Ausgabe 
8.12.1895 Viertes Blatt
 
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189t

Sonntag den 8. Dccember

Viertes Blatt

M. 289

BirrtrljLhriger

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren

Gratisbeilage: Gießener Kamitienbtätter

Aintlichr* Theil

1.

2.

«»nahm» von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» Mfltnbtn Lag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Hüttenwerke, Zimmerplätze und andere Bauhöfe, Werste und solche Ziegeleien, über Tage betriebene Brüche und Gruben, welche nicht blos vorübergehend oder in geringem Umsange betrieben werden, Bergwerke, Salinen und Auf- bereitungSanstalten, unterirdisch betriebene Brüche oder Gruben;

Werkstätten, in deren Betrieb eine regelmäßige Verwen­dung von Dampikraft stattfindet und in denen durch elementare Kraft (Gas, Wind, Wasier, Electricität) be­wegte Triebwerke nicht blos vorübergehend zur Ver­wendung kommen.

Sollten in Ihren Gemeinden Fabriken und denselben

Das Budget des Reiches.

DaS Budget des Deutschen Reiches ist ein so eigen­artiges, daß nicht nur auf die Finanzen des neuen Etat- jahreS, sondern auch aus den Ursprung der Einnahmen deS Reiches als Bundesstaat immer wilder hingewi-sen werden muß, um aus dikse Weise zu einer späteren Ftnanzresorm zu gelangen. DaS Deutsche Reich als solches hat im Grunde genommen gar keine vollständigen Einnahmen in seinem Budget sondern er stellt nur seine notowendigen Ausgaben für das dem gemeinsamen großen Vaterlande dienende Heer und Flotte, und für die Retchsäaner fest, und fordert dann das Mehr dieser Ausgaben, nachdem die laufenden Einnahmen dazu in Gegenrechnung gebracht worden sind, von den Bundes­staaten als Matricularbeiträge ein. Von den eigenen Ein­nahmen des Reiches kann nur bedingungsweise geredet werden und ist in dieser Beziehung der Etat reckt zusammengesetzt. Man versteht unter den eigenen E nnahmen die Zölle und Steuern, die daS Reich im Namen der Bundesstaaten erhebt. Diese Zölle und Steuern werden aber nach Verhältniß der Kopfzahl den einzelnen deutschen Bundesstaaten nach Maß­gabe der Frankensteln'schen Klausel überwiesen, also hat daS Reich in Wirklichkeit keine eigenen Einnahmen, sondern die Einnahmen und Ausgaben desselben sind bundesstaatlich. Man kann daher auch nicht gut von einem guten oder schlechten Stande des ReichSbudgetS sprechen, denn die Aus­gaben für ReichSzwecke müssen immer von den Bundesstaaten betgetragen werden, und jedes Deficit wird sofort durch ent­sprechende Erhöhung der Matricularbeiträge der Bundes­staaten getilgt. Das ReichSbudget bleibt daher finanziell eia eigenthümlicher Rechnungsmodus und ist auch im neuen Etatsjahre 1896/97 nichts weiter. In Einnahme unö Aus- gäbe zeigt der neue Ftnanzplan die Rtesensumme von 1,259,221,983 Mk., mithin einen Zuwachs in den nöthigen Einnahmen (Vermehrung der Matricularbeiträge) und den nothwendigen Ausgaben um circa 20 Millionen Mark gegen das Vorjahr. Scheidet man die durchlaufenden Posten auS, so betragen die fortdauernden und einmaligen Ausgaben des

Bringrrlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redactton, Lp-editt« und Druckerei:

Kchulstraße

Fernsprecher 51.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Nachstehend bringen wir die zur Zeit für den KretS Gießen gegen rubr. Seuche in Kraft befindlichen Maßregeln, insoweit solche auch von den Landwirthen und Metzgern zu beobachten find, wiederholt zur Kenntniß der Interessenten.

1. Jeder, der Klauenvieh (Rindvieh, Schafe, Ziegen und Schweine) zwecks Veräußerung aus einer Gemarkung ausführt oder auSführen läßt, muß mit Ursprungs- zeugniß über diese Tyiere versehen sein.

2. Alle Thtere der vorbezeichneten Gattung, welche von Orten außerhalb des KretseS Gießen eingeführr werden, müssen an demjenigen Standort, an dem sie zuerst eingestellt werden, mindestens 7 Tage verbleiben und dürfen denselben, außer wenn sie zum Zweck sofortiger Schlachtung unmittelbar in ein öffentliches oder Privat- schlachthauS übergesührt werden, nur verlaffen, wenn sie innerhalb jener Contumazzeit keine seucheverdächtigen Erscheinungen gezeigt haben.

Gießen, den 6. December 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

gleichstehende Anlagen, in denen Arbeiterinnen oder jugend- liche Arbeiter beschäftigt werden, nicht vorhanden sein, so ist dies binnen der oben genannten Frist berichtlich anzuzeigen, v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend die M^ul- und Klauenseuche.

Nachdem in einem Gehöft zu Utphe die Maul« und Klauenseuche amtlich festgestellt worden ist, wird dies mit dem Nufügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das verseuchte Gehöft unter Sperre gestellt ist.

Gießen, den 6. December 1895.

Großherzogliches Krcisamt Gießen.

v. Gagern.

Alle Annoncen-Bureaux de« In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Der Z«ttiger erscheint täglich, Mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener M««itte»StLi1er werben dem Anzeiger wöchentlich dreimal beiflelegt

Gießen, den 3. December 1895.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Vorschriften des Arbeiterschutzgesetzes vom 1. Juni 1891 über die Arbeitsbücher und die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen.

DaS Srsßherzogliche Kreisamt Meßen au die Grohh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Wir sehen der Vorlage der in Gemäßheit der Vorschrift unter C Ziffer VII der gedruckten Anweisung vom 26. März 1892 an uns einzureichenden Ueberficht der in Ihren Ge­meinden vorhandenen Fabriken und diesen gletchstehenden Anlagen, in welchen Arbeiterinnen oder jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, unter Verwendung des Formulars G. cfr. AuSschretben vom 7. Februar 1893 (Anzeiger Nr. 35) bis zum 1. Januar k. I. entgegen.

Als den Fabriken gleichsteheude Anlagen sind anzusehen:

Gießener Anzeig er"

General-Anzeiger.

Feuilleton.

Französische Kriegsgeschichten.

Mttgethetlt von E. I.

(Nachdruck verboten.)

Wenn wir hier in Deutschland in berechtigter Freude Aber unsere endlich gewonnene Einheit die sünfundzwanzigste Wiederkehr jener Tage feiern, in denen sie geschmiedet wurde, daun erheben sich drüben in Frankreich entrüstete Stimmen, die unsere Feste als Ausbeute eines unberechtigten Chauvinis­mus, als Ausflüsse übermüthigen Stolzes auf die Nieder werfung Frankreichs, nur dazu angethan, den besiegten Feind immer und immer wieder zu kränken, zu kennzeichnen ver- suchen. Dabet findet eS aber der Franzose ganz selbst­verständlich, daß die französischen Zeitungen seit fünfund- zwanzig Jahren nicht aufhören, offen oder versteckt Rache zu predigen, daß sie nicht unterlaffru, daS Volk immer wieder auf die erlittene Schmach hinzuweisen und so die Heilung der dem gallischen Nationaldünkel geschlagenen Wunden zu verhindern. Nicht nur der politische Thetl der TageSblätter, auch das Feuilleton wird zu diesem Zwecke in Anspruch ge uommen. Geschickt und unauffällig wird hier durch rührsame GeschichtLeu der Haß gegen Deutschland geschürt. Wir ent- nehmen dem in Frankreich, Belgien und Luxemburg viel ge­lesenen BlattLe petit Parisien* einige characteristtsche Skizzen, die 1893/94 erschienen find, und Überlasten eS dem Leser, sich ein Unheil darüber zu bilden. Um nicht in den verdacht der Entstellung zu kommen, schließen wir uns in der Ueberfetzuvg dem Urtext möglichst genau an.

I.

Um die französische« Soldaten zu sehen."

Don Lucien Victor Mennter.

In einer Zeitung las ich unterVerschiedenes" von einem kleinen Knaben eine Geschichte, die einen tiefen Ein­druck aus mich machte.

Eines Tages konnte man in den Straßen von Nancy einen Jungen von etwa 13 Jahren im Gymnasiaftenrocke erblicken; fein Benehmen war auffallend, er schien hier und dort ohne Zweck herumzuirren, Niemand kannte ihn. End- lia, wurde er angehalten, zum nächsten Polizeicommiffariat geführt und dort verhört. Obgleich ein wenig erschreckt und »nruhig über die Folgen, die sein AuSreißen haben könnte, stand er doch Rede und Antwort und nannte den Namen seines Vaters, der in Metz wohnte.

In Metz?! Allgemeines Erstaunen.Hast Du 93er* wandte oder Freunde in Nancy?"Nein."Hat Dich Jemand von Deiner Familie hierher gebracht?"Nein." Und Du bist ganz allein von Metz nach Nancy ge­kommen?"Ja."

Was nun ansangen? Man bestürmt den Jungen mit Fragen. Der aber zögert mit der Antwort, wird roth und schämt sich augenscheinlich. DaS ist ja eine seltsame Eigen thümlichkeit unserer hochciviltfirten Nation, daß wir die Ge- sühle, die uns am meisten ehren, nicht zu bekennen wagen, daß sehr wenige von uns den Muth haben würden, in ehr­licher Rührung öffentlich zu weinen. Das ist dumm, aber eS ist nun mal so.

Endlich ließ fich der Kleine daS Geständniß entreißen, daß er nach Nancy gekommen sei,um französische Soldaten zu sehen". Ich habe kaum nöthig, daS Ende deS Abenteuers zu erzählen. Der Vater wurde telegraphisch herbeigerusen und ihm sein Kind zurückgegeben.

Was sagen Sie nun zu diesem kleinen Patrioten?

Dreizehn Jahre ist er alt, daS will heißen, daß, als er geboren wurde, die Annexion (!) Lothringens seit säst zehn Jahren eine Thatsache war. Seit zehn Jahren wehte die unselige kaiserliche Fahne über Metz und an den Thoren bezogen Soldaten mit Helmspitzen trübselig und schwersällig in ihren dunklen Uniformen die Wache. Wenn er die er­habenen französischen Farben gesehen hat und ich zweifle nicht daran so geschah das doch nur heimlich, und nie­mals ist er diesen tapferen kleinen Soldaten im rothen Beinkleid begegnet, die die Hoffnung Frankreichs und seine Stärke sind.

Aber zweifellos hat er viel von ihnen reden hören.

Abends, wenn die Thüre verschloffen war und fich die Familie vor Poltzeispionen sicher um das friedliche Licht der Lampe versammelte, wie oft mag da der heilige Name Frank­reichs in der Unterhaltung wiedergekehrt fein, die daS Kind erst nicht verstand, der eS aber bei wachsendem Begriffs­vermögen immer lebhaftere Aufmerksamkeit lieh! In seiner Gegenwart weckte man blutige Erinnerungen an den ruch­losen Krieg,- man sprach denn dort unten in Lothringen spricht man immer davon von den Kämpfen, der Nieder­lage und der Invasion, man erzählte Dinge, die man ge­sehen und erlebt hatte, ach, unvergeßliche Dinge: daS franzö­sische Heer decimirt zurückweichend und die Sieger in breiten Wogen, ein fluthendeS Meer, fich über die Fluren und Städte ergießend, alles verschlingend- man sprach von den

thränenvollen Tagen, da unter dem blauen Sommerhimmel die ferne Kanonade vom ersten Tagesgrauen bis zur finkenden Nacht Schrecken verkündend in die Ohren tönte; man sprach von den Erpreffungen, von den Gewaltlhätigketten der Länder­räuber und von den Märtyrerqualen, die dte vaterlands­treuen Söhne Elsaß Lothringens erdulden mußten bis zu dem Tage, da der Verdammungsspruch fiel: Ihr seid keine Franzosen mehr!

Dann hob wohl der Kleine den Kopf vom Bilderbuch und horchte; spater kletterte er auf des Vaters Kaiee und bat:Erzähl mir vom Krieg," das will sagen:Sprich mir von Frankreich." Denn so hatte, durch wunderbare un' merkliche Arbeit gefördert, die Liebe zum Vaterland die kleine lichtvolle Seele erfüllt.

Wiederum tyÖler, als ergroß" wurde, ging er ins Gymnasium, sprach deutsch und saß Seite an Seite mit den Söhnen Derer, die aus dem Innern Deutschlands gekommen waren, um in Metz die leergelaffenen Plätze zu besetzen; und jeden Abend, wenn er hetrnkam, fand er Frankreich am väterlichen Herd.

So entstand in ihm der unwiderstehliche Wunsch, unsere französischen Soldaten zu sehen. DaS wurde sein Traum, seine fixe Idee. Vielleicht hat er oft seinen Vater gebeten: Führe mich zu den franzöfischen Soldaten!" Aber daS war schwierig, kostspielig und ein Haufen VernunftSgründe wider­setzten fich dieser Reise.

Aha, also deßhalb! Gut, so werde ich allein gehen!"

Wie eS ihm gelungen ist, zu entwischen, den Weg von Metz nach Nancy zurückzulegen, die Grenze zu überschreiten waS liegt daran! Jetzt kann er nach Lothringen zurück- kehren, sein Verlangen ist geft'llt, seinem Ehrgeiz ist Genüge geleistet. Er hat die französischen Soldaten in der Nähe ge­sehen, die Soldaten des bewunderungswürdigen 6. Corps, das auf demQui vivo* immer marschbereit scheint; er hat sie gesehen, nicht in Paradeuniform, sondern im ein­fachen ernsten Feldanzug, den sie niemals ablegen, so, wie man sie sehen wird, wenn der Marschbefehl kommt, und in feinem Herzen nimmt er einen unauslöschlichen Eindruck mit nach Hause.

Also so werden wir unS Wiedersehen, nicht wahr, kleiner Freund? Du weißt, Drin Platz ist von nun an mitten unter unS! Wir werden ihn Dir offenhalten, dort im Glied.