Nr. 158
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Tchulstratze 7«
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Kernsprechanschluß Nr. 51.
Erstes Blatt.
153. Jahrgang
Mittwoch 9. Juli 1008
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger v
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ES
Der Würzburger Hlniversttäts-KonfliKt.
Ter Kvnflikt zwischen der bayerischen Regierung und dem Senat der Universität Würzburg hat sich weiter verschärft. Wir meldeten bereits gestern, daß die Regierung die Einsetzung eines Disziplinarverfahrens veranlaßt hat, und zwar wegen angeblicher Beleidigung des Kultusministers Dr. v. Landmann. Diese soll in dem Wortlaut der Erklärung gefunden werden, in oer Rektor und Senat beim Ministerium ihre Amtsenthebung beantragten. Das Disziplinarverfahren soll sich auf die vorzeitige Veröffentlichung jener Erklärung erstrecken. Ver- aeblich fragt man sich worin eigentlich eine Beleidigung des Ministers gefunden werden könnte. Höchstens könnte iu der Erklärung der Würzburger Professoren die Behauptung als Beleidigung- angesehen werden, daß sich der Minister im Widerspruch mit den Akten befinde. Daraufhin kann aber doch kaum ein Disziplinarverfahren gegen Die beteiligten Mitglieder des Würzburger Senats eingeleitet werden.
Ohne Kenntnis der Akten fallt es natürlich dem Fernerstehenden schwer, ein sicheres Urteil über die Angelegenheit zu gewinnen. Bekanntlich behauptet der Senat von Würzburg, daß in dem Streit der Professoren Chroust und Först e r der erstere die Schuld trage, während der Minister iu der Kammer erklärte, Chroust sei weder als der schuldige, noch als der mehrschuldige von beiden Seiten anzusehen. Ob der Senat oder der Minister in dieser Frage recht hat, ist für die Oeffentlichkeit von geringem Interesse. Das ist ein mehr häuslicher Streit, der allein schwerlich die Aufmerksamkeit auf die Würzburger Angelegenheit gelenkt hätte. Aber die Art, in welcher der Minister in der bayerischen Kammer gegen den Senat der Universität Würzburg ausgetreten ist,gÄ der Sache eine weitergehende Bedeutung. Er gefiel sich in schroffen Wendungen und warf der Unr- versitätsbehörde klipp und klar Befangenheit vor. Dies Auftreten entspringt nicht etwa einer augenblicklich>en Wallung des Ministers, sondern entspricht der Haltung, die Minister von Landmann allgemein gegenüber freieren Regungen an den Universitäten eingenommen hat. Wiederhol hat er in Univeriitätsairgelegenheiten ein bitteres Urteil oder eine unbegrünoete Zurechtweisung ausgesprochien. Jetzt hat der Würzburger Senat es für richtig gehalten, eine abermalige Provokation mit einer entschiedenen Protesterklärung zu beantworten Man kann dem Senat darin nur recht gÄen. Wenn auch den Ministern die Leitung des Universitätswesens unterstellt ist, so haben doch die UniversitätÄehörden die Aufgabe, die Selbstverwaltung mnd die Würde der Hochschulen gegenüber allen Angriffen und Eingriffen zu wahren, von welcher Stelle sie auch kommen mögen. Der Senat hat den Konflikt nicht gesucht und auch nichts gethan, um den Konflikt zu verschärfen. Es ehrt die zehn zurückgetretenen Professoren, daß sie einen ihnen von den Studenten angebotenen FackeU-
zug abgelehnt haben. Sie vertrauen auf die Gerecht tigkeit ihrer Sache und haben dabei die öffentliche Meinung auf ihrer Seite.
Als Dr. v. Landmann zum Kultusminister ernannt wurde, war vielfach die Meinung, daß er in kirchlichen und in Schulfragen liberalen Tendenzen geneigt sein würde. Diese Meinung hat sich als ein gründlicher Irrtum erwiesen. Schroffer als sein Vorgänger ist Herr v. Landmann liberalen Anschauungen als Kultusminister entgegengetreten. Wenn er sich in dem Würzburger Streit des Professors Chroust angenommen hat, so dürfte dabei der Umstand nicht ohne Einfluß gewesen sein, daß Professor Chroust als ein Gegner liberaler Anschauungen gilt, ßnmeut wird gemeldet, daß der Würzburger Konflikt zu einem Mini st cr.w e ch s e l führen wird. Letzthin hat in München ein mehr als zweistündiger Ministerrat stattgefnnden, der sich mit der durch den Würzburger Konflikt geschaffenen Lage beschäftigt hat. Man darf gespannt sein, wie sich die Angelegenhell entwickeln wird. Der Prinzregent hat die Akten des Streites eingesordert, um sie persönlich zu prüfen. Es kann allerdings nach Lage der Dinge schon jetzt mit Sicherheit als Ergebnis dieser Prüfung die Entlassung des Dr. v. Landmann vorausgesagt werden, der für das Regierungs^- präsidium von Oberbayern in Aussicht genommen ist. Da dieser Posten aber erst am 1. August durch den Rücktritt des Herrn v. Auer frei wird und Minister v. Landmann jedenfalls jden Kultusetat bis zum Schluß im Landtage vertreten wird, werden immerhin noch einige Wochen vergehen, bis die Entscheidung sällt.
Politische Tagesschau.
Die Bedeutung der ländlichen Bevölkerung für die Wehrkraft des Deutschen Reiches.
Der Deutsche Landwirtschaftsrat hat in diesen Tagen den Verhandlungsbericht über die Bedeutung der landwirtschastlichen Bevölkerung für die Wehrkraft des Deutschen Reiches herausgegeben. Die Referenten bei der Plenarberatung im Februar waren Professor Dr. Sering von der Berliner Universität und Freiherr von Cetto aus München. Die Verhandlungen führten zu dem Ergebnis, daß die Mehrzahl der wissenschaftlichen Untersuchungen die überwiegende Militärtauglichkeit der ländlichen Bevölkerung gegenüber der städtisch-industriellen dargetban hat, daß aber ein sicheres Urteil über die Bedeutung der Abstammung, der Wohnweise und der verschiedenen Berufsthätigkeilen für die körperliche Entwickelung der Heranwachsenden Jugend aus dem bisher veröffentlichten Material der Ersatzbehörden nicht genommen werden kann. Hierzu sei die Feststellung des Berufes, des Wohnortes und der Herkunft der Eltern, ferner die Feststellung des Geburtsortes, des Aufenthaltsortes und des seit der Schulentlassung hauptsächlich betriebenen Berufes
der Gestellungspflichtigen erforderlich. Der Deutsche Landwirtschaftsrat beschloß daher, den Reichskanzler zu bitten, das Material der Ersatzbehörden, das über alle diese Punkte Auskunst giebt, den statistischen Zentralstellen zur fortlaufenden Verarbeitung und Veröffentlichung zu überweisen. Der Bericht enthält mit seinen Anlagen ein so reichhaltiges Material über die Wehrfähigkeit der Bevölkerung, wie es bisher in der deutschen Litteratur nirgends vorhanden war.
Das Riesenwerk der deutschen Arbeiter-Verficherung.
Auf dem unlängst in Düsseldorf stattgehabten Inter» nationalen Arbeiter-Versicherungs-Kongreß referierte der frühere Präsident des NeichsoersicherungSamtes, der Wirkt. Geh. Oberregierungsrat Dr. Boediker, über die wirtschaftliche und politische Bedeutung der Deutschen Arbeiter-Versicherung. Von allgemeinem Interesse sind die Summen der Aufwendungen für die drei Teile derselben und geben wir dieselben hiermit bekannt:
Versichert sind zur Zeit rund
gegen Krankheit 10 Millionen Personen
„ Unfall 17% ,
„ Invalidität und Alter 12% , ,
Geleistet wurde seit Bestehen (1900 und 1901 schätzungsweise) von der
Kranken-Versicherung 1,840,000,000 Mark
Unfall-Versicherung 705,000,000 ,
Jnval. u. Alters-Versicherung 598,000,000 „
zusammen 3,143,000,000 Mark"
und zwar
2034 Mill, für Renten und Krankengeld,
1028 „ für Arzt, Heilmittel, Anstaltspflege, Wochenbett,
81 „ für Sterbegeld.
Dazu kommen die riesigen Reservefonds und sonstigen Bestände
der Krankenkassen mit 165,000,000 Mack
der Unfallversicherung mit 185,000,000 ,
der Jnval.- u. Altersversicherung mtt 920,000,000 ,
der Knappschaftskassen mit 130,000,000 ,
zusammen 1,400,000,000 Mack
Hochinteressant sind sicher auch die gewaltigen Zahlen der Beträge, welche seitens der Alters- und Invaliditäts- Versicherungsanstalten und der gesetzlich gleichstehenden Einrichtungen kraft gesetzlicher Befugnis zu billigen Zinsfuß flüssig gemacht worden sind für die Befriedigung des landwirtschaftlichen Kreditbedürfnisses, für Kleinbahnen, Land- und Wegeverbefserungen, Hebung der Viehzucht und Linde-
Iu und um Auckir-gham-Mlace.
London, 3. Juli.
Auf weitem kiesbestreutem Platze erhebt sich zwei Stockwerke hoch in imposanter Länge die Fayade des Buckingham-Palastes. Fünf Thore, ein hochgewölbtes Mittel- portal, dessen schmiedeeiserne Thüren das goLene königliche Wappen schmückt, und je zwei kleinere seitliche durchbrechen das Erdgeschoß. Ihnen entsprechen fünf Ein- und Ausfahrten in dem stattlichen Eisengitter, das auf niedrigem, sandsteinernem Unterbau weit vorspringend die wimmelnde Menge der gewöhnlichen Sterblichen in geziemender Entfernung hält. Vom Dache weht unter blauem Sommerhimmel das bunte Königsbanner.
Emile Zola hat in einer Reiseskizze über den Palast, auf dessen königliche Krankenstube gegenwärtig das teilnehmende Interesse der ganzen Welt sich vereinigt, sehr abfällig geurteilt, hat ihn die geschmackloseste, ungeschlachteste Behausung genannt, die je ein König gehabt habe. Aber er hat sich zu diesem Urteil nach französischer Art durch die Außenseite verleiten lassen. Diese ist, trotz der gewaltigen Dimensionen, unansehnlich genug, kahl, schmucklos, obendrein durch schmutzig grauen Anstrich verdüstert. Aber schon die Lage des Schlosses ist wunderschön, unvergleichlich viel schöner als die des Berliner Königlichen Schlosses oder des Louvre oder selbst die der Hofburg in Wien. Ein wogendes Meer von Grün trennt es von der steinernen Häuserwüste der Weltstadt. Greeu-Park mit seinen eichenumkränzten Wiesenteppichen, St. James' Park mit seinen blühenden Boskets, fernen lauschigen Hainen, der silbernen Fläche seines langgestreckten Teiches, seinen hübschen Durchblicken auf die Türme von Westminster schützen es vor dem Staub und dem Getöse des Londoner Straßenlabyrinthes. Die lebendige Schutzwehr gegen unbefugte Eindringlinge ist gegenwärtig besonders stark. Polizisten in dunkelblauen Joppen und Tropenhelmen, Gardegrenadiere inr scharlachroten Rock, die kolossale Bärenmütze auf dem Kopf, halten alle Zugänge besetzt. Selbst die sonst nie versagende Springwurzel unerschütterlich sicheren Auftretens würde uns hier keinen Einlaß verschaffen. Mit der ahnungslosen Menge nach den Fenstern der Haupt fahnde hinaufzustarren lohnt sich aber um so weniger, als nach dieser Seite nur die Staatszimmer und Festsäle liegen, während die Privatgemächer des Königs- paares nach dem Park hinausgehen. Dort liegen seitlich auch die königlichen Marställe und Remisen mit den 40 Hofkutschen ^schließlich der goldenen Staatskarosse, die Eipriani 1762 für Georg II. um 7665 Lst. 16 sh 5 Pence erbaute, und die, mit acht ifabeUeii frnbeneit Hengsten bespannt, das Herrscherpaar hätte zur Krönung fahren sollen. Kon da her wollen wir einen Versuch wagen.
Durch Buckingham Gate gelangen wir an einem Seitenportal vorbei, über dessen mit dunkelgelbem Kies sorgfältig bestreuter Vorfahrrampe ein blau und weiß gestreiftes Zeltdach ausgespannt ist. Wagen auf Wagen rollt heran. Altfränkische wappengeschmückte Karossen, die aussehen wie Himmelbetten aus Rädern, und elegante Landauer modernster Montierung wechseln miteinander ab. In duftigen Spitzentoiletten, Pariser Dlumenhüte auf den blonden Köpfen, entsteigen ihnen die anbetungswürdigen Frauengestalten der englischen Aristokratie, um sich in die Kranken- besuchsliste, die in der Empfangshalle aufliegt, einzutragen. Hier wird die Bewachung schon weniger a la Cerberus gehandhabt, von vier gepuderten Lakaien in goldverbrämten Scharlachsracks und schwarzsamtenen Kniehosen aber immer noch gewissenhaft ausgeübt. Die hohe, epheuüber- wachsene Pari'mauer entlang schreitend, kommen wir an den verräucherten, niedrigen Gebäudekomplex der Marställe und, siehe da, Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden: ein breites Doppelthor steht, völlig unbewacht, offen. Tauben gurren und picken vor den Stallthüren. Keck schreiten wir hindurch, gelangen unbehelligt über den Hof und stehen eine Minute später in dem schattigen Park, der sich westlich dem Palast anschließt.
Niemand kümmert sich um uns. Als ob wir hier zu Hause wären, können wir uns in dem paradisischen Garten ergehen. Er umsaßt beinahe 60 Morgen, von denen etwa der fünfte Teil von einem buchtenreichen See bedeckt ist. Im Goldlicht der Nachmittagssonne, das zitternd durch die herrlichen alten Baumgruppen fällt, spielen über dem Schilf des Ufers Falter und Libellen. Am Schiffshause schaukeln Gondeln und Nachen im leise plätschernden Wasser. Bootsleute in dunlelroten Uniformen, das königliche Wappen in Gold aus die Sammetwümser gestickt, mit jockey- mützenartigeu Kopfbedeckungen, halten im Schatten Siesta. Vorüber an dem zierlichen Rococotheehaus der Kontgut Viktoria nähern wir uns der Westfront des Palastes. Die stattliche, breite Terrasse davor mit der marmornen Freitreppe liegt leer im glühenden Sonnenbrände. Die Fenster des ersten Stockwerets, aus dessen Mitte das Bibltothek- zimmer halbkreisförmig vorspringt, sind von blau und weiß gestreiften Marquisen beschattet. Die des zweiten Stockwerks nicht. Äln der Nordecke des Mittelbaues, unfern einer wundervollen Rotbuche, Die traumhaft ihren Rieseuwipsel wiegt, liegt dort schräg über der Bibliothek das Krankenzimmer König Eduards. Es hat drei Fenster. Deutlich sind an dem einen, das offen steht, die messingnen Flügel des davor stehenden elektrisch bewegten Ventilators, das weiße Häubchen und der Schürzenlatz der aus dem Fensterbrett hantierenden Wärterin erkennbar.
Mer Hiebe ohne Erschütterung vor den Fenstern, hinter
dessen blitzenden Scheiben einer der Mächtigsten dieser Erde schwer krank liegt! Welche eindringliche Mahnung liegt in dem Bilde dieses königlichen Kranken, der sich eben anschickte, die Krone eines Reiches, in dem die Sonne nicht untergeht, sich aufs Haupt zu setzen, und der jetzt auf das Schmerzenslager gebannt ist, schwach und hilflos wie ein Kind! Im selben Stockwerk desselben Palastes hat „Bertie", wie der König lange im Famllienkreise genannt worden ist, das Licht der Welt erblickt. Der greise Sieger von Waterloo war der erste, der seiner königlichen Mutter in der Frühe seines Geburtstages glückwünschend die Hand küßte. Heber sechzig Jahre sind vergangen seü jenem Novembermorgen.
Was mag, so dachte ich, als ich auf dem Heimwege abermals die gaffende Menge am äußeren Parkgttter durchschritt, im Grunde die Herzen dieser Leute bewegen? Wie zur Lösung dieser Frage stürzte im selben Augenblick gegenüber ein Pferd so unglücklich, daß es sich nicht wieder zu erheben vermochte. Binnen drei Minuten war der ganze Menschenschwarm, der bisher das Schloßgitter umdrängte, hinübergeeilt und umringte das gefallene Tier. Es Hingt frivol, ist aber nichts als die Wahrbell: ein sichtbarlich verendender Gaul ist für den Vollblutengländer interessanter als ein hinter verschlossenen Thüren krank darnieder liegender König. Sein ganzes Empfinden wird beherrscht vom Sensattonellen, sein physischer und sein ästhetischer Geschmack sind darauf zuge- schnitten. Die englische Küche, die englische Kunst, die englische Litteratur, sie alle arbeiten bald mit süßlichen, bald mit brutalen Sensationen. Niemand kann aus seiner Haut heraus, und so verleugnet sich dieser englische Cyarak- terzug auch nicht, wo der König in Frage kommt. Was die Londoner während der letzten Tage in Scharen an das Gitter trieb, an das die Bulletins angeheftet werden, war im Grunde derselbe Drang nach Aufregung, der Tausende, nach Newgate führt jedesmal, wenn dort im Morgengrauen das Hissen der schwarzen Flagge verkünden soll, daß ein dem Tode Verfallener geendet har. Ich will den Engländern beileibe nicht die loyale Gesinnung absprechen. Aber sie ist bei ihnen mit einer stärkeren Dosis leerer Neugier versetzt, als in anderen Ländern, wo das Königtum mehr ist als ein Zierat an der Staatsmaschine.
Nur ein ungewöhnlich hohes Maß von Popularllät, wie es etwa die verstorbene Königin gegen das Ende ihrer langen Regierungszeit besaß, ändert Daran etwas, und von einem solchen kann bei Eduard VII. keine Rede fein. Seine Volkstümlichkeit ist weder sehr alt, noch reicht sie besonders tief. _ v- Z,


