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17.8.1884 Zweites Blatt
 
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Nr. 191. Zweites Blatt. Sonntag den 17. August 1SS1

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Schuk^raße 7.

Erscheint tLgltch mit «vSnnhme deS «ontch-S.

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Du^ch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 56 Pf.

Wochenschau.

Gießen, 16. August.

Der Kaiser erholt sich jetzt in seiner Sommer-Restdenz Babelsberg von den Anstrengungen seiner diesjährigen Badereisen. Erfreulicherweise haben die mit denselben verbunden gewesenen Strapazen das Allgemeinbefinoen des greisen Monarchen nicht im Geringsten alterirt und ist deshalb die gegründetste Hoffnung vorhanden, daß der oberste Kriegsherr auch den kommenden großen Herbst-Manövern am Rhein in Rüstigkeit wird beiwohnen können. Am Mitt­woch besuchte der Kaiser nach längerer Abwesenheit wieder zum ersten Male die Hauptstadt Berlin, vornehmlich, um sich von den Renovirungs-Arbeiten zu überzeugen, welche während seiner Abreise im königlichen Palais vorgenommen worden waren. Das am Bahnhof versammelte zahlreiche Publikum begrüßte den allgeliebten Monarchen mit brausenden Hochrufen, welche derselbe durch freundliche Grüße nach allen Seiten erwiederte.

Das hochpolitische Ereigniß der Woche ist der Besuch des öster­reichischen Ministers des Auswärtigen, Grafen Kalnoky, beim Reichskanzler in Barzin, wo der erstere im Laufe des Freitag eingetroffen sein Dürfte. Die Zusammenkunft beider Staatsmänner stellt eine neue markante Besiegelung des deutsch-österreichischen FreundschastS-BündniffeS dar und erscheint um so bedeutungsvoller, als ihr erst in voriger Woche auf österreichischem Boden die Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef vorausgegangen ist. Vielleicht handelt es sich bei dem Besuche Kalnoky's in Varzin auch um eine Demonstration besonderer Art; selbstverständlich wird man aber erst Nähe­res über den Zweck der Unterredung abwarten muffen. Jedenfalls wird dieses Ereigniß die öffentliche Discussion für die nächste Zeit in hervorragender Weise beschäftigen.

Im Uebrigen waren die Erörterungen der Presse in dieser Woche meist der Mission des Herrn v. Schlözer im Vatican, sowie dem Fall Rickert" gewidmet. In ersterer Angelegenheit kann man immer noch nicht recht klarsehen, da es noch immer ungewiß ist, ob der preußische Gesandte beim Vatican wirklich jene bekannten' Aeußerungen über die päpstliche Kurie und ihre zweideutige Politik gethan hat, welche den Zorn der ultramontanen Presse diesseits wie jenseits Der Alpen erregt haben. Diese Aeußerungen sollen zwar inzwischen durch den Grasen Monts, den interimistischen Geschäftsträger Preußens bei der Kurie, bementirt worden sein; die Nachricht hiervon ist aber nur in demOsservatore Romano", einem der osficiösen Organe des heiligen Stuhles, enthalten, während derDeutsche Reichs- und Preußische Staats- Anzeiger" des Dementis mit keiner Sylbe erwähnt. Einstweilen sind daher näherere Mittheilungen in der Affaire Schlözer abzuwarten. Was den angeb­lichen Briefwechsel des deutsch-freisinnigen ReichstagS-Abgeordneten Rickert an­belangt, so hat sich derselbe als eine plumpe Fälschung herausgestellt, die den Zweck hatte, den politischen und persönlichen Charakter des Herrn Rickert zu verdächtigen. Die Briese sind in einem ziemlich obfeuren socialdemokratischen Wahlblatt, derPolit. Wochenschrift", zuerst veröffentlicht worden; das Blatt selbst sieht sich jetzt genöthigt, die Fälschung zu gestehen und schiebt die Schuld auf seinen Gewährsmann, einen Verwandten Rickert's. Der ganze Vorgang giebt von Neuem Zeugniß davon, mit wie niedrigen Mitteln von einer ge­wissen Seite der Kampf gegen politische Gegner geführt wird. Eine Ange­legenheit , welche die öffentliche Meinung Deutschlands in letzter Zeit ebenfalls sehr lebhaft beschäftigte, harrt noch ihrer Erledigung, das seeräuberische Attentat englischer Fischer-Barken auf den deutschen SchoonerDiedrich." Von Berlin aus wird jetzt officiös erklärt, daß die Reichsregierung in diesem Falle noch keine diplomatischen Schritte habe thun können, da ihr noch keine amtlichen Mit­thellungen hierüber zugegangen seien. Auch wird jetzt die Nachricht bementirt, daß bie CorvetteAriadne" zur Verfolgung der schuldigen Barken von Wll- helmshaven ausgelaufen sei.

Wie dieSchlesische Zeitung" mitt heilte, findet die 8. General- Versammlung der Römisch-Katholischen Schlefiens am 8. und 9. September statt. DerDeutsche Merkur" hat jetzt auch die Einladung zum 8. Alt- katholiken-Congreß in Krefeld veröffentlicht.

Für Frankreich hat diese Woche den Abschluß der Verhandlungen des Versailler Congreffes gebracht, welcher noch am Mittwoch Abend erfolgt ist. Das praktische Resultat der Congreß-Arbeiten besteht in der gegen die Stimmen der Opposition, die sich aus den Monarchisten und den Radikalen zusammensetzte, erfolgten Genehmigung sämmtlicher Artikel der Revisions-Vorlage, während zu­gleich alle von der Opposition eingebrachten Amendements unD Gegenanträge abgelehnt wurden, so daß nunmehr das Werk der französischen Verfassungs- Revision gesichert erscheint. Unmittelbar hierauf sind die beiden Häuser des französischen Parlaments noch an die Berathung der Kredite für Tongking, sowie der neuerdings eingebrachten Interpellationen über den Conflict mit China her- angetreten. Daß Die Dinge in Ostasien nicht ganz nach Wunsch des Cabinets Ferry gehen, ist klar und erhellt schon aus dem Protest, den der chinesische Slaatsrath gegen das Vorgehen der Franzosen in Keelung eingelegt und wobei er zugleich erklärt hat, daß China den Forderungen Frankreichs Widerstand leisten wird. Daneben nimmt England in den chinesischen Gewässern eine drohende Haltung gegen Frankreich em, denn dieselbe bocumentirt sich in der 'Landung einer starken Abteilung englischer Marine-Truppen in der Hafenstadt Foutchou, vor welcher der Haupttheil des französischen Geschwaders vor Anker iegt. Alles dieses deutet darauf hin, daß die französisch-chinesische Streitaffaire

möglicherweise noch zu ernsteren Verwickelungen führen kann. Für den Stand der Choleragesahr im südlichen Frankreich ist die Nachricht im höchsten Grade besorgnißerregend, daß in dem kleinen Orte Omergues (Nieder - Alpen) binnen zwei Tagen 40 Personen der Cholera erlegen find.

Jenseits des Canals herrscht in den Negierungskreisen wieder eine recht kriegslustige Stimmung. Dieselbe spricht sich in den Vorbereitungen aus, welche behufs Jnscenirung einer Nllcampagne zum Entsätze des Generale Gordon in Khartum getroffen werden. Nicht weniger als 1000 Ruderboote hat die englische Negierung bestellt, auf denen die anglo-egyptische Expedition nllaufwärts befördert werden soll. Dieselbe wird sich in Wadphalsa am oberen Nil concentriren, woselbst bereits Anstalten getroffen werden, um ein Lager für ein englisches Regiment zu errichten. In Assuan, Wadyhalfa und Senneh werden Depots oon Kriegsmaterial errichtet. Den Oberbefehl über die Ex­pedition soll General Wood, der Besieger Osman Digma's übernehmen.

In Italien rückt die Cholera von den nördlichen Provinzen des Landes gegen die mittleren vor. So werden jetzt auch aus der Provinz Parma vier Cholerafälle, darunter zwei mit tödtlichem Ausgang, gemeldet, während die Epidemie zugleich in den zuerst inficirten italienischen Ortschaften noch langsam weiter um sich greift. Dagegen bestätigt es sich, daß bie angrenzenden schweizerischen LandeStheile von ber Cholera bis jetzt verschont geblieben sind.

Der in bieser Woche zu Kopenhagen stattgefundene internationale medicinische Congreß ist auf das Glänzendste verlaufen. Richt nur die scandinavischeu Länder, sondern auch Deutschland, England, Frankreich, Belgien u. s. w. hatten überaus zahlreiche und berühmte Vertreter der mebi- cinischen Wissenschaft gesandt, von denen am Eröffnungstage der Engländer Paget, der Deutsche Virchow, der Däne Panum und der Franzose Pasteur Reden über die gemeinschaftliche Aufgabe ber Wissenschaft hielten, bie mit allseitigem Beifall ausgenommen wurden.

Die belgische Dep utirtenkammer wurde in dieser Woche durch die Beratung des neuen Schulgesetzes in Anspruch genommen, gegen welches sich in Belgien bekanntlich eine weitgehende Bewegung erhoben hat. Es kann indessen keinem Zweifel unterliegen, daß die Kammer in Folge ihrer clericaten Majorität das Gesetz im Sinne des Cabinets Malou annehmen und hier­durch dem belgischen Liberalismus wieder einen empfindlichen Schlag ver­setzen wird.

Der Beschluß ber Capregierung, bie Walfischbay uub das um­liegende Territorium als durch England annectirt zu erklären, zeugt von der plötzlich wieder erwachten englischen Annectionslust in Süd-Afrika. Der Be­schluß ist offenbar gegen die deutsche Colonie Angra - Pequena gemünzt, der die Engländer durch die Annection der dieselbe umschließenden Gebiete die Lebensbedingungen abschneiden wollen. Hoffentlich wird da Fürst Bismarck nochmals ein Wörtchen mitsprechen.

Vermischte-.

Darmstadt, 14. August. Wie seit nunmehr 12 Jahren wird der Turnverein in Metz auch in diesem Jahre wieder der von ihm übernommenen Ehrenpflicht genügen und mit den ihm von auswärts zugehenden und mit selbstbeschafften Kränzen die Gräber unserer in den ruhmreichen Tagen von 1870 auf den Schlachtfeldern von Mctz gefallenen Helden schmücken. Die große Zahl der dem genannten Verein in den letzten Jahren gewordenen ehrenvollen Aufträge gestatten eS nicht, dieselben alle an einem Tage auszuführen. Um die Beendigung der Gräberschmückung bis zu den Jahrestagen der Schlachten zu ermöglichen, bat der Turnverein schon am 10. August mit derselben begonnen. Freunde und Angehörige der Gefallenen, welche Kränze auf deren Gräber niederlegen lasten wollen, mögen deshalb die Absendung derselben unter möglichst genauer Bezeichnung der Lage der Grabstätten, an den Vereinsvorstand, Priestcrstratze Nr. 1, Metz, so zeitig bewirken, daß sie spätestens am 18. August in Metz etntreffen. Falls vorgezogen werden sollte, die Kränze dort beschaffen zu lasten, wird der Vorstand des Turnvereins gegen Einsendung eines entsprechenden Geldbetrages diesbezüglichen Wünschen gern nachkommen. , . m w

sBenzin-Explosion.j DemLcipz. TM." wird aus Plauen i. V. vom 9. August berichtet: Ein gräßliches Unglück ist heute Abend in der 6. Stunde durch Explosion eines Benzin-Ballons hier passirt. Herr Droguist Junge hat in der Straßberger Straße einen Keller in Miethe. In demselben war heute Abend der Commis des Herrn Junge und der Markthelfer beschäftigt, der Erstere trug ein Licht. Bei Eintritt der Katastrophe spielte in dem Hausflur oberhalb des Kellers ein 4jahriges, im Hause wohnendes Kind und nicht weit von demselben war eine Dienstmagd des Hauses mit einer Arbeit beschäftigt. Plötzlich erfolgte ein Schlag und im nächsten Augenblicke standen aucb schon der Keller und die oberhalb desselben liegenden Räumlichkeiten dcS Hauses in Flammen. Ein dicker Qualm drang aus allen Orffnungen und hinderte oder erschwerte die sogleich angestellten Rettungsversuche. Der Markthelfer stürzte bald darauf, am ganzen Leibe brennend, auf die Straße, brach hier zusammen. Rachbarsleute und Feuerwehr brachten dann die anderen Verunglückten zu Tage. Der Commis wie der Markthelfer haben solch gräßliche Brandwunden daoongetragen, dcß an ein Aufkommen kaum zu denken sein soll. Das Kind und die Magd wurden ebenfalls von den Flammen erfaßt und soll das Erstere bereits gestorben sein. Die Magd liegt ebenfalls lebensgefährlich krank danieder.

- [2ßer zuletzt lacht, lacht am besten) Zwischen den Anlagen des k. k. Belvedere in Wien und dem Rennwege zieht fich der berühmte Schwarzenberggarten hin. Fürst Schwarzenberg, der hier residirt, ist aber auch Besitzer eines zum Gemüsegarten de- nutzien Terrains jenseits des Rennwegs und hat dort als unmittelbaren Rachbarn den Baron Rathanirl Rothschild. Nun traf es sich, daß dieser Herr sich neben seinem Palais einen Park anlegen und dazu den Schwarzenbergischen Gemüsegarten ankaufen wollte, den geforderten Preis aber zu hoch fand und nun darauf sann, wie er dem Fürsten einen Schabernak spielen könnte. Die Gelegenheit fand sich leicht, denn der Fürst hatte in dem Gemüsegarten einem armen Maler ein kleines Atelier errichten lassen, dessen Dachtraufe in Folge einer Ungeschicklichkeit deS Baumeisters auf Ro b- schild'lches Eigenthum hinüberfloß. Der Baron zwang nun den Fürsten durch geriLr- liche Zustellung zum Abbruch des Ateliers. - Große Genugthuung in den von d.m