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1884
Nr. 2SS zweites Blatt Mittwoch den 17. December
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Amts- und Anzeigrblatt für dm Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Vurean: Schulfirahe 7.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 16. December.
Die parlamentarische Lage im Reichstage läßt sich nun soweit übersehen, daß sich bereits seststellen läßt, der Etat werde da» Haus auch noch nach Weihnachten einige Zeit in Anspruch nehmen. Auch die Hoffnung optimistischer Gemüther, es werde wenigstens gelingen, die sämmtlichen wichtigeren Theile de- Etats bis Weihnachten zu erledigen, steht auf sehr schwachen Füßen, zumal es heißt, der Reichstag werde schon am Mittwoch nach Bestätigung bevor 4 Wochen gewählten Präsidiums in die Weihnachtsferien gehen. — Am Donnerstag wurde zunächst die eigentlich nur für Juristen intereffante Debatte vom Mittwoch über die Anträge Munckel und Reichensperger, betr. die Wiedereinführung der Berufung in Strafsachen zu Ende geführt und beide Anträge an eine I4gliederige Commission verwiesen. Auch die hierauf fortgesetzte DiS- cussion über den Militär-Etat bot nichts sonderlich BemerkenSwertheS dar, wenn man nicht die Erörterungen über die Militär-Musiker und die Militär-Handwerker hierher rechnen will. Eine ganze Reihe von Positionen wurde der Budget-Commission überwiesen, andere debattelos angenommen; letzteres war auch am Freitag mit einer ganzen Anzahl von Kapiteln des Militär-Etats der Fall. Eine längere Verhandlung veranlaßte nur die Position für die Cavetten- Anstalten, wobei eine Mehrforderung von 155,000 JL figurirt; hierzu lag ein Antrag des Abg. Richter vor, die Zahl sämmtlicher Pensionsstellen in den Cadetten-Anstalten auf 2000, darunter 130 Freistellen, mit bestimmten Abführungen in den Pensionsgeldern, zu fixiren. Der Antrag wurde nebst der ge- jammten Position der Budget-Commission überwiesen und schließlich der Rest des Militär-EtatS in ziemlich summarischer Weise erledigt. Auch der Etat der Reichs-Justizverwaltung, bei welcher Gelegenheit die Höhe der Gerichtskosten wieder einmal Anlaß zu lebhaften Klagen gab, fand noch seine Erledigung.
Vom Bundesrathe wurden in dessen Donnerstags-Sitzung die Novelle zum Unfallversicherungs-Gesetz in zweiter und das Postsparkassen-Gesetz in erster Lesung genehmigt.
Die Fortsetzung des deutschen Blaubuches über Westasrika ist nunmehr mit der Veröffentlichung der auf Angra Pequena bezüglichen Aktenstücke erfolgt. Aus den zahlreichen Depeschen tritt vor Allem die Wandlung in den Gesinnungen Englands gegenüber den deutschen Colonial-Bestrebungen in SÜbwestafrika hervor. Schritt für Schritt giebt das englische Cabinet „klein bei" und während es noch im November 1884 erklärt, eine fremde Colonie an der Westküste Afrikas sei ein directer Eingriff in die Rechte Englands, begrüßt England in einer Depesche Granville's vom 29. September 1884 Deutschland als Nachbar in Südwestafrika und beansprucht die Oberhoheit nur für die Wal- fischbay und deren Inseln und acceptirt eine gemischte Commission für streitige Besitzansprüche. r r ,
In der großen Commission der Congo-Conferenz verursacht der amerikanische Antrag aus Neutralitäts-Erklärung des gesammten Congo- Veckens ungemeine Schwierigkeiten. Es erscheint unter diesen Umständen mehr als fraglich, ob die Commission sowohl hierüber als auch über die gejammte Schifffahrts-Akte bezüglich des Congo und Niger noch in voriger Woche einen definitiven Beschluß gefaßt hat. . r,
In Oesterreich steht die finanzielle und industrielle Krisis, welche sich namentlich in der böhmischen Zuckerindustrie durch die ZahlungS-Einstellungen der böhmischen Boden - Kredit - Gesellschaft documentirt, noch immer im Vordergründe des Tages-Interesses. Die genannte Gesellschaft hat sich allerdings erstaunlich leichtsinnige geschäftliche Manipulationen zu Schulden kommen lassen und insofern würde der Zusammenbruch der Gesellschaft nur eine Consequenz des mehr als bedenklichen Gebührens ihrer Verwaltung sein. Es siegt indessen die nur zu sehr gerechtfertigte Besorgniß vor, daß der vollständige Zusammenbruch der böhmischen Boden-Kredit-Gesellschaft eine weitere gefährliche Krisis für Böhmen nach sich ziehen würde. Es ist deshalb die Regierung von den zunächst betheiligten Kreisen um schleunigste Intervention ersucht worden, doch scheint man in Wien hierzu keine große Neigung zu haben und auch die Pnvat- Speculation verhält sich sehr reservirt. Das Schlimmste ist, daß die Acsionäre und Gläubiger des genannten Finanzinstituts die Verluste zu tragen haben werden, während die Verwaltungsräthe ohne persönliche Buße davonkommen; bei solchen Geschichten pflegt es srellich immer so zu gehen.
Für das französische Ministerium Ferry hängt der politische Himmel wieder einmal voller Geigen. Nachdem die Deputirtenkammer in der Angelegenheit der Senats-Wahlreform zu Kreuze gekrochen ist, kann das französische Cabinet die in seinem Sinne erfolgte Lösung dieser so wichtigen inneren Frage nur mit neuer Zuversicht erfüllen und diese Zuversicht wird noch durch die Haltung des Parlamentes in der Tongking-Affaire verstärkt. Denn gleich der Kammer hat jetzt auch der Senat der Regierung die neuen Kredite für Tongking unverkürzt bewilligt, so daß Herr Ferry noch in der betr. Senats- nhuna die bevorstehende energische Wiederaufnahme der militärischen Operationen in Ostasien verkünden konnte. Zugleich sind auch aus Madagaskar günstige Meldunaen über den Fortgang der dortigen Action der Franzosen emgelaufen. tat wW Expeditions-Corps unter Admiral Miot hat Zwei Forts im Süden von Vohemar eingenommen und den Howas hierbei beträchtliche Ver-
ie Aararbewegung in Irland hat sich schon seit längerer Zeit nach dem Norden Schottlands sortgepflanzt. Hier ist der Hauptsitz derselben
die Insel Skye, wo sich die kleinen Pächter weigern, den Grundherre« de« fälligen Pachtzins zu entrichten. Al« nun in voriger Woche Gerichtsvollstrecker aus Edinburgh in Skye ankamen, um den Pächtern Zahlungsbefehle zuzustellen, wurden dieselben von einer aufgeregten Volksmenge gröblich insultirt und gezwungen, resultatlos wieder zurückzukehren. Die Haltung der Bauern ist eine so drohende, daß eine militärische Intervention kaum zu umgehen sein wird.
In der egypttschen Finanzfrage macht sich das gemeinsame Vorgehen Deutschlands und Rußlands neuerdings wieder stärker bemerklich. Die diplomatischen Vertreter beider Staaten in Kairo haben der Regierung des Khedive eine identische Note überreicht, in welcher erklärt wird, Deutschland und Rußland seien keineswegs gesonnen, auf ihre Vertretung in der internationalen Commission bei der egyptischen Staatsschuldenkaffe zu verzichten. Der Khedive, welcher in dieser Angelegenheit den deutschen wie den russischen Vertreter empfing, erklärte seine persönliche Bereitwilligkeit zur Erreichung des gedachten Zweckes; nur müsse er den Rath seiner Minister einholen. Von den übrigen Mächten wird das Verlangen Deutschlands und Rußlands, bei der egyptischen Staatsschuldenkaffe zugelaffen zu werden, unterstützt; nur von England liegt noch keine Meinungsäußerung vor.
Der neuernannte Vicekönig von Indien, Lord Dusferin, ist am 8. December in Bombay zur Uebernahme seines ebenso schwierigen wie verantwortungsreichen Postens eingetroffen. Um dieselbe Zeit verließ der bisherige Vicekönig, Marquis of Ripon, Calcutta, wobei ihm die eingeborene Bevölkerung die glänzendsten Ovationen bereitete. Ripon war in der That ei« Mann der größten Humanität gegenüber der einheimischen indischen Bevölkerung und scheint die Zurückberufung deffelben gerade kein Akt großer politischer Klugheit Seitens der englischen Regierung zu sein.
Vermischtes.
Mainz, 14. December. In der »Franks. Zig.« wurde mitgethrilt, daß Freitag Nachmittag zwei Arbeiter im Tunnel von einem Zuge überfahren und sofort «etödtet wurden, liebet dieses Unglück wird dem ,M.A' folgende« Nähere mttgetheilt: »Wie dies sehr häufig der Fall sein muß, waren auch gestern Nachmittag im Tunnel circa 20 Eisenbahnarbeiter mit dem „Stoppen" der Eisenbahnschienen beschäftigt. Plötzlich hörten die Arbeiter da« Herannahen eines EtsenbahnzugeS und begaben sich auf das andere Geleise in dem Tunnel, aber auch von der anderen Sette — e« findet hier die Kreuzung zweier Züge im Tunnel statt — brauste ein Zug heran. Rasch sprangen nun die Arbeiter auf den neben dem Schieucnstrang sich hinziehenden Fußpfad, aber eS war schon zu spät, einer der Arbeiter wurde von der Locomotioe erfaßt und auf der Stelle gelobtet. Der Führer R. welcher diesen Zug führte, hatte sofort die Gewißheit, daß er Jemand überfahren habe und gab alsbald Bremssignal, so daß die Ge- schwindiakeit de« Zuge« um bedeutende« gehemmt wurde. Der Zugführer glaubte nun die Bahn frei und fuhr weiter, aber kaum hatte sich der Zug in rasche Bewegung gesetzt, al« abermal« ein fürchterlicher Schrei ertönte und ein zweites Unglück geschehen war. AlS der Tunnel wieder frei war, wurden die schrecklich verstümmelten Leichen zweier Bahnarbeiter auf den Schienen vorgefunden. Der eine Verunglückte ist ein gewisser Leberecht von Mainz, der andere ein Arbetter Namen« Hirsch von Wallerstädten." „
— Ende September dieses Jahre« hatten sich die Besitzer von Gasmotoren in Mainz mit einer Eingabe an di- Großh. BrandversicherungScommission zu Darmstadt mit der Bitte gewendet, in Anbetracht der absoluten UngefShrltchkett der Gasmotoren die Verordnung vom 24. Juni 1865, event. nach Benehmen mit Sachverständigen, dahin ausznlegen, daß solche Betriebe als feuergefährlich nicht anzufehen und demzufolge auch als gewöhnlich zu behandeln seien. Die Großh. BranbverficherungS- Commission hat sich im Wesentlichen mit den Ausführungen der Eingabe einverstanden erklärt unter der Voraussetzung jedoch, daß die GaSwotoren-Besitzer gewiffe Sicher- heitSvorkehrungen an den Motoren »och vornehmen lassen.
— In dem Coup4 eines von Alzey kommenden EtsenbahnzugeS entstand Freitag Vormittag zwischen den Insassen, einigen Jägern und einem Reisenden, ein Wortwechsel, der schließlich derart ausartete, daß der Reisende von einem der Insassen einen so gewuchtigen Hieb mittelst eine« sog. Jagdstuhles über den Kopf erhielt, daß er eint schwere Verletzung davontrug und zu seiner Heilung in einem hiesigen Hotel untergebracht wurde. Gegen den Thäter ist Untersuchung eingeleitet.
Linz, 5. December. An der Gruft de« Bischofs Rudigier gab e« gestern Abend eine gräßliche Scene. Der Zudrang des Publikums war ein so gewaltiger, baß die Frau eines hiesigen Agenten plötzlich von rückwärts einen Stoß erhaltend, mit bet* Antlitz nach vorne hinab in die Gruft stürzte und auf den Sarg zu liegen kam. Entsetzen war die vorherrschende Empfindung Aller bet diesem Geschehnisse. Die NLchst- stehenden zogen die aus Schreck und Grauen schier ohnmächtig gewordene junge Fra« sofort aus der Graft. Die Frau hatte anscheinend durch den Fall keinen körperlichen Schaden genommen. Auch der Sarg hatte durch den Fall keinen Schaden erlitten, noch wurde einer der herrlichen Kränze, mit denen er bedeckt war, beschädigt, etwa« später ereignete fick ein ähnlicher Vorfall, in weniger grauenhaster, wenn auch vielleicht noch peinlicherer Weise, indem auch ein Hund in die Gruft stürzte. Das Gedrä*ge war ungeheuer. _
London, 12. December. Den wegen der Ermordung des Schiffsjungen Parker zum Tode verurtheilten Seeleuten der Yacht »Mignonette", Capitän Thoma« Dudle, und Steuermann Edwin Stephens, wurde am Mittwoch mitgethetlt, daß sie bis e*f weitere Bestimmung der Königin begnadigt worden seien. Wenngleich den Verurtheilten die gute Nachricht nicht unerwartet kam, wurden sie doch dadurch augenscheinlich um Viele« erleichtert und drückten unverhohlen die größte Freude au«.
- (Sächsische Gemüthlichkeit.j Nee, här'n Se — erscht Hamm Se mir mehl Bier umgegossen, dann haben Se mir mit der Cigarre en Loch in'» Rock gebranntunb jetzt haben Se mich eenen albernen Flätz genannt — wenn Se nu noch een Wort sagen — setz' ich mich an ’nen andern Tisch!"
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Die Harzer Käsefabrik, Eingetragene Genossenschaft zu Wernigerode hat sich durch Lieferung von nur ächtem und sauberem Fabrikat einen Weltruf erworben. — Wir können daher nicht umhin, unsere Leser zu bitten, sich durch einen Versuch von der Vorzüglichkeit dieser Waare zu überzeugen und machen auf da« sich in dieser Nummer befindliche Inserat besonders aufmerksam. 5258
Das durch diese Firma beschäftigte Personal zählt schon nahe an 150 Personen.
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