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6.11.1902 Erstes Blatt
 
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SHUctl Dann würde der Dauer das Neich rea­gier e n.

Es liegt noch nngebvochene Germanenkraft in den Dörfern. Und es wird sich dann die deutsche Landwirtschaft ihr Recht selbst ertthnpfcn. Nicht aus Haß der Städte, wie Oberbürgermeister Gauß meinte, sondern -um Streire für eine gute Sache wird oer Massenschritt der Bauernbatail- lone ertönen. Und es soll drum nicht schlechter stehn im Lande.... Wolfhard

Politische Tagesschau.

Der Kaiser in der Schiffsbautechnischen Gesellschaft.

Man schreibt uns aus Berlin, 5. November:

Ta der Kaiser in der vorjährigen Hauptversamm­lung der Schiffsbautechnischen Gesellschaft zu längerem Vortrag das Wort ergriffen hatte, blickt man hier der Ende dieses Monats stattfindenden neuen Haupt­versammlung der Gesellschaft, zu der der Kaiser wiederum seinen Besuch ansagen ließ, mit erklärlichem Interesse ent­gegen. Es wird mit der Möglichkeit gerechnet, daß bet Herrscher des weiteren Ausbaues der Kriegsflotte, zunächst also des Erscheinens der Kreuzervorlage, Erwähnung thut. Im Hinblick auf die aussichtsvollere Gestaltung der Zolltarifheratung ist es bemerkenswert, daß bereits der Gedanke auftaucht, die Neuwahlen zum Reichstag würden sich keineswegs ausschließlich unter der ParoleWirtschafts- politik", sondern auch und vielleicht mehr noch unter der ParoleWehrpvlitik" vollziehen. Tenn nicht nur über den Ausbau der Marine, sondern auch über die Verstärkung des Heeres wird der neue Reichstag bald nach seinem Zusammentritt zu entscheiden haben.

Der ReichSkommiffar für die Weltausstellung in St. Louis, Geheimrat Lewald, ist, wie die Tepeschenbureaus melden, am Mittwoch dorthin abgereist, um die Vorbereitungs-Ar- beiten für die Beteiligung Deutschlands an der Ausstellung einzuleiten. Nach seiner Ende Dezember erfolgenden Rück­kehr wird das Bureau für die Ausstellung in Berlin ein­gerichtet werden.

Ueber den Umfang der Beteiligung läßt sich zurzeit nicht einmal eine Schätzung ermöglichen, geschweige denn, daß, wie das geschehen ist, von einer Beschränkung auf die drei Gruppen Bildende Künste, Kunstgewerbe, Unter­richtswesen gesprochen werden kann. Cs wird vielmehr mit einer Beschickung der Ausstellung gerechnet, die min­destens derjenigen in Chicago gleich kommen, wenn auch natürlich nicht die in Varis erreichen werde. Tie ameri­kanische Ausstellung findet jedenfalls die lebhafteste Unter­stützung der Behörden, und man erwartet mit Zuversicht ein weitgehendes Entgegenkommen von drüben. Das deutsche Interesse dürste sich auch noch in anderer Form bethätigen, als durch die Einstellung der Kosten der Vertretung in den Reichshaushaltsetat. Der Kaiser ist dem Ausstellungs­unternehmen besonders sympathisch gesinnt.

Aeber die Ernteergebnisse.

Man schreibt uns aus landwirtschaftlichen Kreisen: In D e u t s ch l a n d ist man mit der diesjährigen Ernte zufrieden. Die Ergebnisse sind nicht reichlich, aber es ist alles, was zu ernten war, gut unter Dach und Fach ge­kommen. Die Ernte in Rüben imb Kartoffeln war in 1901 sehr viel besser. Als Ausgleich diente aber die diesjährige Meizenernte, welche im vergangenen Jahre in verschiedenen Bezirken ganz ausfiel, in anderen durch Auswintern stark beschädigt wurde. Ta bei den starken Viehbeständen die Ernten von Futterpflanzen immer größere Bedeutung er­langen, so legt man deren Ernte und der Konservierung der Produkte immer größere Bedeutung bei. Do ist jetzt nicht nur viel vom Trocknen der Rübenschnitzel, sondern auch vom Trocknen der Rübenblätter die Rede. Diese geben jeden Herbst in Masse zu Grunde und dem Rindvieh werden dadurch Unmassen von Futter entzogen. Will die deutsche Landwirtschaft stets ausreichendes Schlachtvieh auf den Markt bringen können, so wird sie der Konservierung der geernteten Futtermassen immer mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. Der Ueberfluß an Futterstoffen m dem einen Jahre muß dem Mangel in kommenden Jahren ab» helfen. Das Ziel ist zu erreichen.

In Frankreich waren die Ernteaussichten sehr gute, aber lange Regenperioden haben die Ernte der Halmftüchte verzögert und das Produkt in einer Weise geschädigt, daß es zum großen Teil nur noch Viehfutter ist. Da dies Unheil besonders in den nördlichen und nordöstlichen Te- vartemcnts eingetreten ist, die etwa ein Drittel der ge­samten Kvrnercmte Frankreichs liefern, so rechnet man mit einer erheblichen Einfuhr von Getreide, da die Mühlen sehr gutes Getreide bedürfen, um das einheimische mehr oder weniger beschädigte Produkt mitvermahlen zu können. Noch mehr als die Brotfrüchte sollen Hafer und Gerste durch die Witterung in der Erntezeit gelitten haben. Auch die Kartoffelernte ist in Frankreich hinter den Erwar­tungen zurückgeblieben. Rußland macht noch keine bestimmten Angaben über seine diesjährige Ernte. Es ist nur bekannt geworden, daß sehr ausgedehnte fruchtbare Gebiete unter der Dürre im vergangenen Sommer gelitten haben. Die beste Ernte lieferte der Weizen, im Süden soll sie sogar ausgezeichnet gewesen sein, das Durchschnitts­ergebnis des Weizens in Rußland ist als im ganzen gut zu beurteilen. Die Roggenernte ist nur mittelmäßig ausge­fallen, ebenso die Haserernte. Ein befriedigendes Ergebnis lieferte »nieder die Gerste. $n Oesterreich-Ungarn scheint die Ernte in Brotfrüchten ähnlich ausgefallen zu fein, wie in Deutschland, man ist zufrieden, klagt wie bei uns über die verspätete Ernte, aber der Herbst lieft den Landwirten Zeit, das Versäumte nachzuholen. TaS Ernte- toetter für die Hackfrüchte war und ist heute noch prachtvoll. In Oesterreich-Ungarn hat die Gerste durch das Wetter gelitten. Helle Braugerste soll sellen fein. Eine schlechte Ernte machte England, die schlechteste seit 1860. Heftige Regengüsse während des Sommers urtb noch während der Ernte sollen eine förmliche Verwüstung angerichtet haben. Die Gctrcioelüger seien leer, dabei steigern sich die Fleisch­preise in unerträglicher Weise, sodaß viele FleischerlÄen im Osten geschlossen haben. Die Berichte aus den Ver­einigten Staaten lauteten schon im September nicht günstig. Gegen das Vorjahr wird die Ernte niedriger ge­schätzte Neben der Neizenernte wird auch über ein ergeb' lichcs Minder ergebnis bei der Maisernte geklagt, dagegen scheint die diesjährige Haferernte die bet Vorjahre zu übersteigen.

Bei uns können die (Mrcibcnreüc kaum niedriger werden alS sie heute sind. Es lägt ,ich vermuten, daß die Preise für Brotfrüchte im kommenden Frühjahr und Vorsommer wesentlich höhere sein werden. Wer MS dahin mit dem Berkaus warten farm und will, dem soll eS aber hierdurch nicht angeraten fein. Jeder sehe, wie er3 treibe!

Vermischtes.

Göttingen, 4 Nov. Gestern abenb bat sich Dr. vdil. Camilla Littelli im philologischen Seminar der

Aus Stadt und Saud.

Gießen, 6. November 1902.

* Feuerwehr-Uebung. Der Hebung der beiden fteiwilligen Feuerwehren am Mittwoch abend lag die Idee eines Brandes am Güterbahnhof zugrunde. Die um i/g9 Uhr alarmierten Wehren rückten sofort mit drei bespannten und fünf Handgeräten nach DerBrandstätte" ab, wo die Gießener Feuerwehr den Güterboden, die Gallsche Feuer­wehr den Zollschuppen angriff. Die Hebung ging unter Leitung des Branddirektor Traber glatt von statten. Ter Sachkundige konnte sich jedoch der Ansicht nicht verschließen, daß im Ernstfälle die Bekämpfung des Feuers auf Schwierig­keiten stoßen muß, »oeil die Hydranten zu nahe an den Gebäuden liegen. Mit leicht brennbaren Stoffen gefüllte Räume, wie Güter- unb Zollschuppen, verbreiten, wenn in Brand geraten, auf große Entfernung hin so starke Hitze, daß die Hydranten nicht zu erreichen sind. Uebrigens haben die Einrickstungen am Güterbahnhofe nicht das zu den Hydrantenständern der Gießener Feuerwehr passende Ge­winde; die Bahnverwaltung wird nach Benehmen mit der Feuerwehr die nötigen Aenderungen treffen. Nach der Hebung vereinigten sich die beiden Wehren zu einer kamerad­schaftlichen Versammlung imEinhorn", wo die Kapelle der Gießener Freiwilligen Feuerwehr für musikalische Unter­haltung sorgte.

** Vom Verein inaktiver Offiziere der Armee und Marine, Hessische Gruppe, wird uns geschrieben: Wiederum ist der Reichstag zu seiner gesetz­geberischen Thätigkeit zusammengetreten. Ein Teil der letztem dürfte sich auf die Durchberatung des neuen Militär-Pensions-Gesetzes erstrecken. Tie Ver­sorgung der verabschiedeten Offiziere bildet eine der bren­nendsten Fragen für die Heeresverwaltung, schon allein im Hinblick aus den nötigen Nachwuchs von jungen Offi­zieren. Ta aber gerade dieser Punkt von allgemeiner Be- deutung für die weitesten Kreise ist, und für die Berufswahl ein ausschlaggebendes Moment neben anderen bildet, so mögen hier einige bescheidene Auslassungen inaktiver Offi­ziere Platz finden. Nicht nur in dem Bestreben, das Los der bereits längst verabschiedeten Offiziere durch einen Hinweis auf das, was not thut, bessern helfen zu wollen, sondern vor allem in dem Gedanken, der jetzigen wie der kommen­den Generation aktiver Kameraden eine sorgenlosere Ver­abschiedung, ein ferneres Fortkommen zu erleichtern, be­trachten wir nachstehende Wünsche als erstrebenswertes Ziel. Es unterliegt keinem Zweifel, daß unter den ehrenvoll verabschiedeten Offizieren noch ein reiches und schätzens­wertes Material von vorzüglichen Kräften gefunden wer­den kann, welches, am richtigen Platz verwendet, dem Staate ersprießliche Dienste zu leisten im stände wäre. Schon aus nationalötonamischen Gründen sollte der Staat sich diese Kräfte mehr nutzbar zu machen suchen, als dies bisher ge­schehen ist. Bislang war dasmit der Aussicht auf An­stellung im Civildienst" bei der Verabschiedung gemachte Zugeständnis für die Offiziere meist nur ein Danaer-Ge­schenk. Nicht dieAussicht", sondern diesichere Anwartschaft zur Anstellung im Reichs- und Staats­dienst sollte man billigerweise dem Berufs-Offizier gewähr- leisten, ihm, der mit ganzer Liebe und aufopferndster Hm- gabe an seinem Berufe gehangen hat und häufig in den besten Mannesjahren durch ein unglückliches Zusammen­treffen unverschuldeter Verhältnisse vorzeitig seinem Wir­kungskreis entzogen wird. Hand in Hand hiermit geht wohl auch der berechtigte Wunsch, daß man den Inhabern der wenigen, für verabschiedete Offiziere bis jetzt offen- gehaltenen Stellen im Staatsdienst oas Gehalt dieser neuen Stellung unverkürzt, d. h. ohne die erbiente Militär- Pension dagegen anzurechnen, gewährt. Ebenso selbstver­ständlich ist es dann auch, daß aus der neuen Stellung ein neues Recht auf Pensions-Gewährung herzuleiten erhofft werden darf. Bezüglich einer Aufbesserung der Pensions­bezüge selbst, namentlich der älteren Herren, sind wir der festen Ueberzeugung, daß unsere Wünsche in der Hand des Staates nicht ad calendas Graecas vertagt werden, daß im Gegenteil das Reich bei Schaffung des neuen Gesetzes alles aufbieten wird, um Jahrzehnte lang schwer empfundene Härtencu nd Lücken zu mildern und zu beseitigen. Zu den letzteren gehört aber auch die häufig vorkommende Plötz­lichkeit der Verabschiedung. Gerade diese verlangt pekuniäre Opfer, die der Verabschiedete in diesem Augenblick zu bringen nicht in der Lage ist. Hierfür einige Beispiele: Man denke an den berittenen Offizier, wozu bei den Fuß­trupp en der Hauptmann zählt. Bei seiner Verabschiedung hat er ein Pferd, aber weder eine Verwendung dafür, noch die ihm im aktiven Dienst gestellte Ration, bezw. das Stall­service. Oder: Ter aktive Offizier muß über eine standes­gemäße Wohnung versüßen; nun wird er verabschiedet, das Einkommen verringert sich, aber der Mietvertrag muß, ohne daß der Staat Hilst, ausgehalten werden. Es kommt hinzu, daß z. B ein Offizier im aktiven Dienstverhältnis aus feiner Heimat hinausversetzt und in den Norden, Süden, Osten oder Westen unseres Deutschen Reiches verschlagen wird. Ta trifft ihn der Abschied; die Famllie ist gewachsen, er sehnt sich in seine Heimat zurück, wo die Lebensverhältnisse ihm eine billigere Existenz gewährleisten, aber diese Heim­kehr bleibt ihm versagt. Warum? Well ihm der Staat keine Umzugskosten mehr gewährt und der Umzug mehr verlangt, als er infolge der knappen Pension zu leisten im stände ist. So sind es noch manche Fragen, die zu erörtern nicht unnütz wäre. Allein die angeführten sind diejenigen, die unsere Herzen am meisten bewegen und die einen lebhaften Widerhall bei u,nseren Mitgliedern gefunden haben. Wir glaubten sie der Leffentlichkell nicht oorentbalten zu sollen in einer Zeit, da wohl überall im Deutschen Reich ge­legentlich Der Aussicht auf Vorlage eines neuen Milllar- Pensions-Gesetzes das ^ür" undWider" wird besprochen werden.

§§ Unter-Seibertenrod, 5. Nvv. Unsere Dorf­kirche hat i m Laufe dieses Jahres eine gründliche Reno­vierung im Inneren und Aeußeren erhalten, die jetzt vollendet ist. Bietet das Aeußere der Kirche ein schmuckü Bild, so überrascht die innere Neugestaltung noch mehr. Insbesondere ist es die neue Orgel, die seither unserer Kirche gefehlt. Man glaubt kaum, daß in der äußerlich nicht großen Orgel eine solche Kraft des Tones wohnt. Aber auch das leiseste Spiel ist von wohlgefälligster Wir­kung. Schulrat Tosch, der die Orgel prüfte, sprach sich sehr anerkennend über das Werk aus, das {einem Erbauer, Bern­hard in Hambach, Ehre macht.

Darmstadt, 5. Nov. Zu Ehren des Rektors Geh. Daurats Prof. Psarr und des Prorektors Geh. Hoftats Prof. Dr. odjering wird die hiesige Studentenschaft am Donnerstag, 6. November, einen F a cke l zu g»veranstalten.

hiesigen Universität mittelst eines Revolvers erschossen. Das Motiv der That ist unbekannt.

* Paris, 4. Nov. In der Nähe von Reims sand ein Eisenbahnunfall statt, bei dem zehn Personen v e r le tz t wurden, darunter zwei schwer. Unter den letz­teren befindet sich der Bruder des ehemaligen Ministers des Auswärtigen Hanotaux. Er erlitt einen Bruch beider Deine. Eine Amputation dürfte notwendig sein; Der Zu­stand ist sehr ernst. Ein Brasilianer namens Sllvq tötete gestern abend seine Ehefrau durch einen Re­volverschuß. Tas Motiv der That ist unbekannt. Die Gendarmerie in Brest hat Befehl erhalten, festzustellen, welche Personen ihre Depots aus der Sparkasse zurück ziehen und durch wen sie dazu veranlaßt worden sind. Gegen letztere soll bann sofort ein gerichtliches Verfahren eingeleitet werden.

* Paris, 5. Nov. In der Angelegenheit des» Bankiers Boulaine wurde ein Mann Namens Philipv verhaftet, welcher zwischen den Angestellten Voulaines und Denjenigen Personen, welche die gestohlenen Dokumente in­teressierte, den Vermittler spielte. Tie Verhaftung erfolgte in dem Augenblick, als Philipp aus den Räumen eines Finanzblattes trat, bei welchem er die entwendeten To ki­rn eilte vor einer Woche deponiert rcsp. verfteckc hatte. Ter Untersuchungsrichter Flory hat auf Grund einer ano­nymen Anzeige gegen den Dekan Rosenberg, welcher sich in Nevers versteckt halten soll, einen Haftbefehl er­lassen. Seine Verhaftung dürfte heute erfolgen.

* Agram, 5. Nov. In der vergangenen Nacht wurde um 11.29 Uhr wieder ein heftiges Erdbeben von acht Sekunden Tauer in nordwestlicher Richtung verspürt. Nach einem heftigen Stoße folgten wellenförmige Bewegungen, begleitet von unterirdischem Getose. Wesentlicher Schaden wurde nicht angerichtet.

* Ueber zwei Begegnungen mit Kaiser Wilhelm erzählt der PariserFigaro" in einem Artikel über Monarchen auf Reisen:In Venedig war eS; man konnte morgens den Kaiser in der Gondel an der Seite König Humberts Durch den Canal-Grande fahren und ihn zur Hohenzollem" geleiten sehen, die vor San Marco vor Anker gegangen war. Der Kaiser sprach viel und lebhaft und alles an ihm lebte und schien in Bewegung. Als er eiligen und eleganten Schrittes die Landungstreppe an seiner Jacht hinaufstieg, konnte man sehen, daß der Kaiser ein sicherer und torperfester Tümer ist. Kaum aber halte er den Fuß auf das Verdeck derHohenzollem" gesetzt, schien er ein anderer Mensch zu sein. Es ist schwer, den majestätischen Ausdmck des etwas zurückgeworfenen Köpfet zu schildern, einen Ausdmck, in dem Vergnügen, Triumph und Stolz lagen und das schone Gesicht verklärten. Tas war nicht so sehr sein Echiff, das war der deutsche Boden, den er unter seinen Füßen fühlte. Wer von den hundert Amateurphotographen, die diesen Augenblick festhielten, nicht fühlte, daß Deutschland die Königin unter Den Nationen ist, der war eben unfähig, in diesen charakteristischen Zügen zu lesen. Man horte den Kaiser lachen, und alles, der Himmel, das Wasser, der Tom, der Dogenpalast schien sich zu freuen, daß der Dreibund durch den Willen dieses blondes Mannes mll dem befriedigten Herrscherblick lebte. Das zweitemal sah ich den Kaster in Wilhelmshohe; er kam vom Manöver. Ein elegantes Publitum von etlva 100 Personen, Darunter viele Offiziere, bildeten vor der Einfahrt zum Schlosse ein Toppclspalier. Kein Polizeiagent war sichtbar. Die Fahrbahn für den kaiserlichen Sagen war so schmal, daß man mit auSgest reckt em Arm be# Wagenschlag hätte berühren können. Ter Wagen fuhr im Schritt. Die hundert Menschen riefen ihre Hochrufe, als wären es Tausende. Der Kaiser lächelte unb grüßte mit bem jufriebenen Blicke eines guten Familienvaters, der auf dem Heimwege sich seiner getreuen Vasallen freut. Alles an ihm warfreundlich" (Der Franzose gebraucht das deutsche Wort) ganz anders, als ber von Stolz gehobene Monarch, ben ich an ber Adria erblickt hatte."

* Ein tüchtiger Mensch. Ter Magistrat von Hörde (in Westfalen) suchte kürzlich einen Bureau-Ge­hilfen für monatlich 30 (!) Mark. Unter ben Be­werbungen um biefe Anstellung befand sich u. a. folgendes Angebot: ,Höflichst bezugnehmend auf Ihr gefl. Inserat erlaube ich mir, Ihnen meine Dienste für den oafanüert Dureaugehilfenposten ergebenft anzubieten. Ich bin 28 Jahre alt, verheiratet und Vater von vier Kindern, das fünfte wird etwa in vier Wochen das Licht der Welt er­blicken. Zehn Semester studierte ich an ber Uni­versität Bonn das juristische Fach, wo ich unter anderem auch den Vorträgen des Dr. Tille überMenschen­rechte und Menschenpflicht" zuhörte. Leider bin ich durch des Vaters Tod gänzlich mittellos geworden und mußte meine Studien abbrechen. Ich bin mit sämtlichen Para­graphen des Straf- und Handelsgesetzbuches gut bekanich habe gute Kenntnisse in der englischen, französischen, spani­schen, italienischen und hebräischen Sprache, handhabe tne Remington-Schreibmaschine und bin perfekter Stenograph. Meine Körperkonstitution ist derart, daß ich 150 Pfund mit Leichtigkeit heben und wenn nötig, fünfMann auf ein­mal an die Luft setzen kann. Es wäre mir an­genehm, wenn Sie mein Gesuch berücksichtigen würden. Damit ich dann in der Lage bin, meiner Famllie, die durch meine Unthätigkeit sehr gelitten hat, wieder ein menschen­würdiges Dasein verschaffen zu können. Ich bin selbst sehr anspruchslos und mit den Resten derMahlzeit des Magistrats schon zufrieden. Auch erkläre ich mich gern bereit, häusliche arbeiten zu verrichten, als Bette» machen, Kinder verwahren, auf wischen, Straße kehren usw., und nehme an, daß die Dienst­stunden die gewöhnlichen sind, nämlich von 5 Uhr morgen» bis 10 Uhr abends. Auf speziellen Wunsch stehe ich auch des Nachts gern zur Verfügung. Auf Wunsch bin ich gern bereit, zu Fuß zwecks persönlicher Vor­stellung nach dort zu kommen. In Erwartung Ihrer ge­neigten Antwort empfehle ich mich Ihnen

Hochachtungsvoll

(folgt Unterschrift)."

Ter Bewerber besitzt jedenfalls Humor!

* Die Verhaftung eines Frauenmorde rv, der den besten Gesellschaftskreisen von Boston in Amerika angehörte, erregt großes Aufsehen. Während der letzten Monate wurden in den Vorstädten von Boston fünfzehn weibliche Personen von einem unbekannten Individuum angefallen und furchtbar mißhandelt. Zwei der Unglück­lichen, Agnes Macphee und fclara Morton, erlagen den schrecklichen Verwundungen. Clara Morton, Wäscherin in einem Irrenhause, wurde am vergangenen Samstag im Garten der Anstalt ermordet. Diese letzte Alutthat führte endlich zu der Festnahme deS Verbrechers, welcher begreif­licherweise der edjreaen ber Einwohner von ganz Boston geworden war. Allgemein war iedoch das Erstaunen, alS man näheres über Die Persönlichkeit des FrauenmörderS erfuhr. Der Verhaftete ist Alan G. Mason, Doktor