büß die Engländer doch schließlich die Ueberzeugung gewinnen, daß wir trotz allem und allem ihre Verwandten und beiderseits auf freundliche Beziehungen angewiesen sind. Tragen wir hierzu bei, so kommen wir vielleicht nock weiter; dann können wir vielleicht, ohne uns eine schroffe Ablehnung zuzuziehen, als Vettern diesseits des Kanals zu Vettern jenseits des Kanals sprechen und unser Fürwort einlegen für die gemeinsamen Vettern in Südafrika. Wenn Sie dazu helfen in Ihren Kreisen, in der Presse und in der Allgemeinheit des deutschen Volkes, dann leisten Sie meiner Ansicht nach den Buren selbst den größten Dienst. (Beifall.)
Nachdem Abg. Lückhoff (Freikons.) seine Freude über diese Erklärung des Staatssekretärs ausgesprochen hatte, wird der Etat des Auswärtigen angenommen und die Beratung des Knltusetats bei Kapitel Universitäten fortgesetzt.
Abg. M i s e r s k i (Pole) beklagt die strengen Maßnahmen gegen die p o l n i s ch e n Studenten, deren litte- rarische Vereine verboten seien.
Kultusminister Studt: Tie Vereine werden nicht verboten, wenn sie nicht agitatorische und h o ch verrä ter- ische Zwecke verfolgen.
Gras Limburg-Stirum (kons.) betont, das Studentenleben sei nicht da, um Politik zu treiben. Tie polnischen Studenten schadeten nur sich und nützen der Sache nichts.
Tr. Müll er-Sagau (fr. Vp.) sieht in der Aufhebung des sozialwissenschastlichen Studen^ tenvereins in Berlin, die wegen der Zurückweisung von Frauenvorträgen erfolgte, einen beklagenswerten Eingriff in die akadeniische Freiheit.
Ein Regierungskommissar entgegnet: Der Berliner Rektor handelte innerhalb seiner Kompetenz. Eine Beschwerde dagegen liege nicht vor. Die Regierung sehe sich somit nicht veranlaßt, sich mit der Sache zu befassen, sie mißbillige aber das Verhalten der Universitätsbehörde nicht.
Abg. Watekamp meint, jeder Verein beschränke sich auf das Anhören aller Parteien, stelle sich also nicht in den Tienst einer einzelnen. Man konnte ihn also ruhig bestehen lassen.
Abg. Ehlers (fr. Vgg.) wünscht eine ordentliche Professur für Landwirtschaft.
Kultusminister S t u d t weist daraus hin, daß die kathol. Professur in Bonn nicht beabsichtigt sei. Es sei nun aber ein Nobile Officium, den altkatholischen Theologen Studienmitteln zu gewähren und ein Extraordinariat für philosophische Disziplinen in Bonn zu bewilligen.
Abg. Nölle (nl.) wünscht, daß die Neueinrichtungen an der Universität in Münster nicht konfessionell zugeschnitten werden, und verlangt die Schaffung einer medizinischen Fakultät.
Kultusminister Studt entgegnet, es sei Voraussetzung, daß, von der kathol. Fakultät abgesehen, die Universität keinen konfessionellen Charakter habe. Wegen der medizinischen Fakultät oder der Errichtung der gewünschten evangelischen Fakultät könne er noch keine bindende Zusicherungen geben.
Abg. B an d e lo w (kons.) wünscht Turnhallen und Spielplätze für die akademische Jugend.
Ministerialdirektor A l t h o f f sagt, daß Verhandlungen im Gange seien, um für die Berliner Studenten in der Nahe von Tahlem einen Spielplatz zu errichten. Der Rest des Kapitels wird dann debattelos genehmigt.
Schwurgericht
P. Gießen, 11. März.
Die Beweisaufnahme ergab ein häßliches Bild nachbarlicher Verfeindung. Die Hauptbelastungszeugen, Schmied Curt Köhler und dessen Familie, sowie die Familie Gemmer leben in harter Fehde mit Kasch. Nach den Angaben des Wirtes West, der in seinen Wahrnehmungen durch die Aussagen der Zeugen Heinrich Chr. Gon ter und H. Jungk unterstützt wird, haben am fraglichen Abend zunächst die Angeklagten Köhler und Bambey die Wirtschaft verlassen, diesen folgte unmittelbar Kasch, und dann erst ging der Schmied Köhler fort, der so arg betrunken war, daß Jungk, der mit ihm ging, ihn halten mußte.
Schmied Köhler bestreitet ganz entschieden, mit Kasch an der Molkerei zusammengetnoffen zu sein, vielmehr sei dies im Innern dss Hofes seiner Hofraite geschehen, und zwar seien die drei Angeklagten, als er im Begriffe ge
wesen, auf sein Haus zuzugehen, von hinten.her über ihn hergefallen. Er sei in seiner Angst die mehrstufige Treppe zur Hausthür hinaufgesprungen, um ins Haus zu gelangen, dieses sei aber verschlossen gewesen, weshalb er die Treppe wieder hinuntergesprungen sei, um durch die Kellerthür in das Haus zu flüchten. Dort seien Kasch, Bambey und Köhler ihm auf den Leib gerückt. Kasch habe ihn unter dem Raum, der vor der Kellertreppe sich besinde, hervorzerren wollen. Er habe sich gewehrt. Ob er ein Messer in der Hand gehabt, wisse er nicht. Er habe später zwar vor der Kellerthür sein Messer gefunden; er will aber damit nicht gestochen haben, dr habe seine Angreifer deutlich erkannt.
Die Ehefrau und die Schwiegermutter des Schmied K. unterstützen dessen Bekundung. Die Wahrnehmungen, welche die Frauen gemacht haben wollen, decken sich mit den Aussagen des Schmied K. vollständig. Die Nachbarn Ditsch- l e r s Eheleute, bezeugen, daß sie in der fraglichen Nacht durch ein Geräusch in der Hofraite des K. geweckt worden seien, sie hätten auch einen Schrei, der ihnen von Köhler ausgcstoßen zu sein schien, gehört. Schneider Gemmer und vqjen Ehefrau, Nachbarn des Kasch, sind mit diesem und dessen Ehefrau verfeindet. Frau Gemmer will u. a. am Abend des 21. Oktober einen Disput der Eheleute mit angehört haben, der in der Kaschschen Wohnung stattgefunden habe. Kasch habe gerufen: „Dir zuliebe habe ich den Meineid geschworen, sei ruhig, wenn was auf mich kommt, dann." Frau Kasch habe gesagt: „Sei doch stille." Der Gemmersche Lehrling Grünewald hat den Disput der Kasch Eheleute angeblich auch gehört und bestätigt die Aussage, seiner Meisterin. In der darauf folgenden Nacht will die Frau Gemmer ein Gespräch belauscht haben, das Kasch mit dem Angeklagten Köhler aus der Strsaße geführt hat. Die Worte, die die Zeugin gehört hat, sind für die Angeklagten belastend. Was sonst noch in der Beweisaufnahme festgestellt wurde, sind mehr oder weniger Indizien. Jn- reressant ist nur noch, daß Schneider Gemmer, der von Kasch wegen Beleidigung verklagt wurde, die Anzeige wegen Meineid gegen die drei Angeklagten erstattet hat.
Die an die Geschworenen gerichteten Schuldfragen sind wegen aller drei Angeklagten auf Meineid gerichtet. Außerdem ist der Jury die Milderungsfrage für jeden der Angeklagten aus § 157 d. Str. G. B. nämlich: „konnte die Angabe der Wahrheit, gegen die Angeklagten eine Verfolgung wegen eines Vergehens nach sich ziehen" vorgelegt.
Staatsanwalt Reuß begründet die Anklage. Der Sck)mied Köhler sei zu Unrecht bestraft worden, weil die Strafkammer den beschworenen Aussagen der drei Angeklagten geglaubt habe unb weil dem Schmied Köhler der Entlast- ungsbeweis abgeschnitten worden wäre. Er sei überzeugt, daß Curt Köhler in jener Nacht in berechtigter Notwehr gehandelt habe. Es liege im Interesse der Gerechtigkeit, dem unschuldig verurteilten Schmied durch das Wiederaufnahmeverfahren seine Ehre zurückzugeben und ihm, soweit es das Gesetz zulasse, seinen materiellen Schaden zu ersetzen. Dies könne nur geschehen, wenn die Geschworenen durch ihren Wahrspruch die drei Angeklagten des Meineides für schuldig erklärten. Der Staatsanwalt hebt nochmals alle Momente hervor, die nach seiner Ansicht unbedingt ergeben, daß der Schmied Köhler in seiner Hofraite angegriffen worden sei. Ec bittet um Bejahung der Schuldfragen gegen alle drei Angeklagte und ebenso um Bejahung der Milderungsftagen.
Der Verteidiger, Rechtsanwalt Grünewald, führt den Geschworenen vor, daß die Meineidsverhandlung keine anderen Momente ergeben habe, als was bereits vor der Strafkammer festgestellt wurde. Es gehe nicht an, wollte mmi das Straskammerurteil einfach negieren. Denn es bestehe zu Recht. Ebenso aber bestünden die von den Angeklagten geschworenen Eide zu Recht. Der Verteidiger appelliert an die Urteilsfähigkeit der Geschworenen, an ihre Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, wem in der vorliegenden Frage Glauben beizumessen sei. Darauf ver*- uchte der Verteidiger, die Ausführungen des Staatsanwalts zu widerlegen. Bei dem Wahrspruch der Jury handle es ich um das Wohl und Wehe dreier unbescholtener Familien. Er verlange nicht Mitleid oder Gnade für die Angeklagten, sondern Recht. Falls aber die Geschworenen nur d en geringsten Zweifel an deren Schuld haben würden, o müßten sie selbst in diesem Fall ihr Nichtschuldig für alle )rei Angeklagte aussprechen.
Rechtsanwalt Tr. Spohr verweist darauf, daß es er-1 wiesen sei, daß Schmied Köhler an jenem Abend arg be-^ trunken war. Hieraus könne man aber nicht schließen, daß es unmöglich gewesen sei, die That gegen Kasch auszuführen.
Einem Trunkenen sei alles möglich. Dr. Spohr schließt sichf im übrigen den Ausführungen Grünewalds an.
Nach erfolgter Rechtsbelehrung ziehen sich die Geschworenen zu einer 20 Minuten dauernden Beratung zurück. Der Obmann, Fabrikdirektor Karl Block- Büdingen, verkündet den Wahrspruch, der die S ch u l d f r a g e n gegen die drei Angeklagten verneint, worauf der Gerichtshof auf Freisprechung erkennt und die Haftbefehle aufhebt.
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f nahrhaftes Getränk, welches einen wohl-' thuenden Einfluss auf die Nerven ausübt. Unübertroffen für den täglichen Gebrauch.
P. Gießen, 12. März.
Ein trübes Bild entrollte gestern die li/2 Stunde in Anspruch nehmende Verhandlung wegen Urkunden- Fälschung zum Zwecke des' Betruges, sowie wegen Entziehung gepfändeter Gegenstände gegen den bisher unbestraften 37 Jahre alten Landwirt August Ramm er von Eichelsachsen. Tie Anklage vertrat Staatsanwalt Zimmermann. Die Verteidigung führte Rechtsanwalt Katz. Der Angeklagte ist geständig. Er hat ein .Häuschen gekauft und die dazu nötige Anzahlung in .Höhe von 300 Mark auf einen von zwei Bürgen unterschriebenen Schuldschein von der Vorschußkasse in Nidda geborgt. Zu seinem Unglück starben die beiden Bürgen, er konnte aber weder das Darlehen an die Kasse zurückgeben, noch zwei neue Bürgen auftreiben. In seiner Not fälschte er die Unterschriften zweier Bürgen und die des Ortsgerichts. Damit verschaffte er sich ein Jahr Frist, und als die Zahlung dann nicht erfolgte, hielt die Niddaer Kasse sich an die Bürgen. Als Kammer sich entdeckt sah, ging er nach Amerika. Von Reue geplagt, kehrte er zurück und stellte sich am 2. Januar der Staatsanwaltschaft ftei- willig. Der Bürgermeister von Eichelsachsen stellt ihm ein gutes Leumundszeugnis aus. Tie Spar- und Vorschußkasse in Nidda hak nachträglich ihr Geld bekommen. Die Schuld fragen waren auf Urkundenfälschung in Verbindung mit Betrug sowie Pfandveräußerung gestellt. Wegen der Urkundenfälschung wurde die Nebenfrage aus mildernde Umstände den Geschworenen vorgelegt. Staatsanwalt Zimmermann plaidierte für Bejahung der Schuldfragen, bat aber die Geschworenen Milde walten zu lassen. Ter Verteidiger erklärte seine Uebereinstimmung mit den Ausführungen des Staatsanwalts. Ter Wahrspruch lautete dem Antrag des Staatsanwalts gemäß, worauf der Ge> richtshof auf 3 Monate 1 Woche Gefängnis gegen den Angeklagten erkannte und die verbüßte Untersuchungshaft von 2 Monaten auf die Strafe in Abrechnung brachte. — Landgerichtsrat Sandmann schloß daraus die Schwurgerichtssession.
Vermischtes.
Mün ch en-Gladb ach, 12. März. In der Maschinenfabrik Sempell wurde ein Arbeiter von einem 30 Zentner schweren Gußstück erdrückt. Er war sofort tot.
Madrid, 12. Mrz, Ter Finanzmini st er erklärte gestern, von seinen: Amt zurücktreten zu wollen. Ministerpräsident Sagasta nahm die Demission nicht an. Da der Finanzminister auf seinem Vorhaben beharrt, glaubt man, daß Sagasta morgen der Königin-Regentin die Demission des ganzen Kabinetts überreichen werde. Montero Rios stattete der Königin-Regentin einen Besuch ab, der vielfach besprochen wird.
Wien, 11. Marz^ Heute erschienen ein Infanterie- Hauptmann und ein Zivilist im Abgeordnetenhause, wo die beiden Herren eine Unterredung mit den Christlich-Sozialen hatten. Wie verlautet, überreichten sie von dem Redakteur Jlger eine Herausforderung zum Duell an den christlich-sozialen Abg. Mayer, was aber abgelehnt wurde. Tie Herausforderung geschah wegen eines Kasfeehausstreites beim Tarokspiel.
Truppen wie ein Korporal drillte, sondern auch als Dramatiker, der Theaterstücke im eigentlichen Sinne des Wortes schuf, aus der Kulissenwelt heraus und für die Kulissenwelt geschaffen, nicht durch eigenes Fühlen und durch eigene Anschauung bestimmt, sondern ausschließlich durch die szenische Bühnenwirkung, „Architekturstücke", von denen er selber in seinen Schriften wiederholt mit sauersüßer Miene spricht, wo Zirkel und Winkelmaß ihre Schuldigkeit thun, straff im Aufbau, die Facade mit gefälligem Ornament verziert, das Innere aber kahl und nüchtern, da die Poesie draußen vor oer Schwelle geblieben war.
Gerade der „Essex" ist dafür ein typisches Beispiel. Das Stück bleibt den Forderungen der Bühne nichts schuldig, denn alles ist wohl ausgeklügelt und korrekt und bühnenwirksam ausgeführt, es ist ein tadelloses Schulexerzitium, das als lehrreiches Musterbeispiel in jedem dramatischen Lebrbu'che am Platze wäre — aber freilich, es läßt uns kühl bis ans Herz, und die grausame Frage „Was ist uns Hecuba?" ist nicht wohl abzuweisen. Allerdings, Laube erhob selbst gar nicht den Anspruch, etwas ärgeres zu geben, als ein wirksames Theaterstück. Und lediglich von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, ist sein „Gras Essex" wahrlich nicht das schlechteste.
Seine Beliebtheit, seine lange Lebensdauer verdankt es den Schauspielern. Der gewiegte Theaterpraktiker hat für sie fast lauter dankbare Rollen geschrieben. Die Gesichtsschlagsszene im 3. Akte mit ihrem Knalleffekt — das Wort ganz buchstäblich genommen, ist das beste Zeichen für Laubes eminenten Blick für das Theatralische. Unsere Heldendarsteller haben für den Titelhelden eine leicht erklärliche Vorliebe: dieser ins Laubesche übersetzte, d.h. vergröberte Egmont giebt ihnen Gelegenheit, alle Register zu ziehen von den süßen Flötentönen des girrenden Liebhabers bis zu dem dröhnenden Pathos des den Staat aus den Fugen reiheichen Empörers, von dem leichten, flotten Ton des sorglosen Epikureers bis zu dem furchtbaren Wut- schrer des au,s tätlichste beleidigten Offiziers und Edelmanns. Herr Gerl ach gab den Grafen Essex mit ritterlichem Anhand, mit Schwung und Feuer, und m den Gffektszenen auch
mit starker Wirkung. Das Theatralische, die Pose vermied er so sehr als das Stück es zuläßt. Das Organ aber überanstrengte er mitunter allzu sehr und zuweilen ohne Not. Ich möchte bezweifeln, daß die Großen am Hofe der jungfräulichen Königin indianisch heulten. Die ganze Leistung bekundete jedenfalls ein ansehnliches Maß künstlerischer Intelligenz und schauspielerischer Routine; sie würde noch weniger anfechtbar sein, wenn Herr G. nicht einzelnes Wichtige, wie es so seine Art ist, scheinbar geradezu absichtlich hätte fallen lassen. Es kommt ihm nicht darauf an, manchmal in den bedeutsamsten Momenten farblos zu deklamieren und Unwesentliches mit Applomb hinauszuschmettern. Das joviale Moment kleidete er aber in diskrete Allüren.
Die an Spannkraft und Deklamationskunst sehr bedeutende Anforderungen stellende Rolle der Elisabeth sah ich vor ein paar Jahren von der Darmstädter Hofschauspielerin Möbius-Kuhn. Unser Frl. v. Hellbronn bewältigte die große Aufgabe zweifellos mit anerkennenswerter Energie. Der lauernde, intrigante Grrmdzug in diesem, einer wenn auch abstoßenden Größe nicht entbehrenden Charakter hätte wohl noch etwas schärfer betont werden können. Und dann hätte zuweilen ein heiß aufstammender Strahl ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Essex die steife Selbstbeherrschung ablenken müssen. Ueberhaupt wünscht man diese innere, mühsam unterdrückte Leidenschaft einer Elisabeth in Momenten des Selbstvergessens zuweilen orkanartig hervorbrechen. Aber immerhin — alle Achtung vor dieser sehr respektablen und energisch ausgestalteten Bühnenleistung!
In der Rolle der Gräfin Rutland gab Frl. Hohenfels wieder viel Gutes. Die rührende Anmut, die in dieser zarten Bühnengestalt wohnt, hat Frl. H. fein herauSgehoben, und ihrer Stimme, die ja viel Getragenes, man könnte fast sagen lehrhaft Schweres hat, lieh sie von einschmeichelndem Klange soviel als ihrer möglich. Zu vollerer Wirkung aber kamen die leidenschaftlichen Momente, und das Empfinden der Verzweiflung, viel weniger das des Glückes, schien der Künst
lerin nicht nur auf den Lippen zu liegen; man hatte das Gefühl, als durchbebte es ihr ganzes Wesen. Innig und fein spielte sie die Wahnsinnszene, die übrigens unser Publikum gar nicht mehr zu wünschen schien, obwohl der Abschluß des Stückes fehlte; wollte es doch nach dem fünften Fallen des Vorhanges des Spieles genug sein lasten. Es kann ja hier die Ophelia-Scha blo ne nicht ganz unterdrückt werden. Bei Shakespeare hören wir das Rauschen der dunkeln Fittiche, mit denen die geistige Umnachtung sich herabsenkt. Mitleid und Grausen erfaßt das Herz, und die Schauer, die der wirkliche Wahnsinn erregt, ziehen durch die Seele. Die Laubesche Theatermache aber mit ihren allzu krassen Ueber- gängen i|t von absoluter Poesielosigkeit. Hier war schon der Versuch des Frl. H. nach psychologischer Vertiefung rühmenswert. Daß hin und wieder einige falsche Betonungen vorkamen, sei der Dame weiter nicht verübelt; so namentlich in der großen Szene mit Elisabeth, wo sie von dem Unterschiede der Empfindungen von Mann und Weib spricht. Am stärksten aber wirkte auf Essex': „Das kostet dich dein Leben", ihr „Nein, das ist ja nur Dein Leben, statt „Dein Leben."
Nicht so ganz sattelfest war Herr Ramsey er als Raleigh, er verstand es aber immerhin, in der langen Erzählung des Straßenkampfes seine im ganzen wenig dankbare Partie genügend zu verwerten. In der kleinen, aber bedeutsamen Rolle des Southampton stand Herr Schneider wieder seinen Mann. Die Lady Nottingham hätte man weit besser Fräulein Feige übertragen sollen. Als alter Haushofmeister zeigte Herr Woisch wieder seine vollwertige komische Kraft, leider aber auch gleichzeitig seine bekannte Unsicherheit.
Die kostümelle Ausstattung ließ nichts zu wünschen übrig. Die Kriegsdiamanten sollten wohl Zeugnis davon ablegen, daß England damals schon schauerliche Kolonialpolitik trieb; sie klangen sehr innerafrikanisch. P. Wittko.


