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Des Duces Dank an den Führer

Brüderlicher Pakt der Verbundenheit in Krieg und Frieden.

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B-klln, 30.OK. (OJIB.) D-r Duc- Hai an den Führer nachstehendes Telegramm gerichtet: Ich danke Ihnen sehr herzlich. Führer, für Ihre Botschaft, für die Entsendung einer Abordnung unter Führung von Dr. Ley und für die leb­hafte Anteilnahme des uationalfozia- listifchen Deutschlands an den Feiern an­läßlich des zwanzigjährigen Bestehens des faschisti­schen Regimes. In diesem ziemlich langen und sehr wichtigen geschichtlichen Zeitraum Hal das faschistische Regime versucht, die wesentlichen Probleme des ita­lienischen Volkes, die sein Lebensrecht angehen, auf friedliche und konstruktive Weise zu läsen. Aber immer und überall stand ihm die absolute Feind­schaft der alten plutokratischen Staaten gegenüber, die in der Blockade durch den Völkerbund ihren Höhepunkt fand. Von jenem Zeitpunkt an wurde es für alle klar, daß unsere beiden Revolu­tionen sich zu einem brüderlichen Pakt der Verbundenheit in Krieg und Frieden zusammenschließen und die Herausforderung der alten Welt annehmen mußten. So marschieren und kämpfen seit drei Jahren unsere Völker und unsere Streitkräfte vereint mit denen der Drelerpaktmächte zusammen. Kein Zweifel, daß die die Vergangen­heit vertretende Welt zum Untergang bestimmt ist, und wir durch den Sieg eine Entschädigung für unsere Opfer erhalten werden. In dieser dogmati­schen Gewißheit übersende ich Ihnen, Führer, meine ffameradschastlichsten Grüße. Mussolini.-

Besserung der Versorgungs­lage Italiens.

Rom, 31.Ott. (DRB. Funkspruch.) Unter Vorsitz des Slice trat Freitag abend der Interministerielle Ausschuß für Versorgung und Preisgestaltung im Palazzo Venezsa zusammen. Landwirtschastsminister P a r e s ch i betonte, daß die landwirtschaftliche Pro-

Dr. Ley noch einmal vom Duce empfangen.

Die deutsche Abordnung auf der Rückreise von Rom.

Rom, 30. Oft (DRV.) Reichsorganisationsleiter Dr. Ley, der Sonderbeauftragte des Führers für die 20'Jahr-Feier des Marsches auf Rom, wurde Freitag nachmittag vom Duce zu einer langen, außerordenllich herzlichen Aussprache im Palazzo Venezia empfangen. Anschließend nahm Dr. Ley mit der deutschen Abordnung an der Verteilung von Preisen an Mitglieder der faschistischen Fu­gendverbände (GIL.) und der faschistischen Studen­tenverbände (GUF.) für besondere kulturelle und sportliche Leistungen durch den Duce teil. Bei dieser Gelegenheit brachte die faschistische Fugend dem Duce begeisterte Kundgebungen dar. In einer kurzen Ansprache wies der Duce auf den Charakter und die Eigenart der neuen faschistischen Jugend hin, die Geist und körperliche Spannkraft zu verbinden ver­stehe. Die deutsche Abordnung hat Freitag abend Rom verlassen. Zur Verabschiedung hatten sich Parteisekretär Minister D i d u s s o n i, Korpora- tionsminister Ricci und der Gouverneur von Rom, Für st Borghese, Botschafter von Macken­sen, Vertreter der italienischen Wehrmacht und der deutsche Militärattache eingefunden. Landesgruppen­leiter Dr. Ehrich begleitete die deutsche Abordnung bis zum Brenner.

Kurz vor seiner Abreise äußerte sich Reicheorgani­sationsleiter Dr. Ley im Kreise der deutschen Presse­vertreter über seine Eindrücke während seines Auf­enthaltes in Rom und hob besonders den außer­ordentlich tiefen Eindruck hervor, den die Persön­lichkeit des Duce, den er aufs höchste be- wundere, in allen Gesprächen aufs neue auf ihn gemacht habe. Dr. Ley betonte sodann die hervor­ragende Haltung des schaffenden italienischen Volkes, das trotz aller unvermeidlichen harten Anforderun­gen, die der Krieg an die beiden, Seite an Seite miteinander kämpfenden Völker stelle, in fester Sie­geszuversicht and unerschütterlicher Treue zum Duce und zum Faschismus stehe.

Mit Korporattonsminister Ricci wurden die beide Länder gemeinsam interessierenden sozialpoli­tischen Fragen erörtert. Dabei wurde in erster Linie die von der Grundauffassung des Führers und des Duce bestimmte gemeinsame Auffassung der Sozial­grundlagen und Richtlinien der sozialrevolutionären Bewegungen herausgestellt und die außerordent-, liche Bedeutung betont, die die sozialpolitischen Pro­bleme nach dem errungenen Sieg haben werden.

duktion trotz der durch ausnehmende Trockenheit her­vorgerufenen ungünstigen Witterung einen befriebi« genden Stand erreicht habe, hauptsächlich dank der unermüdlichen Arbeit des Bauern. Dank seiner Va­terlandsliebe und der strengen Kontrollmahnahmen, die Egoismus und Spekulation ausschalteten, mür­ben die gesteckten Ziele erreicht werden. So wird die Brotration für Jugendliche und Arbeiter er­höht. In den Großstädten und in Gebieten ohne landwirtschaftliches Hinterland kommen je Person 5 zusätzlich 10 kg Kartoffeln zur Verteilung. Die Zuteilung von Marmelade wird während des Winters wesentlich erhöht und auch auf Personen über 65 Fahre ausgedehnt werden.

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Der neue Erfolg deutscher Ll-Boote.

DRV. Aus dem Führerhauptquartler, 30. Ott. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt Gekannt:

Eine Gruppe deutscher Unterseeboote griff im Nordatlantik unter schwersten Wetterver­hältnissen einen nach England fahrenden vollbelade- nen Geleitzug an und versenkte ungeachtet der starken Abwehr in hartnäckigen, wiederholten Tag- vad Nachtangriffen neun S ch i f f e mit zusammen 68 500 BRT. Weitere Schiffe wurden durch drei lorpedotreffer beschädigt. Ferner versenkten unsere Boote auf den Zufuhrwegen nach England und Amerika sechs Schiffe mit 32 425 BRT. Damit verlor die feindliche Versorgungsschiffahrt wiederum 15 Schiffe mit 100 925 BRT. Weitere Gtteitzugoperationen sind im Gange.

Unter den 15 versenkten Schiffen befindet sich wiederum ein großer Zweischornstein- Kämpfer von über 12 000 BRT., der nach einem Torpedotreffer explodierte und nach weiteren heftigen Erplosionen unterging. Er hatte Kriegsmaterial und offensichtlich Treibstoff geladen. Em anderes ll-Boot bekam den DampferWestkebar vor her amerikanischen Küste vor die Rohre. Dieser war mit einer Ladung Mangan e vz e von Takoradi an der afrikanischen Goldküste nach Neuyork unter­wegs. Das 5620 BRT. große Schiff sank mnechalv weniger Minuten Eine sehr wertvolle Ladung hatte btr von England nach Freetown, einem britischen Stutzpunkt an der westafrikanischen Küste bestimmte DampferPrime R o s e h i l l" an Bord: F l u a- Zeuge, die auf diesem weiten Umroea der noro- asrikanischen Front zugeführt werden sollten Das stark bewaffnete Schiff von 7600 BRT. zeigte b - reits nach den ersten Torpedotreffern starke Schlag- feite. Rach einem nochmaligen Angriff hob sich der Achtersteven hoch aus dem Wasser, und bald 3eilten nur noch treibende Wrackstücke und Lckdungstnim- mer, daß abermals ein wertvolles feindliches Han­delsschiff dem U-Bootkrieg zum Opfer gefallen war.

Während der Operationen im N 0 rdatla n 11 r, bei denen ein nach England fahrender G e I e 11 ) u g gefaßt mürbe, verschlechter t e s 1 ch Da Wetter derart, daß die ErfolgsaussKten immer geringer wurden und zeitweilig em Abbruch। öes llnternehmens erwogen werden wußte. Trotzde blieben die Kommandanten im festen aHJ

den Kampfgeist ihrer Mannschaften am Feind uno 'chossen aus dem Geleitzug neun Dampfer mit 66500 BRT. heraus.

Eine Oelleitung als Tanker-Ersatz.

Lissabon, 30. Okt. (Europapreß.) Die Trans- -ortschwierigkeiten und der SchiffsraumiJQ"' Hl in den Vereinigten Staaten zwingen letzt z Verlängerung der Dell et tu n g, ie Aidwesten der USA. nach dem Mittelwrste.i f-..)rt.

Die Oelleitung soll, wie der Chef des nordamerika­nischen Kriegsproduktionsamtes Donald Nelson, bekanntgab, dis zur Atlantikküste verlän­gert werden und mit 2240 km die längste Oellei­tung der Welt darstellen.

Der Wehrmachtbericht.

DRV.Aus dem Führerhauptquartler, 30. Oktober. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

In den Bergen nördlich und südlich der Straße nach Tuapse wurden Gegenangriffe des Feindes abgewehrt. Feindliche Kräfte im Terek- Abschnitt, deren Nachschubwege durch den An­griff der deutschen und rumänischen Truppen un­terbrochen wurden, versuchten vergeblich, nach Osten durchzubrechen.

In Stalingrad wurde der Angriff mit Un­terstützung von Sturzkampfflugzeugen fortgesetzt und das in den letzten Kämpfen gewonnene Gelände gesäubert. Fähren und Boote des Feindes auf der Wolga lagen unter wirkungsvollem Feuer unserer Artillerie. Südlich der Stadt brachen auch gestern von panzern unterstützte Entlastungsangriffe vor den eigenen Linien im Abwehrfeuer aller Waffen und unter den Bombenangriffen der Luftwaffe zu­sammen.

Im Kaspischen Meer vernichtete die Luft­waffe in der vergangenen Nacht neun feindliche Transportschiffe, darunter sieben Tanker.

An der D 0 n s r 0 n t schlugen rumänische Truppen einen feindlichen Angriff ab und brachten eine An­zahl Gefangene ein. Italienische Truppen wiesen einen Uebersehversuch der Sowjets ab.

Im Raum südlich O st a s ch k 0 w bekämpfte die Luftwaffe Truppenbereitstellungen und Transport­bewegungen des Feindes. Zwölf mit Truppen und Material stark belegte Ortschaften wurden zum gro­ßen Teil zerstört.

Im hohen Norden richteten sich starke Luft­angriffe gegen feindliche Truppenlager sowie gegen Stadt und Hafen Murmansk.

An der ägyptischen Front scheiterte auch gestern der britische Angriff, der nach einer heftigen Artillerie- und Panzerschlacht mit starken Infanteriekräften den Durchbruch zu erzwingen suchte. Vorübergehende Einbrüche wurden von den verbissen kämpfenden deutsch-italienischen Truppen bereinigt. 39 Panzerkampfwagen des Fein­des wurden vernichtet. Ein deutsches Grenadier­bataillon, das die Hauptlast des Kampfes trug, schoß 13 von den 39 britischen panzern ab.

Lin an zwei Stellen durchgeführter Landungs- verftch im Raum von Marsa Matrvk wurde

durch Flakartillerie und Sturzkampfftugzeuge ver­eitelt.

In der Nacht zum 29. Oktober hatten deutsche Sicherungsstreitkräste mit britischen Schnellbooten ein Gefecht im Kanal, in dessen Verlauf drei feindliche Boote durch Artillerietreffer beschädigt wurden.

Bei Tagesvorstößen schwacher Kräfte der bri­tischen Luftwaffe gegen die Küste der besetzten West­gebiete und in die Deutsche Bucht sowie bei nächt­lichen Störflügen über dem deutschen Küstengebiet wurden vier feindliche Bomber zum Absturz ge­bracht.

Wie Indiens Ltnabhängigkeit aussehen soll.

Ein neues britisches Täuschungsmanöver.

Basel, 30. Oktt^ (Europapreß.) Wie Exchange aus London berichtet, entwickelt Vernon Bartlett im News Chronicle" einen neuenPlan zur Lösung des indischen Problems", der aber nach bekannten britischen Methoden mit der einen Hand wieder nimmt, was die andere gibt. Er enthält zwar den schon von anderer Seite öfters aemachten Vorschlag der Schaffung einer r e kn indischen Regie­rung in Neu-Delhi, aber unter dem Vorsitz des General gouve'r neu r.s, mas ihre Selb­ständigkeit stark beeinträchtigen würde. Er fordert weiter die feierliche Zusage baldmöglicher Schaf- funa der Unabhängigkeit Indiens durch den König selbst, läßt aber den Zeitpunkt nach wie vor offen und wünscht die Beibehaltung der Aemter des Dize- königs und des Generalgouverneurs, beide Aemter sollen nur voneinander getrennt werden. Den Posten des Vizekönigs möchte Bartlett mit einem Mitglied der königlichen Familie besetzen. Schließ­lich schlägt Bartlett noch die Ernennung eines In­ders zum Jndienminister in der britischen Regie- rung vor und verlangt die Errichtung eines öst­lichen Derteidigunasrates auf indischem Boden unter Vorsitz des britischen Oberbefehlshabers in Indien und unter Teilnahme von Vertretern Indiens, der USA., Chinas undwenn möglich", aus Rußland. Dieser Vorschlag beweist also klar und deutlich, daß Bartlett eine der wichtiasten indischen Forderungen, nämlich die nach dem Abzug der britischen Trup­pen, nicht erfüllen will.

Mfionfinenfdlbeivufilfem Europas.

Von Professor Dr. F.A.Six.

Als Deutschland am 30. Fanuar 1933 inmitten eines europäischen Chaos seine volkliche und staat­liche Wiedergeburt vollzog, waren wenige Köpfe auf dem Kontinent geneigt, diesem Ereignis eine historische Bedeutung zuzugestehen. Doch wenige Monate genügten, um den Blick der gesamten Völker, und Staatenwelt auf die europäische Mitte zu lenken. Deutschland schickte sich an, eine neue Lebensform zu gestalten, aus der es die Kraft für feine zukünftige europäische Aufgabe gewinnen sollte. Unter diesem Blickpunkt verstehen wir das jahrhundertelange deutsche Schicksal des inneren und äußeren Niederganges als die echten Wehen und Krämpfe einer geschichtlichen Neugeburt und eines schicksalbestimmten Zukunftswillens. Demgegen­über bedeuten die großen politischen Pläne Frank« reichs von Sully bis Briand wie der kontinuierlich entwickelte ideologische Apparat des Britentums von Thomas Morus bis Eyre Crowe keinen echten Bei­trag zum europäischen Gemeinschaftsbewußtsein. Die Wiedergewinnung des geschlichtlichen Bewußtseins der Einheit Europas wurzelt in der Wiederkunft einer geschichtlichen Besinnung und im Erwachen eines gegenwärtigen Selbstbewußtseins. Drei Ge­gebenheiten sind für diesen Vorgang ausschlag­gebend: einmal die Existenz einer unoerleugbaren geschichtlichen Gemeinsamkeit der abend­ländischen Kultur; dann die durch die Ge­walt der Waffen herbeigeführte Ueberminbuna dezentrischer Gesinnungsherde und schließlich die Förderung der natürlichen Ge­meinschaftsanlagen durch die Abwehr von außen einbrechender wirtschaftlicher Erdrosselung und ihre kämpferische Vereinigung im politischen Mythos des neuen Europa.

Die Wurzeln der geschichtlichen Gemeinsamkeit der abendländischen Kultur führen auf die großen Wanderungsbewegungen der europäischen Völker zurück. Aus diesem sich aus der europäischen Mitte vollziehenden Aufbruch der germanischen Völker, in dessen Verlauf die Emanzipation des kon­tinentalen Gefüges von der mediterranen Welt, der griechischen und römischen Antike, sich vollzog und der Weg zum politischen Raumbild Europas er-

Die Krisis -es Parlamentarismus.

Von unserem Dr. L.-Korrespondenten.

Unter dieser Überschrift begannen wir in Nr. 245 des Gießener Anzeigers vom 17. Oktober eine Auf­satzreihe unseres Stockholmer Vertreters, der die allgemeinen Grundzüge des englischen Parlamen­tarismus schilderte. Fn einem zweiten Artikel aus der gleichen Feder wird nun gezeigt, wie eng das parlamentarische System Englands an die pluto­kratischen Kräfte gebunden ist, denen mit dem wei­teren Fortschreiten des gegenwärtigen Krieges mehr und mehr der Boden entzogen wird.

II.

Das Ende der Pluiokratie.

Stockholm, 24. Oktober 1942.

Die Engländer als Plutokraten zu bezeich- nep, ist uns heute schon so zur Gewohnheit ge­worden, daß wir kaum noch darüber nachdenken, wie berechtigt diese Bezeichnung eigentlich ist und wie sie in der politischen Verfassung Englands be­gründet ist. Plutokratie heißt Herrschaft des Reich­tums. Tatsächlich ist England seit den Zeiten Wil­helms des Eroberers von einer anfänglich kleinen, später allmählich wachsenden Klasse der Reichen regiert worden, ohne daß jedoch der Besitz eines bestimmten Vermögens ursprünglich die Voraus­setzung für die Beteiligung an der politischen Ver­antwortung gewesen wäre. Wohl aber spielte der Grundbesitz im feudalstaatlichen Gefüge Eng- lands eine entsprechende Rolle, und noch bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts war das aktive Wahlrecht an eine bestimmte Menge von Grundbesitz gebunden. Die englische Plutokratie im heutigen Sinne des Wortes wurde dann dadurch geschaffen, daß im Laufe des 19. Jahrhunderts der bis dahin lediglich grundbesitzende Adel, der nahezu ausschließlich die politischen Führer stellte, infolge der industriellen Revolution zur Aufnahme neuer, ursprünglich fremdartiger Elemente des städtischen Bürgertums genötigt wurde. Neben den in jahr­hundertealter Tradition gefestigtenAdel der Ge­burt" trat damit derAdel des G e l d e s". Nach wenigen Generationen schon entschied nicht mehr allein die Zugehörigkeit zu einer bestimmten F a - m i l i e über bas ungeschriebene Recht auf Mitwir­kung bei der politischen Führung des Landes und des Empires, sondern in zunehmendem Maße die Größe des Geldbeutels.

Sehr fühlbar wurde dieser Wandel gerade beim Parlamentarismus. Während vorher ein Wahl­kreis gewöhnlich durch den hervorraaendsten Grund­besitzer ober, wenn dieser im Oberhaus saß, durch seinen Sohn im Unterhaus vertreten wurde, ent- stand jetzt um die einzelnen Wahlkreise ein schär­ferer Wettbewerb mit dem Ergebnis, daß derjenige nach Westminster geschickt wurde, der am besten imstande war, die steigenden Ko st en eines Wah lkamp fes aus seiner eigenen Tasche zu bezahlen. Da außerdem der Einfluß der reichge­wordenen und politisch ehrgeizigen Kreise des Bürgertums auch in den großen politischen Par­teien beträchtlich zugenommen hatte, spielte bei der Auswahl der Kandidaten die Rücksicht auf den materiellen Wohlstand eine immer größere Rolle.

Hier muß noch einmal die besondere Eigenart des englischen parlamentarischen Systems berührt wer­den. Unter der demokratischen Flagge segeln heute so Derfd>i eben artige politische Gebilde, daß Miß­verständnisse leicht möglich sind. England ist viel­leicht is geringerem Maße als irgendeine ander».

der alliierten Machte eine wirtliche Demokra- t i e. Wenn das englische Volk zur Unterhauswahl geht, so soll es 615 Parlamentssitze besetzen. Da nach dem englischen Wahlsystem aber in jedem Wahlkreis nur ein Kandidat gewählt werden kann, stellen nur diejenigen Parteien einen Kandidaten auf, die mit einer bescheidenen Erfolgsmöglichkeit rechnen können. Wird nämlich eine Mindestzahl von Stimmen nicht erreicht, so verliert der Kandidat eine hinterlegte (vebühr. Aus diesem Grunde werden durchschnittlich nicht mehr als 1400 Kandidaten auf­gestellt. Die 30 Millionen Wähler können also nur aus diesen 1400 Anwärtern die 615 Abgeordneten auswählen, d. h. praktisch müssen sie jeden zwei­ten Mann, den ihnen die Parteien vorsetzen, ms Unterhaus schicken. Die Auswahl der 1400 liegt aber bei den Konservativen und Liberalen eben in den Händen derjenigen Männer, die sich durch ihren Reichtum einen maßgeblichen Einfluß gesichert haben. Bei der Labour-Party liegt sie in den Hän­den der Gewerkschaftsführer, deren Haltung zwar weniger vom Reichtum, wohl aber von doktrinären Vorurteilen bestimmt ist.

Natürlich gibt es daneben für unabhängige Kan­didaten eine gewisse Möglichkeit, sich ohne Rück­sicht auf die Parteien den Wählern vorzustellen und vielleicht auch ins Unterhaus zu gelangen. Im letz­ten Jahre ist bas mehrmals gelungen. Aber bas lag größtenteils an ben besonderen Verhältnissen bes parteipolitischen Burgfriedens, und außerdem ist sestzustellen, daß die fünf oder sechs neuen Unab­hängigen gegenüber der immer noch großen Masse der Parteien keine Rolle spielen. Die Tatsache, daß ein armer oder auch nur mäßig begüterter Mann im plutokratischen System des englischen Parla­mentarismus keine Aussicht auf Erfolg hat, begrenzt nach wie vor die Zahl der Unabhängigen. Einige Zahlen mögen dies belegen:

Im Frieden tagte das Unterhaus 35 Wochen im Jahre hindurch je fünf Tage. Das bedeutet, daß ein Abgeordneter nur in seltenen Fällen, beispielsweise als in London ansässiger Anwalt, Journalist ober Börsenmakler, einen richtigen Beruf ausüben konnte. Er mußte also andere Einnahmequellen besitzen. Als Abgeordneter erhält er jährlich 600 Pfund. Dieser Betrag reicht aber noch nicht einmal aus, um die laufenden Ausgaben im Wahlkreis zu decken, die zur Erhaltung der Popularität unver­meidlich sind. Hinzu kommen die hohen Kosten der Lebenshaltung in London mit zahlreichen gesell­schaftlichen Verpflichtungen und vieles andere, ganz abgesehen davon, daß der alle vier bis fünf Jahre wiederkehrende Wahlkampf nochmals durchschnitt­lich 600 Pfund kostet. Es gehört also ein sehr be­trächtliches Einkommen aus privatem Vermögen dazu, will man sich im Unterhaus behaupten.

Das ist Plutokratie. Daß sie in England so lange möglich war, beruhte vor allem darauf, daß die weniger Bemittelten meist damit zufrieden waren, von anderen regiert zu werden. Ob diese Haltung andauern wird, ist noch schwer zu- beur­teilen. Aber die Tage der Plutokratie sind ttotzdem gezählt. Die großen Vermögen in England schmelzen dahin, und bei Kriegsende wird es kaum noch jemanden geben, der jährlich Tausende von Pfund als Prämie für politische Betätigung zu zahlen vermag. Schon aus wirtschaftlichen Gründen wird darum der englische Parlamentaris­mus, will er nicht zugrundegehen, eine neue Grund­lage und eine zeitgemäße Form suchen müssen.