Samstag 10. Mai 1908
153. Jahrgang
Drittes Blatt.
Nr. 108
Erscheint täglich außer Sonntags.
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** General-Anzeiger v äs»,
o -*? für den polit. u. allgem.
Amts- und Anzeigeblatt fiir den Kreis Gießen WM
V ' vsj zeigenteil: Hans Beck.
als
Politische Tagesschau.
Ein kommender Mann
Man schreibt uns -aus Paris:
Von den drei überseeischen Generalgouvernements, die
Hauptstützpunkte der französischen Kvtonialpolitit gelten können: Algerien, Madagaskar und Jndochina, wird das letztere zur Zeit provisorisch verwaltet. Der bisherige Gouverneur, Doumer, ist nach Frankreich zurückaekehrt, hat mit Erfolg um ein Deputierten-Mandat kandidiert und
sich den radikalen Republikanern angeschlossen, wohl in der Hoffnung, über kurz oder lang an die rHsitze der Kolonialverwaltung berufen zu werden. Mer, wie Herr Doumer, Jahre hindurch über See gewesen ist, der bringt ein „Programm" mit. Das Doumer'sche spielte im Wahlkampf eine der Bedeutung ostasiatischer Fragen entsprechende Rolle und gipfelt in der Forderung, das; Frankreich seine Stellung in Jndochina au stärken bestrebt sein müsse, um nicht politisch und wirtschaftlich Einbuße zu erleiden. Mit anderen Worten: Frankreich soll seine Interessensphäre nach Siam hin festzulegen trachten. „Zufällig" sind nun im Stromgebiet des Mekong Unruhen ausgebrochen. Ein Telegramm des stellvertretenden Gouverneurs drückt Zweifel aus, ob die siamesischen Regierungstruppen im lande sein werden, die Aufständischen niederzuwersen, und ügt hinzu, daß „für alte Fälle" französische Kolonial- oldaten an beiden Ufern des Mekong Posto gefaßt haben.
Von dieser Gestaltung der Dinge soll am meisten der in Paris weilende Kronprinz von Siam überrascht worden sein. Er sah sich veranlaßt, früher als beabsichtigt, die Seinestadt zu verlassen und nach Wien zu reisen, wohl um bei nächster Gelegenheit ein Schiffsbillct nach der Heimat zu nehmen. Herr Doumer indessen hat sich in Frankreich bestens eingeführt; er „kam, sah und siegte" und wird nach Wiederzusammentritt der Kammer des Weiteren von sich reden machen.
Dieses Theater-Interesse kommt neben den glücklichen Direktoren, die, nebenbei bemerkt, ihre teuren Plätze an große Vereine rc. zu halben Preisen abgeben, sobald die eigentliche Saison vorüber ist, auch den Verfassern der eingeschlagenen Stücke zu gute. Den Rekord unter diesen erzielt diesmal Wilhelm Meyer-Förster, der Verfasser von „Alt-Heidelberg", dem Fortuna ein paarmal hunderttausend Mark in den Schoß schüttet, die selbstverständlich nicht aus Berlin allein, sondern aus allen Himmelsgegenden, sogar aus Rußland, zusammenfliehen. Der Autor, dem ein schweres, immer schlimmer werdendes Augenleiden die Zukunft verdüstert, ist dadurch wenigstens vor materiellen Sorgen sichergestellt. Auch Otto Erich Hartleben, dessen „Rosenmontag" den vorjährigen Erfolg überdauert hat, ist auf dem Wege, ein wohlhabender Mann zu werden. Nach der Premiere int Deutschen Theater bot ihm der Theaterj- agent Bloch in der Künstlerklause 100 000 Mark für alle Rechte an diesem Drama. Hartleben wir klug genug, dies Angebot abzulehncn, obwohl er damals nicht just auf Rosen gebettet war. Und die Zeit hat ihm Recht gegeben. Seine Einkünfte vom „Rosenmontag" haben heute jene Summe schon um ein Erkleckliches überschritten und fließen vorläufig noch munter fort. Otto Ernst, der Hamburjger Glückspilz, reiht sich den beiden würdig an; sein „Flachs- mann als Erzieher" hat ihm über 300 000 Mark gebracht; er kann den finanziellen Mißerfolg seiner „größten Sünde" also recht gut verschmerzen. Immerhin ist dieses Kleeblatt des Erfolges noch bescheiden gegen die Sieger von ehedem: Blumenthal und Konsorten, die längst Millionäre sind. Auch Hauptmann, Sudermann, Larronge rc. haben wohl längst ihre sechste Null hinter der Eins aufzuweisen! Wie anders vor noch nicht anderthalb hundert Jahren sah's mit dem Tramenschreiben in Deutschland aus? Am Königsgraben in Berlin wohnte damals ein Schriftsteller, dessen Lustspiel es getrost mit den Erzeugnissen all der vorhin Genannten zusammen genommen aufnehmen kann, ein gewisser Herr Lessing, der Verfasser von „Minna von Barnhelm". Zwanzigmal hintereinander wurde anno 1769 dieses Lustspiel in dem damals kleinen, von Fremden wenig besuchten Berlin aufgeführt, und Abbildungen einzelner Szenen waren in allen Kalendern, auf Tassen, Tellern, Punschterrinen rc.
Die Marineverwaltung wies jedoch darauf hin, daß Deutschland militärisch mit Verhältnissen zu rechnen habe, die das Vorhandensein einer starken Schlachtflotte erfordern. Für den heimischen Seeschutz bleiben die Linienschiffe ohne Frage unentbehrlich. Die Stärke dieses Schutzes aber gründet sich auf die Schlagfertigkeit, die zuverlässige Gefechtsthätigkeit dieser Schiffe. Die bei der Geschwadersahrt nach Irland und auch bei früheren Gelegenheiten gemachten Erfahrungen scheinen aber, wie gesagt, darauf hinzubeuten, daß die Wahl größtmöglichster Dimensionen für Linienschiffe dem Ge- sechtswert nicht zuträglich ist. Wie zur Zeit der Armada, so gilt auch heute der Satz, daß nicht die Größe, sondern die Beweglichkeit, das prompte und verläßliche Jneinander- greifen alle. Kampfeinheiten den Machtfaktor ausmacht, den ein Kriegsschiff barstellt.
Plaudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Son de« „Meisterspielern". — Theatertantiemen einst und jetzt. — Berliner Wahrzeichen. — Vater Breunecke.
Tie Thcaterdirektoren können sich, alles in allem genommen, nicht bellagen in dieser Saison. Die Theatermüdigkeit, die sonst gegen den Frühling hier Platz zu greifen pflegt, ist vorläufig noch nicht zu spüren; „Alt-Heidelberg" von Wilhelm Meyer-Förster macht im „Berliner Theateri" noch immer volle .Häuser, trotzdem es schon weit über die 100. Aufführung erlebt hat; das Residenz-Theater mit seinem Pariser Fabrikat „Einquartierung", das bis auf die Schlüpfrigkeiten ziemlich grob zusammengehauen ist, erfreut sich gleichfalls noch guten Besuchs; im „Deutschen Theater", dessen Hauptkräfte in Wien ein Monats-Gastspiel absolvieren, say ich in der „Versunkenen Glocke" sowohl wie in Hauptmanns herzerschütternden „Webern", die auf ihre 300. Wiederholung lossteuern, ein brillant besetztes Parquet, und im Metropol-Theater, wo Leon Treptows gute alte Posse „lln)"ere Ton Juans" die faden Machwerke der modernen Possenschreiber abgelöst hat, hallt allabendlich ein viel- hundertstimmiges, nicht von Claqueuren mühsam gewecktes Lachen des sich trefflich amüsierenden Publikums durchs Haus. Zu alledem haben gestern, Dienstag, auch die „Meisterspiele" begonnen, die Angelo Neumann, der Prager Direktor, im Verein mit der Königs. Intendanz onxmgiert hat. Diese Meisterspiele bringen eine Reihe berühmter Bühnenwerke von dem gesamten Personal auswärtiger, großer Bühnen dargestellt. Den Anfang machten Grillparzers „Esther" und Schillers „Demetrius" in noch meist heimischer Besetzung, vorläufig nur mit ein paar fremden Gästen, unter Regie von Max Grube, die geradezu wunderbares bot. Es folgen dieser Aufführung „Fausr", „Maria Stuart", „Hamlet" rc. Zwischendurch aber gehen die Vorführungen von Verdi'schen Werken unter Besetzung der Hauptpartien mit italienischen Meistcrkräften. Tas alte Kroll'sche Theater, das jetzt als „Neues Königl.Operntheater" figuriert, wird dadurch gehörig ausgenutzt, obwohl seine Akustik, besonders für Schauspiel-AuWhrtmgen, eigentlich rej&t Lu wünschen übrig läßt <
Kepanzertc Kolosse.
Man schreibt uns von geschätzter Seite:
Es wird mit Recht als ein Vorzug der deutschen Kriegsmarine bezeichnet, daß hinsichtlich der militärischen Wertbemessung der einzelnen Schiffsthpen ein Schwanken, ein unsicheres Hin- und Hertasten bet ihr nicht stattgefunden hat. Die Ausgestaltung der Wehrmacht Deutschlands zur See vollzieht sich auf Grund des int Hlottengesetz festgelegten Programms, dessen Gliederung in Linienschiffe, große und kleine Kreuzer, Kanonenboote, Schul--, Spezialschiffe und Torpedofahrzeuge jedem geläufig ist. Es darf als ausgeschlossen gelten, daß die deutsche Marineverwaltung die Ausschaltung des einen oder anderen Schiffstyps in Erwägung nehmen wird. Innerhalb dieses Rahmens finden jedoch fortgesetzt Aenberungen in der Ko n- struktion der einzelnen Schiffe statt, Abweichungen, die sich besonders auf das „Deplacement", den Tonnengehalt, erstrecken. Das geht soweit, daß jetzt in der Konstruktions- abteilung des Reichsmarineamts für Kreuzer-Neubauten Dimensionen zu Grunde gelegt werden, hinter denen die der älteren Linienschiffe der „Brandenburg"-Klasse zurückbleiben. Die modernen Schiffe erhalten eben zwecks Erzielung größerer Fahrgeschwindigkeit stärkere Maschinen, ausgedehntere Kohlenbunker usw.
Dementsprechend sind auch die Dimensionen der Linien- schifse größere geworden, die gegenwärtig zu Wasser liegen- ben sind im vollen Sinne des Wortes „gepanzerte Kolosse". Bei dem enormen Gewicht dieser Schiffe wird es natürlich immer schwieriger, sie mit Maschinen auszurüsten, die die wünschenswerte Fahrgeschwindigkeit gewährleisten. Je komplizierter aber das Maschinensystem wird, desto mehr ist die Möglichkeit gegeben, daß daran etwas in Unordnung gerät, versagt und damit den militärischen Wert des Schiffe herabmindert, wenn nicht illusorisch macht. Denn die Maschine ist, roemi man so sagen darf, die Seele des modernen Schiffes. Vorfälle der jüngsten Zeit nun legen die Frage nahe, ob es nicht geraten erscheint, das Deplacement der Linienschiffe in Zukunft zu verringern. Auf der Fahrt, die das erste Geschwader unter dem Obers- besehl des Prinzen Heinrich jetzt nach Irland unternahm, erlitten die beiden größten Schiffe „Kaiser Wilhelm der Große" und „Kaiser Wilhelm II." Maschinenschaden, und zwar beide am Hauptdampfrohr. Während bas erstere zwecks Reparatur nach Kiel zurückkehrte, suchte letzteres mit jQilfe der Schiffsschrauben zu manövrieren, bis mittelst Torpedobootes ein Ersatzrohr aus Kiel zur Stelle geschafft war. Im Ernstfälle wäre also „Kaiser Wilhelm der Große" vollständig ausgcschiedcn, während der Gefechtswert von „Kaiser Wilhelm II." Einbuße erlitten hätte.
Selbstverständlich sind solchem Mißgeschick alle Schiffe ausgesetzt, aber die Erfahrung lehrt, da,ß die großen es in höherem Maße sind. Es sei nur erinnert an die Chinafahrt der Panzerdivision (,,Brandenburg"-Klasse). Diese Schiffe wurden mitten aus dem Frontdienst heraus auf große Fahrt geschickt, aber nicht bei einem einzigen war während der langen Jndiensthaltung Maschinenhavarie zu verzeichnen. Soweit bekannt, baut zur Zeit vornehmlich Deutschland Schlachtschiffe so riesiger Dimensionen. Italien, ehedem in dieser Hinsicht führend, ist ganz davon abge- kommen; Frankreich bevorzugt grundsätzlich den Typ der schnellfahrenden Panzerkreuzer. Dem letzteren wurde auch deutscherseits, und zwar bei der Beratung des letzten Flotten- gesetzes in ber Reichstagskommission, das Wort geredet.
• Gerichtsslial.
Berlin, 7. Mai. Der P r o z e ß des Bildhauers Prof. G e y g e r gegen M a x Klinger ist heute vor dein Schöffengericht verhandelt worden und endete damit, daß die Parteien auf Vorschlag des Vorsitzenden hin, sich einigten, daß der Termin aufgehoben werde, um ihnen Gelegenheit au geben, baä Material weiter zu prüfen event. zu einem Vergleich zu kommen. Klinger hat bekanntlich dem Prof. Geyger vorgeworfen, daß er eine ihm an- vertraute Stiftung eigennützig ihrem eigentlichen Ziveck und damit den deutschen Künstlern entzogen habe. Aus der Verhandlung sei hervorgehoben: Justizrat Broda-Leipzig, der dem
Prof. Klinger zur Seite stand, erklärte, da eine Stimmungsmacherei gegen Prof. Klinger vielsach unverkennbar sei, so liege es im Inter- esse der Kunst, die Sache möglichst genau auszuklären. Prof. Geyger habe öffentlich erklärt, daß die Behauptungen des Prof. Klinger von Anfang bis zu Ende erfunden und Reid, Haß und Rache vielleicht die Triebfedern seien. Prof. Klinger könne die Thatsachen, die er behauptet habe, im Großen und Ganzen iiicht zurücknehmen. Er behaupte auch jetzt rwch, daß das, was er dein Pros. Geyger vorgeworsen, im wesentlichen ivahr sei, und er habe es unternommen unter Hinweis aus Urkundcu den Berveis der Wahrheit anzutreten. Der Angeklagte sei aus dein Gesichtspunkt zu einem Vergleich bereit, daß auch er, ebenso wie der Vorsitzende, es vermelden möchte, daß Frau Dr. Meyer, die sich so hochherzig und edelgesinnt den Künstlern gegenüber erwiesen habe, wie kaum jemals ivicder eine Tarne, vor Gericht erscheinen müffe. — Prof. Klinger: Frau Dr. Meyer habe ihn schriftlich wiederholt auf- qesordert, für diese Angelegenheit cinzutreten und sie auszuklären. Es seien Briefe der Frau Dr. Meyer und deren Stiefsohn bei den Akten, die ihn bewogen, die Sache so darzustellen, wie er es ge- than. — R.-A. Senge r, der Vertreter Geygers: Prof. Geyger sei in der allereiitschiedensten Weise bemüht gewesen, den öffentlichen Prozeß zu vermeiden. Er halte es für unwürdig, daß Künstler von der Bedeutung der beiden Gegner sich in solcher Weife öffentlich befehden. Prof. Klinger hätte sich nicht mit einseitig ihm gewordener Darstellung von puristisch schwer zu formulierenden Vorgängen begnügen dürfen. Dem Prof. Geyger steht ein umfangreiches Material zur Verfügung, welches die Hinfälligkeit der Beschuldigungen ergeben müßte. Er habe sich bemüht, diesen Gegenbeweis der Gegenpartei zu unterbreiten; dies sei aber abgelehnt ivorden. — Prof. Geyger: Als er dem Prof. Klinger dies Material angeboten, habe es dieser ,sicht angenommen. Er wiffe nicht, ivie Frau Dr. Meyer dazu gekommen sei, solche ungeheuer* lichen Beschuldigungen indirekt herbeizuführeii. Bei Hingabe der Gelder sei von Dr.' Meyer mit keiner Silbe von einer Stiftung die Rede gewesen; tue Hypothek aber von 130000 Mark, die gleichfalls in Frage stehe, sei die Anzahlung auf einen umfangreichen Auftrag gewesen. — Justizrat Broda: Es handle sich um eine hochherzige, aber vollständig geschäftsunkundige Tarne, und die Verhandlungen, die sie mit ihrem damaligen Schützling, Professor Geyger gepflogen, entbehren mindestens der jliriftischen Klarheit. Das Belastungsmaterial des Angeklagten gegen Prof. Geyger beruhe auf eigenen Briefen des letzteren an Frau Dr. Meyer und an Prof. KImger. Daraus gehe hervor, daß Pros. Geyger sich lange Zeit voll bewußt gewesen, daß er derjenige gewesen, dem diese hochherzige Zuwendung mit dem Hintergedanken zugewiesen worden, daß sie der deutschen Kunstgemeinde zu Gute kommen solle. Diese Verpflichtung habe Prof. Geyger s. Z. auch in seinem Testament anerkannt. Frau Dr. Meyer, der der Prof. Geyger durch Profeffor Klinger erst zugeführt worden, habe für die Hergabe von 221000 Mark einen edlen Zweck im Auge gehabt: nämlich die (Stiftung einer Akademie der Künste für deutsche Künstler in Rom. Diesen Ziveck habe Prof. Geyger s. Z. anerkannt. Er habe sich demselben aber nach seiner Verheiratung entzogen zuni Schaden der deutschen Künstlerschaft. Diesen Ausführungen wurde von dem Privatkläger und dem R.-A. ©enger widersprochen. Von einer Stiftung sei auf Seiten der Frau Dr. Meyer feine Rede gewesen. Dem Gegner werden alle Briefe bereitwilligst zur Verfügung gestellt, aus denen heroorgehe, daß 91 000 Mark Herrn Geyger zu rein persönlichen Zwecken ohne jede Beschränkung überlassen worden seien. Und was die 130000 'Mark betrifft, so handelte es sich dabei lediglich um die Testamentsbestimmung dahm, daß auf bas, naä Professor Geyger davon nicht verbrauchte, feine Familie keinen Anspruch erheben könne.
Damen-Handschuhe Preislagen A. Waag, wegTo:
Seidenstoffes.»»
von Eiten & Haussen, ganöluna Krefeld.
zu erblicken. Mer von Tantiemen hat Gotthold Ephraim nicht einen roten Heller zu sehen bekommen. Ramber, der Berliner Satiriker, schrieb damals: „Die Pariser Poeten werden von einem solchen Stücke gespeist, getränkt, gekleidet, beherbergt, und von sechs guten Stücken können sie gar reich werden. Unseren Lessing hat die „Minna" nichts eingetragen; das ist aber alles, worüber er sich beklagen kann. Er kann sich nicht beschweren, daß wir undankbar gegen seine Muse sind!"
Tas war in der guten alten Zeit, deren letzte Spur langsam aus dem neuen Berlin getilgt werben. Auch das Lessinghaus, brin die „Minna" geschrieben oder doch nach dem Breslauer Entwurf vollendet ivarb, muß demnächst einem Neubau Platz machen. Dafür halten sich kleine Berliner Wahrzeichen des Verkehrs in erstaunlichem Maße. Da ist z. B. die große, goldene Kanonenkugel, die ber Berliner Hausfrau anzcigt, daß hier, in dicsetn Laben, Butter vertäust wird, ein Rest aus den Zeiten ber holländischen Einwanderung. Noch ausfälliger berührt ber Stuhl mit ber darüber gebundenen weißen Schürze vor den Schlächterläden, ber, nne jedes Berliner Kind weiß, frische Blut -und Leberwurst ankündigt. Diese billige Mt zu annoncieren ist nun schon 200 Jahre alt. Ihr Ursprung weist auf den Vater Brennecke hin, der auf dem Molkenmarkte eine Gaststube hatte, alljährlich aber zwei Borstentiere schlachtete und zu Wurst verarbeitete, die in ganz Berlin wegen ihrer Schmackhaftigkeit berühmt war . iliach geschehener That band Vater Brennecke eine weiße Schürze vor und setzte sich auf einen Stuhl vor die Hausthür, damit die vornehmeren Berliner, die seine Bierstube nicht anfsuchten, in Sachen der Wurst Bescheid wußten. Eines Tages aber wurde er krank, just als die leckeren Erzeugnisse seiner Kunst fertig waren. Da stellte kurz entschlossen leine wackere Ehehälfte nur den Stuhl heraus und band oie Schürze darüber. Und jeder wußte, was das zu bedeuten yaite. Aua) als Vater Brennecke ge- storbeu war, behielt die Frau diese Art der Ankünbigung bei, bis sie nach und nach ein Gemeingut der ganzen Gilbe geworden ist. So ist eigentlich jeder Stuhl mit der weißen Schürze darüber, der vor ber Thür eines Berliner Schlächterladens steht oder hängt, ein Denkmal für den VaterBrennecke^ der vor 200 Jahren am Molkenmarkt gehaust hat. A. R.


