Ausgabe 
4.10.1902 Drittes Blatt
 
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Samstag 4. Oktober 1903

15Ä. Jahrgang

Drittes Blatt

Nr. 333

Erschein« ««glich außer Sonntag-.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siegener Kamillen- blätter viermal in der Woche beigelegt.

Notattonsdruck u. Ver­lag der Brü h l'schen Ünwers.-Buch- u.Stein» druckeret (Piets ch Erben) Nedaktton, Expedition und Druckerei:

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General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Meis Gießen MW

Deutsche Krösehler.

Nicht nur einzelne Menschen haben Erbfehler, auch aanzen Völkern sind eigen: Fehler, die Jahrtausende hin­durch die Ursache leidvoller Geschicke werden. Hochbegabte Stämme sind geschwunden von der Erde, als warnende Schemen tauchen andere aus den Blättern der Geschichte aus, die so oft Lehrerin sein könnte und doch so selten es ist, weil die Meisten ihre Sprache nicht verstehen oder nickt hören wollen, was sie spricht. Wie die Individuen sind auch die Völker selbst Täuschungen unterworfen; gern hören sie ihr Lob, ungern den Tadel, und lieben es, der Gesamtheit Eigenschaften und Verdienste zuzuschreiben, die oft nur das Eigentum Weniger sind. Ein treffendes Beispiel geben in dieser Hinsicht die Franzosen. Die preisen sich selbst als die große, die edle, die ritterliche Nation, wenige Völker aber sind unedler, unritterlicher gegen Schwächere, gegen Besiegte verfahren, als gerade sie; kaum ein einziges Volk hat die wahrhaft edlen und ritterlichen Elemente in seiner Mitte so verfolgt, und aus­gemerzt, als das französische. Anderer Art ist die Selbst­täuschung der Deutschen. Ihr Lieblingswort ist die Deutsche Treue". Deren berühmen sie sich allerwegen, und doch, wenn man schärfer in die Geschichte blickt, wie wenig sind sie dazu berechtigt; wie gering ist, während ihr schönster Charakterzug die Treue am ge­gebenen Wort ist, ihre Treue gegen das eigene Volks­tum gewesen. Von deutscher Treue ist viel geredet, viel geschrieben, viel gesungen worden, aber die Treue ist wie das Weib dann am beshen, wenn am wenigsten von ihr ge­sprochen wird. Hätte sie existiert, so wäre die Entwickelung unseres Volkstums eine andere, glücklichere gewesen. Eng verknüpft mit dem Mangel an echter Treue gegen das Volkstum war bei den Deutschen von jeher der Mangel an politischer Einsicht. Erschreckend ost sind den erleuch­teten Geistern des deutschen Volkes, die ihm den gebühren­den Platz unter den anderen Nationen zu schaffen strebten, Kurzsichtigkeit und Eigennutz hindernd in den Weg ge­treten.

Auf deutschem Boden besonders gut gedeiht auch das Gewächs derVorliebe für das Fremde". Bewundert wird, was weither von außen kommt; gering geachtet oder mißachtet ist nur zu oft das Heimische. Selbst vielen ge­bildeten Deutschen mangelt auch jetzt noch zu sehr jenes ruhige Selbstgefühl, das ruhig prüfend das Fremde in seinem Werte erkennt und anerkennt, aber nicht blind­lings das Heimische unterschätzt oder gar leichthin es opfert. Andererseits wieder wird bei uns zu Lande eine Selbstüberhebung zur Schau getragen, die nicht minder fehlerhaft ist. Man bläht die Stellung Deutschlands im Weltkonzerte zur ersten Geigerrolle aus. In einer Be­sprechung der Posener Kais er tage sagt Maximilian Harden in seinerZukunft" leider nur mit allzuviel Recht:

Posen ist eine Etape. Ganz soweit waren wir bisher noch nicht. Gewiß: Alles wird bald wieder frisch zurecht gebügelt sein und wir werden hören, daß die Russen unsere intimsten Freunde, die Polen versöhnt, die Franzosen von altem Haß geheilt sind und Briten und Amerikaner ungeduldig der Stunde harren, da unter- deutscher Hegemonie der große Bund der germanischen Stämme die Welt zu teilen beginnt. Noch jedes Mal haben wirs nach einer bänglichen Pause gehört. Nach dem Kanalfest, wo russische uitb französische Seeoffiziere in Tafelreden den Tag herbeiriefen, der ihre Flotten wieder im Kieler Haien vereint sähe, nicht z,lr Schau dann aber, sondern zum Stampf. Nach dem diplomatischen Inter­mezzo, das der Ernennung des deiitschen Oberbefehlshabers für China olgte. Nach jedem neuen Versuch, neue Liebe zu werben.

Im Auslände dagegen ist man zumeist anderer Mei­nung. Tas weiß jeder, der aufmerksam die ausländischen

Zeitungen und Zeitschriften lieft. Diese Lektüre bringt gar manchen ernsten und besonnenen Mann in Harnisch, um einen Passus aus dem Briefe eines Freundes desGieß. Anz." zu zitieren, manweiß nicht, ob mehr über bte Frechheit des Auslandes oder über die Schwäche und Jm- bezilität der deutschen Politik". Ein Selbstgefühl ohne alle Prahlerei, ohnepathetische Posen und theatralischen Klimbim", ein solches, das das Heimische im eigenen Herzen hochstellt, ist der beste Bewahrer der Nationalität. Weil dieses mangelt, darum geben auch viele Deutsche in der Fremde so leicht ihr Volk und seine Sprache aus, werden Deutsche sogar innerhalb der deutschen Grenze zu Renegaten, zu Feinden und Verrätern ihres Volkes. Man braucht gerade nur auf unsere östlichen Landesteile zu sehen, um zu erröten vor Scham über die sträfliche Wandlung Deutscher in Polen. Zum Teil ist dieser Mangel eine Folge der langen politischen Zerrissenheit des deutschen Volkes; zum anderen Teil eine Folge des Fehlens ernes festen und stetigen Wollens; zum dritten aber entsprmgt er der unseligen Charakteranlage der Deutschen, das Ausländische höher zu schätzen als das Heimische. Hiermit hangt zu­sammen, daß der Deutsche selten versteht, das Widerstreben unterworfener Stämme durch richtige Behandlung zu über­winden. Ferner gehört hierher ein ganz eigenartiger Cha­rakterzug der Deutschen, der Gegensatz zwischen mächtig ausgreifendem Streben und scheuem, ost zaghaften Stch- beschränken. Wie der alte Germane jauchzend und das Leben achtlos wegwerfend sich in das Schlachtgctümmel stürzte, als Sieger lawinengleich den Kampfplatz fegte, sieg­los aber leicht einer dumpfen Ergebung in das Schicksal verfiel, so geht auch heute noch in kleinlicher Fehde, elendem Parteigczänk mit trauriger Schnelligkeit die Wirkung großer Zeiten verloren. Wie oft hat das Deutschtum großen Auf­gaben gegenüber sich groß erwiesen, wie ost ist es wieder klein am Kleinlichen geworden! Zorn und Neid, Haß und Streit um nichtigste Tinge haben bei den Deutschen nie gefehlt. Zwar lebhafter und leichter erregt sind die meisten anderen Völker, aber die Trunkenheit der Leidenschaft hat unseren Vorfahren ebenso wenig gemangelt wie jenen; und diese Erbschaft ist den Enkeln geblieben. Wohl müssen wir an das Thun unserer Ahnen einen wesentlich anderen Maßstab anlegen als an Menschen und Verhältnisse der Gegenwart, aber selbst dann noch drängt oft das be­fremdende Gefühl sich auf, wie heiß doch bei diesen Kindern einer kalten Sonne das Blut gekocht hat, mit welch grimmem Hasse sie einander zu vernichten wußten. Zeigte die Trunk­sucht ihres Zornes sich noch nicht so auflohend wie die der Südländer, so war sie dafür um so ausdauernder, gerade wie ihre Neigung zu berauschendem Trunk, wie ihre Leiden­schaft des Spiels, in der sie alles vergessen konnten, was ihrem Leben Wert gab, und in der sie hartnäckig hinter­einander ihre Habe, Weib und Kind und schließlich bie eigene Freiheit auf den rolken-den Würfel setzten. Der Nachweis, daß es wirklich immer dieselben Fehler gewesen sind, die die schweren Schicksale über die Deutschen gebracht, kann nur an der Hand ihrer Geschichte geführt werden. Sie lehrt uns, wie die deutschen Erbfehler die Schicksale der Germanen beeinflußt haben, und wie zu ihrem bitteren Schaden die Deutschen die Treue gegen ihr Volkstum nicht gehalten haben, seit sie, aus dem Tunket der Vorzeit auf- rauchend, auf die Erde geschritten sind. Erkenntnis dessen, was ihnen frommte, war Wotans Kindern nicht gegeben; erst bittere Erfahrungen, unsägliche Leiden vermochten darin einigen Wandel herbeizuführen. Unbedingt hat dos letzte Jahrhundert den Deutschen ein regeres und kräftigeres Gesamtbewußtsein gebracht, als je vorher ihnen eigen war.

Wenn einst Germanen vom Rhein bis zum Schwarzen Meer äßen, das Bernsteinmeer befuhren, in den Gebirgen Skandi­naviens das Renntier, in den Wäldern der Kärpathen und auf den Steppen des Tniester den Elch-, den Ur- und den Edelhirsch jagten, so ist das deutsche Volk jetzt ein­gezwängt tat enge Grenzen. Mer selbst innerhalb dieser gewinnen fremde Elemente an Boden, lediglich weil die Deutschen, miteinander hadernd, die Gefahr nicht erkennen oder unterschätzen, jenen Elementen wohl gar aus Augen­blicksrücksichten oder aus falscher und ungedankter Huma­nität Vorschub leisten. Zu ändern ist an dem Besitzstand des heutigen Europa nichts mehr, die Grenzen der Staaten stehen fest, die Lande sind besetzt. Mehr aber darf uns nicht verloren gehen, und ebenso wenig die Lehre, die eine 2000jährige Geschichte dem gegenwärtigen Geschlechte giebt: Seid einig! Sonst geht auch das neue Deutschland unter, sonst ist der Glanz von 1870 nur das Aufleuchten eines erldschenden Sterns gewesen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 4. Oktober 1902.

** Stenographie. Nachdem auf dem 7. außerord. Stenographentag in Berlin im August d. I. das gesamte Gabelsbergsche Lehrgebäude einer durchgreifenden Reform' unterzogen worden ist, beginnt nunmehr die Gabelsbergsche Schule allenthalben in emsiger Thätigkeit ihre Winter- propaganda, die ihr durch die Ergebnisse der System­revision wesentlich erleichtert ist. Durch die BesclMse des Berliner Stenographentages ist das Regelwerk des Systems konsequenter noch als bisher durchgeführt, wesentliche Er­leichterungen, insbesondere für den Unterricht, sind ge­schaffen worden, sodaß nach wiederholt und eingehend an- gestellten Untersuchungen und Vergleichungen das System ohne daß es an Kürze und Prägnanz auch nur die geringste Einbuße erlitten hatte fast in der Hälfte der früher für den Unterricht erforderlichen Zeit gelehrt werden kann. Wir möchten nicht verfehlen, auch hier auf die dem­nächst beginnenden Unterrichtskurse hinzuweisen, da die Er­lernung der Stenographie nicht dringend genug empfohlen werden kann.

B. Grebenau, 2. Okt. Nachdem die hiesige Spar» lasse auf Antrag mehrerer Mitglieder dem hiesigen Geist­lichen einen Betrag von nahezu 100 Mark zur Begründung einer Volksbibliothek für die Gemeinden des Kirch­spiels zur Verfügung gestellt hat, kann das Lesebedürfnisi unserer Landleute, das sich besonders im Winter geltend! macht, in reicherem Maße Befriedigung finden, zumal hier auch schon eine Schülerbibliothek unter Verwaltung des ersten Lehrers besteht, die fleißig benutzt wird.

rg. Marburg, 2. Okt. Gestern abend kurz nach 10 Uhr überrannte der von Frankenberg kommende Per­sonenzug aus dem Uebergange bei Wetter einen mit Telegraphenstangen beladenen, mit zwei Pferden bespannten Lastwagen des Fuhrwerksbesitzers Heppe von hier. Während ein Pferd sofort tot war, stürzte das andere mit dem Knechte in einen Graben. Der Knecht blieb unverletzt.

Frankfurt a. M., 2. Okt. Ein Monstreprozeß wurde gestern und heute hier verhandelt. Es erregte vor kurzer Zeit großes Aufsehen in Frankfurt, als in dem an der Ginnheimer Landstraße gelegenen Hundeasyl eine förmliche HaussuchungnachgestohlenenHunden vorgenommen wurde. Man glaubte nun die Spur und die Verüber der fortgesetzten Diebstähle gefunden zu haben, und es kam zur Anklage der unten bezeichneten Personen. Zu dem in dieser Sache heute angesetzten Termin vor der

Kunst und Wissenschaft.

Deutschland auf der Turiner Ausstellung, das ist das Thema, mit bem die von Alexander Koch in Darmstadt herans- oegebeneT e u t s ch e K n n st und Dekorativ n" in dem in jeder Beziehung glänzend und reich ausgestalteten Oktober-Heft ihren 7. Jahrgang eröffnet. Es ist eine Publikation von besonderer Bedeutung, sowohl hinsichtlich der Ausstattung als des illustratwcn und terlichen Inhaltes, die uns die feit einigen Jahren an führender Stelle stehendeDeutsche Kunst und Dekoration" hier bietet. Das Seit dessen Umschlag von Prof. Peter Behrens in Darmstadt ent- morfen wurde, beginnt mit einem Aussatz von Georg Fuchs:Tie Vorhalle zum banse der Macht und der Schönheit", tn dem an der Hand der von Peter Behrens aus der Turmer Ausstellung ge- ichafienen Hamburger Vorhalle eine bedeutsame, ganz neue Auf- affung von der Slunft als kulturellem Machtsaktor zum ersten Mal )araeleat wird. Ter Text ist in der von Behrens gezeichneten monumentalen Schrift abgesetzt und mit Buchschmuck von demselben Künstler verziert. Daran schließen sich tn großen Reproduktionen die Ansichten aus der wundervollen Hamburger Vorhalle aus der Turiner Ausstellung und solche der köstlichen Lohnungs- Einrichtungen, welche deutsche Künstler, Werkstätten und Industrielle daselbst vorgeführt und womit sie einen »sieg von inteinationer Tragweite errungen haben. Ferner enthalt das Heft zahlreiche Ab­bildungen nach dem Ausstellungsraum, den der Herausgeber der Zeitschrift, Alexander Koch, für seinen Verlag in tform eines vor­nehmen Bibliotheks-Zimmers auf der Turmer Ausstellung cm- richten ließ. Daran schließt sich eine umsas,ende Vorsuhnmg des Turiner Salons der Hofmöbeliabrik -udwig Alter in Darmstadt, der. wie auch das Koch'sche Bibliothekszimmei, von Prof. Peter Behrens entworfen wurde.

Ans Frankfurt a. M. schreibt man uns: In der so­eben eröffneten L ktober-Ausstellung des K u n st s a l o n s H e r m e s sind durch Sonder-Ausstellungen vertreten der Berliner -u d w i g v. Hofmann mit 20 neuesten Werken und Dario de Re° goyos aus Madrid mit 12 Werken. Letzterer Künstler gehört neben Zuloaga zu den bemerkenswertesten Erscheinungen der zeit­genössischen spanischen Kunst. Die Gemälde, d»rekt aus Spanien kommend, werden zuerst in Frankfurt ausgestellt und sollen dann äne Rundreise durch Mitteleuropa antreten. An weiteren r scheinungen moderner Kunst erthält die reichhaltige Ausstellung neben einer Auswahl Werke von Hans Thoma, tff. v. Uhde, Max

«iebermann W. Leibl, A. Böcklin, neue Gemälde von Franz Cvurtens, Paul Mathieu, O. Röderstein, I. v. Brandt, Keller- Reutlingen, F. A. v. Kaulbach, F. v. Lenbach re.

Charlotte Wiehe hatte bei ihrem ersten Auftreten am Raimundtheater" in Wien einen außerordentlichen Erfolg. Sie wird mit ihrem Ensemble am 17. Oktober am Mainzer Stadttheater gastieren. Die Künstlerin ist aus der deutschen Buhne cme vollständig neue, aber in Folge des großen künstlerischen RiiieL der ihr ans Dänemark wie aus Pans vorauseilte, mit großem Interesse begrüßte Persönlichkeit, deren äußere Erscheinung schon auf das Ungewöhnliche ihrer Begabung schließen läßt. Von Haus aus ein schlichtes Mädchen, ist Charlotte Wiehe eine Künstlerin, die auf der Bühne berauschend und faszinierend wirkt. Ten eigent­lichen künstlerischen Schliff erhielt dieses Talent in Paris wohin sie 1900 übersiedelte und sich in kurzer Zeit durch ihre Leistungen zum Adoptivkind der französischen Kunst und zum Liebling des Pariser Publikums emporschwang. Dort entdeckte man auch ihre Begabung für die Pantomime, in der sie bald mit ihren geistvollen Leistungen imLa Dtain", L'homme aux PoupSes' re. alle Welt bezauberte. Für dasRenaissance-THLatre" gewonnen, ereirte sie ihre unübertrefflicheColombine" und bewahrte sich auch an dieser Stätte ihrer Wirksamkeit auf allen Gebieten der darsteller gen Kunst, schauspielerisch wie in der Pantomime, als Kun,tlerm von unvergleichlicher Vielseitigkeit, sodaß Becaue der Autor vonLa Parisienne" ihr eines Tages das höchste Lob mit den Worten spendete: ^Sie, Madame, sind die Pariserin, wie sie mrr tn memen Dichterträumeii vorschwebte."

_ Björufou's soeben vollendetes Drama, das den TitelAuf Sterhove" führt, wird imDeutschen Theater" in Berlin tn dieser Saison in Szene gehen.

Ein neues Etädtebund-Theater. Wie man aus Halle meldet, hat die Regierung die Gründung eines großen Stadtebimd- Theaters für den Harz und M itt elf achsen genehmigt. Die Leitung ist dem Theaterdirektor Hoffmann m Nordhausen über­tragen worden.

Ferdinand v. Saar, ein österreichischer Dichter, der bei uns zu Lande leider noch nicht nach Gebühr geschätzt wird, obwohl er bereits dieser Tage in sein 70. Lebensjahr eingelre.e.i ist, veröffentlichte unlängst in dem Verlage von Georg Weiß in Kassel eine neue Dichtung, die er, unprak­

tisch genug,Hermann und Dorothea" betitelte. Die Weltlitteratur besitzt ihre berühmte Dichtung dieses Namens, und Ferdinand v. Saar verdrängt keinen Goethe; auch in Zukunft wird also beim Zitieren dieses Titels kein Irr­tum entstehen. Aber der österreichische Poet kommt bei dieser Titelwahl doppelt zu kurz; einer Dichtung, die sich den Namen eines ewigen Werkes anmaßt, bringen die Einen Mißtrauen, die Andern die allerhöchsten Erwartungen ent­gegen, zum Schaden des Dichters. Saar'sHermann und Dorothea" ist ein liebliches Idyll, gleich der Goetheschen Dichtung in Hexametern geschrieben, gleich ihr aus klein­bürgerlichen Kreisen entlehnt. Und wie Goethe in dem letzten Jahrzehnt des 18.Säculums der drohenden Welterschütterung in einem Idyll die Festigkeit deutschen Sinnes und deutscher Liebe entgegenstellte, so führt uns Saar auf mährischen Boden, wo heute die Kämpfe zwischen dem Deutschtum und dem Tschechentum wüten, die von fern her in seiner Dichtung wiedertönen. Er schildert uns das schlichte Milieu eines deutschen Bauerndorfes in Mähren und die einfache, alltäg­liche glückliche Liebesgeschichte eines braven deutschen Jüng­lings und einer braven deutschen Jungfrau, die einst mit einem Tschechen verlobt war, der sie aber treulos verließ. Die Vorgänge spielen sich ohne wesentliche Steigerung und ganz konfliktlos in paradiesischer Einfalt und Ruhe ab. Ebenso glatt und leicht fließen die Verse dahin und der Leser, dem jegliche Aufregung erspart blieb, hat zum Schluß das ange­nehme Gefühl, mit einem formgewandten und treuherzigen Dichter und einer schlicht gemütvollen Dichtung bekannt ge­worden zu fein, die sich von den großen Konflikten des Lebens fern hält. Indem Saar aus jenen schweren nationalen Kämpfen auf österreichischem Boden ein Idyll herausnahm, zeigte er die Grenzen seiner Kunst, in der wir gern die gesunde Gesinnung anerkennen, die ihn der Freund­schaft jedes guten Deutschen wert macht.