Ausgabe 
4.12.1902 Drittes Blatt
 
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152. Jahrg

Nr. 285

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

D.

zur Tagesordnung überzugehen.

DieSiebener Kamilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Derantwortlich für den allgemeinen Tellr P. Witt ko; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen Universilätsdruckerei (Pietsch Erben), Gietzen.

Plenum darüber Beschluß gefaßt hat." (Es handelt sich um die Frage, ob der Reichstag einen einmal gefaßten Beschluß über den Modus der Berathung einer Vorlage wieder aufheben kann.)

Präsident Graf Ballestrem: Der erste Theil dieses Antrags ist Gleichbedeutend mit einer Absetzung des Antrags Kardorff von der Tagesordnung. Der zweite Theil ist insofern nicht ganz un­berechtigt, als die Geschäftsordnungskommission bereits Beschluß gefaßt hat; die Frage, wann das Plenum über den Antrag der Kommission Beschluß fassen könnte, würde am besten am Ende einer Sitzung bei Festsetzung der Tagesordnung zu berathen sein. Der erste Theil aber ist präjudiziell für unsere Verhandlungen, denn wenn der Gegenstand abgesetzt werden sollte, so könnten Wir nicht verhandeln. Ich muß deshalb zunächst diesen Antrag zur Diskussion und Abstimmung bringen.

Abg. v. Kardorff (Rp.): Ich beantrage, über den Antrag Singer

12 Uhr. Das Haus ist gut besetzt.

Am Bundesrathstisch: Frhr. v. Thielmann u.

Die zweite Berathung des Zolltarifs wird fort­gesetzt mit der Debatte über den neuen Antrag Kardorff und den ersten Absatz des § 1 des Zolltarifgesetzes.

Eingegangen ist ein Antrag Singer-Haase (Soz.): Die Verhandlung über den Antrag Kardorff so lange aus­zusetzen, bis die Geschäftsordnungskommission über die ihr am 7. November überwiesene Frage Bericht erstattet und das

Parlamentarische Perßaiidlunqen.

N«chdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet,

Deutscher Reichstag.

229. Sitzung vom 3. Dezember.

die Regierung überhaupt nicht mehr für nothig, sich SU äußern. Die Regierung setzt sich mit ihrer Haltung emer Blamage auS vor ganz Europa, vor der ganzen Welt. Ich bitte Sie, den Anwag Barth anzunehmen und beantrage namentliche Abstimmung. (»ßt* Ql1 ^bg^Dr. Barth (freis. Vgg.): Nur noch ein paar Worte gegen Herrn Paaschc. Alle diejenigen von uns, die bereit waren uno bereit sein werden, später in der Diskussion (Unruhe rechts) daS Wort zu nehmen, waren anwesend. Außerdem^ waren wir, wegen der Schwierigkeit, den Berichterstatter zu verstcyen, zum Theil ge* zwungen, nach der anderen Seite des Saales hinüberzugehen, wo uns Herr Paasche wohl nicht gesehen hat. Endlich sind solche Berichte doch auch dazu bestimmt, noch im Stenogramm gelesen zu werven, wo man sie erst reckt würdigen und aus ihnen etwas lernen kann. Aus diesem Bericht aber können wir nichts lernen; es ist der schlech­teste Bericht, den wir überhaupt je gehört haben. (Lebhafte Zu- stimuW ^'^chnicke (freis. Vgg.): Ich muß entschieden Der- Wahrung einlegcn gegen das Auftreten des Abg. Paasche. Er sucht den Anschein zu erwecken, als ob wir erst einen Bericht verlangten und ihm dann nicht die gehörige Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Er versuchte damit die Ernsthaftigkeit unserer Verhandlungen tn Zweifel zu ziehen. (Lachen rechts.) Ich kann die Ausführungen des Vorredners nur bestätigen. Wir haben sogar das strenge Pra- sidialverbot übertreten und sind an den Präsidialtisch herangetreten, um die Worte des Berichterstatters, die sehr wenig klangvoll waren, deutlicher hören zu können. Gerade, weil wir sehr aufmerksam zugehört haben, mußten wir uns von der völligen Ui^ulanglichlett des Berichts überzeugen. (Zustimmung links.) Auch mit ist es sehr merkwürdig, daß sich die Regierung über den Antrag Kardorff nicht äußert, und daß der Staatssekretär, als er hierzu aufgesordert wurde, aus dem Saale wieder verschwand.

Abg. Dr. Paasche (nat.-lib.): Ihre Ausführungen beweisen mir nur, wie recht ich vorhin hatte. (Lachen links.) Es ist rn der That die weitaus größte Mehrheit derjenigen, die den Bericht ver­langten, zu Beginn des Berichts hinausgegangen. Für Mitglieder des Hauses, die ausdrücklich erklärt haben, daß sie durch keine sach­lichen Gründe bewogen werden könnten, für ein Gesetz zu stimmen, ist übrigens ein ausführlicher Bericht sicherlich nicht von Nöthen. (Beifall rechts; große Unruhe links.)

Abg. Stadthagen (Soz.; die meisten Abgeordneten verlassen den Saal.): Der Abg. Paasche hat kein Recht, solche unrichtigen Bemerkungen zu machen, wie er cs eben gethan hat. Ich verlange vom Präsidium, den Schriftführer Paasche anzuweisen, daß er Rechenschaft darüber ablegt, wie er zu der unrichngen Behauptung kommt, daß wir während der Erstattung des Berichts hinausge- gangen seien. (Zuruf des Abg. Paasche.) Ja, jetzt nehmen Sie Ihre Behauptung zurück (Heiterkeit), warum haben Sie es denn nicht schon vorher gethan? Die Rechte hält nur deshalb eine ausführliche Berichterstattung nicht für erforderlich, weil gewohn­heitsmäßig ein großer Theil der Rechten nicht zuhört und nur zu den Abstimmungen hcreinkommt. (Unruhe rechts.) Redner wieder­holt im Weiteren die Ausführungen der Abgg. Singer und Barth.

Abg. Gothein (fteis. Vgg.): Wir haben schon tn der Kommission schriftliche Berichterstattung verlangt und wurden nur durch daS Versprechen eingehender mündlicher Berichte beruhigt. Die Be­hauptung, daß wir während des Berichts vorhin hinausgegangen seien, muß auch ich als völlig unrichtig zurückweisen. Ich habe mir sogar vom Präsidenten die Erlaubniß geholt, an den Tisck heran­treten zu dürfen, weil ich den Referenten bei seiner schwachen Stimme nicht verstand. Vielleicht hat mich Herr Paasche dort für ein Mitglied des Centrums gehalten, was aber jedenfalls sehr zum Leidwesen des Centrums nicht der Fall ist. (Große Hei­terkeit.)

Abg. Bernstein (Soz.): Auch ich kann nur dringend die An» nähme des Antrages Barth empfehlen. Die Bedeutung gerade dieses Abschnittes will ich Ihnen nur an einer einzigen Positron darlegen. Es ist die Position 7: Mais und Dari. Durch btt Zollerhöhung hierauf wird eine große Menge von Landwirthen ruinirt, weil ihnen die wichtigsten Futtermittel maßlos vertheuert werden. Tas hat man in agrarischen Kreisen Schlesiens in voller Oeffentlichkeit anerkannt. Der Maiszoll soll auf 5 Mk. erhöht wer­den, während der jetzige Zoll 1,60 Mk. beträgt. Wie soll da der Import ermöglicht werden? Sie wirken ja geradezu ruinös auf eine große Anzahl von Landwirthen und Bauern, die auf die Vieh­zucht angewiesen sind. Und über eine so wichtige Position, die die Eristenz von Tausenden bedroht, soll ohne jede ordentliche Bericht­erstattung, ohne Diskussion abgestimmt werden! Wenn Sie die Gerste vertheucrn, so ist es notbivendig, daß der Mais nicht ver­theuert wird. Man kann doch dem Bauern nicht alle Mittel zur Viehmast entziehen I Wie soll er seine Existenz aufrecht erhalten? Was wir hier in Bezug auf den Zolltarif beschließen, bedroht das Leben von Hunderttausenden, von Millionen, die angstvollen AugeS nach dem Reichstag schauen und dessen warten, was er beschließt. Sie reden von Mittelstandsfreundlichkeit und gehen kalten Herzen» über das Wohl und Wehe von Hunderttausenden von Mittelstands­existenzen hinweg---

Vicepräsident Udo Graf zu Stolberg-Stolberg ermahnt den Redner, sich nunmehr auf die Sache zu beschränken, nachdem er ihm einen so weiten Spielraum gewährt habe.

Abg. Bernstein (fortfahrend) fordert die Rechte aus, gerecht zu verfahren, damit das Wort von der Würde des Reichstage- draußen nicht als Heuchelei erscheine.

Abg. Roesicke-Tessau (bei keiner Fraktion): Der Bericht­erstatter ist gerade über die wichtigsten Positionen hiuweggegangen, über Gerste und Malz, und doch bildet die Gerste den Angelpunkt des ganzen Kompromisses. Man will jetzt einen Unterschied zwi­schen Brau- und Futtergerste machen. Es wäre gerade wichttg gewesen, über diesen Unterschied etwas zu erfahren. Der Zoll auf oie Gerste bedeutet eine ganz ungeheure Belastung für die kleinen Brauer. Und da ist doch wirklich nickt zu viel verlangt, wenn man einen ordentlichen Kommissionsbericht hierüber verlangt. (Staatssekretär Graf Posadowsky betritt wieder den Saal.)

Die Rückverweisung der Positionen 522 an die Kommission wird hierauf innamentlicherAbstimmungmit 228 gegen 78 Stimmen und 2 Stimmenthaltungen abgelehnt.

Staatssekretär Graf v. PosadowSky: Es ist im Lause der Ge- schästsordnungsdebatte wiederholt die Frage aufgeworfen, ob sich die Regierung zu dem Anttage v. Kardorff nicht äußern wolle. ES enftpricht nicht den Gepflogenheiten der verbündeten Regierungen oder des Reichskanzlers, das Wort innerhalb einer Geschäfts­ordnungsdebatte dieses hohen Hauses zu ergreifen. Die Regierung lehnt es entschieden ab, sich in die inneren Angelegenheiten der Ord­nung der Geschäfte dieses Hauses einzumischen. Ich muß auch aus­drücklich um Entschuldigung bitten, wenn ich in diesem Stadium das Wort nehme, weil es nicht der Sitte des Hauses und den Ge­pflogenheiten der Regierung entspricht, daß sie' zwischen den Vor- trägen der einzelnen Referenten das Wort ergreift. Wir können uns über den Antrag Kardorff erst äußern, wenn das Haus in die sachliche Berathung dieses Antrages eingetreten ist. Die ver­bündeten Regierungen können im Interesse des Landes nur

ich natürlich nicht zu behaupten, aber es ist die Folge Ihres Be- schlusses. Ich beantrage deshalb, daß wir die Referenten jetzt der Reihe nach hören. Bisher ist stets dem Referenten das Wort ertheilt worden. Natürlich können die einzelnen Referenten aufs Wort verzichten. Geschieht das, so werde ich die Zurückverweisung der betreffenden Positionen behufs schriftlicher Berichterstattung an die Kommission beantragen. (Beifall links.)

Vicepräsident Büsing: Ehe ich das Wort weiter ertheile, gebe ich Kenntniß von folgendem Antrag Molkenbuhr:Der Reichstag wolle beschließen, den ersten Abschnitt des Tarifs mit Ausnahme der durch Beschluß erledigten Stellen 14 an eine Kommission zur christlichen Berichterstattung zurückzuverweisen. (Zuruf: An eine Kommission?)

Abg. Molkenbuhr (Soz.): Ich ziehe meinen Antrag vorläufig zurück.

Abg. Spahn (Centr.): Wir befinden un§ durchaus in Ueber- einstimmung mit der neulich von Herrn Gothein vertretenen An- icht, wenn wir die Berichterstattung über die Petitionen bis an das Ende der Debatte vertagen.

Abg. Singer (Soz.): Es handelt sich jetzt nicht um die Bericht­erstattung über Petitionen, sondern über die einzelnen Positionen des Tarifs. (Sehr richtig! links.) Die Mehrheit hat ja das Vor­recht, sie los zu fein. (Heiterkeit.) Ich möchte aber bitten, daß Herr Spahn nicht auch in diesem Fall feinen juristischen Scharfsinn anwendet, um die Worte des Herrn Gothein ins Gegentheil zu verkehren. (Sehr gut! links.) Wundern muß ich mich aber, daß der Präsident nicht sofort bei Beginn der Diskussion ohne Weiteres den Referenten das Wort ertheilt hat.

Viceprästdent Büsing: Dazu war ich, wie sich Abg. Singer bei ein wenig Nachdenken selbst hätte sagen können, gar nicht in der Lage, ich konnte bisher Niemandem das Wort geben, auch nicht den Referenten, denn der Abg. Barth hat unmittelbar, nachdem ich die Diskussion für eröffnet erklärt hatte, ums Wort zur Geschäfts­ordnung gebeten. (Sehr richtig I) Der Vorwurf des Herrn Singer ist also unberechtigt. (Zustimmung.)

Abg. Singer (Soz.): Wenn ich aus den Worten des Präsi­denten schließen darf, daß es seine Absicht ist, nachher den Referenten das Wort zu geben, so kann ich jetzt verzichten. Ich mache nur darauf aufmerksam, daß der Reichstag nicht auf Grund von Kom­missionsbeschlüssen, deren Begründung man gar nicht gehört hat, Gesetze machen kann. (Beifall links.!

Vicepräsident Büsing: Meine Ansicht ist folgende: Aus der Tagesordnung steht: Fortsetzung der zweiten Berathung des Ent­wurfs eines Zolltarifgesetzes auf Grund der Berichte der XVI Kom­mission. Tie Diskussion ist eröffnet über den § 1 Absatz 1 des Entwurfs in Verbindung mit dem Antrag Kardorff. Ein Theil dieses Antrages ist nach meiner Auffassung der Zolltarif. Ich werde daher den Herren Referenten zum Zolltarif das Wort er- theilen.

Abg. Gothein (freis. Vgg.) schlägt vor, daß im Anschluß an jedes Referat die Diskussion über die betreffenden Positionen er­öffnet wird.

Vicepräsident Büsing: Nachdem gestern der Antrag Kardorff für zulässig erklärt ist, steht jetzt der Zolltarif als etwas Einheit­liches zur Debatte. Die Referenten müssen daher nach einander das Wort erhalten. (Sehr richtig.) Gegen diesen Vorschlag erhebt sich kein Widerspruch. Die 23 Referenten erhalten demnach hinter einander das Wort.

Abg. Graf Schwerin-Löwitz (kons.), der zunächst über die Tarifnummern 522 zu referiren hätte, verzichtet aufs Wort.

Abg. Dr. Barth (fteis. Vgg.): Ich beantrage nunmehr, die Positionen 522 an die Kommission zurückzuverweisen. (Beifall links.)

Abg. Gothein (fteis. Vgg.): Ich halte es für unzulässig, daß der Berichterstatter verzichtet; die Kommission hat ihn beauftragt, zu berichten unb er erfüllt seine Pflicht nicht, wenn er sich besten weigert. (Sehr wahr! links.)

Abg. Singer (Soz.): Ich kann mich dem Vorredner nur an­schließen. Nur wenn schriftlicher Bericht vorliegt, kann der Be­richterstatter aufs Wort verzichten. Wenn der Abg. Graf Schwerin nicht in der Lage ist, seinen Bericht zu erstatten, so kann die Kom­mission einen anderen Berichterstatter ernennen. Das Plenum ist aber nicht in der Lage, sich durch einen Berichterstatter ein Recht wcgeskamotiren zu lasten, das ihr durch die Geschäftsordnung ge­geben ist. (Beifall links.)

Abg. Richter (fteis. Vp.): Wenn schriftlicher Bericht erstattet ist, hat der Berichterstatter das Recht, zu verzichten. Liegt aber kein ; schriftlicher Bericht vor, so ist der Berichterstatter verpflichtet, zu ; referiren. (Zustimmung links.)

Vicepräsident Büsing: Der Herr Berichterstatter ist bereit, zu referiren. (Große Heiterkeit links.)

Berichterstatter Abg. Graf Schwerin-Löwitz berichtet nunmehr : in 10 Minuten über die Positionen 522 des Tarifs. (Reis, Mais, Hirse, Malz, Hülsenfrückte, Oelfrückte und Sämereien.)

Abg. Dr. Barth (fteis. Vgg.): Zehn Minuten lang sprach der Berichterstatter über 16 der wichtigsten Positionen des Zolltarifs. Ein solcher sogenannter mündlicker Bericht ist kein Bericht flebhafte i Zustimmung links), das ist die Karikatur eines Berichts. (Erneute : Zustimmung links; Vicepräsident Büsing ruft den Redner wegen i dieses Ausdrucks zur Ordnung), ich beantrage daher Nückver- i Weisung dieser Positionen an die Kommission zur schriftlichen Be- : richterstattung. (Beifall links.)

Abg. Paasche (nat.-lib.): Ich widerspreche dem Anträge und l konstatire, daß gerade diejenigen Herren, die mit so großem Nach­druck die Berichterstattung verlangten, sich während des Berichts : außerhalb des Saales aufhielten. (Lebhafter Widerspruch links. , Ihre Bänke waren fast leer. (Erneuter Widerspruch links; Zurufe: Das ist nicht wahr.)

Abg. Sinaer (Soz.; zur Geschäftsordnung): Die Behaupttmg ' des Abg. Paasche ist unrichtig. Selbst wenn sie aber richtig wäre, i so hätten Sie am wenigsten Anlaß uns das vorzuwerfen, denn wir ; wären dann nur dem Beispiele der Majorität gefolgt. Wir mästen ! einen Bericht haben, der den Namen eines solchen verdient. (Stactts- , fefretär Gras Posadowskv betritt den Saal.) Ein so absolut i inhaltsloser Bericht, wie der eben erstattete, ist mit der Würde des Reichstags unvereinbar. (Lebhafte Zusttmmung links; Lachen I rechts.) Ich bitte den Berichterstatter, nochmals das Wort zu nehmen und wenigstens zu sagen, was in der Kommission an Gegengründen ; gegen die Vorschläge der Mehrheit vorgebracht wurde und wie sich : die Negierung zu den einzelnen Vorschlägen stellte. Dann mochte ich die Regierung bitten, uns nun doch endlich einmal zu sagen, wie : sie über den Antrag Kardorff dentt. (Staatssekretär Gras Posa­dowsky verläßt den Saal. Aha! und Hohngelächter links; , Zuruf: Da geht er hin und singt nicht mehr! Heiterkeit.) Was i ist das jetzt für eine Wirtschaft bei der Regierung? Sie scheint > jetzt blos dazu da zu fein, um die Anträge der Mehrheit zu unter- ! frühen, zum großen Theil noch immer dieselben Anträge, die sic . als unannehmbar erklärt hat. (Sehr rickttg! links.) Nachdem - hinter den Koulisten, in dem Dunkel irgenb emes Ber ,ungs- - --merS etwas mit der Mehrheit zusamv engebraut ist, hält es

brauche.

DaS Präsidium übernimmt Vicepräsident Büsing.

Abg. Haase (Soz.) spricht gegen den Uebergang zur Tages­ordnung. Er führt aus, daß das Haus bereits in die Berathung deS Zolltarifs eingetreten sei . . »

Vicepräsident Büsing unterbricht den Redner wiederholt und Ersucht ihn, auf diese Frage nicht mehr zurückzukommen, nachdem das Haus gestern entschieden habe, daß die Diskussion über den Zolltarif noch nicht eröffnet fei.

Abg. Haasc (fortfahrend): Ich will ja gerade beweisen, daß daS Haus nothwenoigerweise diesen feinen gestrigen Beschluß wieder aufheben muß (Unruhe rechts) ....

Vicepräsident Büsing: Solange ich an diesem Platze stehe, habe ich einzutreten für Beschlüsse dieses Hauses. (Donnernder Beifall der Rechten.) Von keiner Seite ist der Antrag gestellt worden, den gestern gefaßten Beschluß wieder aufzuheben. Ich dulde nicht unb werde nicht dulden, daß dieser Beschluß jetzt wieder angefochten Wird. (Abg. Bebel ruft: Wieder aufheben!)

Abg. Haase fährt in seiner Rede fort. (Die erregten Ge- Mitther, die sich in Der vorangehenden Controverse schon mehrfach durch Schreien Luft gemacht hatten, beruhigen sich nur zum Theil. Es herrscht andauernd große Unruhe, so daß die Worte des Redners verloren gehen.) Er spricht über die Maßnahmen der Majorität, die, fortgesetzt, die Würde des Präsidiums herab- mindcrn mästen.

Vicepräsident Büsing unterbricht ihn aufs Neue: Ich bitte, jede Kritik der Geschäftsordnung des Präsidenten zu unterlassen (Tosender Beifall der Mehrheit; Protestrufe der Sozialdemokraten. Bisher hat kein Mensch das Neckt, zu behaupten, daß der Präsiden sich in einer Weise herabgewürdigt hat. (Abg. Haase ruft fort­gesetzt: Habe ich auch nicht gesagt! Aus den Bänken der Mehrheit ertönen Rufe: Naus! Raus! Die Szene wächst sich wieder zu einem Tumult aus.)

Abg. Haase (fortfahrend): Ich weiß sehr gut, was ich gesagt habe. (Schreien und Toben.) Ich sagte: Wenn die Mehrheit in dieser Gewaltpolitik fortsährt. Dann würde sie den Präsidenten herabivürdigen ....

Vicepräsident Büsing: Also ist doch der Ausdruck gefallen, der die Würdigkeit des Präsidenten in Zweifel zieht! (Erneuter Tumult. Nufe: Es wird ja immer schöner l Nun wird's Tag! Russische WirthschaftI) Der Präsident wird sich niemals herabwürdigen lassen. (Frenetischer Beifall! die Linke lacht höhnisch; der Lärm dauert fort.)

Abg. Haase wird in diesem Lärm absolut nicht mehr im Zu­sammenhang verstanden. Er führt nochmals aus, daß die despotischen Launen der Mehrheit den Präsidenten herabzuwürdigen geeignet sind.

Vicepräsident Büsing erklärt, die Möglichkeit seiner Herab­würdigung gehört keinesfalls zur Sache, und ruft deshalb den Redner zur Sache. Präsident Graf Balle st rem wird in der Thür des Dundesraths sichtbar, bleibt dort eine Weile stehen, über­sieht die Situation und verläßt dann wieder den Saal.)

Abg. Haase setzt seine Ausführungen fort, die wieder großen- theils unverständlich bleiben. Tas Ansehen des Reichstags ist ver­körpert in dem Ansehen seines Präsidenten. Dieses Ansehen sollten Sie (nach rechts) nicht vermindern. Das geschieht ober, wenn Cie in der gestern beliebten Art fortfahren. Die Erregung ist zu groß, als daß Sie sich über all das klar werden können. Ich bin davon überzeugt, daß, wenn Sie erst einmal einen Tag der Ruhe haben, Sie selbst davor zurückschrecken werden, neue Gewalt­maßregeln anzuwcnden. Und daher wollen wir, daß der Antrag Kardorff zurückgesetzt wird . ..

Vicepräsident Büsing ruft den Redner zum zweiten Male zur Sache, da er wieder über die gestern erledigte Frage spreche, und macht ihn auf die geschäftsordnungsmäßigen Folgen auf­merksam. (Große Unruhe links.)

Abg Haase: Ich muß mich an dieser Steve fügen, obwohl feinen Zweifel darüber habe, daß, was ick sagte, im engsten tmmenhang mit der Sache steht. Ich protestire gegen das Vor- n der Mehrheit, das gegen Recht, Gesetz und Billigkeit verstoßt! Redner verläßt unter großer Erregung der Linken die .Tribüne. Der Vicepräsident Büsing tritt in die Abstimmung über den Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung em.

Die Abstimmung über den Antrag auf einfache Tagesordnung über den Antrag Singer ist eine namentlich e.

Es wird mit 210 gegen 66 Stimmen bei 6 Stimmenthaltun­gen beschlossen, über den Antrag Singer zur Tages­ordnung äberzugehen. an-

In der nunmehr wiedereröffneten Diskussion über den Ab­satz 1 des b 1 sur Geschäftsordnung erhalt das Wort

' Abg. Dr. Barth (freis. Vgg.): Ich W Wort gebeten, damit vorher die Frage der Referenten geklart wirr. Ein schriftlicher Bericht über den Tarif liegt nicht vor, wir siim also auf die mündlichen Berichte angewiesen, xet mit zur ^evatte stehende Antrag Kardorff stützt sich auf die Kommißlonsbescklusie. Um so mehr müssen wir mündliche Berichterstattung aller -.3 Refe­renten verlangen. Daß dies ein zweckmäßiges Verfahren ist h3on°

Donnerstag, 4. Dezember 1902

Gießener Anzeiger

Für Uebergang zur Tagesordnung ergreift das Wort

Abg. v. Kardorff (Rp.): Der Antrag auf Uebergang zur Tages­ordnung ist so felbstverständlich, daß ich ihn nicht zu begründen