Nr. 239 Drittes Blatt.
152. Jahrgang
Samstag 11. Oktober LAOS
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Die Stunde der Befreiung.
Kämmerherr Graf Kesler Hot in Frankfurt neuerdings für sie geschwärmt. Andächtige Schwärmerei — der wir auf Kongressen regelrecht begegnen. Es thut so wohl, gehobenen Sinnes in Hoffnungen zu schwelgen; und tauglich handeln ist so furchtbar schwierig.
Rasch aufeinander folgten der Pariser, wie der Frankfurter Kongreß zum internationalen Kampf gegen den Mädchenhandel. Tas ist ein Anzeichen dafür, wie lebhaft das moderne Gewissen durch einen Rest grausiger Sklaverei bedrückt wird. Man braucht nicht pastoral zu fühlen, um zu begreifen, daß die bisher gesammelten Erfahrungen über den Mädchenhandel an hie Kapitel aus einem Schauerroman erinnern; und man braucht auch den Schrecken frommer Naturen über die Vorkommnisse in „ihrer Stadt" nicht zu teilen und kann' dennoch vor dem Furchtbaren im Mädchenhandel schaudern. Tie Kapuzinaden, ob's hier oder dort böser bestellt sei, führen nicht vorwärts. Ein Redner verglich Mannheim im drohenden Eifer mit dem antiken Korinth, wo die Laster des Orients und Occidents sich die Hände reichten. Wenn nur die guten „Mannemer" darauf nicht stolz werden. In Wirklichkeit wird es in Mannheim wohl nicht wüster stehen, als überall da, wo es zu rapider Handels- und Kapitalentwickelung gekommen ist und wo noch der Uebermut junger Emporkömmlinge in materiellsten Lüsten sich austobt.
Wenn man selbst diese oder jene lokalen Schmerzen lindern könnte, was wäre im wesentlichen an dem sozialen Krankheitsbild verändert?
Mit der „Stunde der Befreiung" haben all die Konferenzen noch blutwenig zu schaffen. Sie seien meinetwegen wertvoll als anregendes Moment; sie können annähernd auch den annähernden Umfang des internationalen Nebels bestimmen oder mit kleineren Mitteln in enger begrenzten Fällen eingreifen. Aber von einer Politik der großen Mittel von weitausgreifenden Ideen ist auf den Kongressen kaum die Rede. Credo und spera! Hoffen wir das Beste, liebe Freunde, von der Aufklärung. Wie im versöhnlichen Schluß von Björnsons Kraft-Drama.
Tas Thema vom Mädchenhandel grenzt an alle unsere Kulturfragen. Tas ist gewiß. Dumps geht das aus den Frankfurter Verhandlungen ebenfalls hervor. Tenn es ist deutlich ausgesprochen worden, daß die osteuropäische Gefahr ungleich größer ist als die westeuropäische, daß also mit der steigenden „Macht der Finsternis" im materiellen, wie im ideellen Sinne der Mädchenhandel steige. Man sieht nach Galizien, nach Rußland und den Tonaufürstentümern. Man wendet sich an die geistlichen Hirten Israels, man hofft so viel von jüdischer! Frauenvereinen, man beklag,t den verhängnisvollen Tiefstand der herabgekvmmenen Bewohnerschaft im russischen Ansiedlungsrayon; man bedauert ferner, keinen politischen Einfluß hierauf üben zu könnem Aber dennoch gründet SpezialLomitees, erwerbt euch das Vertrauen der niederen Schichter:, und eure Thätigkeit wird Segen spenden.
Wie leicht überbrückt man grundsätzliche Schwierigkeiten! Mit den „höheren und den niederen proletarisierten Schichten" ist das eine bedenkliche Sache. Sie können nie recht zu einander kommen, das Wasser ist viel zu tief. Sie sprechen zwei ziemlich verschiedene Sprachen, selbst wo sie unter gemeinsamem politischen Zwang leiden, wie im Osten. Mißtrauen, Bitterkeit und in den veralteten Fällen wohl auch Versumpfung werden das Ihrige thun, um
den Lehren und Mahnungen, mögen sie noch so gut gemeint sein, nicht zu viel Raum zu gönnen Wen man daheim nicht anders behandelt wie lebendige Ware, wie soll den ein Käuf nach der Fremde hin schrecken?
Tazu kommt: eine ideelle Riesenarbeit, die Umänderung des individuellen Wertbegriffes der Fran. Davon steht in keiner Verhandlung was, und doch müßte die Arbeit gethan werden, wenigstens in elementaren Zügen, wenn man nicht immer mit dem Schrecken eines allzu willigen weiblichen Materials rechnen soll. Wie es aber da noch bei uns Westeuropäern aussieht, haben wir ^etzt wieder in Wiesbaden an einem durck is nicht spaßhaften Lehrbeispiel erfahren, als Frau v. - verhaftet wurde. Ueber einen auffällig gekleideten Mann hätte der uniformgeschulte Polizist vielleicht üebrlegen gelächelt; aber ein Weib? Ta regt sich im Polizisten auch die Galle des Herrn der Schöpfung. Ein Polizeirat möchte gern die Prostituierten „ausrotten", solange das aber nicht geht, tritt er stramm für das Kvsernement ein; und von dem furchtbaren Widerspruch zwischen dem Kasernement und dem Bestimmungsrecht des Individuums, um das ja auch das Weib heute so sehnsüchtig ringt, wird dabei kaum genommen.
Und im Osten, unter armselig zerrütteter Judenbevölke- rung! Tie trägt noch überall den orientalischen Frauenhörigkeitsbegriff mit sich. Wer könnte sagen, wie weit der östliche Mädchenhandel hier unbewußt von den allgemeinen Anschauungen über die intellektuelle Minderwertigkeit des Weibes beeinflußt wird? Ob da nicht mancher geistliche Hirt erst selbst die Belehrung nötig hat, ehe er belehren darf?
Es fiel ein schönes Wort von der Stunde der Befreiung; nur leicht aufwallende Hoffnungen nicht für stolze Thaten nehmen! L. Schs
Wrmischtcs.
*DieJagdpfeifedesKaisers. Berliner Blätter erzählen: Auf seinen Jagdausflügen raucht der Kaiser beim Abschreiten der „Strecke" häufig aus einer Pfeife. Tiefe soll, wie ein Berichterstatter zu melden weiß, nach Angaben des Kaisers ein Berliner Drechsler angefertigt haben. Tas Rohr der Jagdpfeife besteht aus Weichsel, das Mundstück aus Horn. Ter Pfeifenkopf ist aus echtem Meerschaum gearbeitet, und mit einem feinen Korbgeflecht überzogen. Auf der Mitte des Kopfes bemerkt man in herrlichster Ausführung als Verzierung einen balzenden Auerhahn ans Silber, aus Zweigen sitzend. Im Kropf der Auerhähne finden sich manchmal kleine Kieselsteine, die mit dem Futter verschluckt Wurden und durch die stetige Reibung an einander einen ganz eigenartigen Schliff erhalten haben. Aus einer größeren Anzahl solcher Steinchen sind Kopf und Flügel des Auerhahnes gebildet worden. Der Abguß der Pfeife besteht wie das Mundstück aus Horn und zeigt ein aus Auerhahnsteinen zusammengesetztes W. Tie kaiserliche Jagdpfeife ruht in einer mit veilchenblauem Sammet ausgeschlagenen Hülle; angeblich soll die Pfeife im Jagdgepäck des Kaisers nie fehlen.
* Das Verschwinden eines Berliner Touristen in den Alpen. In der Sonntagnacht langte an die Sektion Bozen des deutsch-österreichischen Alpenvereins die telegraphische Nachricht an, daß ein Tourist, der am Freitag der Vorwoche mit einem Freunde einen: Ausflug ins Rosengartengebiet unternommen, und sich in der Grasleitenhütte von ihm mit dem Versprechen ge
trennt hatte, am Sonnabend in Meran wieder einzutreffen, vermißt werde. Der Tourist, ein Berliner Namens Theek, beabsichtigte noch mehrere führerlose Touren im Rosengartengebiete zu unternehmen, wurde jedoch nirgends mehr gesehen und dürfte wohl abgestürzt fein. Noch in der Nacht machte sich Tr. Merz nut einigen Mitgliedern der Sektion Bozen auf, um nach dem Vermißten zu suchen. Im Laufe des gestrigen Vormittags begab sich auch der Obmann der Sektion, Tr. Paul Krautschneider, nach Tiers, um nähere Erkundigungen dort einzuziehen, und die Suche nach dem Verunglückten einzuleiten. Bisher fehlt noch das Ergebnis. Mitglied der Sektion Berlin des deutsch-österreichischen Alpenvereins ist der Vermißte, dessen nähere Adresse bisher nicht zu ermitteln war, nicht gewesen.
* Zu der grausigen Familientragödie Murri-Bonmartini liegen jetzt wieder einige neue Nachrichten vor. Wie man aus Bologna schreibt, stellen sich trotz des Eifers der Behörden der Auslieferung des Tr. Tullio Murri, der seinen Schwager Grafen Bonmartini ermordete, große Schwierigkeiten entgegen, so daß sie sich ziemlich lange verzögern wird. Tie österreichischen Behörden sind nämlich gezwungen, auf der Erfüllung der Auslieferungstonvention mit Italien vom 26. Febr. 1869, zu bestehen, nach welcher das Auslieferungsbegehren die genaue Bezeichnung des Verbrechens enthalten muß, dessen der Jnkulpat angeklagt wird. Tas Auslieferungsdekret: kann dann nur auf der Basis der erhobenen Anklage ausgestellt werden. Nach den bisherigen Beweismomenten ist jedoch die Erhebung der Anklage noch nicht möglich, da es zweifelhaft ist, ob sie auf gemeinen Mord oder auf Totschlag lauten uirb; denn die Schwester Murris, die sich in gesegneten Umständen befindet, aber sonst wohl auf und sehr zuversichtlich ist, sagt nichts ans, was Murri irgendwie belasten ober sonst die Assaire aufhellen könnte.'Die gleiche Taktik beobachtet die Geliebte des Mörders, Rosina Bonetti. Tie letztere wurde in der jüngsten Zeit zahlreichen Verhören unterzogen, stellte aber in kühler unb ruhiger Weise alle belastenden Umstände in Abrede und legt überhaupt eine derartige Gleichgiltigkeit an den Tag, daß selbst der Untersuchungsrichter in Zweifel darüber ist, ob Dies das Bewußtsein der Unschuld ober Cynismus ist. Charakteristisch für bie Behandlung ber in Haft befindlichen vermuilichen Mitschulbigen Murris im Gefängnis ist ber Umstand, baß man bem verhafteten Universitätsbozen t e n Tr. Pio Nald: einen eigenen Diener in der Person eines wegen Diebstahls angeklagten Häftlings zuwies, beit Naldi mit Gelb für seine Dienstleistungen entschäbigt. Der Zellengenosse Naldi's ist mit ber Entlohnung nicht zufrieben. Er verlangte in den letzten Tagen bringeub seine Versetzung in eine anbere Zelle, weil Nalbi ihn nur fünf bis acht Centesimi pro Tag berbienen lasse. Wie Nalbi, erfreut sich auch bie Schwester Murri's, bie Gräfin Linba Bonmartini, verschiedener Vergünstigungen, darunter besonders der einen, daß sie die üppigsten Diners ejnnehmen darf, die ihr alltäglich von „teilnehmenden" Personen, zumeist Damen, aber auch vo n mannlicken Verehrern in das Gefängnis gesendet werden. ,
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Plaudereien ans der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Zum 50jahrigeu Todestage des „Turnvaters". — Das Jahn- deukmal iu der Hasenheide. — Die Hasenheide einst und jetzt.
Am X5. Oktober sind cs gerade 50 Jahre, daß der geistige .Urheber des deutschen Turnwesens, zu Freiburg an der Unstrut in seinem Tuskulum die alten Augen schloß, die in Deutschlands trübster Zeit scharf und vorahnend die Wege zur Erhebung und Befreiung verspürt hatten. Die Tüchtigkeit .der Jugend von 1813 war zum großen Teil sein Werk. Unter seinem gewaltigen Einflüsse organisierte sich in aller Stille der „Deutsche Bund", jene Vereinigung von patriotisch gesinnten Männern und Jünglingen, bie am 14. November des Jahres 1810 am „Dusteren Keller" zum ersten Male zusammentamen. „Erhaltung des deutschen Volkes in seiner Ursprünglichkeit und Selbftändig- leit, Neubelebung der Deutschheit und aller schlummernden Kräfte, Bewahrung unseres Volkstums, Schutz und Schirm wider heimliche Verderbuug von innen, wider alle Knechtschaft von außen und alle Kunstgriffe, Listen und Vethörungen ber Ein- unb Uinschmelzung, hinwirken zur enblichen Einheit unseres zersplitterten, geteilten und getrennten Volkes" staub auf dem Programm bieses Bundes, dessen Spitze natürlich gegen die Franzosenherrschaft gerichtet war. Es lagen darin bie ersten Anregungen zur Grünbung ber „Deutschen Burschenschaft", und der Haß, mit dem nochmals bie Temagogenriecher ben alten Recken verfolgt haben, steht damit in einem innigen Zusammenhänge. Als er nach den Feldzügen der Befreiungsjahre, die er als Lützow'scher Jäger mitgekümpft hatte, seine Lehrthätigkeit in Berlin wieder ausgenommen hatte, dauerte es nicht lange, und er gehörte wegen seines freimütigen und geraden Wesens zu den bestgehaßten Leuten. Im Jahre 1812 schloß man ihm seinen Turnplatz in der Hasenheide unb verbannte ihn schließlich nach langwierigen Prozessen nach bem kleinen Freiburg. Ein Wohnsttz innerhalb eines Kreises von zehn Meilen um Berlin mar ihm streng verboten; auch burfte er keine Stabt wählen, in ba; eine Universität ober ein.Gymnasium war. Wen müßte
ber famose Herr von Kamptz, wenn er heute roieber ans Ruber kgme, wohl alles aus Berlin verbannen? Daß ber Alte selbst für Freiburg gefährlich erschien, bewies seine Ausquartierung nach Eölleba im Jahre 1829. Jedenfalls konnte er sich dort besser davon überzeugen daß bie Raben noch siegreich um das alte verfallene Kaiserschloß auf bem Kyffhäuser flogen. Die 1844 angeregte Sammlung zu bem Zwecke, ihm fein Freiburger Besitztum zu erhalten, bewies dem „Turnvater", baß ihn bas beutsche Volk nicht vergessen hatte. Seine Teilnahme an ben Tagungen bes ersten beutschen Parlaments, zu bessen äußerster Rechten (!) er gehörte, ist bekannt. Auf seinem Grabe in Freiburg steht eine Bronzebüste von Schilling; Berlin besitzt auf der Stätte seines populärsten Wirkens, auf dem Turnplatz in der Hasenheide, sein Bronzestandbild von Erdmann Encke, ber auch bas berühmte Denkmal der Königin Luise im Tiergarten geschaffen hat. Der Steinhügel, ber auf bem Jahns Standbild errichtet ist, hat eine besondere Geschichte. Er ist aus Steinen gehäuft, die deutsche Turner aus allen Gauen, ja selbst aus Ländern jenseits des Ozeans zu diesem Zwecke gestiftet haben. Nicht weit davon erhebt sich ein anderer Hügel, den Jahn selbst einst zu errichten die Losung gegeben. Er ist dem Andenken seines Freundes unb Mitarbeiters Friesen geweiht, des Jünglings, der 1814 in Feindesland meuchlings erschlagen wurde. Mit seinen Schülern hat Jahn 1817 die Steine gesammelt. Unter ihm sollten die sterblichen Reste des Vielgepriesenen bestattet werden. Friesens Freund, August von Vietinghoff, führte bie Gebeine bes Toten 26 lange Jahre mit sich burch bie Welt, unb erst am 15. März 1843 fanben sie ihre letzte Rast, aber nicht unter bem bamals argverfallenen Friesenhügel in ber Hasenheibe, fonbern auf bem Jnvalibenlirchhof im Norden ber Stadt, dicht neben der Gruft des Generals Scharnhorst. Heute ist ber Friesen- Hügel ‘lieber hergestellt, unb mit_ einem Gebenkstein und einer Inschrift darauf versehen. Die Turner, bie am 15. Oktober zur Hasenheibe pilgern, werden auch Friesen's dabei gedenken, dem Arndt eins seiner schönste Gedichte als No: ruf geschrieben hat. „War j" ein Ritter edel, Tu ibaai c-3 tausendmal. Vom Fuße bk zum Schädel, Ein lichter Schönheitsstrahl!" heißt es darin von ihm den
Schenkendorf als „Friesen, ber Schöne, Freie" preist. Wer übrigens die Hasenheide früher gekannt hat unb sie in biesen Tagen wiebersieht, muß seine Vorstellungen von ehemals stark korrigieren. Vor wenigen Jahrzehnten noch, als „bie Welt" am Halle'schen Thore aufhörte, unb nach einem tapferen Marsch enblich bie Straßen von Rixborf erreicht würben, war bie Hasenheibe eine ziemlich verrufene Gegend, wie bas aus einem kleinen Einakter jener Tage „Hasen in ber Hasenheibe" noch mancher in Erinnerung haben wirb. Kiefern unb Sanb, viele Morgen weit. In ber Nähe kein Haus, fein Obbach. Ter erste Turnplatz Jahns war bie Einfachheit selbst. Ein mäßig breiter Graben umzog bie Stätte, auf ber Barren, Recke unb Kletterbäume in angemessener Entfernung stauben. Gegen Osten hin war eine „Rennbahn" abgesteckt. Als 1814 ber alte Blücher Jahn unb feinen Turnern einen Besuch machte, mußte er weite Strecken burch tiefen Sanb waten. Auch Der Kronprinz (später Friedrich Wilhelm IV.) erschien eines Tages als Gast auf dem Turnplätze, „draußen bei ben Rollbergen". Heute hat dieses „draußen" längst keine Berechtigung mehr. Tie Riesenarme ber Großstadt erstrecken sich bis an das Weichbild Rixdorfs, das wie Schöneberg und Charlotten- burg längst eins mit Berlin geworden ist. Große Mietshäuser stehen in langen Straßenzügen nördlich unb östlich auf bem ehemaligen Sanbboben, im Westen erhebt sich bie mächtige Kaserne ber Garbekürassiere und nur nach Süben hin ist freies Feld geblieben. Das ist aber nicht bie Schulb ber Berliner Bau-Unternehmer, die bieses „Felb" längst mit heimlicher Sehnsucht beäugeln. Wenn es ber Militärfiskus nur hergeben wollte, bas „Tempelhofer Felb!" Gegenüber bem alten Turnplätze ist die „Unionsbrauerei"! errichtet, bie auf ihrem Gebiet jenen ewigen Jahrmarkt etabliert hat, ber als „Neue Welt" bas Herz bes Jarde- jrenadiers wie ber Geheimratsköchin noch immer höher schlagen läßt. Da schallen die Drehorgeln, ba trompeten Orchestrions, ba fiebeln unb dübeln Musikanten zum Tanze, unb voller Begeisterung schwenkt die Jugend von heute sich dort im Reigen, wo die Jugend von damals auch freudig die Glieder regte. Nur oie „Begeisterung" ist eine etwas andere! A- R-


