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Beilage zu Ur. 244 des „Gießener Anzeiger".
Vslitische Ueb erficht.
Gießen, 17. October.
Ls wird jetzt von verschiedenen Seiten, zumal von französischen Blättern, bestätigt, daß auf Antrieb des deutschen Reichskanzlers eine Conserenz aller an Colonialfragen betheiligten Mächte wahrscheinlich in Berlin stattfinden wird, um sich über eine Anzahl Grundfragen in den Colonial-Jntereffen zu verständigen. Der betr. Gedanken-Austausch hat zunächst zwischen der deutschen und französischen Regierung stattgesunden, worauf Deutschland alsbald auch England, Italien, Spanien, Holland, Belgien und Portugal verständigt hat, während die beiden Kaisermächte, Oesterreich und Rußland, schon vorher von Deutschlands Vorhaben unterrichtet gewesen sind. Den Anlaß zu der Conferenz haben einestheils die vielfach verworrenen Verhältnisse in den Colonial-Ange- legenheiten, anderntheils aber auch das willkürliche Vorgehen zweier Mächte, nämlich Englands und Portugals, in überseeischen Ländern gegeben. Hervorgehoben muß auch werden, daß die internationale Conferenz sich nicht nur mit der Regelung der Verhältnisse in einzelnen Colonial'Ländern befassen, sondern auch eine Art internationales Recht festzusetzen sich bemühen wird, nach welchem die einzelnen Staaten colonisiren dürfen. Als wichtigste Punkte in dem Programm der Conferenz nennt man deshalb: 1) Die Conferenz hat sich nicht mit bereits erworbenen Besitzrechten einzelner Staaten, sondern nur mit solchen Territorien Afrikas und der Südsee-Jnseln zu beschäftigen, deren Besitzrechte noch nicht geregelt sind. Die Conferenz bestimmt: 2) Freiheit des Handels und freien Zugang aller Flaggen auf dem Congo, 3) Handels- und Schifffahrts- Freihett für alle Mächte auf dem Niger, 4) Feststellung des Rechts der Besitzergreifung von Gebieten, welche noch nicht der Schutzherrschast einer civilisirten Nation unterworfen sind. Erläuternd wird noch bemerkt, daß die Erhebung von Zöllen am Congo verhindert werden soll, daß der Handel nur solchen Abgaben unterworfen sein dürfe, welche zur Errichtung von nützlichen Anlagen, wie Leuchtthürme und Quais, Verwendung finden. Zur Regelung dieser localen Frage soll die Einsetzung einer internationalen Commission in Vorschlag gebracht werden. Die Erreichung des gleichen Zieles für den Nigerfluß bietet größere Schwierigkeiten dar, weil das Delta desselben durch englische Besitzungen eingeschlossen ist, hier wird es also von dem guten Willen Englands abhängen, ob es die gewünschte Freiheit für Handel und Schifffahrt auch den übrigen Nationen gewähren will. Zur Feststellung des Rechts der Besitzergreifung wird bemerkt, daß in letzterer Zeit sehr viele Besitzergreifungen aus dem Papiere gemacht worden sind und daß es deshalb nöthig sei, die thatsächliche Besitzergreifung zu verlangen und sofern sie bis zu einem gewissen Zeitpunkt nicht geschieht, daß die formellen Besitzrechte erlöschen. Man ersieht hieraus, baß die Andeutungen, welche Fürst Bismarck im Juni in der Commission zur Berathung der Post- dampfer-Vorlage machte, inzwischen feste Gestalt gewonnen haben. Das Programm der Conferenz ist zugleich das Programm für die deutsche Colonialpolitik. An die Stelle der englischen Herrschaft in Westafrika, wie sie von der Regierung Englands bisher angesirebt worden ist, soll der Grundsatz der Freiheit des Handels und der Schifffahrt auf den beiden Hauptströmen Westakrikas verkündet werden und an Stelle der papierenen Besitzergreifungen, wie sie bisher unter dem englischen Einfluß im Caplande und in Australien geübt worden sind, soll die thatsächliche Besitzergreifung allein Anspruch auf Beachtung haben. Es ist klar, daß die Conferenz eine gegen England gerichtete Spitze hat, das Streben der übrigen seefahrenden Mächte, sich gegen englische Anmaßungen zu vereinigen, ist aber durchaus naturgemäß und völkerrechtlich begründet. Die übrigen Mächte beanspruchen auch ihre Rechte an der Colonisation Afrikas, Australiens und der Südsee-Jnseln und das bamit unter Deutschlands Initiative verbundene Vorgehen der anderen Mächte dürste sich allgemeinen Beifalls erfreuen. Wie es scheint, hat auch England seine Theilnahme an der Conferenz zugesagt und sich zu entsprechenden Concessionen bereit erklärt.
Oesterreich hat soeben von Montenegro einen Beweis aufrichtiger freundnachbarlicher Gesinnung erhalten. Von der Regierung des Fürsten Nikita ist der Befehl erlassen worden, sämmtliche nach Montenegro geflüchtete Insurgenten aus Bosnien, Herzegowina und der Crivoscie in demjenigen Theile des Fürstenthums zu interniren, welcher von der österreichischen Grenze am entferntesten liegt. Gleichzeitig wird bekannt gemacht, daß Jeder, der an der Grenze Montenegros und der von Oesterreich verwalteten Gebiete bei einer aufrührerischen Handlung betroffen werde, unnachsichtlich Iren österreichischen Behörden ausgeliesert werden würde. Die Vermuthung liegt sehr nahe, daß Montenegro, der alte Störenfried auf der Balkanhalbinsel, durch die Drei-Kaiser-Zusammen- kunst von Skierniewice zu einer bei ihm so überraschenden loyalen Handlung bewogen worden ist.
In Frankreich hat am Dienstag die Wiedereröffnung der parlamentarischen Session ohne weitere Feierlichkeiten stattgesunden. Den Kammern —aggmi^MEi—zgKiaBaiJ3iBaEg3HmaawBMaMBKE3iMaBP;n»hi;gMucaBaiaaF/|ii 11111111,111 iminf
ist das schon erwähnte Gelbbuch vorgelegt worden; außerdem brachte in der Deputtrtenkammer der Marineminister Peyron eine neue Kreditsorderung für Tongking im Betrage von 1t Mill. Frcs. ein und der Kriegsminister Cam- penon legte den Gesetzentwurf, betr. die Organisation von Colonial-Truppcn, vor. Die Berathung der vom Deputirten Des Roys eingebrachten Interpellation über die WirthschaftS-Politik der Regierung findet nächsten Samstag statt. Recht unangenehm muß es dem Ministerpräsidenten Ferry sein, daß gerade am Tage der Kammer-Eröffnung die Nachricht von einer Schlappe eingetroffen ist, welche die Franzosen auf Formosa erlitten haben, indem sie bei einem Angriff aus Tamsui nach vierstündigem Gefecht gezwungen wurden, sich zurückzuziehen. Ebensowenig ist bisher die Besetzung von Keelung gelungen und da auch in Tongking die Wirkungen des von dem Expeditions-Corps unter General Nögrier bei Cep errungenen Sieges noch aus sich warten lassen, so kann man nicht sagen, daß die Eröffnung der Kammern unter besonders günstigen Auspicten für das Cabinet Ferry vor sich gegangen ist, soweit es sich um Ostafien handelt.
Jenseits des Canals läßt die herannahende parlamentarische Campagne oen Gegensatz der Parteien in einer dem englischen Pflegma sonst fremden Weise hervortreten. In Birmingham ist es zu ernsten Ruhestörungen von Seiten der Liberalen gekommen, welche unter großem Tumult eine conservatire Versammlung sprengten. Es entwickelte sich ein förmliches Handgemenge, in welchem die mitanwesenden conservativen Führer, Northcote und Lord Churchill, von ihren Freunden nur mit Mühe vor den Brutalitäten der Gegner geschützt werden konnten. Dem Cabinet Gladstone kann diese Art und Weise, wie seine Anhänger für die liberale Sache eintreten, schwerlich erfreulich fein.
Das russische Kaiserpaar ist am Montag von seiner Sommerresidenz Gatschina nach Petersburg übergcsiedelt. Die Gerüchte von bevorstehenden Veränderungen in höheren russischen Staatsämtern, namentlich im Kriegsministerium und im General-Gouvernement von Warschau, werden als unbegründet bezeichnet.
In der egyptischen Finanzfrage ist wenig Neues zu verzeichnen. Am 20. October nimmt bekanntlich der Proceß der Commiffäre der Staats- schulden-Tilgungskasse gegen die egyptische Negierung seinen Anfang, es wird dies aber eine sehr langwierige Affaire werden, da man annimmt, daß der Proceß nicht unter 6 Monaten zum Abschluß gelangen wird. Von der Demission des Cabinets Nubar Pascha ist anscheinend nicht mehr die Rede.
In Peru herrscht wieder der Bürgerkrieg; General Caceres strebt nach dem gegenwärtig vom General Iglesias occupirten PräsidentschaslS- Posten und findet im Süden und Centrum der Republik eifrige Unterstützung. Zwar haben die Regierungs-Truppen nach lebhaftem Kampfe die Stadt Trujillo genommen, indessen muß noch abgewartet werden, ob dieser Erfolg der Regierung ein durchschlagender oder nur ein.momentaner ist.
Vermischtes.
Odessa, 8. October. Einer der hervorragendsten Nihilisten, Letba Deutsch, wurde heute von dem Kriegsgerichte zu 13 Jahren uvd 4 Monaten Zuchthaus Der; urtheilt. Deutsch, welcher setzt 28 Jahre alt ist, war früher Soldat. Er ist angeklagt, tm Jahre 1876 hier versucht zu haben, einen gewissen Gorenowttsch, einen Mtiv-r- schworenen, der tm Verdacht stand, zum Verrächer geworden zu sein, mit Hülfe Anderer zu ermorden. Drei Andere (MaltnSkt, MeidanSki und Drobiaskln) wurden deshalb 1879, alS Todleben Generalgouvrrneur war, gehängt und Deutsch würde das Schicksal derselben gethetlt haben, wenn es ihm nicht gelungen wäre, auS dem Gefängnisse vo.r Kiew (wo er wegen Aufhetzung der Bauern tm Kreise Tschigtrin saß) mit Hülfe der Frau eines Gefängnißwärters zu entkommen und nach der Schweiz zu entfliehen. Tue Schweiz hat ihn schließlich ausgeliefert unter der Bedingung, daß ihm als gemeinen und nicht als politischen Verbrecher der Prozeß gemacht werde. Die Verhandlungen sollten zwei oder drei Tage dauern, waren aber schon nach 4 Stunden zu Ende. Gorenowttsch. welcher noch lebt, aber furchtbar entstellt ist und die Sprache oedoten hat — die Mörder hatten ihn, a!S sie ihn für todt hielten, mit Petroleum begossen und dieses dann angezündet — konnte nicht als Zeuge erscheinen. Deutsch verthrrdlgle sich selbst, gab seine Theilnahme an der That zu, leugnete aber, daß dieselbe vorbedaä-r gewesen fet. Als er Gründe für dieselben angeben und eine politische Rede hallen wollte, entzog ihm der Präsident das Wort. Wäre Deutsch zur Zett der That nicht minderjährig gewesen, so hätte er 20 Jahre Zuchthaus erhalten.
— (Ein praktischer Wohlthäter.) Ein hiesiger Bankier, so wird aus Wien geschrieben, hat große Vorliebe für öffentliche Wohlthätigkeit, er hat ein offenes Hnz und eine offene Hand, wenn er sicher ist, in den Zeitungen rühmlich erwähnt zu werden. Sogar Bälle mit elektrischer Beleuchtung veranstaltet er in der Hoffnung, vom großen Publikum bewundert zu werden. Das Alles wäre nichts Seltenes und er hat da so manchen GeftnnungSgenossen, aber nicht Jeder der Letzteren versteht es so prächtig, bei oller Muntficenz auch praktisch zu sein. Unser Mann hat unter Anderm Freiplätze an einer berühmten musikalischen Lehranstalt gestiftet. Als nun neulich der Vater eines armen, musikalisch ungewöhnlich begabten KindeS sich an ihn mit der Frage wendete, ob es nicht möglich wäre, für den Knaben einen der Freiplätze zu bekommen, weiche des FtnanzmanneS Großmuth geschaffen, erwiderte dieser: „Momentan nicht, btnn die Freiplatze sind derzeit mit meinen Nichten besetzt."
Allgemeiner Anzeiger.
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