Zweites Blatt
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Erscheint tätlich mit Ausnahme des MsrttagS.
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Politische rrebeestcht
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Gießen, 23. Apri!.
Allseitiq wirb jetzt zugegeben, daß die angekundigten Verschiebungen im preußischen Mimsterium vor sich gehen werden, ohne daß dieser ober jener Minister zurüettritt. Wann und in weichem Nmsange diese 2ieranberungen eintreten werden ist allerdings der Oeffentlichkeit noch immer unbekannt, zumal da her ftai’er seine endgültige Entscheidung noch nicht getroffen haben durste; stinmr gebietenden Einfluß aber ist et vor Allem zu danken , daß Fürst Bismarck einen Theil seiner amtlichen Functionen meberlegt, ohne daß hierbei einer seiner bisherigen Collegen aus dem Ministerium ausscheidet. Was die neuer» dinaz wieder mehr in den Vordergrund getretene Frage der Neactivirung des Staatsrathes anbelangt, so verlautet hierüber, daß der Kaiser zwar im Principe seine Zustimmung dazu gegeben habe, daß der Staatsrath auf veränderter Basis wieder in Wirksamkeit trete. Bevor jedoch etwas Definitives in dieser Ange- leaenheit geschehen könne, sei es erforderlich, daß die neue Grundlage für den Naatsrath ausgearbeitet werde und bis dies geschehen, könnten noch Monate vergehen. Als gewiß gelte es aber nunmehr, daß der Kronprinz den Vorsitz uoernehnw.^ (ßQrtejtag ^er süddeutschen Nationalliberalen in Neustadt wird demnächst ein allgemeiner nationalliberaler Parteitag in Berlin jolaen aus welchem jedenfalls die Heidelberger und Neustadter Beschlüße die Genehmigung der Centralleitung der Partei finden werden
Klerikale Blätter stellen in Aussicht, daß das Zentrum seine Action gegenüber dem Socialistengesetz in erster Linie daraus richten werde, den foa kleinen Belagerungszustand, auf welchem bekanntlich die Ausweisungen be- ruhen zu beseitigen und nur unter dieser Einschränkung bereit sei, der Verlängerung des Socialistengesetzes zuzustimmen. Einen von vornherein aussuAs- loferen Versuch könnte das Centrum gar nicht unternehmen, das hieße dem Gesetze feine weitaus stärkste Waffe nehmen und muß auch bezweifelt werden, daß ein derartiges Vorgehen in der Absicht des leitenden Centrmns ührer» stegt
Bei der am Sonntag stattgesundenen Neuwahl von Mitglie- dern für den Großen Rath des Kantons Bafel (Stadt) sind 84 Freisinnige und 34 Conservative gewäkflt worden; 12 Nachwahlen haben noch stattzuslnden.
Die Nachrichten über den dem österreichischen Thronfolger-Paare m Konstantinopel zu Theil gewordenen Empfang haben in Wien dm besten Em- druck gemacht. Kronprinz Rudolf selbst giebt in einer Depesch- an seine erlauchten Eltern unverholen seiner Befriedigung über den Empfang Ausdruck und hebt namentlich die persönliche große Liebenswürdigkeit hervor, welche der Sultan seinen Gästen gegenüber entfaltet habe. Die kronprinzlichcn Herrschaften bewohnen im Garten des „Palastes der Sterne" einen mit aller orientalischen Dr-icht ausqestatleten Kiosk, dessen Einrichtung nicht weniger als 2c>0,000 Frcs. gekostet haben soll. Es ist dies um so mehr anzuerkennen, als die steten finan- stellen Verlegenheiten des gegenwärtigen Sultans, mit denen derselbe m Folge der Mißwirthschast seiner Vorgänger zu kämpfen hat, eine solche Ausgabe als ein bedeutendes Opfer erscheinen lassen.
Die eigentlichen militäriichen Operationen der sranzosen in Tonakinq gelten zwar mit der Einnahme von Honghoa der Hauptsache nach für beendigt, die Umstände gestatten aber nicht, einen gänzlichen Stillstand in den militärischen Bewegungen. Eine starke seinbliche Abtheilung —- wie es heißt 5000 Mann — aus Chinesen, Annamiten, Scywarz- und Gelb-Flaggen, bunt'gemischt, hat sich nach dem äußersten Narben von Tongking zurückgezogen und b-vroht von hier aus noch immer die französischen Stellungen so daß sich wenigstens ihre Beobachtung nöthig macht. Überhaupt wird sich die Besetzung des ganzen Tongking durch die Franzosen als eine nicht abzuweisende Noth- wendigkeit darstellen, beim sie werden sich nur bann im Delta des Rothen Flusses halten können, wenn sie bis hart an die chmeMche grenze vorrucken und Bort jene festen Platze besetzen, welche, wie Lang-Song, Kao-Bang und Lav-Kai, die Gebirgs-Uebergänge nach den südlichen Provinzen des chinesischen Reiches beherrschen. Endlich sind auch die Urheber der an den Missionaren und christlichen Eingeborenen verübten großen Massacres noch unbestraft, schon zur Wahrung seines Ansehens muß Frankreich zu einer exemplarischen Bestrafung derselben schreiten und bereitet zu diesem Zwecke eine Expedition nach der Provinz Tanhoa vor, wohin sich die Urheber jener Greuelthaten geflüchtet haben. Da indessen mittlerweile die Regenzeit in Tongking eingesetzt hat, so verbieten sich hierdurch alle weiteren Unternehmungen der Franzosen zur Zeck von selbst.
Die Berufung des englischen General-Consuls Baring in Kairo nach London kann als ein Zeichen betrachtet werdendaß die englische Regierung aus ihrer bisherigen Apathie gegenüber den Ereignissen im Sudan endlich'heraustreten will. Es heißt, daß die englische Regierung entschlossen sei, eine Conferenz in Landon zur Regelung der finanziellen Lage Eauptens abhalten zu (affen, an welcher Mr. Baring theilnehmm solle. Die Vermuthuna liegt aber sehr nahe, daß der Vertreter Englands in Kairo seiner Reaieruna außerdem Bericht über die Gesammtlage im Sudan aozustatten hat und daß hiernach das Cabinet Gladstone seine weiteren Entschlüsse trifft. Der Reise Mr- Baring's gehen übrigens.neue bedenkliche Nachrichten vorher 300 Personen der Garnison von Shendp, welche sich auf dem Nil eingefcfi fft hatten in der Hoffnung, Berber zu erreichen, sollen unterwegs von den Rebellen gegriffen und särnrntlich niedergemetzelt worden fern. Ferner meldet puffern Pascha aus Berber, daß die dortige Bevölkerung eine drohende Haltung ange-
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Mx. SS. Zweites Blatt. Donnerstag den 24. April 188L
Weßmer Anzeiger
nonunen habe und spricht er die Befürchtung aus, daß Berber in wenigen Tagen von den Aufständischen ganz eingeschlossen und besetzt sein werde. Von General Gordon verlautet, daß er der englischen Regierung angezeigt habe, er werde bei der Schwierigkeit des Verkehrs und den dadurch herbeigesührten Verzögerungen künftighin nach eigenem Ermesien uud auf eigene Verantwortung hm handeln. Neber die Empörung, welche in Kordofan gegen den Mahdi ausgebrochen ist, liegen neuere Mittheilungen nicht vor.
Das russische Kaiserpaar ist am Samstag von seiner Winter- Nestdenz Gatschina nach Petersburg übergesiedelt, wo es für die nächsten Monate restdiren wird.
Nach langer mühevoller, aber vom glänzendsten Erfolge gekrönten: Arbeit steht die deutsche Cholera-Commission, welcher die Ausgabe zu Theil ge» worden war, in Egypten während der vorjährigen Cholera-Epidemie die Ursachen der Seuche zu erforschen, im Begriff, von Alexandrien aus die Heimreise anzu- treten. Bekanntlich hat die Commission von Egypten aus einen Abstecher nach Indien gemacht, um hier, im Vaterlands der Cholera, in das innerste Wesen der furchtbaren Krankeit einzudringen und wie sehr dies der Commission gelungen ist, davon geben die interessanten Berichte ihres Vorsitzenden, des Dr. Koch, lebendiges Zeugniß. Die Mitglieder derselben sollen die Ansicht ausgesprochen haben, daß Egypten in diesem Jahre voraussichtlich von der Cholera befreit bleiben werbe, da sich bei dem Eintreten der intensiv heißen Jahreszeit in diesem Lande keinerlei Cholera-Anzeichen ergeben Hütten.
Die letzten Veränderungen in der Zusammensetzung des chinesischen Staatsrathes sollen nur den Zweck gehabt Haden, den Massen für die Niederlagen in Tongking Genugthuung zu geben. Im Uebrigen wird versichert, daß es keineswegs in den Intentionen Chinas liege, mit Frankreich zu brechen, auch nicht wegen einer etwaigen Kriegsentschädigung.
Neber die^elegirten^Nersammlung des Allgemeinen deutschen Kealschulmänner = Vereins
zu Düsseldorf den 8., 9. und 10. April 1884.
Dienstag den 8. April fand die erste offictelle Sitzung im Saale der Tonhalle statt. Director Dr. Schauen bar g-Crefrld begrüßte Seitens des Vorstandes die sehr rahlreich besuchte Versammlung- Dann wurde Director Schwalbe-verli» und Director Dr. Laubert.Frankfurt a. d. O. zu Lettern der Verhandlungen erwählt, das Schrift- führeramt aa Oberlehrer B aumbach - Duisbmg und Dr. Vol ckmar-Offenbach Übertsa^n^ Direktor Dr. Steinbart erstatteten Jahresbericht entnehmen wir einige Hauptpunkte. Einige Realgymnasien sind eingesangen, andere neu gebildet, Gewinn- und Verlustconto sind gleich. Die Zahl der Mitglieder des Vereins hat im Ganzen zugenommen. Die Berichte der Delegirtcn brachten mehrere erfreuliche Mtt- theilungen vom Wachsen und Gedeihen der Zweigvereine, sowie auchvon Neubildung derselben. So entstand in kurzer Zeit in Hannover ein Verein von 115, in Elberfeld von 123 Mitgliedern. _ , , m ,
Ht-rauf kam zur Seibanblung ein Antrag 6er Lehrer en bayerischen Realgymnasien Realschulen und Industrieschulen aus Ausfluß an dm Allgemeinen deut chm Realschulmännerverein. Der Antrag wurde genehmigt und ist dadurch die Anzahl der Vereinsmttglteder in Boyern mit einem Schlage um 363 gewachsen.
Die zweite Sitzung, Mittwoch den 9. April, war ebenfalls zahlreich besucht. Unter den 290 Anwesend«» befanden sich eine Anzahl Großfirdustnelle aus Rhe uland und Westfalen, 2 Vertreter der Regierung, Professoren, Mitglieder von Realschul- curatorien und zahlreiche freunde der Realschulangelegenhert aus allen Stünden.
Schauenburg eröffnet die Versammlung, begrüßt die Anwesenden und bedauert besonders, daß Professor Wtslicenus (Würzburg) durch Krankheit verhindert ist, zu erscheinen und seinen angekündigtcn Vortrag über die Zulassung dcr Realschulabiturienten zum Untversitätsstudium zu halten. — Oberbürgermeister Becker begrüßt die Versammlung in Düsseldorf. Dtrector Dr. Krück-Würzburg bringt dann der Versammlung einen warmen Gruß aus Süddeutschland und benetztet, daß in Bayer« und Württemberg die Stimmung den Rcalscbulev günstiger geworden sei. Für Württemberg ist nachaewirsen, daß die Realscdulabt,urienten sich den Gymnasialab turtente« wenigstens ebenbürtig gezeigt baden. In Bayern ist die Regierung den Realanstatte« wohlgesinnt. Hervorragende Gelehrte, wie W'.slicenus DuboiS-ReymonbG^ haben sich in neuester Zeit für Gleichberechtigung der Real- und Gymnastalabttur ent^n ausgesprochen und es steht zu hoffen, daß andere namhafte Gelehrte, wennsie.einmal wirklich die Sache vorurtheilßfret betrachten, Nachfolgen. In zündender Rede! wurde dann der augenbl ckltche« Prüfungszrit der Realschulen, sowie des Zrcles gedacht, daS man bei mutbtgem Ausharren sicher erreichen werde.
Hierauf hielt der ordentliche Professor der Neuphilologie Dr. Stengel von Marburg seinen Vortrag über die Realgymnasialabiturrenten. Redner war anfänglich Gegner der Realschule. Zahlreiche Beobachtungen an seinen Zuhörrrn veranlaßten ihm das Vorurteil fallen zu lassen. Im Durchichmtt sei der Realschulabiturient wtsienschaftlich interessirter. Die statistische Zusammenstellung der Pcüfungsresuttate in Marburg von 1877—81 lautet äußerst günstig für die Realschulabiturtenten. Eine Spaltung wird durch die Gleichberechtigung wrder in das Untversitäts-, noch in das Beamtenleben gebracht. Das Selbstgefühl der Rsalschulabitu^enten muß gestärkt werden. Der Steg wird endlich über veraltete Vorurthetle und unberechtigte Anmaßung davongttragen^wrrbem Schilderung der augenblicklichen Loge der Realschulftage. Die Gründe für die noch nicht völlige Gleichbrrechtigung liegen in folgenden Punkten. Wir hatten keinen Vertreter im Ministerium, der zur richtigen Zeit den Henn Minister über den Stand der Angelegenheit unterrichtet hätte. - Man verlaßt sich zuJefcr, statt die Thatsachen zu prüfen, auf Aussprüche berühmter Gelehrten, die wohl in ihrem Fach Bedeutendes leisten, aber häufig die Organisation und die Leistungen der Real-- schulen thatsäcklich gor nicht kennen. Sehr bezeichnend '.st unter andern der r^all, daß der berühmte Chemiker Hofmann in Berlin ganz abfällig von der Reelschulbtldung urtheilte, ohne zu wissen, daß 4 von seinen 6 Assistenten früher Realschüler waren. Auf eine Anfrage bei Herrn Pros. Hofmann, an welchen ehemaligen Schülern er dMN so schlechte Erfahrungen gemacht habe, hat er nicht geantwortet — Das Amt de« Ministers erstreckt sich nicht nur auf den Unterricht, sondern auch auf die MedtcinaL- und geistlichen Angelegenheiten. — Das Publikum schätzt den Werth einer BildungS- Anstalt nach der Anzahl von Berechtigungen, die durch deren Absolvirnng erworvm


