Ausgabe 
18.5.1884 Erstes Blatt
 
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Mr. 116. Erstes Blatt. Sonntag den 18. Mai 1884

Gießener Anzeiger

l Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hl-ei l.

Betreffend: Den Gebrauch des Doppeljochs. Gießen, den 16. Mai 1884.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Unter Bezugnahme auf die Verhandlungen des landwirthschaftlichen Bezirksvereins vom 14. März l. I. (siehe das Protokoll im Anzeiger Nr. 113) Hetzen wir Ihrem Bericht binnen 8 Tagen darüber entgegen:

1) Wie viele Doppeljoche in Ihren Gemeinden noch im Gebrauche sind?

2) Wie viele Besitzer von solchen zur Anschaffung von einfachen Jochen einer Unterstützung bedürftig wären?

Dr. Boekmann.

Gefunden: 2 leinene weiße Herrnhemden, 2 weiße Taschentücher, 1 Signalpfeife mit Denkmünze, 1 Muff, 1 Gesangbuch, 1 ledernes Schurzfell, 2 blaue Mützen (in der Stadt Kassel hängen geblieben), 1 blaue Perlenkette, 1 Portemonnaie mit Inhalt, mehrere Schlüssel.

Gießen, den 17. Mai 1884, Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Berlin, 14; Mai. Der Kaiser, der sich unausgesetzt des besten Wohl­seins erfreut, hat nunmehr seine Reife nach Wiesbaden, auf der er von fast 70 Personen seines Hofstaates begleitet werden sollte, gänzlich aufgegeben, und ist bereits derDienst" zurückberusen worden. Trotzdem die Leibärzte des Monarchen diesem eine Luftveränderung vorgeschlagen, konnte der Kaiser sich doch nicht entschließen, Berlin zu verlassen, da er die feste Absicht hat, die große Parade über die Berliner und Spandauer Garnison am 29. d. Mts., die über die Potsdamer Garnison am 30. Mai im Lustgarten zu Potsdam abzu­halten. Das Gardecorps wird bei dieser Gelegenheit an Stelle des beurlaubten und wie es heißt demnächst in Ruhestand tretenden commandirenden Generals, Generaladjutant Graf Brandenburg der Divisionär, Generallieutenant v. Kleist, befehligen. Auch hat der Kaiser nunmehr angeordnet, daß noch im Laufe dieses Monats, voraussichtlich am 28. Mai, der Grundstein zum neuen Reichstagsgebäude gelegt wird. Zu diesem Behufe wird für den Kaiser und den Hof ein prachtvoller Fürsten-Pavillon nach Den Entwürfen des Hoftapeziers Fischer auf Dem Königsplatz errichtet und ist der Hofkupferschmied Otto beauf­tragt, die Kapsel für die Documente, Zeitschriften rc., die in den Grundstein eingemauert werden soll, baldmöglichst fertig zu stellen. Der Kronprinz kommt mit seinen Söhnen morgen (Donnerstag) von Potsdam nach Berlin, um der heute eröffneten zehnten Mastvieh - Ausstellung einen eingehenden Besuch ab­zustatten.

Telegraphische Depeschen.

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Berlin, 16. Mai. Seine Majestät der Kaiser empfing heute Nachmittag den Finanzminister v. Scholz zum Vortrag und unternahm hierauf eine Spazierfahrt. Später konfertrte Allerhöchstderselbe noch mit dem Fürsten Bismarck.

Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm überbringt dem Großfürsten Thronfolger von Rußland den Schwarzen Adlerorden mit dem en santoir zu tragenden Großkreuze des Rothen Adlerordens.

Unsere gestrige Correspondenz ist dahin zu berichtigen, daß die Kaiserin von Rußland nicht am 20. Juni, sondern am 20. Mat tn Berlin erwartet wird.

Unter dem Vorsitz Bismarck's fand Nachmittags eine Sitzung des Staats- Ministeriums statt.

Wien, 16. Mai. Heute Nachmittag gegen 5 Uhr brach im Innern des Stadt­theaters eine Feuersbrunst aus. welche noch fortdauert.

Die Feuersbrunst im Stadttheater gelangte auf der linken Seite der Gallerte zum Ausbruch; die Entstehungsursache hat bis jetzt nicht ermittelt werden können. Um !' 5^2 Uhr stürzte das Dach mit dem Kronleuchter zusammen, der Zuschauerroum brennt jetzl lichterloh, das ganze Theatergebäude wird für verloren gehalten. Die Feuer­wehren der Stadt und der benachbarten Orte sind in angestrengtester Weise bemüht, die anstoßenden Gebäude zu retten. Ein Verlust von Menschenleben ist bis jetzt nicht zu beklagen.

DaS Stadttheater ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Der Brand entstand im 3. Stock des Zuschauerraums. Angeblich vergaßen Arbeiter, welche mit der Ausbesserung des Gasrohrs beschäftigt waren, dort den Löthofen. Der Zuschauer- raum war tn 20 Minuten in hellen Flammen. Nachdem die Plafonds etngestürzt, Wurde auch die eiserne Courtine, welche wetßglühend geworden, mttgertssen, worauf das Feuer sich auf die Bühne verbreitete. Der Schaden wird auf etwa eine halbe Mill. fl. geschätzt. Alles verbrannte: Coulissen, Garderobe, Bibliothek; nur einige Möbel wurden gerettet Etwa 20 Unglücksfälle sind vorgekommen. Viele Menschen fielen in Ohn­macht. Die benachbarten Häuser sind gerettet-

Um 10 Uhr brach neuerdings Feuer auf dem 'Bühnenraum des Stadt- cheaters aus. Nach zwei Stunden war dasselbe gelöscht. Das ganze Theater ist ver­loren; die Privatwohnvngen sind intakt, theilwetse jedoch durch das Wasser von den Spritzen beschädigt. Es gab gegen 20 Verletzte. Man befürchtet binnen Kurzem den Einsturz des Plafonds; bisher sind der^Zuschauerraum und die Requisitenkammer ein geäschert.

Die erste Meldung aus dem Stadttheater signalisirte Zimmerfeuer. Um Uhr brannte der Dachstuhl, die Gallerien und das Parterre. Als der Dachstuhl rinstürzie, begann die Zinketnfassung zu schmelzen und bald darauf stürzte die Courtine zusammen, welche Vormittags nach den Proben hinabgelassen worden. Mittlerweile schlug der Wind um und trieb die Flammen gegen die Schellinggasse. Die dortselbst gelegene Requisitenkammer war alsbald vernichtet. Die Nachbarhäuser schwebten in größter Gefahr; das Palais des Grafen Aspenperg-Traun wurde ununterbrochen be- « spritzt. Auf der Brandstätte erschienen die Erzherzoge Albrecht, Wilhelm und Eugen, mite Minister Taaffe, Bylandt-Rhetdt und Ptno, der Polizeipräsident und viele Gemeinde- rrthe. Der Kaiser wurde seit dem Ausbruch des Brandes von Viertelstunde zu Viertel­stunde benachrichtigt. Die benachbarten Sttaßen wurden durch Milttär-Sicherhettswachen

abgesperrt. Es he ßt. der Brand sei in dem Maleratelier durch Unvorsichtigkeit aus- gebrochen. Em Wachmann Ist verletzt.

Berlin, 16. Mai. Das Abgeordnetenhaus begann heute Vormittag 11 Uhr seine Sitzung, in welcher die Gesetze über die Stempelsteuer und den Nachtragscredtt ohne Dtscussion in dritter Lesung unverändert angenommen wurden. Nachdem sodann die Wahl des Abgeordneten Behrend für gültig erklärt worden war, mußte die Sitzung wegen Beschlußunfähigkeit des Hauses bis 1 Ubr vertagt werden. In der neuen Sitzung kamen noch einige Wahlprüfungen zur Erledigung. Für morgen wurde der Antrag des Abgeordneten Windthorst, betreffend die organische Revision der Matgesetze, auf die Tagesordnung gesetzt.

In der heute vom Herrenhause abgehaltenen Sitzung war der Reichskanzler Fürst Bismarck anwesend. Das Andenken mehrerer verstorbener Mitglieder des Hauses wurde in üblicher Weise durch Erheben von den Sitzen geehrt. Sodann erklärte das Haus, daß die Rechenschaft über die Ausführung des Gesetzes, betreffend die Be­willigung von Staatsmitteln zur Beseitigung der durch das Hochwasser des RhetnS angertchteten Verheerungen, durch die Vorlegung der Denkschrift als geführt zu erachten sei. Der den Betrieb des Hufbeschlagsgewerbes behandelnde Gesetzentwurf gelangte debattelos nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses in einmaliger Schlußberathung zu.^ArMhme, und ebenso wurde auch der Gesetzentwurf über die weitere Verstaat- ltchung7öon Eisenbahnen dem von der Commission erstatteten Bericht gemäß erledigt. Für die auf morgen 12 Uhr anberaumte Sitzung wurden das Communalsteuergesetz, das Gesetz, betreffend die Unterbringung verwahrloster Kinder rc. auf die Tages­ordnung gesetzt.

Die Commission des Reichstages für die Pensionsgesetze beendete gestern Abend in Gegenwart des Kriegsmtnisters die Berathung über das Relictengesetz. Es wurde hierbei der Antrag des Abgeordneten Richter (Hagen), nach welchem über die Vermögensbestände der Milttärwittwenkassen, nach Erfüllung der ihnen obliegenden Verpflichtungen, durch den Reichshaushaltsetat Bestimmung getroffen werden soll, an­genommen. Der Regierungscommissar, Director Aschenborn, hegte vom finanztechnischen Standpunkte aus kein Bedenken gegen den Antrag, behielt jedoch die bezügliche Ent­schließung der Reichsoerwaltung vor. Die Commission nahm sodünn mit großer Mehrheit das ganze Gesetz, welches am 1. Juli 1884 in Kraft treten soll, an. Die sämmtltchen in der Commission anwesenden Parteiführer erklärten jedoch, daß sie ihre Abstimmung in der Commission nicht für bindend im Plenum halten würden.

DieNordd. Allg Ztg." empfiehlt dem deutschen Handelsstande die Bildung von Exvortgesellschaften, indem sie auf das Beispiel der österreichischen Industriellen hinwetst, welche eine Expedition mit Mustern nach Indien sandte, wodurch überall befriedigende, theilwetse sogar überraschend günstige Erfolge erzielt wurden.

Leipzig, 16. Mai. Proceß Kraszewski und Hentsch. Heute um 9 Uhr begannen die Plaidoyers. Reichsanwalt Treplin beantragte das Schuldig gegen Kraszewski und Hentsch im Sinne Der Anklage in vollem Umfange, bat bei Hentsch mildernde Umstände auszuschließen und beantragte gegen Hentsch 10 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust, gegen Kraszewski 5 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust.

Rechtsanwalt Samter als Vertheidiger des Angeklagten Hentsch plai- dirt für Nichtschuldig seines Clienten, mit Ausnahme zweier Fälle; Justizrath Saul beantragt Freisprechung Kraszewski's, eventuell Annahme mildernder Um­stände. Ober-Reichsanwalt v. Seckendorf hält die Anklage aufrecht; es komme nicht auf die absolute, sondern auf die relative Geheimhaltung der betr. Nach­richten an. Das Urtheil wird Montag Mittag 12 Uhr verkündet werden.

München, 16. Mai. Der Statistiker Georg Kolb ist gestorben.

Stuttgart, 16. Mai. Der König ist heute früh hier wieder einge­troffen. Wie DerStaatsanz. für Württemb." meldet, ist der Gesundheitszu­stand befriedigend und läßt derselbe hoffen, Daß der Zweck des Aufenthalts in Italien bei Fortsetzung der immer noch gebotenen Schonung und Ruhe erreicht werde.

Karlsruhe, 16. Mai. Die zweite Kammer hat bei der heutigen Ve- rathung über die landwirthschaftliche Enquete alle auf Minderung der Gerichts­kosten, der Anwaltskosten und der Kaufvertrags-Taxen gerichteten Anträge angenommen.

Stockholm, 16. Mai. An Stelle des nunmehr definitiv von seinem Posten zurückgetretenen Staatsministers Thyselius ist der bisherige Chef des Departements der Finanzen, Themptander, zum Staatsminister ernannt worden.

New-Uork, 16. Mai. Die Besserung in der Stimmung der Fonds-- börse hielt an, bis die Zahlungseinstellung von Fisk u. Hatsch bekannt wurde, was etwa 10 Minuten vor dem Schluß der Börse erfolgte und eine große Aufregung und von Neuem ein starkes Weichen der Course hervorrief. Sency hat die Präsidentschaft der Metrapolitan-Bank niedergelegt,. Der Schatzkanzler.