Nr. 36 Zweites Blatt.
152. Jahrgang
Mittwoch 12. Februar 1002
Erscheint täglich außer Sonntags.
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Kie heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.
politische Äügesschuu.
Konservative und Büudler.
Es fällt allgemein auf, daß Gras Limburg, der Führer der konservativen, sich in ganz anderer, viel mehr anerkennender Weise in der Generalversammlung des „Bundes der Landwirte" über den Grafen Bülow aus- aesprochen. hat, als dies seitens der Redner des „Bundes" geschehen ist. Dr. Rüsickes Klagen über die „schaurige Kalte" im Herzen des Kanzlers stellte Graf Limburg das Lob gegenüber: „Wir tönnen keinen besseren Reichskanzler haben, und wenn er ginge, würde er sicher nicht durch einen der Landwirtschaft freundlicher gesinnten ersetzt werden." Tas ist ein Gegensatz in der Beurteilung, wie er nicht stärker gedacht werden kann. Es wird berichtet, daß die Versammlung die Inschutznahme des Grasen Bülow mit Kühle anhörte, und daß kein Zeichen der Zustimmung ertönte. Aber das offiziöse Organ der konservativen Partei, die „Konserv. Korresp.", bestätigt soeben ausdrücklich die gute Meinung vom Reichskanzler: Tie Konservativen könnten sich einen besseren Reichskanzler und Ministerpräsidenten nicht wünschen. Sein Scheiden siont Amt wäre ein Unglück. . .
Die „Voss. Ztg." glaubt einen taktischen Zug in dem Verhalten des Grasen Limburg zu erolicken; er hoffe immer noch, wenn Gras Bülow dem Sturm stand hält, so giebt er den Mantel vielleicht der Sonne her. Der „Nationalztg." macht die Rede ben Eindruck, daß Graf Limburg zur .Herabminderung der Bundes-Forderungen gemahnt hat. Tie „Kreu^ztg." hebt die Rede des Grafen Limburg als bedeutsam hervor. Aus ihr müsse man entnehmen, daß die Konservativen nicht dem Grundsätze huldigen, „Alles oder nichts", daß sie sich auch der Pslicht des Maß haltens bewußt seien, daß sie aber andererseits von den verbündeten Regierungen ein wohlwollendes Entgegenkommen erwarten, zumal sie den Wunsch, etwas &u stände zu bringen, auch bei diesen voraussetzen. Diese Voraussetzung ist gewiß unzweifelhaft. Aber es kommt eben alles auf die Grundlage der Verständigung an. Jetzt vergeht doch kaum ein Tag, ohne daß in der Zolbtairif-, Kommission die Vertreter der Regierung Anträge der Mehrheit als unannehmbar hinstellen, und nicht nur das, sondern geradezu das Zustandekommen des Traifentwurfs von den». Verzicht auf solche Anträge abhängig machen. Die Forderung auf Aufhebung der kommunalenMahl- und Sch lacht steuern, die gestern wieder zur Debatte stand und vom Grafen Posadowsky entschieden bekämpft wurde, kann im Falle der Annahme, nad) der Erklärung des Staatssekretärs, das Schicksal des Zolltarifs „sehr unsicher gestalten." Staatssekretär Posadowsky erklärte, § 10a enthalte eine Verfassungs-Aenderung. Der württembergische Ministerial-Direktor Schneider gab die Erklärung ab, daß seine Regierung gegen den Antrag sei, weil sie darin ein Eingreifen in die einzelstaatlichen Rechte und die Budgets zahlreicher Städte erblicke.
Die Vereinigung der Steuer- und Wirtschaftsreformer trat am Dienstag in Berlin zu ihrer Generalversammlung zusammen. Graf M i r b a ch - Sorquitten leitete die Verhandlungen mit einer Ansprache ein, in der er betonte, daß alles Interesse sich zur Zeit auf den Zolltarif ton» zentriere.
„Den gegenwärtigen leitenden Staatsmännern sind wir dafür dankbar, daß sie, im Prinzip, zu der nationalen Wirtschaftspolitik des Fürsten Bismarck zurückgekehrt sind. Wir erwarten freilich noch den Beweis, daß sie die Kraft
und das Vermögen haben, das, was sie als richtig erkannten, zu realisieren. Erfreulich i st es, daß der preußische Landwirtschastsminifter in seiner hohen verantwortlichen Stellung kein Bedenken getragen habe, den Kampf gegen den Zolllarif mit dem rechten Namen zu bezeichnen." Sehr zutreffend führte er ans: „Der Kampf ist kein objektiv wirtschaftlicher, sondern ein „politischer" und weiter: „aus Haß gegen das platte Land" würde dieser Kampf geführt . Tas ist vollkommen richtig und nicht im mindesten übertrieben. (Sehr wahr.) Seit nahezu einem halben Jahrhundert führen die „rote" und die „goldne" Internationale in brüderlicher Gemeinschaft, ganz speziell und vorzugsweise in Deutschland, den Kampf gegen die Landwirtschaft, wett die ländliche Bevölkerung, die seit Jahrzehnten unb Jahrhunderten treu und fest an ihrer Scholle hängt, der rocher de bronze des monarchischen, konservativen Staats ist."
Nach Erledigung der Vorstands- und Ausschußwahlen referierten die Referenten Rittergutsbesitzer Justizrat Dr. Otto Fr e u d en st ein-Hannover und Rittergutsbesitzer Curt Beelitz- Garden über „Die Untcrbilanz der deutschen Landwirtschaft seit dem Beginn der Handelsverträge." Sie kamen zu dem Ergebnis:
„Tie Unterbilanz der deutschen Landwirtschaft läßt sich zwar ziffernmäßig nicht genau feststellen; aus dem vorhandenen statistischen Material und den that- sächlichen Verhältnissen ist aber ein annähernd zutresfen- des Bild zu gewinnen. Zweifellos ist es, daß die Ve r- schuldungderdeutschenLandwirt schäft innerhalb der letzten zehn Jahre in einer geradezu erschreckenden Weise gewachsen ist. Unter den zur Zeit erreichbaren Mitteln, die Landwirtschaft wieder lebensfähig zu gestalten, steht eine der Verschiedenheit der Produktionskosten des In- und Auslandes Rechnung tragende Gestaltung der Getreide- und Viehzölle an erster Stelle."
Zur Zweikampffrage
erhalten wir folgende Zuschrift:
An die Redaktion des „Gießener Anzeiger". Sehr geehrter Herr!
Sie hatten in Nr. 27 Ihres Blattes sehr erfreuliche Aeußerungen eines alten Burschenschafters, des Oberlandesgerichtsrats Tr. Ackermann, über das Duell gebracht, und Ihrerseits hinzugefügt: „Man wird diesen Aeußerungen in allen Punkten zustimmen können".
In der Thal kann man nur wünschen, daß die dort geäußerten Anschauungen-in weiten Kreisen Anerkennung finden. Jedoch erscheint mir die allgemeine Zustimmung an eine unerläßliche Bedingung geknüpft. Wenn Oberlandesgerichtsrat Ackermann sagt: „Die aktive Burschenschaft will nicht klingenscheue Burschen in ihren Rechen sehen, sondern waffenfrohe Jugend, die nicht zuckt, sich nicht duckt, wo die Gefahr eines Schmisses droht, auf daß die Jugend zu Männern gereift; die Wunden nicht scheue, welche im Kamps der Meinungen und Ideen dem mutigen Streiter alle Zeit drohen", so läuft ihm da eine bedenkliche Verwechselung unter, der, gerade weil sie weit verbreitet ist, nicht scharst genug entgegen getreten werden kann. Gewiß- wer möchte feigherzigen, schwachmütigen Wesen das Wort reden? „Stoßt an, freies Wort lebe!" Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht." „Stoßt an, kühne Thal lebe! Wer die Folgen ängsllich zuvor erwägt, der beugt sich, wo die Gewalt sich regt", das muß einem der ein Mann werden will, so recht aus tiefster Seele, gesungen sein. Aber es ist ein verhängnisvoller Irrtum, als ob dieser Mut allein, oder auch nur vorzugsweise auf der Mensur erworben uiib bethätigt werden konnte. Ter sittliche Mut, die Wahrheit zu bekennen unter allen Umständen, begangenes Unrecht einzugestehen, Unglück mit
männlicher Würbe zu tragen, hat ganz andere und tiefere Quellen- Ich habe nun seit beinahe einem Menschenalter bie auf unserer Universität studierende Jugend beobachten unb die weitere Entwickelung vieler verfolgen können. Nach meiner sicheren Erfahrung haben sich die ehemaligen Mitglieder schlagender Korporationen leineswegS durch charaktervolle Mannhastigkeit im Leben hervorgethan. Aus den „flotten" Studenten, den berühmten Schlägern sind vielfach auch öde Stammtischphilister, eitle Streber, servile Kriecher genviben. Menschen, die versagt haben, wenn es galt, im Kampf der Meinungen und Ideen Farbe zu bekennen und Wunden zu holen. Wenn weite Kreise unter uns trotzdem dem stndentstchen Waffenspiel noch einen hohen Wert zuerkennen, so will ich ihnen das Recht dazu, trotzdem ich auS Erfahrung weiß, wie das Interesse an der Men jur bei vielen Studenten jedes andere Znteresse in den Hintergrund zu drängen pflegt, nicht bestreiten, wenn sie enbgiltig darauf verzichten, die Teilnahme an der Mensur zum einzigen Kennzeichen der Ehrenhaftigkeit zu machen, unb jeben, ber die Mensur aus sittlichen Bedeuten ablehnt, als ehrlos zu ächten und für einen Studenten zweiter Klasse zu erllären. Möchten Männer, wie Tr. Ackermann, denen eine tiefere Einsicht in das Wesen der sittlichen Ehre nicht versagt ist, diesen weiteren Schritt vorbehaltlos thun, und dieser Anschauung auch als alte Herren in ihren Korporationen Anerkennung verschaffen, so wäre in der That ein Großes gewonnen, auch in unseren vielfach zerfahrenen studentischen Verhältnissen mit ihren veralteten Vorurteilen.
Ich hoffe, sehr geehrter Herr, auch dafür Ihre Zustimmung erwarten zu dürfen uno zeichne hock)achtungsvoll
Gg- Schlosser, Pfarrer.
Deutsch-französische Beziehungen.
Man schreibt uns aus Berlin, 11. Februar:
Es hat bekanntlich nicht geringes Auftehen erregt, als Kaiser Wilhelm im vorigen Frühjahr den französischen General Bonnal einlud, der Parade des Gardekorps beizuwohnen, uno man weiß, bay das offizielle Frankreich durch diesen Akt der Liebenswürdigkeit und Versönlichkeit auf bas angenehmste berührt war. Einem in den Kreisen der Berliner französischen Kolonie zirkulierenden Gerücht zufolge trägt sich bie französische Regierung mit der Abficht, das Entgegenkommen Kaiser Wilhelms dadurch zu erwidern, daß sie den Herrscher durch Vermittelung ihres Berliner diplomatischen Vertreters bitten wird, einem hohen französischen Ofsizier die Teilnahme an der diesjährigen Frühjahrsparabe zu gestatten. Ein solcher Entschluß würbe deutscherseits ohne Zweifel bie günstigste Aufnahme erfahren.
Deutsches Keich.
Berlin, 11- Febr. Nach ber gestrigen Familienfrühstuckstafel unternahm das Kaiser paar mit dem Kronprinzen und dem Prinzen Heinrich einen Spaziergang im Tiergarten unb wurde dabei von dem Hofmarschall a- D. Frhrn. v. Eglossstein begleitet. Zur Abendtafel waren geladen ber Kronprinz unb Prinz Heinrich mit Begleitung, Geheimrat Slaby, Prof. Van t'Hoff unb General v. Bissing. Nach ber Tafel reifte ber Kronprinz nach Bonn ab. Heute morgen unternahm der Kaiser Den gewohnten Spaziergang im Tiergarten, sprach beim Staatssekretär des Auswärtigen Amts unb bent Reichskanzler vor unb hörte im köntgl- Schloß bie Vorträge des Chefs des Militärkabinetts, des Staatssekretärs des Reichsmarineamts unb bes Chefs des Märinekabinetts.
— Die in Nachob verstorbene Prinzessin Bathil- bis zu Schaumburg-Lippe mar 1837 geboren, als Tochter bes 1864 verstorbenen Prinzen Friedrich August von Anhalt aus seiner Ehe mit Prinzessin Marie Luise
Kastnacht.
Gießen, ben 12. Februar 1902.
„Weg mit ben Grillen unb Sorgen" einerseits, unb „Wer nie im Leben thöricht war, ein Weiser war er nimmer" andererseits könnte man als Devise allem Faschingsrummel voransetzen. Wer möchte nicht gern einmal im Jahre all' seiner Sorgen lebig sein, bas Joch, in das ihn fein Geschick gespannt hat unb an dem er Tag ein Tag aus zu tragen hat, abschütteln! Dazu ist ber Fastnachtsbienstag da, unb so hat er feine gute Berechtigung, darum ist er bei uns zu Lande, im Gegensatz zu dem kalten und steifen Norden und Osten, wo man ihn, den „lockeren" Südwesten höhnend, unbeachtet vorübergehen läßt, em rechtes und echtes Volksfest, an dem sich Alt und Jung, Hoch unb Niebng beteiligt unb sich, jeher nach seiner Fayon, freudig den Launen des Prinzen Karneval hingiebt. Bei uns in Gießen giebt es wohl fernen geselligen Zwecken dienenden Verein, der nicht durch einen,Maskenball oder dergleichen sich zum würdigen Empfang Seiner närrischen Hoheit gerüstet hätte. Wir haben bereits m unserer gestrigen Nummer von dem Umzug des ti. C. zu Ehren Seiner närrischen Hoheit berichtet. Das war die Ouvertüre. Der eigentliche Trubel begann etwas später, zwischen 1 und 2 Uhr. Das wurde dann ein Gewoge, wie es Gießen seit dem vorigen Fastnachtstage nicht mehr gesehen hat. Am ganzen Nachmittage herrschte auf dem Settersweg und mehr noch auf dem Kreuzplatz das bunteste Gewoge. Kein Apfel oder sonstige Früchte. konnten zur Erde in den dicken Straßenschmutz fallen, nur Eonfetti, bunte Confetti durchwtrbetten die Luft, flogen
ohn' Unterlaß an weibliche und männliche Nasen und flatterten wehmütig in die Straßenpfützen, um heute früh den Straßenreinigern doppelte Arbeit zu liefern. Ulkige Studenten- ftihren durchzogen die Straßen, Ochsengespanne und Dorfkapellen. Hier ließen Studenten kleine Buben nach Näschereien springen, dort „blus" ein Pierrot gar herzerweichend auf em er Ueberflöte das Lied von der häßlichen Einrichtung; hier erkundigte sich ein Vermummter bei einem Redakteur teilnahmsvoll nach dem Befinden seines Papierkorbes, dort preßte ein Mönchlein seine kleine Türkin zärtlich an sich. Arm in Arm zog ein Landstreicher mit einem als Polizisten Maskierten in inniger Brüderschaft dahin, hier hing eine leicht geschürzte Pierette am Arm eines Kreuzritters, dort wieder schwebte ein deutsches Gretchen mit einem Indianerhäuptling vorüber! Ueberall frisches pulsierendes Leben! Lachen ertönt, aus den Wirtschaften hört man den Knall springender Sektpfropfen, die weichen Klänge wiegender Walzer. Tort, in den Sälen, auf den Bällen flogen während der ganzen Faschingszeit Witze, Scherzworte und ■•Redereien hin und her, kleine, pikante Abenteuer wurden unter dem Schutze der Maske angeknüpft, fröhlich wogte die Menge durcheinander, und keck und lustig blitzte manches Augenpaar hinter den Masken hervor. Amor, der kleine Schelm, hat längst keinen Pfell mehr un Köcher, erfreut sich aber seiner Meisterschüsse und blickt vergnügt auf das Bild sprudelnder Taseinsfreude, das sich seinen Blicken bietet Hoch auf schäumt die ungebändigte Lebenslust. Jeder stürzt sich kopfüber in den verlockenden Strudel, der ihn des Lebens Ernst für Stunden vergessen läßt, und genießt in vollen Zügen die Freuden der Faschmgszett.
Die Bäckereien und Konditoreien aber stehen unter dem Zeichen des Kreppeis. Und auch in den Familien, da, wo die Fastnachtslust nicht aufschäumt, wo sie Temperamentssprünge nur in diskreten Formen und in geschlossenen Räumen gestattet, haben sich doch noch einige Reite von Fesibräuchen erhalten. Das allgemeinste und tonferüatiD|le Element bildet dieses Gebäck. Der Brauch, es an diesem Tage zu baden und zu verzehren, ist der feste Punkt in der Erscheinungen Flucht geblieben. Kreppe! trugen übrigens bie Schuld daran, daß der junge Student Goethe in Leipzig ausing, die Collegien des Professors Winkler zn „schwänzen". Sie kamen gerade heiß aus der Pfanne, als er die Wohnung des Professors aiissuchen wollte, und verspäteten ihn dergestalt, daß seine Hefte immer lockerer wurden. Goethe erzählt selber von diesen „Rtüpfeln", wie er schreibt.
Heute aber haben wir Aschermittwoch! Ter Name entstammt der heute noch in der römisch-katholischen Kirche auftecht erhaltenen Sitte, sich an diesem Tage zum Zeichen der Buße das Haupt mit Asche zu bestreuen. Aschermittwoch! Ein gar trübes Bild! Dem wilden Freudenrausch ist eine starke Ernüchterung gefolgt, und was uns im Lichte der Karnevalsfreyden glänzend und schön erschien, das mutet uns jetzt farblos und häßlich an. „Grau wie der Himmel liegt vor mir die Welt!" möchte man mit Scheffel ausrufen, und dann seufzend mit Baumbach hinzufügen: „Keinen Tropfen im Becher mehr und der Beutel schlaff und leer!" Ja, so ist es! „Tie Freuden, die man übertreibt, verwandeln sich in Schmerzen", und nichts ist bekanntlich schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen. Aber der moralische und


