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4.9.1902 Erstes Blatt
 
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Wenn das Gymnasium, dem die große Mehrzahl der deutschen Studenten entstammt, glatt durchlaufen wird, so muß das Älter von 18 bis 19 Jahren das des Eintrittes in die Universität sein. Es ist erfreulich, so führt Petersilie aus, festzustellen, daß der Pro­zentsatz der Studierenden dieses Alters im Steigen begriffen ist. Von je 100 Studierenden hatten dieses Alter in dem Zeiträume 1886/87 bis 1891 3,28, in dem Zeitabschnitte 1891/92-1895/96 3,83 und 18991899/1900 3,88. Die noch jüngeren Studenten sind da­gegen etwas im Rückgänge begriffen; Studierende in einem Alter von 1718 Jahren gab es auf je 100 in diesen drei Zeiträumen 0,53 bezw. 0,45 und 0,39; unter 17 Jahre alte kamen zu jeder Zeit nur ganz vereinzelt vor. Einen verhältnismäßig recht be­trächtlichen Anteil machten die Studierenden m reiferen Jahren aus; in obigen drei Abschnitten gab es unter je 100 Studierenden solche von 80 bis 40 Jahren 1,69 bezw. 1,73 und 1,84; es zeiht sich hier also eine Zunahme. Studierende dieses Alters sind natürlich kaum jemals solche, die ihre Studienzeit unverhältnismäßig lange ausgedehnt haben, sondern fast ausschließlich Männer, die bereits in einem Lebensberufe standen und dann abermals aus irgend einem Anlaß, über den nur Vermutungen bestehen können, die Universität wieder ausgesucht haben. Ein Urteil darüber, ob diese Erscheinung günstig oder ungünstig ist, läßt sich nur schwer fällen, da eben die Beweggründe eines so verspäteten Universitätsbejuches sich nicht sicher feststellen lassen. Sollte mißliche wirtschaftliche Lage und mangelhaftes Fortkommen in dem bisherigen, wohl meist praktischen Berufe, zu einem Berufswechsel führen, so wür­den die obigen Zahlen, zumal in ihrem Wachstume, allerdings ein wenig erfreuliches Zeichen der Zeit darstellen. Auf die einzelnen Fakultäten verteilen sich die verschiedenen Lebensalter in grund- ätzlich von einander abweichender Weise. Die jüngsten Stuoenlen inden sich naturgemäß in der philosophischen Fakultät. Das rührt )aher, daß allein in dieser Fakultät Jmmaturi in größerer Zahl ausgenommen werden können; dies betrifft in erster Linie Land­wirte, Pharmazeuten, Chemiker, Zahnärzte u. a. m. sowie solche, die sich nur, um eine allgemeine Bildung zu erwerben, auf der Universität aufhalten. Das Gleiche gilt auch von den ältesten Studierenden; auch sie sind vorzugsweise in der philosophischen Fakultät eingeschrieben, allerdings bleiben die Zahlen der medi­zinischen Fakultät nicht sehr hinter denen der philosophischen zurück; in dem ersten Zeitabschnitte zählte die katholisch-theologische Fakultät auffallend viel Studierende zwischen dreißig und vierzig Jahren; gegenwärtig hat keine andere Fakultät so wenig dieses Alters. Das Alter von 1819 Jahren findet sich am stärksten in der puristischen Fakultät vertreten, nächst dieser in der evangelisch­theologischen ; bei der ersteren ist der Prozentsatz gefallen, bei der letzteren gestiegen." Was die verhältnismäßig große Zahl der Studierenden im Alter von 3040 Jahren betrifft, so wäre eines zu untersuchen, nämlich in wie weit die Studierenden dieser Alters­stufe nicht lediglich chrer Fortbildung wegen die Universität zum zweiten Male bezogen haben. Das Streben nach Fortbildung ist ein ganz moderner Zug. Vor einem Vierteljahrhundert etwa spielte die Fortbildung von Studierten gar keine Rolle. Es kam höchstens ganz ausnahmsweise jemand, der schon länger in seinem Berufe stand, in den Sinn, noch einmal zur Universität zu gehen, um sich mit den neuerlichen Fortschritten seiner Wissenschaft ver­traut zu machen. Das ist mittlerweile ganz anders geworden. Der Fortbildungsunterricht ist ein gesichertes Stück der Hochschulpäda­gogik. Die größte Ausdehnung hat der Fortbildungsunterricht bei den Medizinern. Es giebt aber auch Fortbildungskurse für Lehrer der Naturwissenschaften, für klassische und für Neuphilologen. Wemr diese Kurse auch vielfach eine eigene, mit der Universität nicht zu­sammenhängende Organisation haben, so sind sie doch ein Zeichen dafür, daß bei den Studierten verschiedener Gattung ein lebhaftes Streben nach Fortbildung besteht und dieses Streben versuchen die Studierten auch dadurch zu beliebigen, daß sie von neuem die Universität beziehen. Von den Aerzten weiß man, insbesondere, daß verhältnismäßig viele, sei es, daß sie Lücken ergänzen wollen, ober sich für ein Sonberfach, zu bem sie übergehen, wollen, vor­bereiten, für längere ober kürzere Zeit ben Universitätsbesuch roieber aufnehmen. In anderen Fakultäten sind es die Seminarübungen, die auf Studierte eine starke Anziehung ausüben. In ben Semi­naren, zumal in ben volkswirtschaftlichen, finben sich oft genug Männer, welche bas akabemische Studium schon lange hinter sich haben, im Berufe gestanden haben oder noch stehen, am Seminar aber teilnehmen, um ihre Kenntnisse zu vertiefen und die Methodik der wifsenfchaftlichen Arbeit genauer kennen zu lernen.

UniverMs-Uachrichten.

Dr. Willy Wien, ordentlicher Professor der Physik in Würzburg, ist, wie wir bereits mitteilten, an die Universität Leipzig berufen worden, wo durch Boltzmanns Rückkehr nach Wien ber erste Lehrstuhl der Physik und die Direktion der physika­lischen Universitätsanstalt frei geworden ist. 1864 in Ostpreußen geboren, erhielt Wien seine Schulbildung zu Rastenburg und Königsberg, studierte in Göttingen, Heidelberg und Berlin. Unter Wiens Lehrern waren die Physiker Helmholtz, Kirchhoff, Bunsen, Quincke, die Mathematiker Wererstraß, Kronecker, Schwarz, Fuchs und die Philosophen Zeller und Dilthey. MitUnter­suchungen über die bei der Beugung des Lichts auftretenden Ab­sorptionserscheinungen", wurde er 1886 von der Berliner philoso- phischen Fakultät zum Doktor promoviert. 1890 trat Wien als Hilfsarbeiter bei der physikalisch-technischen Reichsanstalt ein, bei

welcher er tm Jahre darauf eine Assistentenstelle erhielt. 1896 wurde Wien durch Den Profeffortitel ausgezeichnet. 1897 wurde er an die technische Hochschule in Aachen abgeordnet. 1899 wurde er als ordentlicher Professor nach Gießen berufen. Im Jahre darauf siedelte er in gleicher Eigenschaft nach Würzburg über, wo er Röntgens Nachfolger wurde. Die Arbeiten Wiens betreffen an erster Stelle den Ausbau der Lehre von der Erhal­tung der Energie, die Optik, Mechanik, Elektrizitätslehre.

Kunst und Wissenschaft.

Der reiche BUderschatz der Wormser Gemälde-Ausstellung hat, wie wir erfahren, eine neue Bereicherung an hervorragenden Werken alter und zeitgenössischer Meister erfahren. Und zwar be­steht diese Vermehrung in einer sehr interessanten Oelskizze, einer PietL von A. van Dyck und in einer Hafenlandschast von I. van (Sogen. Von Werken moderner Meister sind drei Thoma und ein Gabriel M ar hinzugekommen. Von dem Letztgenannten ein Mädchenkopf" (Oeldild); von H. Thoma zwei Oelbilder:Flora" undKonzertierende Engel auf einer Wolke" und schließlich von demselben Maler ein sehr interessantes Aquarell,Flucht der helligen Familie".

Aus Frankfurt schreibt man uns: Ter Kunstfalon Hermes hat seine Herbstsaifon eröffnet mit einer Sonderaus- stellung des holländischen Malers P. Eornelis de Moor, bestehend aus 21 Genre- und Landschastsbildern. Mit größeren Kollektionen sind außerdem vertreten Hans Thoma, Gustav Schönleber und Fritz v. Uhde. Emzelwerke der bekannten Meister, ivie Defregger, Leibl, Bocklin, I. v. Brandt, Max Liebermann, G. Max, L. v. Hof­mann rc. vervollständigen die reichhaltige Sammlung.

Leipzig, 2. Sept. Die Sammlungen für Klingers große Beethoven-Statue sind soweit gediehen, daß das Werk im Januar 1903 in den Besitz des städtischen Museums zu Leipzig übergeht.

Kopenhagen, 3. Sept. Wie demHonningsvaag" gemeldet wird, passierte das Hilfsschiff der Baldwin-Expedition Fridthjos" die dortige Außenrhede. Eine Verbindung mit dem Schiff erhielt man nicht.

Ktteratur.

Die eigenartigen Dämmeruugscrscheinungen, die aus manchen Gegenden gemeldet werden, und höchstwahrscheinlich durch die beim Ausbruch des Alont Pelse in die Luft geschleuderten Staub­massen hervorgerufen werden, erinnern wieder an die überaus prächtigen, einzigartigen optischen Phänomene, die bei, resp. nach dem furchtbaren Ausbruch des Krakatoa im Jahre 1883 auf der ganzen Erde beobachtet wurden. Diese Dämmerungserscheinungen bringt in einer geradezu musterhaften farbigen Illustration das Heft 10 des fchon jetzt außerordentlich populär gewordenen wissen­schaftlichen PrachtweckesWeltall und Menschheit". (In Ver­bindung mit hervorragenden Fachgelehrten herausgegeben von Hans Kraemer. Deutsches Verlagshaus Bong u. Eo., Berlin W. 57.) In Heft 9, 10 und 11 behandelt der bekannte Geologe Professor Dr, Sapper die Erforschung der Erdrinde, und bietet des Interessanten so viel, daß ein Aufzählen an dieser Stelle unmöglich ist. Wie Wind und Wetter, wie der ewig fideriröe Tropfen auf die Dauer zu einem mächtigen Bildhauer werden, bte die Züge im Antlitz der Erde verändern, dort Felsen zernagen, hier mächtige Steinblöcke aushöhlen und unterminieren, wird in den neuen Heften in mufter» gütiger Weise zur Darstellung gebracht. Vom Winde ausgehöhlte Gesteine, vom Regen durchfurchte Felsen, Gletscher und Gletscherwirtungen, Wellen und Wellenwirkungen, seltsame Ge- stemsformen und vieles andere ist in schwarzen und bunten Bildern wiedergegeben. Hochinteressant ist auch die farbige Tafel, die Himmel und Erde nach der eigenartigen Anschauung der Babylonier zeigt, mit der auf dem Wasser schwimmenden Erde und der darüber gestülpten Himmelsschale. Ganz besondere Verdienste erwirbt sich der Verlag dadurch, daß er Faksimiles seltener Bilder aus ver­gangenen Jahrhunderten.reproduziert. So enthält das Heft 10 ein Faksimile des ScheuchzerschenBeingerüst eines in der Sun dflut ertrunkenen Menschen" vom Jahre 1726. Hochwillkommen fein wird gerade jetzt, wo die abnorme Witterung das Interesse auf die meteorologischen Vorgänge lenkt, die in Heft 11 enthaltene große farbige Regenkarte, die die Verteilung der Regenmenge auf der Erdoberfläche sehr übersichtlich erkennen läßt. Gerade die Fülle der Illustrationen das Riesenwerk wird in seinen 100 Lieferungen deren 2000 enthalten macht dieses epoche­machende Buch so überaus populär.

Bon der Schwedin Selma Lagerlöf erwähnten wir dieser Tage die meisterhafte poetische ErzählungJerusalem" (Verlag von Alb. Langen in München). Heute möchten wir auf zwei weitere kleine Dichtungen dieser bedeutenden Frau aufmerksam machen, Astrid" undIngrid", die als Nr. 2 bezw. 9 und 10 der pro Nummer nur 20 Pfg. kostendenAllgemeinen Bücherei" m der Jos. Roth'schen Verlagshandlung in Stuttgart erschienen Jini). Diese kleinen Dichtungen sind naiv wie Volkslieder, jedes ein Stück großer Kunst. Jeder sollte die Werke dieser großen Dichterin lesen, denn jedem hat diese merkwürdige Frau viel zu schenken. In Heft 33 der neuen Münchener ZeitschriftFreistatt", einer kritischen Wochenschrift für mobeme Kultur, die wir auch allgemeiner Be­achtung empfehlen (Abonnementspreis vierteljährlich 2,50 Mk.), denn es kommt ihr in unserer Presse an Originalität und Aufrich­

tigkeit ber Tonart wohl nur HardensZukunft" gleich, sagt HanS Bethge sehr richtig : Tie Lagerlöf versteht es, Situationen von einer ungeheuren Bilblichkeit zu schaffen. Sie bat eine beneidenswerte Gabe, Menschen lebenbig werden zu lassen. Wir erkennen jebc Nuance ihrer Geberben, wir sehen ben Glanz chrer Augen und spüren die seltsame, zauberhafte Atmosphäre, in ber sie wie in einem Traume schreiten. Das Sonberbarste wirb in dem einfachsten, simpelsten Tone erzählt, als wäre es bas Natürlichste von ber Welt.

Landwirtschaft.

Friedberg, 1. Sept. In unserer Gemarkung, ja saft in der gesamten Wetterau treten in diesem Herbste die Feldmäuse in lolchen Mengen auf, das behördlicherseits das Stürzen sämtlicher Stoppeläcker und das Vergiften der Mäuse angeordnet worden ift f. Ans dem Vogelsberg, 3. Sept. Seit langen Jahren haben wir keine so späte Ernte wie die diesjährige gehabt. Die Sommerfrucht ist noch meistens grün, sodaß die Landwirte, um nicht müßig zu gehen, zur Grummeternte schreiten. Die Sch ul en haben noch keine Sommerferien gehabt und sollen des­halb an mehreren Orten Sommer- und Herbstferien, der vor­geschrittenen Jahreszeit halber, zusammengelegt werden.

Arbeiterbewegung.

Florenz, 3. Sept. Der allgemeine Aus st and ift gänz­lich beendet, auch die Metallarbeiter nahmen die Arbeit wieder auf, ausgenommen 200 frühere Arbeiter von Pignone, die infolge des Ausstandes entlassen sind. Die Werkstätten der Straßenbahn- Gesellschaft sind noch aus Gründen der Disziplin geschlossen. Die Stadt bietet wieder den gewöhnlichen Anblick.

Barcelona, 3. Sept. In £ en i a ist der Ausstand allge­mein. Tie Arbeiter der meisten industriellen Betriebe beteiligen sich am Streik. Die meisten Schiffe, welche im Hafen liegen, mußten, ohne ein oder ausgeladen zu werden, wieder abbampfen. Der Schaben, welcher ber Stadt hierdurch erwächst, ist enorm.

New-Uork, 3. Sept. Ein Telegramm aus Bramwell in Westvirginien berichtet, daß ein Zusammenstoß der ausstän­digen Bergarbeiter mit ber Polizei erfolgte, nachbem bie Ausständigen das Bergwerk von Pocahontes in Brand gesteckt hatten. Es wurden zahlreiche Schüsse gewechselt. Die Zahl der Opfer ist noch unbekannt.

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Märkte.

Limburg a. d. L., 3. Sept. Fruchtmarkt. Durch­schnittspreise pr. Malter. Roter Weizen 13.50 Mk., Weißer Weizen 00.00 Mk., altes Korn 00.00 Mk., neues Korn 10.46 Mark, Gerste 0.00 Mk., Hafer 6.51 Mk., Erbsen 0.00 Mk., Kartoffeln 0.00 Mk.

Wöchentliche tleberiicht der Todesfälle in der Ltadt Gießen.

35. Woche. Vom 21. August bis 30. August 1902.

(Einwohnerzahl: angenommen zu 26 400 (inkl. 1600 Mann Militär. Sterblichkeitsziffer: 24,09,

nach Abzug von 3 Ortsfremden 18,06 °/oo.

Kinder

Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden KrankhAt auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.

Es starben an: Zusammen:

Erwachsene:

im

vom

1. Lebensiahr: 2.-

-15. Jahr

Lungen-Tuberkulose

i

1

Krebs

1 (1)

1 (1)

Herzfehler

1 (1)

1 (1)

Leberentzündung

1

1

Nierenentzündung

1

1

Blutvergiftung

1

1

**

Bronchitts

2

1

1

Atrophie

2

2

Atersschwäche

2

2

Verunglückung

1 (1)

1 (1)

Summa:

12 (3)

9 (3)

2

1

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c) Herstellung von neuen Gräben ....... 163.20

d) Planierarbeiten............ 634.40 e) Lieferung von Basallsteinen ........ 3114. f) Lieferung von Kleinschlag......... 1150.

g) Ehaussierarbeiten..... 2574.

h) Auf setz en von Steinen....... 228.60

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Gießen, am 2. September 1902.

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

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