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benutzen, um auch die polnische Frage wieder aufzurollen 'und womöglich das Polenreich nochmals wieder herzustellen. Eine polnische Legion sollte zu diesem Behufe im geeigneten Momente auf der Seite einer kriegführenden Großmacht erscheinen und ist es hauptsächlich Frankreich gewesen, worauf diese Polen ihre Hoffnung richteten, fie scheinen aber auch versucht zu haben, Oesterreich oder Rußland bet der zeitweiligen Spannung zwischen diesen Möchten für ihre Pläne zu gewinnen.
Kraszewski hat nun offenbar auch dadurch bet einigen ausländischen Regierungen stch einzuführen gesucht, daß er vorgab oder vielleicht auch den Auftrag übernommen hat, Kundschafter- und Sptondienste bezüglich der Wehrfähigkeit Deutschlands zu leisten. Kraszewski hat dies aber nicht direct selbst gethan, sondern dazu wieder Unteragenten benutzt. En solcher dunkler Ehrenmann ist ein Schriftsteller Adler, welcher leider in Deutschland nicht dingfest gemacht werden konnte, da er sich im Auslande aufhält. Dieser Aoler warb nun für Kraszewski als eigentlichen Spion den preußischen Hauptmann a. D. Hentsch, einen befähigten Mtliiär und begabten Milttärschriftsteller. Hentsch hat darauf zunächst nur für Adler Berichte und Beschreibungen über Einrichtungen des deutschen Heeres, Mobilmachungspläne, neue Erfindungen, Festungspläne u. s. w. geliefert und Adler hat diese A' beiten an Kraszewski und dieser dieselben wahrscheinlich an einen Abtheilungschef des französischen Krtegsministeriums gesandt.
Beide Angeklagte leugnen natürlich den letzten Endzweck ihres Thuns, Kraszewski will mit gar keiner fremden Regierung in Verbindung gestanden haben und Hentsch will einfach miliiäcwissenschaftliche Arbeiten für Fachblätter geliefert haben. Aus dem Briefwechsel zwischen Hentsch und dem Vermittler Adler geht aber ganz deutlich hervor, daß es sich um Berichte an eine fremde Regierung über solche Gegenstände handelte, woraus dem Vaterlande bedeutender Schaden erwachsen kann und welche im Strafgesetzbuchs unter die Paragraphen des Landesverraths fallen. Wie es nun unter Spitzbuben und Lumpen in der Regel der Fall ist, betrügt auch einer den andern So hat 3. B. Hentsch dem Adler, resp. dem Kraszewski zuweilen ganz werthlose Berichte oder angebliche geheime Bücher für hohe Preise aufgehalft, Adler hat dafür sich wieder dadurch gerächt, daß er Hentsch später ganz miserable Honorare (?) für die Spionage zahlte und später auch an Kraszewski e'ne Erpressung unter der Androhung, Kraszewskt's Briefe an die preußische Regierung senden zu wollen, vornahm. Trotz dieser Betrügereien der Spione unter einander ist aber auch notorisch Landesverrath von den Angeklagten geübt worden, denn die Gutachten des Krtegsministeriums und des Großen Generalstabes sagen, daß die Mtttheilungen des Hentsch über den neuen Kriegsbrückenbau, über die Rewontirung der Armee im Kriegsfälle und über neue Pulversorten einer feindlichen Macht von großem Nutzen sein können. Der Ober- retchsanwalt beantragte deshalb gegen Hentsch 10 Jahre und gegen Kraszewski 5 Jahre Zuchthaus, und erkannte das Reichsgericht, wie eine Depesche meldet, am gestrigen Tage über ersteren auf 9 Jahr Zuchthaus und über v. Kraszewski auf 3Vr Jahre Festunasstrose.
Kaud-l uud BeEshv.
Gießen, den 20. Mai. Auf dem heutigen Markt kostete,: Butter per Pfund X 0.90—0.98, Hühnereier pr. Stück 4—5 H, Enteneier pr. Stück 5—0 Gänseeier pr. St. 10—00 H, Käse St. 4—9 Käsematte 2—3 H, Erbsen pr. Liter 20 Linsen 30 H, Tauben per Paar 0,50—0,80 H, Hühner per Stück X 1.00—1.50, Hahnen pr. Stück X 1.40—1.80, Enten per Stück X 2.30—2.80, Welsche X 11—12, Ochsenfleisch per Pfund 66—70 Kuh- und Rindfleisch 50—60 H, Kalbfleisch 40—50 Schweinefleisch 54—60 Hammelfleisch 64—70 H, Kartoffeln per 100 Kilo X 3.50—4.00, Milch per Liter 13—18 H, Zwiebeln per Ctr. X 18—00, Kirschen per Pfund 60
Frankfurt, 19. Mai. Der heutige Viehmarkt war stark befahren. Angetrieben waren 400 Ochsen, ca. 15 Bullen, ca. 500 Kühe und Rinder, ca. 205 Kälber. Die Preise stellten sich: Ochsen 1. Qual. X 63—00, 2. Qual. X 54—00, Kühe und Rinder l.Qual. X 58-60, 2. Qual. X 40—50, Kälber 1. Qual. X 56—58, 2. Qual. X 48—50 per 100 Pfund Schlachtgewicht.
Frankfurt, 19. Mai. (Getreide-Preise.) Weizen eff. hiesiger und Wetterauer X 20—20y2, fremd. X 19-Vr, Roggen eff. hies. X 15V2—I6V2, fremd. X 15Vr,bis 163/4, Gerste eff. hies. u- Wetterauer X 17—18, fremde X 18—19, Hafer eff. hiesiger X 15‘/2—16, fremder X 15‘,2—16V4. — Rüböl eff. ohne Faß hies. in Parthren von 50 Ctr. X 37. Branntwein osi. obne Faß X 42.
Kirchliche Anzeigen der tu angel. Gemeinde.
Gottesdienst. Himmelfahrttag, den 22. Mai. Vormittags 9^2 Uhr: Pfarrer Dr. Naumann. Nachmittags 2 Uhr in der Friedhofskapelle: Pfarrer Dingeldey.
Wafferwärme der Lahn.
Am 20. Mai, zwischen 11 und 12 Uhr Mittags: 13V? R- - Luftwärme 16« R- Rübsamen.
keine weitere Aktion und ließe sich billig jetzt die Frage aufwerfen, inwieweit ein derartiger nomineller Anspruch gilttg sei. England hat aber Ansprüche darauf vor andern Mächten auf den allgemeinen Grund wegen der Nähe an Englands Besitzungen. Eine deutsche Niederlassung ist jüngst dort errichtet, aber das konstituirt an und für sich nicht einen Anspruch. Betreffend den Schutz britischer Interessen ist die Negierung in Corre- spondenz mit der deutschen Regierung und während des Schriftwechsels.wisse er nicht, daß ein specieller Schutz nothwendig sei.
London, 19. Mai. Den „Daily News" wird aus Affuan vom 17. d. Mts. telegraphirt, daß der britische Agent in Berber, Cuzzi, und ein Neffe Hussein Pascha Kalifas auf der Flucht aus Berber von räuberischen Arabern unweit Abuhamed gefangen genommen wurden.
Petersburg, 19. Mai. Der „Regierungsanzeiger- veröffentlicht ein kaiserliches Manifest, welches bte erfolgte Großjährigkeit des Großfürsten-Thronfolgers und dessen Jnetdnahme auf treuen Dienst für den Kaiser und bas Vaterland zur öffentlichen K nntniß bringt und m t folgenden Worten schließt: „Aus Gottes Gnade bauend glauben wir, unser Aller inbrünstiges Gebet werde erhört werden. Möge Gott die junge Seele unseres Erstgeborenen und dermaletnstigen Nachfolgers tn den heiligen Gelübden für den ihm von Gott angewiesenen bohen Beruf kräftigen, möge Göttin das Herz und in den Verstand desselben seine Wahrhe t und Weishelt legen , möge ihm Gottes reichster Segen zu Theil werden, zur Erleuchtung und Befestigung tn redem fluten Vorhaben und zu jeder rechten That!"
— Se. K. Hoheit der Prinz Wtthelm empfing heute Vormittag im Winterpalais d!< Vertreter der hiesigen deutschen Kolonie und des deutschen Wohlthatigkeitsoereins, fotrie die von den deutschen Gartenbau-Ausstellern abgesandten Delegirten. Später begab sich Se. K. Hoheit zum Kaiser und zu der Kaiserin nach dem Anitschkoffpalals und wohnte dann gemeinsam mit dem Kaiser einer Besichtigung der zuletzt aus- gehobenen Mannschaften von dm in Petersburg und Umgegend garnisonirenden T-uppentheilen bei, die auf dem Platze vor dem Winterpalais ftattfand. Heute Nachwittag gedenkt Se. K- Hoheit eine Umfahrt durch die Stadt zu machen und die Kunstschätze in der Eremitage zu besichtigen. Für morgen ist eine Besichtigung von Kronstadt in Aussicht genommen, wohin der Großfürst Alexis den Prinzen Wilhelm be- gleltcn jDtrb.^ empfing der Grobfürst-Thronfolger im Anitschkoffpalais das dramatische Corps. Um 5 Uhr findet ein Galadiner im Winterpalats statt, zu sichern die Geladenen, sofern sie preußische Ordensauszeichnungen besitzen, dieselben anzulegen (|janbe^-'eIep,amm QU§ Dflts meldet, daß der Statthalter des Kaukasus, Fürst Dondukoff-Korfsakoff, am 14. d. M- in Merw angenommen ist.
Konstantinopel, 19. Mai. In Bey.Puzari bei Angora sind am 17. d. Mts. durch eme Feuersbrunst gegen 1500 Gebäude zerstört worden, darunter 11 Moscheen und GO Kirchen-Etablissements; 11 Personen sind dabei um's Leben gekommen
Verwischtes.
Mainz, 19. Mai. Heute Nachmittag zwischen 3 und 4 Uhr zogen über Stadt und Umgegend mehrere von heftigen Regengüssen und Hagelschlag begleitete äußerst fernere Gewitter. Au8 allen Richtungen laufen Nachrichten über den Schaden ein, welchen die Gewitter an den Feldfrüchten verursacht haben. Unmittelbar an dem Le-nibera in den Gemarkungen Mombach und Budenheim ging ein wolkenbruchartiger R-aen nieder, der auch eine Strecke des Bahnkörpers der Linie Mainz-Alzey zerstörte, so daß bei Verkehr auf kurze Zeit gehindert war. Auch die Gewitter der verflossenen Nacht haben in der biessettigen Provinz bedeutenden Schaden angerichtet; be onders wvrden die Weinberge zwischen hier und Worms arg mitgenommen. Hier schlug der Blitz zweimal ein, ohne indeß bedeutenden Schaven zu verursachen.
Mannheim, 15. Mai. Heute Nachmittag gegen 5 Uhr entstand durch die ßTploUon eines Benzirckrssels in der Kramer'fchen Färberei in der Schwetzingerstraße ein bedeutender Brand, der ein großes vierstöckiges Gebäude in Asche legte und großen Schaden an Geräthen und Material verursachte. Leider erlitten drei Arbeiter schwere Verletzungen und dürfte einer derselben schwerlich am Leben bleiben.
- sDcr Landesverrothsproceß gegen Dr. v. Kraszewski und Hauptmann a. D. H-ntsch.l In der letzten Woche hat sich vor dem Reichsgericht zu Leipzig der schon leit mehreren Monaten durch die Verhaftung der Angeklagten vorbereitete Landesverraths- pi-occh gegen den Schriftsteller Dr. v. Kraszewski und den ehemaligen preußischen ßtauptmann Hentsch abgespielt und im Wesentlichen Folgendes ergeben. KraSzewski, eltn hervorragender polnischer Parteigänger und Flüchtling aus dem letzten polnischen Aufstande, lebte seit dem Jahre 1863 in Dresden, erst als Ausländer und spater als sächsischer Angehöriger. Dort hat Kraszewski entweder selbst einen gehermen Polenclub gegründet oder ist doch M tglied eines solchen geworden, welcher Polenclub sich zum Bleie gesetzt hatte, irgend welche europäische Verwickelung^ und Kriege dazu zu
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