Netto rS Vorlesungen hären, sodaß d« Gesamtzahl der Berechtigten 1183 beträgt. Das Großherzogtum Hessen ift mit 18 vertreten. Die Zahl der Westfalen ist von 135, darunter 65 Juristen, im vorigen Winter auf 117, darunter 34 Juristen zuruckgegangen. Die neugegründete rechts- und staats- rvisienschastüche Fakultät der Universität Biünster macht sich also naturgemäß etwas fühlbar, doch nicht in dem Grade, wie anfangs verschiedentlich befürchtet wurde. Non den «außerdeutschen europäischen Staaten ist Rußland am stärksten wtt 15 vertreten, eS folgen Großbritannien und die Schweiz mit je neun. Non außereuropäischen Ländern kommen nur iAften mit 2 und Amerika mit einem in Betracht.__________
Gerichlssaal.
Wn Hypnotiseur vor Gericht. In Insterburg hatte sich der r6ugge|"tor* Weltmann vor der Strafkammer wegen fahrlässiger liörperverletzung zu verantworten, wurde aber freigesprochen, da ihm zu feinen Experimenten, bei denen bedauerlicherweise die Gesundheit eines jungen, nervösen Menschen schwer geschädigt wurde, die Erlaubnis von kompetenten Behörden erteilt worden war. Bei der Verhandlung kam nachstehender Vorfall zur Sprache: Weltmann gab in Insterburg eine Vorstellung, bei welcher der Primaner Lau neben anderen Personen stark in Anspruch genommen wurde. Lau mußte sich zunächst ,m einem Friseurgeschasl als Df. Hi0<l. rasieren lassen", dann mußte er in Gemeinschaft mit dem Studenten Jacobsohn den Zuschauern Gegenstände aus der Tasche stehlen, sich aus das Kommando „Polizei kommt" nieber- legen und aus das Kommando »Polizei fort" wieder aufstehen. In Gemeinschaft mit Jacobsohn und Primaner Gultzeit pumpte er als Feuerwehrmann an Stühlen. Ferner stellte Guttzeit ein kleines Kind dar, welches auf dem Schooß der Amme (des Lau) saß. Endlich sollte Lau ein Glas Wasser, welches er in der Hand hielt, nicht zum Munde führen können, da ihn Weltmann dahin suggerierte, daß ihm der Arm steif sei. Nachdem die Experimente beendet waren, wurde es Lau sehr heiß, er riß den Strogen ab und rief nach frischer Luft. Während die anderen Versuchsobjekte Schaden an ihrer Gesundhett nicht litten, haben die Experimente aus den Geisteszustand des Lau einen überaus nachteiligen und folgenschweren Eindruck gemacht. Er wurde tobsüchtig und mußte der Anstatt des Professors Meschede in Königsberg zugeführt werden. Nach vier Monaten Hal er zwar wieder entlassen werden können, jedoch ist er geistig noch nicht so weit wiederhergeslellt, daß er einen Beruf wählen oder sich zweckmäßig beschästigen konnte. — Nach dem Gutachten zweier Sachverständigen kann indessen ein wirklich gesunder Mensch durch die in Rede stehenden Experimente nicht alteriert werden. Lau hatte aber bereits früher Anlagen zu Geistesstörungen gezeigt und war schon vorher sehr erregt, vielleicht auch überarbeitet, doch mußte zugegeben werden, daß die Experimelste die bereits vorhandene Erregung so gesteigert haben, daß sie zu seiner dauernden Geisteskrankheit sich gestaltete.
Arbeiterbewegung.
Leipzig, 29. Roo. Die Versammlung des deutschen Arbeitgeberbundes für das Baugewerb e erhob Einspruch gegen weitere Belastung der Arbeitgeber durch ein neues Versicherungsgesetz und beantragte beim Reichstag und Bundestag baldige Aen- derung des 8 34 der Unsalloersicherung. Als Ort für die nächste Taguiig wird Stuttgart bestimmt. Tie Versammlung beschloß, in möglichst vielen Städten geregelte Arbeitsnachweise einzurichten, sowie Sei den Regierungen die Einführung einer genauen umschriebenen Ausstandsklausel in die Bauverträge nachzusuchen. Tie Teilnahme der Arbeiter bei der Kontrolle der Bauten wurde abgelehnt.
Marseille, 80. Nov. Die SchifstahrS-Gesellschasten, welche mit dem Kustendienst beauftragt find, haben bisher keine Antwort erhalten aus ihr Gesuch, der Minister möge ihnen zur Sicherung des Dienstes Staats-Personal zur Verfügung stellen. Wie aus amtlicher Quelle mirgeteitt wird, beabsichtigt der Minister, das Gesuch formell abzulc. nen, da es augenblicklich nicht angängig sei, Heizer und Maschinisten der Kriegsflotte zu entnehmen. Außerdem wird versichert, die Regierung betrachte den jetzigen Konflikt nicht als einen Fall höherer Gewalt und der Handelsminister werde infolgedefsen die Schifffahrts-Gesellschaften aufsordern. den Postdienst zu sichern. In Marseille hat sich die Lage bedeutend verschlechtert. Tie Alannschasten sämtlicher m den Hasen einlausenden Schiffe schließen sich sofort den Ausständigen an. Tie fremden Konsuln haben mfolgedeffen chre respektiven Regierungen von dem Zustande benachrichtigt und gebeten, den Paffagieren mitzutellen, daß sie in Marseille keine Gelegenheit finden, weiter zu reifen. Die meisten Reisenden begeben sich infolgedessen nach Genua.
Cherbourg, 30. Noo. Infolge Vermittelung der Friedensrichter erklärten sich die Ausständigen und Arbeitgeber zu gegenseitigen Zugeständnissen bereit. Die Arbeit wird morgen wieder ausgenommen.
London, 30. Noo. Tie Blätter fonnatieren, daß sich die Zahl der Arbeitslos en auf über BuO 000 beläuft Hiervon haben etwa 30 000 nicht einmal eine Schlasgelenheu und müssen unter den Bögen der Themse-Brücke nächtigen. Die Regierung wird ersucht, dieser Lage abzuhelfen.
Liligesundt.
(Für Form und Jnhatl untt uuut dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Zu der Brotpreisfrage in unserer Stadt haben bisher verschiedene Herren sich im „Gieß. Anz." geäußert, ohne aber aus den eigentlichen Siem der Sache einzugehen. In einem der Artikel war den Konsumenten dieses notwendigsten Nahrungsmittels gesagt worden, daß die Gießener Bäcker nicht nur deutschen Roggen und Weizen zur Herstellung von Backwaren verwenden. Dies ist den Broteffern nichts Neues. Tenn auch in anderen deutschen Landen werden Brot und Wecken so bereuet Weiterhin ergriff sogar em Bäckermeister aus Köln a. Rh., der früher in Gießen Brot gebacken hat, das Wort Er ist aber ebenfalls in seinem Eingesandt um den springenden Punkt herumgegangen, weshalb es notwendig erscheint, diesen springenden Punkt einmal deutlich zu bezeichnen, bamU nicht etwa der Verdacht unterläuft, als ob em Anonymus den Broierzeugern den ihnen berechtigter Weife zukommenden Verdienst nicht gönne. Gedenken wir zuerst der Thatsache, daß in der ersten Versammlung der Gießener Backer- meister einige der Herren den Standpunkt vertraten, ihre Gewerbs- genossen köimten bei den heutigen billigen (betreibe- und Mehlpreisen den oierpfünbigen Laib Brot um vier Pfg. — nicht um zwei Pfennig, rote ber Stadtv. Köber irrtümlich erklärte — billiger an das Publikum abgeben. Durch diese Thatsache ist roohl be- roiesen, daß ber jetzige Preis des Gießener Brotes zu hoch ist. Thatsache ist weiter, daß in allen Zweigen des Handels und des Gewerbes m unserer Stadt die gegenseitige Konkurrenz zu Gunsten der Konsumenten auf die für eine Ware zu zahlenden Preise em- roirfL Unter den Bäckern in Gießen besteht aber keine Konkurrenz, denn es ist ja m der ganzen Stadt bekannt, daß sich unsere Bäcker vollkommen einig sind, ober, um mit dem Stadtv. Krumm zu reden, ein — wenn auch nur kleines — Ringelchen bilden. Ferner ist bekannt, daß unsere Bäcker diejenigen Backwaren, welche sie nach dem Lande hinausliesern, zu billigeren Preisen ab- geben. Dabei tft wohl zu bedenken, daß die Speien für Pferd, Wagen und Knecht das auswärtige Geschäft der Bäcker mehr rote das hiesige^belasten.
Die Stadt Gießen bezog cm Oktroi aus Mehl und Backwaren
jährlich 14 500 Mark. Durch Beschluß der Stadtverordnete, wurve Mitte Juni 1898 diese Abgabe aufgehoben. Damals erklärte ber einzige Gegner dieser Maßnahme in der Versammlung der ctabt» verordnete Löber: ,Tie Aushebung des Oktrois bedeute ein Geschenk an die Bäcker". Bei der heutigen Lage des Brotmarkies in unserer Stadt ist es thatsächttch auch jo. Bet jener Heuanb- lung in der Stadtverordnelen-Verjammiung wegen Aufhebung de» Oktrois auf Bactware, brachten die Befürworter der Maßregel zum Ausdruck, daß die durch die ungehemmte Einfuhr der'Backwaren m unserer Stadt geschaffene Koiikurrenz auf die Brotpreise schon mit der Zett Einfluß gewinnen würde. In Rücksicht auf das fort- geiallene Oktroi, welches nach Ansicht eines berufenen Vertreters der Gießener Bäcker, für diese em Geschenk von jährlich 14 500 Mark in barem Gelde bedeutet, ist^ es nur em Akt ber Gerechtigkeit und ber Billigkeit, wenn die Sozialpolitische Kommission und banach die Stadtverordnetenversammlung den m Aussicht gestellten Antrag unseres Oberbürgermeisters annimmt, der dahin geht, Backwaren, rote dies in anderen Städten auch bet Fall ist, zum Verkauf auf denWochenmärkten zuzu- l o| fen.
Ein Moment, welches übrigens bei dieser Frage noch in» Gewicht fällt, ist, daß die Gießener Bäcker bis zur Aufhebung des Oktrois, jährlich ganz erhebliche größere Wlengen Backwaren aus der Stadt ausgefuhrl haben, als von den Landbäckern emgeiubrt wurden, und man kann mit Sicherheit annehmen, daß dies heute ebenfalls noch der Fall ist. Wenii aber den Bäckern m den Tor- fern der Umgegenb der Wettbeiverb ihrer Kollegen aus der Stobt recht sein muß, dann soll umgekehrt den Gießener Bäckern die Konkurrenz der Gewerbegenossen vom Lande billig sein, und um so mehr sollte unsere städtische Venvaltung nicht zögern, diesem geschlossen oorgehenden Gewerbe gegenüber durch Freigabe der Wochen- martie sür Brot und Backware Kotikurteiiz zu schaffen, wo sie nur kann. Tamit wird ein Vorteil erzielt werden iur die weiteste Allgemeinheit. Teiin niedrige Nahrungsmittelpreise, und besonders billiges Brot, bilden einen Faktor, mit dem m jeder Industriestadt, und das ist ja unsere Vaterstadt, gerechitet werden muß.
Kirchliche Nachrichten.
Evangelische Gemeinde.
Montag, den 1. Dezember, abends 8 Uhr, Bibelstunde im Konfirmandensaal der Iohanneskirche. 1. Johannesbries, Kap. L. Vers 18—27: Der Schutz wider die Widerchrislen.
Pfarrer Dr. N a u m a n n.
Dienstag den 2. Dezember, nachmittags 5', Uhr: Vereinigung der neukonfirmirten Mädchen der Lukasgemeinde im Konfirmand«- saale der Iohanneskirche. Pfarrer Euler.
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