Nr. 179
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Drittes Blatt.
1SÄ. Jahrgang
Samstag 2. August 1903
GietzenerAnzeiger
** General-Anzeiger 67
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
vezugspret-r monatlich 75Pf., viertes iabrlich Mk. 2.20; durch Avhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch diePost Mk.2.— viertel- jährl. ausschl. Beslellg. Annahme von Anzeige« für die Tagesnummer bis vormittag- 10 Uhr. Zellenpreis: lokal 12 Pfaus wärt- 20 Psg.
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Zum Bürgerkriege aus KaM.
Aus Kap Haitien sind jetzt Briefe eingegangen, die über die Entstehung der gegenwärtigen blutigen Wirren erwünschten Aufschluß geben. Die Briefe, die zum Teil bereits durch die Thatsachen überholt sind, berichten folgendes:
„Der frühere Gesandte in Paris, Antenor Firmin, wurde Lei seiner Ankunft hier zu Anfang Mai mit Enthusiasmus von der Bevölkerung empfangen, und es schien, als ob er die besten Chancen für die bevorstehende Präsidentenwahl hätte. Wer als die Wahlen der Deputierten anfingen, benutzte der bisher mit Firmin befreundete, schon 80jährige General Nord, von einigen gewissenlosen Politikern ausgestachelt, die Gelegenheit, um für eigene Rechnung zu arbeiten. Er ließ die Wahllokale militärisch besetzen, und wer nicht in seinem Sinne votierte, wurde nicht zugelassen und mißhandelt. Freunde von Firmin protestierten gegen ein solches gesetzwidriges Verfahren, wurden aber schroff von General abgewiesen — ja auch die strikten Anweisungen der provisorischen Regierung in Port-au-Prince ließ er unbeachtet und fuhr fort, für sich zu agitieren. Am 27. Juni ließ der Wmiral Killick, der mit dem haitianischen Kreuzer „Crste-ä-Pierrot" vor Kap Haiti' lag, deswegen Nord einen Protest Fukonrmen, worin er drohte, die Stadt zu beschießen, falls die Wahllokale nicht sofort von Soldaten geräumt würden, und General Nord nicht dafür sorgte, daß die Deputiertenwahlen rul)ig verliefen und jede gewaltthätige Beeinflussung der Wahlen unterbliebe. Als Antwort darauf ließ Nord dem Wmiral Killick sagen, er sei ein Rebell und darum für „vogelfrei" erklärt worden. Killick, erbost über solche Antwort und durch ausgiebigen Kognakgenuß in die nötige Verfassung gebracht, ließ trotz allen Bittens von Firmin am folgenden Tage, dem 28. Juni, 200 Marinesoldaten landen und besetzte das Privat- haus seines Freundes Firmin, um ihn vor den Angriffen des Generals Nord und seiner Truppen zu schützen.
Es wäre zu dieser Zeit wohl noch den Anstrengungen der fremden Konsuln gelungen, Nord und Firmin vor einem blutigen Zusammenstoß zu bewahren. Wer einige Intriganten beredeten den alten Nord zu dem Versuch, mit Waffengewalt die Marinesoldaten aus der Stadt zu vertreiben — es entspann sich ein St r a ß en ka mp f, in dem viele Menschen um kam en. Um die Situation noch gefährlicher und für die Stadt schrecklicher zu machen, ließ Wmiral Killick von Zeit zu Zeit von seinem Kreuzer „Crste-ä-Pierrot" aus die Stadt feuern, glücklicherweise allerdings ohne viel Schaden anzurichten. Die Bevölkerung war außer sich vor Schreck und Wut, die Konsulate waren gefüllt mit geflüchteten Frauen und Kindern. Erst gegen nachf- mittags, auf flehentliches Bitten des Bischofs und Ersuchen der Konsuln, entschloß sich Firmin, sich an Bord des Kreuzers zu begeben, und damit hörten die Kämpfe dann auf. Auf dem Wege von seiner Wohnung nach dem Quai folgte Firmin und seinen Freunden ein blutdürstiger Pöbelhaufen, mit Mühe deckten seine Begleiter den von der wütenden Horde mit dem Tode Bedrohten; dennoch wäre er wohl ohne das Einschreiten einiger Konsuln, die Firmin mit ihren Flaggen deckten, vom Pöbel in Stücke gerissen worden. Wütend, daß ihr Opfer, noch vor einigen Tagen ihr Held und Kandidat, so entkam, stürzte die Volksmasse dann nach der Wohnung von Firmin und plünderte sie von Grund aus. Fenster und Thüren wurden ausgehoben, alle Möbel zerschlagen, aller Hausrat zertrümmert und alle Privatpapiere zerfetzt und aus die Straße geworfen. Gegen abend wurde die Stadt wieder ruhig. Am anderen Tage verließ Killick mit dem „Crote-ä-Pierrot" den Hafen, um nach dem Mole St. Nicolas zu gehen und dort zu kohlen.
Der Pöbel, nach dem Plündern von Firmins Wohnung in Stimmung gebracht, fing an, auf die Weißen zu schimpfen, und drohte, die fremden Kaufhäuser anzugreifen — alle Stores wurden geschlossen, und die Fremden mußten sich bewaffnen, um einen etwaigen Angriff zurückzuschlagen. Die Konsuln wurden öffentlich beschimpft, und da man fürchtete, daß Killick zurückkehren und die Stadt beschießen werde, versammelten sich bewaffnete Banden vor den Konsulaten, drohten Feuer anzulegen und zu plündern, wenn der „Crete-a-Pierrot" wiederkäme und die Stadt nochmals bombardierte. Als ob die Fremden die Schuld an diesen Gräuelthaten gehabt hätten! Auf telegraphisches Ersuchen der Konsuln, die sich in offenbar großer Gefahr sahen, kam nach einigen Tagen glücklicherweise ein amerikanisches Kriegsschiff, und natürlich verschwanden sogleich auch alle die großen Schreier, die. den Tod der Fremden gefordert hatten. Seitdem hat sich Firmin mit seinen Anhängern nach Gonaives begeben, wo er an dem Kommandanten des Arrondissements einen warmen Freund gesunden hat."
Deutsche Interessen sind stark engagiert in allen Hafenplätzen der Insel, wie Kap Haiti, Port-de-Paix, Gonaives, St. Marc, Port-au-Prince, Petit Goave, JörLmie, Aux Cayes und Jacmel, und zur Zeit stehen Millionen aus dem Spiele. Der Hamburger Platz ist ganz besonders in Haiti interessiert. Manchen unserer Leser dürste es übrigens interessieren, daß der jetzt schwer erkrankte greise Nibelungendichter WilhelmJordan in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine noch heute lesenswerte „Geschichte der Insel Haiti" und ihres großen schwarzen Sohnes Toussaint geschrieben hat.
Kunst und Wissenschaft.
)* Gieße», 1. August. Zum S e l b stmo rd des Fräulein Dr. phil. Elsa Neumann in Berlin durch Vergiftung mit einer Mischung von Cyankalium und Salpetersäure wird uns über die Eigenschaften dieses Giftes folgendes mitgeteilt: Der wirksame Bestandteil dieser Mischung ist die sich bildende freie Cyan- wasserstoffsäure. Obwohl Cyankalium an sich schon ein heftig wirkendes Gift ist, so ist die Einwirkung von Cyankalium und Salpetersäure wegen der entstehenden Blausäure auf den Organismus des Körpers eine viel intensivere, indem letztere einen schnelleren, aber immerhin äußerst qualvollen Tod herbeiführt. Tie Blausäure wird nämlich sehr rasch ins Blut und die Säftemassen aufgenomnren und den Organen des Körpers zugeführt. In rascher Aufeinanderfolge zeigen sich dann die Krankheitserscheinungen: Atmungsuot, Herzbeklemmung, Krämpfe, Bewußtlosigkeit, allgemeine Erschlaffung der Akuskelsysteme, Einstellen der Herzthätigkeit und Tod. Dieser tritt bei Anwendung einer größeren Dosts konzentrierter Blausäure meist sofort ein. Die ätzenden Eigenschaften der Salpetersäure, welche organische Stoffe leicht zerstört, bewirken Verbrennungen der Mundhöhle und Speiseröhre unter Bildung tiefer, äußerst schmerzhafter Wunden.
Die Zahl der Aerzte in Deutschland. Nach der letzten statistischen Mitteilung hat Deutschland 28174 Aerzte, 800 mehr als im vorigen Jahr. Davon haben 62 pCt. ein Einkommen von weniger als 3000 Mk. Es sterben jährlich etwa 500 und von der Universität gehen etwa 1350 in die Praxis. Wenn man bedenkt, daß das Medizinstudieren so gegen 12 000 Mk. kostet, so sprechen diese Daten eine traurige Sprache.
Eisenbahn-Zeitung.
Wetzlar, 31. Juli. In der letzten Handelskammersitzung teilte der Vorsitzende mit, im Eisenbahnministerium sei ihm erklärt worden, an den Bau der Strecke Wetzlar-Butzbach für den Fernverkehr mit Frankfurt könne nicht gedacht werden; es komme nur eine Nebenbahn in Betracht, für welche die Eisenbahndirektion Frankfurt bereits Sie allgemeinen Vorarbeiten ausführe. Betreffs
der von den Städten Wetzlar und Weilburg gewünschten 23er= bindungsstrecke mit Usingen und dadurch mit Homburg und Frankfurt a. M. tritt die Handelskammer erstens für den Bau der Bahn nach Hoheniolms-Gladenbach, zlveitens für den Bau der Bahn Usingen-Weilmünster und Grävenwiesbach-Brandoberndorf- Burgsoluis ein.
Stuttgart, 31. Juli. Der Verkehrsminister ordnete versuchsweise die Ermäßigung der Eisenbahnfahrtaxe für landwirtschaftliche Arbeiter an.
Süddeutsche Eisenbahn-Gesellschaft. In der auf bgrt 10. September einberufenen Generalversammlung der Süddeutschen Eisenbahn-Gesellschaft in Darmstadt handelt es sich auch um diL Genehmigung zum Erwerb der Konzession für eine normalspurige Nebenbahn von Ingelheim einerseits nach Frei-Weinheim bis cm den Rhein, andererseits nach Jugenheim und Partenheim und einer normalspurigen Nebenbahn von Station Hetzbach-Beerfelden der Odenwaldbahn nach Beerfelden, ferner um die Ermächtigung der Verwaltung, die für die beschlossenen Neubauten, die Fertigstellung der Linien Mainz-Wiesbaden und Mainz-Schierstein, sowie für Erweiterungen der bestehenden Anlagen und Vermehrung der Betriebsmittel erforderlichen Geldmittel durch Ausnahme einer Anleihe zu beschaffen.
Wirkung der 45tägigen Rückfahrkarten. Infolge der Verlängerung der Dauer der Rückfahrkarten hat sich im letzten Jahre die Zahl der zusammengestellten Fahrscheinhefte um über 50 pCt. vermindert, ebenso wie Sie Arbeit in den Dienststellen, von denen die Fahrscheinhefte verkauft werden. Einzelne dieser Dienststellen haben eingezogen werden können. Auch die Fahrgelderstattungsanträge sollen sich erheblich vermindert haben. Die Eisenbahrwer-- waltungen würden sich die Arbeit noch vielmehr erleichtern, wenn sie die Rückfahrkarten überhaupt abschaffen und dafür den Preis für die Einzelfahrt aus die Halile des Preises der Rückfahrkarten normieren würden. Daß die Entwickelung nach dieser Richtung drängt, zeigt auch die obige Erfahrung.
Warnung vor Fälschung
WAfllAl' in ^lleu noch ’n Pulvevform noch mit Kakao W üll vl gemischt, sondern
TI 111* ’n Flaschen mit eingeprägtem Namen ist T)f- HommeKa
U Haematogen echt. 5410
Vermischtes.
Gießen, 30. Juli. (Gewerbegericht.) Den Vorsitz führt Stadtverordneter Keller, als Beisitzer fungieren Schuhmacher- meister Karl Berg von hier und Zigarrenmacher Johannes Rudolph von Wieseck. Der Weißbinder Heinrich Diehl hier, verlangt von dem Weißbindermeister Philipp Horn dahier 9 Mark Entschädigung, well er ohne Grund und Kündigung entlassen worden sei. &er Beklagte wendet ein, daß Kläger ihm aufgetragene Arbeiten zu verrichten sich geweigert und daß er deshalb berechtigt gewesen, denselben sofort zu entlassen. Der Kläger bestrellet dies. Das Gericht erließ entsprechenden Beweisbeschluß.— In der zweiten Klagesache verlangt Ser Bäckergeselle Heinrich Kuhn hier vom Bäckermeister Wilhelm Löber hier 40 Mark Entschädigung wegen ungerechtfertigter Entlassung. Der Beklagte beantragt Klageabweisung, weil eine Entlassung überhaupt nicht stattgefunden. Sein, des Beklagten Vater, arbeite zeitweise in der Bäckerei mit und vertrete ihn. Der Vater habe dem Kläger gekündigt und sei dabei mit ihm überein gekommen, daß derselbe die Arbeit alsbald niederlegen könne. Er, der Beklagte, habe im Beisein des Klägers auf die Mitteilung des Vaters hin, sein Einverständnis erklärt. Kläger wendet ein, daß er dem Vater des Beklagten gegenüber wohl gesagt, er werde alsbald gehen, allein derselbe habe gar kein Recht, ihm zu kündigen, dies habe nur der Meister zu thun. Aiis der Verhandlung war zu entnehmen, daß Löber sen. an der Bäckerei noch beteiligt und daß derselbe sehr oft in derselben beschäftigt ist. Die Mitgesellen des Klägers halten auch den Vater des Beklagten, wenn er in der Bäckerei thätig ist, für den Vertreter seines Sohnes. Das Gericht hat die Klage kostenfällig abgewiesen, weil es annahm, daß Kläger mit der alsbaldigen Arbeitsniederlegung einverstanden gewesen und daß er auch gewußt, daß der Vater des Beklagten dessen Vertreter im Geschäfte ist.
Plaudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Berliner Segelkünste. — Windkundige Papiersegel. — Der Roland als Mumie. — Theaterschau.
Wenig große Städte sind für den Wassersport so begeistert und durch ihre Lage dafür auch so geschaffen, wie unsere Millionenstadt an der Spree. Ueberall Havelarme, Kanäle, und Seeen, unter letzteren wahre Prachtstücke wie der Wannsee, zwischen Berlin und Potsdam, und der bei Cöpenick gelegene Müggelsee. Wehre find nicht vorhanden. Der Weg ist also frei, für tagelange Furten sogar; hohe Ufer sind gleichfalls nicht da; der Wind findet daher kein Hindernis, um frisch in die auf gespannten Segel zu blasen. Und eine frische Brise ist es ja gerade, die des Seglers Herz erfreut. Niemals sah ich betrubtere Gesichter, als jüngst in Helgoland, als wir eine Meile von der Insel fort waren und der Wind Plötzlich abflaute,, so daß unsere biederen Schiffer zu den schweißkostenden Rudern greifen mußten! Aber dieser Wind ist es auch, der den Berlinern so oft gefährlich wird, wenn sie aufs Wasser gehen! Alle Schichten der Bevölkerung stellen ihr Kontingent zu der großen Armee der Berliner Wasserfexe; aber mit wenigen Ausnahmen verbindet sie alle die eure trostlose Eigenschaft, daß sie von der Kunst des Segelns herzlich wenig verstehn- so wenig, daß im Momente einer kleinen Gefahr gewöhnlich ein großes Unglück geschieht. Die letzten Tage haben davon wieder sattsam Beispiele gegeben. .Auf dem Seddinsee, der noch etwas hinter dem als gefährlich verschrieenen Müggelsee zu finden ist, hat eine ganze Reche von Bootsunfällen stattgefunden, auf der Ober^pree ist ein Arbeiter das Opfer der Fluten geworden; bei Tegelort Ware beinahe ein Offizier ertrunken — und so geht es weiter, den ganzen Sommer hindurch, sobald der Wind die Backen nur einmal ein bischen voller nimmt, Opfer auf Opfer! Die etwas protzige Talmi-Renommage, daß der echte Berliner tn der Schule nichts gelernt hat und nachl)er doch alles versteht, wird auf dem Wasser böse zu Schanden. Denn wenn man
bedenkt, daß in Helgoland, das wegen seiner prächtigen Segelfahrten berühmt ist, feit vollen 15 Jahren überhaupt kein Bootsunglück stattgefunden hat, und dagegen die Berliner Liste betrachtet, so muß man wohl oder übel zugeben, daß die SchulS einzig und allein nicht an der Tücke der Elemente draußen, sondern an dem Leichtsinn der Elemente drinnen, die Segel und Steuer regieren'wollen, und es doch nur mangelhaft verstehn, liegt. Trotz aller Wildheit ist der Müggelsee nicht schlimmer als die Nordsee, was auch die Salon-Theerhosen behaupten mögen. Jedenfalls wäre es angezeigt, niemanden als Führer eines Segelbootes aufs Wasser zu lassen, der nicht einen Befähigungsnachweis erbringen kann. Giebt man doch auch Jagdscheine nicht an Leute, die mit der Flinte Unheil anrichten könnten.
Viel besser auf Wind und Wetter versteht man sich in Berlin auf manchen Zeitungsschreibstuben. Die großen Wetterwarten an der Zimmerstraße reffen die Segel ein und warten still ab, was werden wird, sobald einmal ein plötzlicher Stoßwind kommt, wie der aus Posen, den man den „Fall Löhnin g" genannt hat, und der doch typisch ist für eine ganze Reihe ähnlicher Vorfälle, die der böse Kastengeist inszeniert, in Posen wie in Berlin und überall in Preußen. Wird doch selbst aus unseren Kolonieen mitunter bitter Klage geführt, über die allzu gewissenhafte Absonderung der einzelnen Beamtenklassen von den nächst unteren Rangklassen sowohl, als auch anderen, nicht mit Rang und Titel ausgezeichneten Landsleuten, die als Pioniere der Kultur vielleicht emsiger und vor allem erfolgreicher wirken, als dieser und jener Halbgott, dem der heimatliche Boden heißer schien als der unbekannte vstafri- kanische! Der Fall Löhning, die Pensionierung des Posen- schen Provinzialsteuerdirektors wegen seiner Verlobung mit einem Mädchen, der die Posener Schildbürger nichts weiter nachsagen können, als daß ihr Vater, der jetzt Regierungssekretär ist, einmal Feldwebel gewesen, erregt ganz Berlin in unglaublicher Weise. Die „Vorwärts"-Nummer vom Dienstag, die den Fallt mit einem selbstverständlichen Be
hagen ausschlachtet, war abends nur noch für doppelt- und dreifaches Geld zu haben. Die Zeitungen aller Parteischattierungen sind sich einig über das Verdammenswerte dieser Machinationen, bis auf die „Staatsbürgerztg.", die den Kernpunkt und die tragische Schuld m der Unterlassung der Konsenzeinholung bei Exzellenz v. Rheinbaben gefunden hat, und den „Lokalanzeiger", der sonst mit der Schnelligkeit seiner Berichterstattung prahlt, und hier, müde nachhinkend, den Fall „objektiv" und ohne jede eigene Glosse, weit hinten in der Beilage versteckt, sozusagen verschämt, zur Kenntnis bringt. Freilich bringt er als Ausgleich im Hauptblatt ein gesinnungsvolles Artikelchen über Den Rolandsbrunnen, der als Abschluß der Siegesallee nach Süden hin demnächst enthüllt werden soll, heute aber mit seinem Baugerüst darumher und der durch Lappen verhüllten Statue, die wie eine riesige Mumie anmutet, nichts weniger als angenehm wirkt. „Schon jetzt", plaudert der schielende Scharlatan, der da als Beobachter thätig war, „schon jetzt, da noch die Hülle die gewaltige Rolandfigur deckt, präsentiert sich der über elf Meter hohe Gesamtaufbau sehr wirkungsvoll als monumentaler Abschluß der Sudseite usw." Hoffentlich wird er nicht blind, wenn die Hülle gar erst gefallen ist.
Von unseren Theatern, die nach kurzer Pause den Vorhang wieder aufrollen lassen, setzt Paul Lindau im „Berliner Theater" wieder mit dem unverwüstlichen „Alt-Heidelberg" ein, das seinem Autor bislang schon 326 000 Mark Tantiemen getragen. Auch das „Deutsche" und das „Lessing-Theater" fangen mit alten Zugstücken an. Im „Carl Weiß-Theater" dagegen kommt man, allerdings erst an fang September, mit einer aktuellen Novität „Die letzten Tage der Antillen" heraus, in der selbstverständlich das Unglück von Martinique das Glück des Direktors machen soll. Man sieht, und wird an den vollen Septemberhäusern des „Carl Weiß-Theaters" sehen, daß wir noch immer nicht mit einem Ueberschuß von gutem Geschmack in der „Metropole der Intelligenz" wirtschaften. 2l. N.


