Ausgabe 
9.12.1902 Erstes Blatt
 
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Aus dem hessischen Staatsbudget 1903/04.

Für dieGymnasien, Realgymnasien, Oberreal- und Realschulen, sowie pädagogischen Seminarien" sind die Ein­nahmen veranschlagt zu 1 157 554 Mark (19021903 1 124 629 Mk.), die Ausgaben zu 2 066 261 Mk. (1 983 849 Mk.), diese Anstalten verlangen also einen Staats- zuschuß von 906 707 Mk. (859 220 Mk.).

Im Einzelnen stellen sich Einnahmen, Ausgaben und Staatszuschuß wie folgt:

$I?r. 289 erscheint täglich

außer Sonnlags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wectüel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Kamttten- Mälter viermal in der Woche beigelegt.

-iolalionSdruck u. Ver­lag der Brüt, l'schen Univers.-Buch- u.Siem- druckerei (Pie lich Erben) IRebaftion, Exvedltton und Druckerei:

Schulstratze 7.

Adresse iür Deoeschen: Anzeiger Gießen.

^ernsprechanlckluhAr 51.

stadt .... Gymnasium in BenSbeim Gymnasium in Offenbach Obcrrealfchule in Offenbach Gymnasium in Gießen Gymnasium in Büdingen Gymnasium und Realschule

Friedberg

Gnmnasium Fridericianum Laubach

Osteigymnasium in Mainz derbstgymnasium in Mainz

befriedigende Antwort erfolgen, würde kaiserliche Regierung zu ihrem Bedauern nötigt sein, die Sorge für die Durchsetzung deutschen Ansprüche selbst zu übernehmen.

schuleinGießen.

Realaymnasium, Realschule rc. in Mainz .

Realschule in Gernsheim

Real- ii. Landwirlschaftsschule in Groß-Umstadt.

Realschule in Heppenheim Realschule in Michelstadt Realschule in Wimpfen . Realschule in Alsfeld Realschule in Butzbach . Realschule und Progymnasium in Alzey . . . -

Realschule und Progymnasium in Bingen .

Realschule in Oppenheim * . zusammen

Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt .

Neues Gymnasium in Darm-

Gymnasium und Realschule

Worms.....

Realgymnasium in Darmstadt Oberrealschule in Darmstadt . Realgymnasium u. Real-

In den Erläuterungen ist u. a. gesagt: In dem vor­liegenden Voranschlag ist die Trennung deS Offenbacher Gym­nasiums von der Oberrealschule vorgesehen. Die beiden Anstalten, insbesondere die Oberrealschule, haben eine solche Ausdehnung angenommen, daß die Leitung durch einen Direktor nicht mehr möglich ist, zumal beide Schulen nicht in einem Gebäude untergebracht sind und räumlich weit von einander entfernt liegen. Die Trennung erfordert an neuen Ausgaben die Gehalte für einen Direktor, für einen weiteren Lehrer und für einen Schuldiener, sowie einen erhöhten Auf­wand für sachliche Ausgaben. Tie Aufbringung der Kosten durch den Staat und die Stadt findet in der seitherigen Weise statt.

Die Zahl der ordentlichen Lehrer (Oberlehrer, provi* sorifche akademische Lehrer, seminaristische Lehrer und tech­nische Lehrer) ist in dem gegenwärtigen Voranschlag von 437 im Vorjahre auf 447, also um 10 gestiegen, und zwar hat man die Zahl der Oberlehrer um 10 und diejenige der desinitiven seminaristischen Lehrer um 9 vermehrt, dagegen die Zahl der provisorischen akademischen Lehrer um 2 ver­mindert und die 7 provisorischen seminaristischen Lehrer über­haupt wieder beseitigt. Die allmähliche Verminderung der Zahl der provisorischen akademischen Lehrer entspricht einem schon mehrfach geäußerten Wunsch der Landstände sowohl als auch der Lehrerschaft. Die in den beiden letzten Jahren neuerrichteten seminaristischen Lehrerstellen hat man der Er­sparnis halber nur als provisorische Stellen mit Vergütungen von je 1500 Mk. eingestellt. Die dauernde Besetzung dieser Stellen hat sich jedoch als recht schwierig erwiesen. Zudem erscheint es nicht zweckmäßig, die ohnehin nicht geringe Zahl provisorischer Volksschullehrer noch zu vermehren.

Die Zahl der Lehrerstellen an den einzelnen Anstalten ist nach dem vorliegenden Hauptooranschlag bte folgender

Zu gleicher Zeit ist dem Reichstage auch eine Denk­schrift des Reichskanzlers zugegangen, in welcher die Reklamationen Deutschlands näher behandelt und die Be- nveggründe für das Ultimatum dargelegt werden. Es heißt m der Denkschrift:

Venezuela gab der kaiserl. Regierung durch dieBehand- iung der deutschen Reklamationen zu ernsten Beschwerden An­satz. Es handelt sich um Forderungen in Venezuela woh­nender Deutscher und um Ansprüche deutscher Unternehmer vegcn Nichterfüllung der von der venezolanischen Regierung vertragsmäßig übernommenen Verbindlichkeiten. Während der letzten Bürgerkriege ist dort ansäsiigen Deutschen durch Lrpressung, Zwangsanleihen, Wegnahme deS Viehes und Plünderung der Häuser und Ländereien bis 1900 ein Scha­an von rund 1 700000 Bolivares, aus dem neuesten Bürger­krieg allein von rund drei Millionen Bolivares erwachsen.

Auf vielfache Reklamationen erließ die venezolanische Regierung am 24. Januar 1901 ein Dekret, nach dem eine lediglich aus venezolanischen Beamten bestehende Kommission Iber die Reklamationen entscheiden sollte. Dieses Dekret er- schien unannehmbar, weil erstens alle aus der Zeit vor Tastro'S Präsidentschaft stammenden Ansprüche unberücksich- ijgt bleiben, zweitens jeder diplomatische Einspruch ausge- chlossen, drittens die Zahlungen nur mit Scheinen einer neu ;u schaffenden Revolutionsschuld erfolgen sollten, die nach den bisherigen Erfahrungen nahezu wertlos sein würden. Nachdem alle Versuche des Ministerresidenten in Caracas, das Dekret in diesen drei Punkten abzuändern, gescheitert waren, erklärte er bestimmt, daß die kaiserl. Regierung sich ummehr genötigt sehe, dem Dekret überhaupt ihre An erkennung zu versagen.

Aehnliche Erklärungen gaben auch England, Amerika, Italien, Spanien und die Niederlande ab. Da Venezuela ruf dem Standpunkte beharrt, daß eS die Fremden nicht mders als die Staatsangehörigen behandeln könne, und daß c§ die Reklamationen als innere Angelegenheit betrachte, hat die kaiserliche Negierung die deutschen Reklamationen selbst geprüft und, soweit sie begründet sind, bei der venezolanischen Regierung anhängig gemacht. Venezuela stellte darauf eine befriedigende Lösung durch den Kongreß in Aussicht. Letzterer aahm aber nur jenes ungenügende Dekret wieder auf. Weitere Erörterungen lehnte Venezuela ab, da die Regelung fremder Kriegs-Reklamationen auf diplomatischem Wege auSge- ichloffen sei.

Das steht mst dem Völkerrecht nicht im Einklang. Da in dem ganzen Verhalten der venezolanischen Regierung hiernach nur das Bestreben zu erblicken war, den fremden Reklamationen die ihnen völkerrechtlich gebührende Regelung ;u versagen, und da außerdem im letzten Bürgerkriege die Deutschen von den venezolanischen Regierungstruppen mit be­sonderer Gewaltthätigkeit behandelt worden waren, waS, wenn 's ungestraft bliebe, den Eindruck erwecken könnte, als seien die Deutschen in Venezuela fremder Willkür schutzlos preis- zegeben, hat der kaiserliche Geschäftsträger tn Caracas am 7. Dezember der venezolanischen Regierung ein Ulti- inatum überreicht, in dem alsbaldige Zahlung der Kriegsreklamationen bis 1900 und eine befriedigende Er- klärung wegen Festsetzung und Sicherstellung der Rekla- nationen aus dem neuesten Bürgerkriege verlangt wird. Gleichzeitig sollen auch die Reklamationen deutscher Firmen au§ dem Bau deS Schlachthofes in Caracas, sowie die An- prüche der Deutschen Großen Venezuela-Eisenbahn-Gesell- ichaft aus der ihr zustehenden Zinsgarantie Erledigung sinden.

Pas parlamentarische Schauspiel.

Don geschätzter Seite erhalten wir aus Berlin folgende Zuschrift:

Seit Samstag sind, wie eine parlamentarische Korre­spondenz berichtet, alle Tribünenkarten für die morgen, Dienstag, stattfindende Reichstaassitznng vergriffen. Bekanntlich steht auf der Tagesordnug der Antrag (Gröber und Gen.: Beschränkung der Redezeit in Ge­schäftsordnungs-Debatten. Ein rein politi sches Inter­esse ist es nicht, das das Publikum in Scharen zu den Tribünen strömen läßt, die Jahre hindurch, --von etlichen großen Sitzungen abgesehen, einen sehr mäßigen Besuch aufzuweisen hatten. Man ist auf ein neues Spektakel- stück gespannt und man geht in den Reichstag wie in ein Theater. Daß es so ist, und daß dies Motiv den größeren Teil der Tribüncngäste zum Erscheinen, zur Uebernahme von allerlei Beschwerlichkeiten veranlaßt, um nur ja einer Karte habhaft zu werden das kann für den Beobachter des Tribünenpubliknms nicht zweifelhaft fein. So lange unten im Saale nichts besonderes vor sich geht, die Ver­handlungen einen sachlichen Verlauf haben, ist das Tribünen- vublikum sichtlich zerstreut und gelangweilt. Während eines sich ausdehnenden Kvmmissionsreferats, wie wir deren letzt­hin mehrere hatten, entfernt sich gar mancher Enttäuschte, und gegen Schluß der Sitzung haben sich die Reihen, zu Anfang von oben bis unten, Kopf an Kopf besetzt, stark gelichtet.

Wie anders, wenn die äußerste Linke eines ihrer Ge­fechte aufführt mit einem Schlage ist die Aufmerksamkeit der Zuschauer und Zuhörer hergestellt, jegliche flüsternde Unterhaltung verstummt, man beugt sich weit vor, Opern­gläser werden hastig ans Auge gebracht und von Nachbarn erbeten, und wie ein Lauffeuer muß die Kunde nach außen dringen, daß es im Reichstag ein Schauspiel gießt, denn von allen Seiten eilen Besucher den verschiedenen Tribunen zu, fast atemlos eintretend, um keinen der aufregenden Momente zu verlieren. Sonst sehr gesetzte und würdig aussehende Herren nehmen mit einer Eilfertigkeit ihren Platz ein, die sie si'ch selbst kaum zugetraut hätten, und nicht minder bejahrte Damen sieht man im Laufschritt nahen, wie auf dem Bahnhof unmittelbar vor dem Ab­gang des Zuges. Wir erinnern uns aus dem alten Reichs­tag, feit dem Rücktritt des Fürsten Bismarck, einer ähn­lichen stürmischen Teilnahme der Oeffentlichkeit nur bei der Gelegenheit, als der antisemitische Abgeordnete Ahl- wardt dem Reichstag sensationelle Enthüllungen über Judenstinten" versprochen hatte und glänzend schuldig blieb. Ehrlich gesprochen: Der Zolltarifentwurf und sein Schicksal ist der Mehrzahl der Tribünenbesucher ziemlich gleichgiltig. Diese komplizierten technischen Fragen inter­essieren nur einen kleinen Kreis, der hiervon etwas ver­steht oder der durch seinen Berus unmittelbar beteiligt ist an der künftigen Gestaltung der Zollpolitik. Aber jeder begreift das Drum und Dran dieser sogenannten parlamen­tarischen Verhandlungen, wenn Mitglieder des hohen Hauses des trockenen Tones satt sind und die Kraft der Stimmen für die Kraft der Gründe wirken lassen.

Das hätte ich mir gar nicht so amüsant vorgestellt!" hörten wir jüngst eine jugendliche und anmutige Besucherin des Reichstages beim Verlassen des Gebäudes sagen, und diese naive Bemerkung ist charakteristisch für die Situation. Theater im Reichstag" es mag scheinen, daß man dem Reichstag mit dieser Bezeichnung, die man gegenwärtig vielfach vernimmt, zu nahe tritt. Wir sind der Meinung, man tritt beinahe dem Theater mit dem Vergleich zu nahe. Denn es wird ans unseren größeren Bühnen ... besser gespielt. Nur in kleinen Theatern kann man die Beobach­tung machen, daß die Schauspieler so aus der Rolle fallen, daß sie sich untereinander heimlich anlachen aus Ergötzen über das, was sie vorzustellen haben; nur in kleinen

Im englischen Unterhause führte Premierminister Balfour bet der Beantwortung einer von Sir H. Campell- Bannermann gestellten Anftage wegen Venezuelas aus: Seit zwei Jahren hatte die Regierung bei verschiedenen Gelegenheiten ernstlichen Grund zur Klage über nicht zu rechtfertigende Eingriffe der venezolanischen Regierung in die Freiheit und den Besitz englischer Unterthanen. Aus unserer Seite sind keine Anstrengungen gespart worden, um eine freundschaftliche^ Regelung dieser Angelegenheiten zu erlangen, aber bei ferner unserer Bemühungen haben wir eine zufriedenstellende Auseinandersetzung erreicht. Tie neuerlichen Vorstellungen des englischen Gesandten sind thatsächlich unbeachtet geblieben. Es sind aueb Fälle vor­handen. in denen englische Untertlianen und Gesellschaften große Forderungen haben. Wir sind in Gemeinschaft mit der deutschen Regierung vorgegangen, die eben­falls große Forderungen gegen Venezuela hat. Eine letzte Mitteilung des englischen Gesandten und des deutschen Ge­schäftsträgers an die venezolanisch» Regierung gebt dahin, daß, wenn keine befriedigende Antwort erteilt wird, die beiden Regierungen beschlossen haben, dieienia-m Maß­regeln zu ergreifen, die nötig s'nd, um ihre Forderungen zu erzwingen. (Beifall.) Auf eine weitere Anfrage er­widert Balfour, er sei in Kenntnis gesetzt worden, daß diese letzte Mitt-nlung weder eine gemeinsame noch eine identische gewesen sei.

Theatern sieht man,wie es gemacht wird", und erkennt mit Heiterkeit in dem agierendenVolk" die künstlich be­feuerten, von Haus aus gemütlichen und phlegmatischen wackeren Bürger. Es liest sich ja sehr dramatisch und auf­regend, was jetzt aus dem Reichstag berichtet wird, aber wer schärfer hinzusehen gewohnt ist und bei diesen Szenen kühl bleibt, hier kommt bald dahinter, daß an diesen Auf­tritten beispielloser Empörung, Entrüstung, höchsten Zorne- doch manchesMache" ist, und gar nicht einmal sehr ge­schickte Mache.

Pas deutsch-englische P-rgeyeu gegen Aenezueka.

Ein Telegramm des Wolff'schen BureauS meldete unS gestern abend auS Berlin:

Das Ultimatum Deutschlands und Englands an Venezuela wurde gestern in Caracas überreicht.

Ein roeiterefi Telegramm deS Wolff'schen BureauS meldet »ai§ Caracas, 7. Dez. Die Vertreter Deutschlands und »Englands übersandten heute Nachmittag 3 Uhr dem hiesigen Minister des Acußeren namenS ihrer Regierungen gleichzeitig Ktn Ultimatum, in welchem sie unverzüglich die Befriedigung ihrer Forderungen verlangen.

Mit diesem Ultimatum hat das Deutsche Reich endlich ^iner Situation der Zögerung ein Ende gemacht, die nach- zerade unhaltbar geworden war. Tas Ultimatum fordert "bte sofortige Zahlung des streitigen Betrages von 1 700 000 bolivares und weiteren 3 (W 000 Bolivares, Beträge, die benjenigen Forderungen entsprechen, die von der deutschen 'Regierung als gerechtfertigt anerkannt worden sind. In ivelcher Weise die Zwangsmaßregeln im Falle weiterer Widerspenstigkeit der mittelamerikanischen Republik sich ge­stalten werden, steht noch dahin. Ein Telegramm aus Berlin meldet heute, daß zunächst der deutsche Kreuzer .Gazelle" in La Guaya vor Venezuela anekommen ist. Vräsioent Castro thut jedenfalls am besten, wenn er sich ben vereinigten Forderungen Deutschlands und Englands ichleunigst unterwirft. Seine Spekulationen auf den Schutz bet Vereinigten Staaten im Hinblick auf die Monroe-Doktrin sind jedenfalls vollständig fehlgeschlagem Tie beiden Turopamächte werden sicher ihr zwangsweises Vorgehen mit allem Nachdruck ins Werk setzen und nicht eher ablassen, bevor sie nicht in jeder Hinsicht befriedigt worden sind.

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Erstes Blatt. 152. Jahrgang Dienstag 8. Dezember 1903

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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