Holz, wenn der irrende menschliche Geist aufhörte, zu sagen: „Hier schmerzt mich's, da schmerzt mich's." Wer zu der Erkenntnis gekommen ist, daß es weder Materie, noch Böses, noch Krankheit giebt, und geben kann, der vermag „sich in einem Moment aus intensiven körperlichen Qualen in einen Zustand vollkommenen Wohlseins zu versetzen." „Die Krank- hett entsteht in dem sterblichen Geiste, dem von den körperlichen Sinnen hergeleiteten falschen Bewußtsein, und die Furcht ist ihre Fürsprecherin."
Dies ist die philosophische Sette des „Systems", und
Kranke geheilt hat, wenn sie die angeführte Stelle im Evangelium des Marcus für sich in Anspruch nehmen und behaupten, sie seien die wahren Nachfolger des Herrn^ seien die, denen die Verheißungen gegeben und hätten: darum die Kraft, Kranke zu heilen, wie Jesus, wie die Apostel gethan, so ist dies Anmaßung. Man erinnere sich an den „Pfahl int Fleische", worum der Apostel Paulus den Herrn gebeten, daß er von ihm weiche, und er bliebl doch. Zur Heilung der Kranken hat Gott heute andere Mittel bestimmt. Er hat uns Aerzte und das Gebet gegeben. Wir sollen die medizinische Wissenschaft nicht verachten, dabei aber wissen, daß Gott auch ein Herr der Krankheit ist und in gläubigem Gebet von ihm alles erwarten, ihm alles anheimstellen. Wer diesen Weg betritt, wird auch heute noch Wunder der Heilung erfahren, vor denen die Aerzte erstaunen müssen. Daß der Scientisten Gebet nichts vermag, liegt auf der Hand, denn was diese Gebet nennen, ist nicht einmal ein Schatten, ein Schein eines! christlichen Gebets, das eine gläubige Seele zu Gott emporschickt.
Im Gebet sind die Scientisten so wenig Nachfolger des Herrn, wie in der Vorstellung von Gott, wie auch in der Auffassung der Krankheit, wie endlich in her Art der Heilung. Der Name „christliche Wissenschaft" ist weiter nichts als ein trügerifches Aushängeschild zur Verdeckung eines echt amerikanischen Schwindels, dazu angethan, wahre Wissenschaft und echtes Christentum in Mißkredit zu bringen.
Die Ursache jeglicher Krankheit, heißt's, fei die Fürch t. Der vor einer Krankhett sich Fürchtende bildet sich eilt, die Krankheit zu haben und hat sie. „Die Furcht ist die traurige Erstlingsfrucht der Sünde. Als in der Bibeiallegorie oas erste Menschenpaar dem Irrtum des materiellen Sinnes verfallen war, verbarg es sich zitternd vor Gott." Darum schadet nur die Furcht dem Menschen, aber nicht Bakterien, Gifte it dgl. Wie es keine Heilkräuter giebt, giebt cs auch keine Gifte, alles ist für den Menschen wirkungslos. 9iur die allgemeine Furcht macht bestimmte Dinge zu Giften, der Glaube andere zu Medikamenten. Daher gi ebt es auch keine ansteckenden Krankheiten. Da aber nun doch sogar Kinder an solchen leiden, wie leider feststeht, die sich noch nicht vor ihnen fürchten^ so ist daran die Furcht der Eltern schuld. Diese „fürchten" sich, vor einer Krankheit als einer ansteckenden, und, da die Befürchtungen der Eltern stärker sind, als der Geist des Kindes, wird das Kind krank. Klassisch ist folgendes Beispiel:
„Ein zweijähriges Kind fiel aus dem Fenster, es war noch zu „dumm", sich zu fürchten, darum blieb es unverletzt. 9hm kam die Klugheit der Eltern. Es war ja undenkbar, daß das Kind keinen Schaden genommen hätte, es mußte sich beschädigt haben. Sie gehen deswegen mit dem Kinde von einem Arzt zum andern, lassen es immer wieder untersuchen, um den Schaden festzustelleii. Das Kind wird allmählich elend und sttrbt nach entern Jahre — infolge der Angst der Eltern."
Bei dieser Darstellung ist merkwürdig, daß unter allen Himmelsstrichen und von den verschiedenen Menschenrassen dieselben Pflanzen als Heilkräuter, dieselben als Gifte angesehen werden. Ich glaube bestimmt, die Scientisten würden einen überwältigenden Zulauf erfahren, wenn sie Arsenik wie Salz, Blausäure wie Milch ohne Schaden genössen. So lange diese Probe nicht bestanden ist, wird man allen Vernünftigen erlauben müssen, der Lehre von der Unschädlichkeit der Gifte zweifelnd gegenüber zu stehen. Es ist Unsinn, daß nur die Furcht an sich harmlose Dinge gefährlich, totbringend mache. Sind selbst die Scientisten von dieser Furcht nicht befreit, und das müssen wir so lange annehmeu, als nicht das erwähnte Experiment versucht und glücklich von statten gegangen ist, so hat das ganze System feine Wissenschaftlichkeit, feinen Emst, und das Wort, das sie gesagt haben: „Wir essen
Ulaudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Das neue Herrenhaus in der Leipzigerstratze. - Berliner Bettel- kornödien. — Strohwittwer, und wie sie sich zu trösten wissen.
Etliche Jahre hat es gedauert, eh unsere Pairs unter ein Dach, ihrer Würde entsprechend, gelangen; der Zaun an der Leipziger Straße, Wertheim gegenüber, schien für die Ewigkeit errichtet zu sein, und bei besonderen Gelegenheiten, wie der Zweihundertjahrfeier des preußischen Königtums usw., war die Passage an diesem Zaun, der den- Fußsteig auf die Hälfte und weniger beschrankt hatte, wirklich lebensgefährlich- Aber nun sind feine Tage gezählt; schon fallen die oberen .Gerüste des beinah vollendeten Außenbaues' die Vorderfront präsentiert sich m den oberen Stockwerken schon vollendet; die hellgelben Sandsteinverblendungen der hinteren Gebäude lassen die harmontsche Ge- samtwirlung des freilich noch lange nicht fertigen Riesenbaues ahnen, der mit seiner Renaissance fahnde, von den zwei mächtigen Seitenflügeln begrenzt, gerade cnt der ruhelosen immer stark belebten Verkehrsader doppelt imposant und vornehm erscheint. Der Berliner freut sich zunächst, daß die Planke endlich fällt, und amüsiert sich des ferneren, daß man auch in diesem Palast, wie in dem benachbarten Abgeordnetenhause mit denselben schweren Sorgen zu kämpfen haben wird, wie am Kontgsplatz, wo der Reichstag steht. Es sind das Sorgen materieller Art, die mtt dem mangelnden Hunger und Durst unjerer Volksboten zusammen hängen. Denn obgleich die Herren tm Abgeordnetenhause doch ihre Diäten zu verzehren ljaben, und nicht wie ihre Freunde im Reichstag, vom ebenen Fett zehren müssen: der Umsatz im RestaurattonKbetmeb laßt hier
wie dort viel zu wünschen übrig. Der Wirt kommt ntcht auf seine Kosten und sucht schon wieder einen Nachfolger.
Es sind eben magere Jahre! Man merkt es, auch an der Schar der Frauen und Kinder, die unter dem Deckmantel des Streichholz- und Blumenhandels mit monotoner Stimme um ein Almosen heischen. „Kornblumen für fünf Pfennig!" Jeden Tag bringt mir dieselbe jammernde Knabenstimme auf meinem Wege ins Ohr. Man hört dem kleinen Barfüßer das ganze Elend daheim an — und die schnell geweckte Barmherzigkeit opfert ihm Fünfer und Zehner, ohne sich um seine dünnen, Halbwelten Korn- blumensttänße, an dessen Stielen der warme Schweiß ferner kleinen schlechtgewaschenen Hände klebt, zu kümmern. Nur daß er so ausnahmslos, einen Tag wie alle, seine wiin- mernbe Stimme bort erhebt, macht mich, stutzig. Das hastig an ihm vorüberschwirrenbe Publikum sieht ihm nicht so lange in bie Augen, um ihn morgen wieder zu erkennen. Und wenn auch — man hört ja, wie s not thut. Und doch ist dieser kleine Bursche ein ganz gerißener Kom- inödiant. Er betreibt sein Geschäft nut noch drei Geschwistern, die genau so kläglich anzupreisen verstehen wie er Daheim aber sitzt das edle Elternpaar in behaglicher Beschaulichkeit, läßt sich ben Blumenvorrat en gros schicken, macht abends kaufmännisch Kasse und lebt einen guten, durch süßes Mchtsthun veredelten Tag, der auch für die kleinen Ernährer wenigstens mit einem guten Abend ich ließt. Es giebt andere Familien, die mit ähnlichen Trttv arbeiten. Ein Armenarzt ist unlängst dahinter gekommen, daß auf einem ihm abgegebenen Kranthettsschem an vier Stellen, Mittag für Mittag das Men für die $ami ie ge> holt wurde. Und wenn die Geistlichen reden wollten Wie viele Male werden sie hinterS Lickst geführt von elenden YUchtStchuern, bie unter einer anderen Maste gerade bei
ihnen anklopf en! Ach- und daneben lebt und darbt und hungert und stirbt die wirlliche Armut in diesem riesigen steinernen Meer. Zaghaft nur streckt sie die Hand ans in dem eilig-wilden Getriebe — niemand nimmt Notiz davon ! Man muß laut reden und eindringlich. Aber das kann löste echte, ungeübte, schüchterne Armut nicht; das können nur die Kommödianten, die mit tausend Verschlagenheiten Operieren, mit Gebrechen und Attesten, die eins so falsch sind wie das andere; mit ein paar elenden Kindern, die sie sich geborgt haben; mit erdichteten Jammer- geschichteii, bei berem Vortrag oft die heimliche Freude über die erzielte Rührung aus ihren verschmitzten Augen blitzt! Gott bessere es!
Zu den beliebtesten Opfern der Frauen mit den Wachs- streich hölzern gehören in diesen Wochen unsere lieben Strohwitwer, bie wie ihre Karos unb Spitze, endlich mal roieber „von bei Kette los" sind! Während bie Gattin an ber See oder in den Bergen in den Tönen heftigsten Mitleids von ihrem armen Hausherrn spricht, der in ber fürchterlichen Hitze Berlins aushalten mutz, weil das leidige Geschäft ihn nicht weglaßt, lebt dieser selbe brave Familienvater an der Spree gar keinen so schlechten Tag. Denn in Berlin ist immer was los; wo man „nur allein" hingehn kann! Und warum soll sich „Vater" das in dieser Zeit nicht gönnen? Es ist ja nicht nötig, daß er dabei über den Strang schlägt; es genügt schon, wenn er in tzalensee bei den Sommernachtsbälle.n mal einen Walzer riskiert, unb feinen Freunden am nächsten St am Niti schabend daraus ein Abenteuer aufbaut, das in seiner Kühnheit unb Farbenglut an bie Märchen von „1000 unb eine Nacht" erinnert! Und die Zechbrüder schmunzeln bet feiner Schilderung und denken sich ihr Teil! — Auf dies ein G.- biete haben [ie nämlich alle schon geschwindelt! A- **•


