Ausgabe 
1.8.1902 Erstes Blatt
 
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aus der Wilsou-Stiftuug diesmal ungeteilt den K i n d e r- h orten (die für warmes Frühstück in den Schulen sorgen) )u überweisen; für die Lesehalle dagegen, die bisher aus der Stiftung den Teilbetrag von 200 Mk. bezog, ist im Etat ein dauernder Posten von 400 Mk. vorgesehen. Dem Stadtgeometer wurde wegen der, mit der Fortführung des Grundbuches verbundenen Mehrarbeit ein Gehalts- zufchuß bewilligt. Es wurde dann beschlossen, das Stadtbauamt vom 1. Oktober ab in ein Hoch- und Tiefbauamt zu teilen; zum Vorsteher des Tief­bauamtes wurde der Ingenieur Adolf Braubach gewählt, der seit dem 1. April v. I. als Vertreter des Ober­baurats Schmick aus Frankfurt unter dessen Oberleitung mit der Ausführung der Sielbauten betraut war, und sich in diesen anderthalb Jahren als durchaus tüchtig und im Vermehr mit dem Publikum als sehr zuvorkonunend bewährt hat. Von Oberbaurat Schmick, unter dessen Leitung der Neugewählte länger als acht Jahre thätig gewesen ist, ist er aufs wärmste empfohlen worden. Bürgermeister Mecum teilte endlich noch mit, daß der Militärsiskus beabsichtige, an der Grünbergerstraße zwischen der Kaserne und dem Schützen­haus ein Gebäude für 12 verheiratete Unter­offiziere zu errichten, und daß die Verhandlungen hierüber zu einem zufriedenstellenden Resultat führen würden.

** S)ie Volkslesehalle am Seltersweg erweist sich Heute schon als viel zu klein für die große Anzahl der Be­sucher. Es wird deshalb notwendig werden, andere geeig­netere Räume für dieses, so überaus nützliche Institut zu beschaffen.

** Dr. Friedrich Grein, der, wie gemeldet, zum Stadtpfarrer in Darmstadt ernannt worden ist, ist ein Sohn des in Darmstadt im Jahre 1888 verstorbenen Hofpredigers Ernst Grein. Dr. Grein absolvierte das Darmstädter Gym­nasium, machte im Sommer 1889 zu Gießen sein Fakultäts­examen und bestand, nachdem er in Hannover seiner Mili­tärpflicht genügt hatte, im Soinmer 1892 die hessische theologische Schlußprüfung mit sehr gutem Erfolg. Im Herbst desselben Jahres wurde Dr. Grein zum Pfarrver­walter in Gießen ernannt, wo er seither, im August 1895 definitiv angestellt, als Pfarrer an der Markus- und Mili- tärgemeinde, die ihn nur sehr ungern scheiden sehen, als be­liebter Prediger wie treuer Seelsorger segensreich gewirkt hat. Mit Dr. Greins Ernennung zum Pfarrer in Darmstadt wurde, wie dieDarms!. Ztg." hört, einem Wunsche des Kirchenvorstandes der Stadtgemeinde entsprochen, der ihn für die durch die Berufung des Pfarrers Petersen ins Oberkon­sistorium frei gewordene Pfarrslelle einstimmig in Vorschlag gebracht hatte.

** Personalien. Ter Großherzog hat dem Assistenten dm chemischen Institut und Prioatdozcnten für pharmazeu­tische Chemie an der Technischen Hochschule Dr. Georg Heyl den Charakter als Professor erteilt. Ernannt sind Otto Thömsgen zum 2. Landwirtschaftslehrer an der land­wirtschaftlichen Winterschule zu Darmstadt und Dr. Rein­hold Wetz zum 2. Landwirtschaftslehrcr an der landwirt­schaftlichen Winterschule zu Heppenheim.

Als Nachfolger des als Provinzialdirektor nach Gießen versetzten Ministerialrats Dr. Breidert ist, wie es jetzt heißt, außer dem Friedberger Kreisrat Fey der Obcrreg.-Rat und vortragende Rat im Ministerium des Innern, Karl August Weber, ein Sohn des verstorbenen Frnanzministers Weber in Aussicht genommen.

** Bläsers K ine rnatograph. Heute und morgen abend nach Schluß der 9 Uhr-Vorstellung, findet eine be­sondere Vorstellung für Herren statt, in der Ope­rationen, die von Pros. T o y n - Paris kürzlich vorgenom- meu worden sind, dein Publikum mittelst des Kinernato- graphen vorgeführt werden.

I? Die Ausführung der elektrischen Beleuch- trrngs - Anlage für das Provinzial - Arre st Haus wurde dem Vertreter der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft Berlin, Karl Graf hier, übertragen.

Gelände-Verkauf. Der Bauunternehmer Winn erwarb den Röder'schen Bauplatz in der Liebigstraße für 34 000 Mk. Der Preis soll sich auf den Quadratmeter über 20 Mk. stellen.

[] Arbeiter-Entlassungen stehen nach der nun­mehr erfolgten vorläufigen Fertigstellung der Bahnhofs­umbauten in Aussicht. Wir hören, daß vorläusig gegen hundert Arbeiter brotlos werden, resp. gelungen sind, sich eine andere Unterkunft zu suchen, was bei dem augenblick­lichen schlechten Gange des Baugewerbes nicht gerade leicht sein wird.

§ Wenn die Schwalben heimwärts ziehen ... Weit früher als sonst wollen uns Heuer unsere lieben, ver­trauten Gäste verlassen. Die Turm- und Mauerschwalben, die noch vor wenigen Tagen die Lüfte durchsegelten, haben sich bereits verabschiedet und den sonnigen Süden aufgesucht. Nur ein geringer Teil der sanften Tierchen blieb als Nachhut einstweilen noch zurück. Der fröhliche Vogelsang, der im Frühling und Frühsornrncr das Menschenohr ergötzte, ver­stummt allgemach. Nicht wenige der gesiederten Sommer­gäste, die erst im April ober gar zu Anfang des Mai bei uns Einzug hielten, werden in aller Kürze van unwidersteh­lichem Wandertriebe ergriffen. Den Reigen eröffnet stets die Turmschwalbe. Bald folgen Uferschwalbe, Ortolan und Wendehals. Freund Klapperstorch, der alte Reiseonkel, rüstet sich schon zur Abreise. Täglich veranstaltet der stolze Stelzen­gänger mit seiner vielköpfigen Vettern- und Basenschaft längere Konferenzen, wobei bekanntlich die Abreise beraten wird. Pirol, Wiedehopf, Rohrdroffel, Wachtelkönig und der Würger oder Neuntöter entfliehen kurz nach dem Abschiede Adebars nach alter unwandelbarer Naturordnung.

k. Kirchgöns, 31. Juli. Für Landwirte von In­teresse dürfte jein, daß der Landwirt und Bäcker Joh. Conr. Belte hier einen fremdländischen Weizen gesät hat, der an einem Halm 810 Aehren zeigt. Tas Ergebnis der Körner soll das vierfache sein. V. hat einen ganzen Morgen davon am Halme stehen.

?? Crainfeld, 31. Juli. Seit dem 29. Juli ist der hiesige, in den 70er Jahren stehende Taglöhner Johannes Neuner verschwunden. N. soll von dem Markt in Bermuthshain nicht wieder nach Hause gekommen sein. Die Angehörigen suchen nach ihm, bis jetzt aber ohne Erfolg. Wie man gehört hat, soll er in der Nähe von Wächtersbach gesehen worden sein, um nut bei Bahn in der Richtung nach

Hanau ober Frankfurt a.M. zu fahren. Etwas Geld hat er mitgenommen.

§ Aus dem Rodgau, 31.Juli. Die Maulwurfs- Fellch en sind neuerdings im Rodgau und wohl auch ander­wärts ein beliebter Handelsartikel geworden. Leipziger Firmen stehen schon seit einiger Zeit mit Maulwurfsfängern wegen Lieferung der Fellchen in Unterhandlung. Der anfängliche Preis von 6 Pfg. ist bereits auf 10 Pfg. per Fellchen ge- tiegen. Die begehrten sammetweichen Maulwurfsfellchen wandern in die Petzwarenfabriken und kommen dann unter verschiedenen Namen als Pelzartikel in den Handel. Der erwähnte Preis ermuntert die Maulwurfsfänger natürlich zur eifrigen Verfolgung des nützlichen Höhlenbewohners; die neue Erwerbsquelle gereicht indessen der Landwirtschaft keines­wegs zum Nutzen.

Darmstadt, 31. Juli. Im hohen Alter von 85 Jahren ist hier vor wenigen Tagen der ehemalige Kanzleirat Christoph Mendel verschieden. Ter Verstorbene war zuletzt lange Jahre auf der Großh. Hofbibliothek thätig und vor einer Reihe von Jahren m den Ruhestand getreten. Wie das Darmst. Tgb." mitteilt, wird der seitherige englische Ge- an dte am Großh. Hofe demnächst Darmstadt verlassen und )ie Gesandtschaft aufgelöst werben.Vor 50 Jahren, im Jahre 1852, betrug bie Höhe ber Gemeindesteuern im damaligen Darmstadt 28 700 fl., in Bessungen 1600 fl., zusammen 30 300 fl. oder 51943 Mk. Im laufenden Jahre beträgt bie Summe der Gemeindesteuern 1 980 750 Mk. In 1852 hatte Darmstadt-Bessungen ungefähr 30 000, jetzt hat es ungefähr 75 000 Einwohner. Während sich die Einwohner­zahl in diesem halben Jahrhundert also nur um das 2 fache vermehrt hat, beträgt die Vermehrung der Gemeindesteuern etwa das 38fache.

Darmstadt, 30. Juli. Die Taten des Beginns ber Darmstäbter Theater- und Konzertsaison im nächsten Winter sind nunmehr festgesetzt. Das Hoftheater wird am 7. September seine Pforten wieder öffnen und un- ere ersten Konzertinstitute gedenken ihre Eröffnungskonzerte an folgenden Tagen zu veranstalten: der Richard Wagner- Verein am 6., die Großh. Hofmusik am 13., das Darm- täbter Streichquartett am 25. und der Musikverem am 27. Oktober, der Männerchor Humanitas am 3. und der Mozart- Verein am 19. November.

Mainz, 31. Juli. Die Hierh erkunft des Kaisers ist, wie dasMainz. Tagbl." meldet, wieder sehr raglich geworden. Auf jeden Fall aber wird die zuerst in Aussicht genommene Truppenschau nicht abgehalten. Wie mitgeteilt wird, wollte der deutsche Kaiser bei der Truppenschau hauptsächlich dem König von Italien das 13. Husaren-Regiment, dessen Chef der König von Italien ist, vorführen. Abgeänderte Reisedispositionen ver­hindern jedoch den König von Italien, um die betreffende Zeit nach Mainz zu kommen und er wird sich deshalb nach dem am 7. August beginnenden Brigade-Exerzieren der Husaren auf dem Griesheimer Sand die Offiziere dieses Re­giments in Frankfurt a. M. auf dem dortigen Bahnhof wahrend seiner Durchreise vorstellen lassen. Ob der deutsche Kaiser trotzdem nach Mainz kommt, um die mili­tärischen Neubauten zu besichtigen, ist noch unentschieden.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In einem Wäldchen nahe der Stadt Würzburg wurde ein Manu Namens Hermann Bentheim aus Bensheim erhängt ausgesundcn. In seinen Kleidern anden sich noch ca. 120 Mk. bar sowie eine goldene Taschen­uhr. Nach dem Polizeibericht liegt Selbstmord vor. Die Ursache dürfte Krankheit sein. Lord Salisbury begiebt ich, wie dieDaily Mail" meldet, sofort nach der Krönung nach Homburg und besucht von dort aus noch andere Teile Deutschlands. In der Arbeiterkolonie Neu- Ulrichstein befanden sich im Juli 54 Manner, davon 10 aus dem Großh. Hessen. In Homburg brach in dem am Kurgarten gelegenenHotel Minerva" in einer Man- arde Feuer aus, das schnell sich über den ganzen Tachstock verbreitete und denselben zerstörte. Tas angrenzendeHotel Bellevue" blieb infolge rechtzeitigen Eingreifens der Feuer­wehr von den Flammen verschont.

Vermischtes.

* Flensburg, 31. Juli. Ein mit Eisenbahnschienen beladener Wagen fuhr in einen auf dem Flensburger Bahn­hof stehenden, aus Satrup eingetroffenen Personenzug hin­ein, dessen Insassen die Wagen eben verlassen hatten. Ein Wagen wurde zertrümmert, ein anderer ans dem Ge­leise geworfen. Zwei Bahnbeamte wurden erheblich ver­letzt. Die Untersuchung ist eingeleitet.

* Lands berg a. W., 31. Juli. In einem Abteil 1. Klasse des von Berlin kommenden Zuges wurde ein etwa 25 jähriger, gut gekleideter Passagier erschossen aufgefunden. Ter Tote lag in den Polstern des Ecksitzes, während der noch fünf Geschosse enthaltende Revolver der Hand entglitten war. Die tötliche Kugel ist dem Lebens­müden mitten in das Herz gedrungen. _ Ein bei der Leiche Vorgefundener Losungsschein lautet auf den Namen eines Ingenieurs Gottfried Bruno Reinhold. Geld oder sonstige Wertsachen wurden nicht vorgefundcu. Dagegen hatte Rein­hold einen Brief hinterlassen, aus dem hervorgeht, daß der Pfarrer in Mehlsack (Ostpreußen) für die Beerdigung Sorge tragen werde. In dem Schreiben befindet sich außer­dem folgender Passus:Um vagen Vermutungen die Spitze abzubrechen, und zugleich die Recherchen nach der Ursache meines Selbstmordes als vergeblich hinzustetten, erkläre ich, daß ich ein Opfer des in bekannter Weise auszufüh­renden amerikanischen Duells bin und mich ver­pflichtet habe, bis Mitternacht zum 28. Juli mich in das bessere Jenseits zu befördern." Anscheinend hat der Selbst­mörder vor Ausführung der Thal alles vernichtet, daraus man seine Identität genauer feststellen könnte; denn in dem Abteil sah man zahlreiche Papierschnitzel, die offenbar von zerrissenen Briefschaften herrühren.

Prag, 31. Juli. Bei einem Neubau in der Nähe der hiesigen russischen Kirche ist das Gewölbe e i n g e - stürzt und begrub mehrere Arbeiter unter den Trümmern. Bis jetzt wurden drei Leichen geborgen.

* Rewyork, 31. Juli. Fast 100000 Newyorker Jude n folgten, ihre Klagelieder singend, durch^den Ghetto dem Leichenwagen bei der Besta 11 un g des Oberrab- biners Joseph, eines überaus wohtthätigen Mannes. Als der Zug christliche Stadtteile passierte, wurde er mit Spottrufen empfangen, welche die Teilnehmer an dem Begräbnis aufreizten. 2lls von den Fenstern einer Fabrik W a f s e r h e r a b g e s ch ü 11 e t wurde, versuchten die Juden, Wutschreie auSstoßend, das Haus zu stürmen.

Die Angriffe wurden mit Hilfe einer Feuerspritze ab­geschlagen. Nun warfen die Exeedenten mit Steinen die Fenster der Fabrik ein, und die rasch erschienene Polizei wurde ebenfalls von einem Steinhagel der Juden überschüttet. Mehrere Beamte wurden schwer verletzt. Die anderen hieben erbittert mit ihren Knüp­peln scharf ein. Ter Mob des Ghetto belagerte dann die Fabrik, wobei 1800 Angestellte des Etablissements unter polizeilichem Schutze heimgeleitet werden mußten. Der Mob durchzog noch nach Mitternacht heulend das Juden- viertel und veranlaßte eine Massenversammlung.

* Abstürze in den Bergen. Bei Ferleiten wurde der Malermeister Franz Müller aus Dresden unterhalb des südlichen Pfandelgletschers in der Nähe de s Glocknerhauses tot ausgefundem Die Todesursache dürste ein Schlaganfall infolge Erschöpfung gewesen fein. Ter Vertreter Mailands im Senate, Gaetano Negri, ist in Varazze, wo er sich zur Kur aushielt, auf einem Spazier­gang abgestürzt und an den erlittenen Verletzungen ge­storben. Ter 33jährige Musiker Viktor Christ (Mitglied der Wiener Hoskapelle), der mit feiner Frau im Rarer* seehotel weilte, ist von der Roth wand ab gestürzt. Tie Leiche wird nach Wien übergeführt._______________

Kunst und Wsstnschust.

Aus Fmutsurt a. M. rvuo uns von befreundeter Seite geschrieben: Ter greise N l b e l u n g e n ° D l ch t e r Wilhelm Jordan erlitt am 30. Juli einen neuen Schlaganfall und ist auf der einen Seite gelähmt. Tie auswärtigen Kinder sind telegraphisch herbcigerusen worden. Ter Zustand ist sehr ernst, wenn auch nicht hoffnungslos. (Jordan steht im 83. Lebensjahre. Wie das Wolff'sche Telegr.-Bureau meldet, soll Jordan nur an einem Unwohlsein erkrankt sein. Er habe sich jedoch im Lause des Tages soweit erholt, daß nach ärztlicher Ansicht Grund zu irgend welcher Besorgnis nicht vorhaiiden sei. T. Red, desGieß. Anz.")

Attiverstluts-Vlichrichlen.

f* Gießen, 1. August. Eine außerordentliche Pro­fessur für angeivandte Mathematik besieht an der hiesigen Universität erst seit dem Jahre 1900, wie überhaupt das sfach der angewandten Mathematik an den Universitäten noch neu ist. Tie in Betracht kommenden Vorlesungen sollen ^an unserer Universität so verteilt und geregelt werden, daß den Studirenden auch hier volle Gelegenheit'geboten ist, die Lehrbefähigung in der angewandten Mathematik zu erlangen. In jedem Sommersemester wirdNiedere Geodäsie" sechsstündig sür Studierende aller Semester gelesen. Mir Beginn des W.-S. 1902/03 ist alle 4 SemesterEle­mente der höheren Geodäsie und Ausgleichungsrechnung" drei­stündig für Studiereiide von mindestens 2 Semestern vorgesehen. Ferner wird vom W.-S. 1902:03 alle 2 Jahre in 3semestrigem Eyklus gelesen: Erstes Wintersemester:Darstellende Geometrie" 1. Teil 'sechsstündig. Sommersemester:Darstellende Geometrie nebst Perspektive" sechsstündig. Zweites Wintersemester:Technische Mechanik" undGraphische Statik" dreistündig. Aenderungen und ergänzende Spezialvorlesungen bleiben vorbehalten.

Heute (Freitag) kommen die Prüfungen für Kandidaten für das höhere Lehramt zum Abschluß. Nachmittags erfolgt die Verkündigung der Ergebnisse. Auch in diesem Semester sand unter Leitung des Dr. Koeppe ein Unter­ri ch t s k u r s u s in der Krankenpflege für die Stu­dierenden statt, der am verflossenen Montag durch eine Prüfung beendigt wurde. An unserer Landes-Universität promovierte heute der Landwirtschastslehrer Georg Labion auf gründ seiner DissertationTie landwirtschaftlichen Zustände eines Bauerndorfes in der Eifel" mit der Zensur cum laude; ferner stad. phil. Moses Friedländer aus Posen auf gründ seiner DissertationVer­änderlichkeit der Namen in den Büchern der Chronik" mit der Censur magna cum laude.

Gerichlssaal.

Gießen, 31. Juli. Der ehemalige Ulrichsteiner Pseudo- Doktor Heinrich Haug, den bekanntlich unsere Strafkammer wegen Betrugs zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt hat, wurde gestern zur Strafverbüßung nach Darmstadt verbracht.

H Gießen, 1. August. Gestern fanden am hiesigen Amts­gericht die in längeren Perioden sich wiederholenden Sitzungen in F o r ft - und Feldrügesachen statt, bei welchen der Amts­richter ohne Schöffen als Strafrichter Recht spricht. Gegen die er­gangenen Strafbefehle hatten eine Anzahl Beschuldigter Einspruch erhoben, der aber von den meisten zurückgenommen oder wegen Versäumnis verworfen wurde. Zur Entscheidung auf grünt) münb- licher Verhandlung gelangten nur drei Fälle. 1. Dem Bauer Weller voii Wieseck war zur Last gelegt, am 21. April über die Grenze seines Ackers hinaus den Nachbaracker befahren zu haben. Durch die Beweisaufnahme wurde festgestellt, daß die Grenze des Ackers sehr flüssig sei, da nur an dessen einem Ende sich cm Grenzstein befinde. Der Herr Amtsanwalt beantragte selbst Freisprechung, da die Zeugen jetzt anders als im Vorbereilungsversahren ausgesagt hätten, worauf dem Antrag gemäß erkannt wurde. Wilhelm Wagner II. von Großen-Buseck war beschuldigt, von einem fremden Grundstück Erde abgehackt und auf das seinige aufgeworfen zu haben; er behauptete aber, er habe nur sein Grundstück durch einen Tamm vor Wasseransammlung schützen ivollen. Durch Zeugen­aussagen wurde sestgestellt, daß die Grenze deutlich durch eme An­zahl alter Bäume bestimmt ist. Ter Herr Amtsanwalt beantragte daher, dem Strafbefehl gemäß zu erkennen. Der Beschuldigte wurde sodami zu 4 Alk. Geldstrafe und zur Tragung, der Kosten des Ver­fahrens verurteilt. 3. Gegen den Landwirt S ch w a n waren vier verschiedene Strafen festgesetzt worden, weil seine Hühner auf fremdem Grund und Boden Schaden an der Gerste angerichtet hatten. Der Beschuldigte stützt sich jetzt darauf, daß er davon nicht in Kenntnis gesetzt worden sei. Ta dies aber Straflosigkeit nicht be­dingt, wurde er zu einer Reihe Geldstrafen in geringen Beträgen verurteilt. Tann! war die Reihe der Sitzungen in dieser Periode geschlossen.

Arlroilrrbcwegung.

DarencicuneS, 31. Juli. Die Grubengesellschaft in Anzin lehnte b'c von den Schleppern geforderte Lohnerhöhung ab. Die Grubenarbeiter der Grube in Vieux-Conds erklärten sich mit den Schleppern solidarisch. Man befürchtet eine Ausdehnung des Ausstandes auf das ganze Becken. t

Shcnaondah (Pennsplvanien), 31. Juli. Gestern Abend kam es hier zwischen Ausständigen und der Polizei zu einem Z u s a m m e n st o ß, bei dem 20 Ausständige und 4 Schutz­leute verwundet wurden. Ein Verivandter des Sheriffs wurde g e b t e t. Obgleich sich den ganzen Abend hindurch noch eine große Menschenmenge in den Straßen aufhielt, >var doch gegen 11 Uhr die Ruhe wieder hergestellt. Ter Präsident der Lokalunion forderte die Mitglieder auf, die Behörden nach Kräften zu unter­stützen und Ausschreitungen zu unterdrücken. Zwei Regimenter wurden von Harrisburg nach Shcnaondah entsandt.

Saratow, 31. Juli. Im Torfe Chowanschyne im Kreise Serdobska (Gouvernement (Barnton) fanden infolge falscher Gerüchte über Neuregelung der Agrarverhältnisse B a u e r n u n r u h e n statt. Ter Bezirksoorsteher und Amtmann wurde angegriffen und ver­wundet. Durch das Eintreffen des Gouverneurs mit 'Militär wurde die Ruhe wieder hergestellt. Im Torfe Wladykina ver­langten die Bauern von der dortigen Gutsbesitzerin unter Droh­ungen die Unterschrift eines Pachtkontraktes. Auch hier wurde durch die Ankunft des Gouverneurs mit Militär die Ruhe wieder hergestellt. Tie Anstifter der Unruhen wurden verhaftet.

Fmnilien-Nachrichleii.

Gestorben: Frau Anna Elisabethe Aff, geb. Herchen, zu B itzbach.