Ausgabe 
15.12.1889 Drittes Blatt
 
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Nr. 293. Drittes Blatt. Sonntag den 15. December 1889.

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politische Neveesicht.

Gießen, 14. December.

Der Erzherzog Kranz Ferdinand von Lesterreich Este, der präsumtive österreichisch-ungarische Thronfolger, ist zum Besuche am Berliner Hofe eingetroffen. Der erlauchte Gast begleitete am Freitag den Kaiser zu' einer Hofjagd nach Springe und nahmen an derselben auch Prinz Albrecht von Preußen und der Herzog von Sachsen Koburg Theil. Am Samstag Abend kehrte die hochfürstliche Jagdgesellschaft von Springe nach Berlin zurück.

Im österreichischen Abgeordnetenhause hat die am Donners­tag begonnene Generaldebatte über das Budget gleich in ihrem Anfänge die leidige Nationalitätenfrage wieder an das parlamentarische Tageslicht gezogen. Abg. Plener, der Führer der Deutschböhmen, schilderte die bedrängte Stellung der Deutschen in Böhmen unb erklärte, daß von deren Schicksal auch dasjenige der übrigen Deutschen in Oesterreich abhänge. Plener klagte die Negierung an, daß sie den Deutschböhmen kein Entgegenkommen zeige und drängte er schließlich auf Beantwortung der von ihm über die Vorgänge in Böhmen gestellten Interpellation. Gegenüber den Ausführungen Pleners bemerkte der Altczeche Dr. Rieger, daß die Czechen auf dem Boden der Verfassung stünden, daß aber ihre deutschen Lands­leute von dem Ministerium Taasfe nichts zu fürchten hätten, da dasselbe für das böhmische Staatsrecht nichts gcthan hätte. Mit der bekannten heuchlerischen Phrase, daß die Ezechen von Herzen eine Verständigung mit den Deutschen wünschten, schloß die Rieger'schc Rede- alsdann wurde die Sitzung ausgehoben.

Die in London schon längst gährende Strikebewcgung der Gasarbeiter der großen South-Metropolitan-Gesellschaft ist am Donnerstag durch Einstellung der Arbeit seitens der Gasarbeiter zum Ausbruche gelangt. Vorerst tragen die Directoren genannter Gesellschaft eine sehr zuversichtliche Hal­tung zur Schau und erklären, sic hätten genügenden Ersatz für die Strikenden, aber da mit letzteren die Londoner Kohlen- lader sympathisiren, ist es nicht unwahrscheinlich, daß die Dircctoren schließlich doch nachgcbcn müssen. Zwar ist ein allgemeiner Ausstand der Kohlenlader infolge freundschaftlichen Uebereinkommens mit den Kohlenhändlern ausgeschlossen, aber erstere haben erklärt, nichts für die South-Metropolitan-Ge- sellschaft arbeiten zu wollen, so lange sie die Fordernngen der Gasarbeiter nicht bewilligt, und dieseBoycottirung" dürfte die Gesellschaft bald zur Nachgiebigkeit zwingen.

Zwischen Rußland und seinem Schützling Serbien macht sich plötzlich eine leise Verstimmung geltend. In Serbien werden jetzt seitens der Behörden den massenhaft im Lande umherziehenden russischen Hausirern mit einem Male Schwierig feiten in den Weg gelegt und dies vermerkt man an der Newa sehr übel. Die PetersburgerNowoje Wrcrnja" ist

entrüstet über diese Haltung der serbischen Behörden und cm pfiehlt unter Hinweis auf solche Vorkommnisse den Abschluß einer russisch-serbischen Handelsconvention. Was die serbische Regierung zu ihrem Vorgehen gegen die Hausirer aus dem heiligen Rußland veranlaßt, ist noch unbekannt.

Der den Bulgaren durch Vermittelung der Wiener Finanz­kreise gelungene Abschluß einer Anleihe veranlaßt das officiöse Journal de Petersb." noch nachträglich zu einem heftigen Ausfall gegen den Fürsten Ferdinand und dessen Berather. Das Petersburger Regierungsblatt meint, daß der Fürst oder eigentlich Prinz und seine Regierung mit den finan­ziellen Hülfsquellen Bulgariens ohne jede Rücksicht aus die unerfüllten Verbindlichkeiten schalteten. Schließlich glaubt das Journal sogar eine augenfällige Abweichung vom Berliner- Verträge infolge der bulgarischen Anleihe constatiren zu müssen, was aber die Bulgaren vermuthlich sehr kalt lassen wird.

Deutscher Reichstag.

37. Plenarsitzung. Freitag den 13. December 1889, 12 Uhr.

Die Etatsrechnung pro 1886/87 wird der Rechnungs- eommission zur Vorberathung überwiesen.

Es folgt die dritte Berathung der Anträge Acker­mann (cons.), A i ch b i ch l e r ((Str.) und v. Kardorsf (Rp.) über die Einführung des Befähigungs-Nachweises.

Abg. Biehl ((Str.): Selbst in liberalen Kreisen findet die Forderung des Befähigungsnachweises jetzt Anhänger und die Linke des Hauses versetzt sich bei den bevorstehenden Wahlen in eine sehr ungünstige Lage, wenn sie sich dem An­träge gegenüber ablehnend verhält.

Abg. Goldschmidt (bfr.): Dieser Antrag ist ein ge­fährliches Agitationsmittel, weil er Hoffnungen erweckt, die er nicht erfüllen kann. Will man für den Handwerker etwas thun, fo schaffe man Fachschulen, die noch immer nicht in genügender Anzahl vorhanden sind.

Abg. Kröber (Dem.) kann höchstens Befähigungsnach­weis für Bauhandwerker billigen- dieser müßte aber vor einer staatlichen Priifungscommission, nicht vor Concurrenten geführt werden.

Abg. Merbach (Rp.): Em großer Theil feiner poli­tischen Freunde wird dem Anträge zustimmen, beseelt von dem Wunsche, etwas Positives zu schaffen. Möge die Re­gierung endlich aus ihrer Passivität heraustreten und einem Entwürfe zustimmen, der sich möglichst wenig von dem An­träge v. Kardorff unterscheidet.

Abg. Ackermann (eons.): Ein wesentlicher Unterschied zwischen unserem Eventual-Antrage und dem Anträge v. Kar­dorff besteht nicht. Die geringe Coneession, die wir den

Innungen machen, kann man ohne Bedenken genehmigen, es ist das Geringste, waö man diesen für die Hebung des Hand­werkerstandes wichtigen Corporationen zubilligen muß. Be­dauerlich ist, daß die Polen, aus Mißtrauen vor dem behörd­lichen Commissar, sich gegen daS ganze Gesetz erklärt haben.

Abg. Rickert (bfr.) beantragt hierauf Vertagung unb bezweifelt, nachbem der Antrag genügend unterstützt wird, die Beschlußfähigkeit des Hauses.

Der Namensaufruf ergibt die Anwesenheit von 200 Ab geordneten. DaS Haus ist mithin beschlußfähig.

Der Vertagungsantrag wird abgelehnt, dagegen ein An­trag auf Schluß der Debatte angenommen. Hierauf wirb ber Antrag Ackermann in seinen einzelnen Theilen ohne weitere Debatte angenommen. Damit ist bie Tagesordnung erschöpft. Nächste Sitzung 8. Jannar 1 Uhr: Tagesordnung: Marine-Etat. Schluß 2</4 Uhr.

vermischtes.

Erfurt. Eine nette Ueberraschung wurde einem hiesigen, allgemein geachteten, alleinstehenden Herrn zu Theil. Als er Abends nach Hause kam, fand er in seinem Bette einen Säugling vor. Am Aermchen desselben standen auf einem Zettel die lakonischen Worte:Da hast du deinen Jungen?" Der Verblüffte, welcher weiblichen Umgang stets mied, ließ den Findling im Kinderhospital unterbringen. Es gelang noch nicht, die Mutter des Kindes ausfindig zu machen.

Landwirthschastliches.

Arn 4. December fand eine Sitzung des landwirthschaftl. Localvereins Gießen statt. Die in den letzten Monaten so viel besprochenen Maßregeln gegen die Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche, soweit sie im Innern des Landes gehandhabt werden, wurden eifrig besprochen. Die Ver­sammlung erkannte die Wirksamkeit und Nothwendigkeit der getroffenen Maßregeln durchaus an, nachdem von berufener Seite erklärt worden war, daß die Anordnung betreffs der thierärztlichen Gesundheitsscheine nur gegen die Händler allein gerichtet ist, so lange am Wohnsitze des Landwirths und in der Umgebung von drei Stunden Maul- und Klauen­seuche nicht zum Ausbruche gekommen ist. Daß der Vieh­händler in erster Linie der Verbreitung der Maul- und Klauenseuche Vorschub leistet, und daß er am meisten ge­neigt ist, den Ausbruch der Seuche zu verheimlichen, damit das Geschäft nicht leider, steht fest. Daraus erklären sich bie strengen Maßregeln, die von Reichswegen anempfohlen und*dementfprechend gehandhabt werden. Daß unter diesen Maßregeln auch der Landwirth leiden muß, ist unvermeidlich und immer besser, als wenn die Seuche monatelang im Land

Wie seine Schwiegermutter die Weihnuchtsseiertage verbrachte.

Von Helene Stökl. sNachbruck verboten.!

Ich hoffe, Sie wollen damit nicht sagen, liebe Schwieger­mutter, daß Sie meine Ehrenhaftigkeit in Geldsachen in Zweifel ziehen?"

Ehrenhaftigkeit?" wiederholte die Augcredete, eine statt­liche, wohlconservirte Dame im Anfang der Fünfziger und blickte mit vollkommenster Ruhe zu dem jungen Mann hin­über, der in unverkennbarer Gereiztheit ihr gegenüber am Fenster lehnte und von Zeit zu Zeit mit den Fingern gegen die Scheiben trommelte.Das Wort ist schlecht gewählt. Es fällt mir nicht ein, Ihre Ehrenhaftigkeit zu bezweifeln - aber vielleicht halte ich Sie für nicht ganz zuverlässig in Geldangelegenheiten."

Unb darf ich fragen, aus welchem Grunde?" fuhr der junge Mann heftig auf.

Ich weiß wenigstens nicht," fuhr bie Dame unbeirrt fort,ob Jemanb, ber sich auf einer Vergnügungsreise die Brieftasche mit seiner ganzen Baarschafr stehlen läßt"

Stehlen läßt!" unterbrach der junge Mann empört. DaS klingt ja gerade, als hätte ich den Herrn Dieb aufge fordert, sich meine Brieftasche anzueignen."

Das haben Sie entschieden auch gethan."

Nun, da muß ich doch bitten!"

JOber meinen Sie, daß, wenn Sie Ihre gefüllte Brief­tasche in der äußeren Tasche Ihres Uebeiziehers mit sich Herumtragen, dies feine stillschweigende Aufforderung für die Diebe fei, sie Ihnen herauszuziehen?"

Ich hatte sie nur für einen Augenblick ba hineingesteckt," proteftirte der Beschuldigte,ich hätte sie später schon besser verwahrt."

Wenn Sie sie später noch gehabt hätten."

Auf der Neije kann einem tolch ein Malheur leicht passiren."

Bei der nötigen Vorsicht gewiß nicht."

Was nützt alle Vorsicht gegen einen unglücklichen Zufall!"

Ich bin in meinem Leben schon viel gereift, ohne daß mir je ein solcherunglücklicher Zufall" begegnet wäre."

Das beweist noch gar nicht, daß er Ihnen nicht schon in nächster Zeit begegnen wird. Vielleicht erlebe ich es, daß Sie dann zu mir Ihre Zuflucht nehmen."

Nun, das wollen wir abwarten! Sollte ich je durch meine Schuld aus der Reise in eine Verlegenheit kommen, aus der ich mich nicht anders als durch Ihre Hülfe zu ziehen wüßte, so verspreche ich Ihnen, daß ich meine Meinung ändern und Ihre Zuverlässigkeit in Geldsachen nicht langer in Zweifel ziehen werde. Bis dahin"

Nun, bin dahin?"

Ziehe ich vor, die Vermögensangelegenheiten meiner Tochter selbst in der Hand zu behalten."

Sie erhob sich würdevoll und rauschte, einen vernichten­den Blick auf ihren verblüfft dreinschauenden Schwiegersohn werfend, majestätisch zur Thür hinaus.

Daß Ingenieur Möller als solchen stellen wir den jungen Mann dem Leser vor seine kleine Frau Lucie auf das Zärtlichste liebte, das konnte auch dem oberflächlichsten Beobachter nicht verborgen bleiben- noch lieber freilich hätte er sie gehabt, wenn sie keine Mutter, oder um genauer zu sein, wenn sie nicht gerade diese Mutter besessen hätte.

Ja, seine Schwiegermutter! Sie war der einzige dunkle Punkt an dem sonst wolkenlosen Himmel seines ehelichen Glückes! Nicht etwa, daß er sie nicht hätte achten können, nein, daß er sie so sehr, so unbedingt achten mußte, das

empfand er als fein Verhängnis;. Mit ihren Fehlern unb Schwächen hätte er sich willig abgefunden, ja, er hätte sich kaum ein größeres Vergnügen denken können, als seiner Schwiegermutter etwas verzeihen zu können. Aber sie hatte keine Schwäche.

Sie war ihrem Gatten eine vorzügliche Frau, ihren Kindern eine musterhafte Mutter gewesen, sie hatte als Wittwe tadellos gelebt, sie hatte das von ihrem Manne hinterlassene Vermögen nicht nur umsichtig zu verwalten, sondern auch zu vermehren gewußt. Sie war nicht geizig und nicht verschwen­derisch, nicht ungebildet und nicht verbildet, nicht emancipirt und nicht pedantisch, sie war nicht übelwollend, nicht kleinlich, nicht klatschsüchtig sie war einfach tadellos.

Dieser von Allen, von ihr selbst natürlich nicht am wenig­sten anerkannten Tadellosigkeit stand ihr Schwiegersohn hüls- und machtlos gegenüber. Gegen sie batte er feine Waffe, an ihr scheiterte jeder Versuch, in ein wärmeres Verhältniß zu ihr zu treten.

Jetzt hatte er gewünscht, einen Theil des Vermögens seiner Frau, über das sie nach dem Testament ihres Vaters zu verfügen hatte, in feine Hand zu bekommen, ba sich ihm eine höchst vortheilhaste Anlage für basselbe bot.

Seine Schwiegermutter hatte die Vortheile der Anlage nicht in Abrede stellen können, sie hatte auch geneigt geschie­nen, auf den Wunsch ihres Schwiegersohnes einzugehen, da war die unglückliche Geschichte mit ber Brieftasche dazwischen gekommen. Er gab zu, cs war unverantwortlich, eine Brief­tasche mit 195 Mark 75 Pfennig er hatte sich den In­halt nur zu genau gemerkt in die äußere Tasche seines Rockes zu stecken - selbst die Haft, mit der er aus der Eisen­bahn in bas Dampfschiff übergeftiegen war, konnte bas nicht entschulbigen, aber am Ende, es war sein Geld, sollte er