189. Freitag den 15. August 1881
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
' .. - r . - _ . ©reif vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brnigerlohn.
Schulstraße 7. Erfchemt tL^lich mit WMme des Monta-l. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Marl 50 Pf.
Amtlicher Hheit.
Gießen, am 13. August 1884.
Betreffend: Die Ausführung des Gesetzes über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden; hier bie Einsendung der Liquidationen über gelieferte Marschsourage.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grobherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Das nachstehend abaedrnckte Schreiben der Intendantur des XL Armeecorps an Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz theilen mir Ihnen unter der Auflage mit, die Liquidationen über gelieferte Marschsourage allmonatlich an uns einzusenden. — Wir erwarten, daß Sie diese Vorschrift pünküich befolgen. Dr_ Boelmann.
Intendantur XI. Armee-Corps. Gaffel, den 25. Juli 1884.
Di?i/bestimmen Zeitabschnitte» dem Königlichen Kriegsministerium und bezw. dem Rechnungshof des Deutschen Reichs voMlegenden Control- Rachweisunqcn über die Brod- und Fourage-Empsänge der Truppen haben insbesondere auch die Empfänge von Marichfourage, welche nach Maßgabe der § j d s Ge etzes über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden vom 13. Februar 1875 zur Verabreichung gelangt , nachzuwelssn. D.e bezug- lichen Eintragungen können unsererseits nur aus Grund der Truppenquittungen vorgenommen werden und ist deshalb die Vollständigkeit unserer Nachweisung von der ^^^oßh^g^ch?Sta^SmMistm"um^gestcüten'"wir"uns^gM>z ergebenst zu ersuchen, die Städte- und Kreisbehörden des ^oßherzogthums sehr geneigtest veranlaffen zu wollen, die Liquidationen über gelieferte Marschsourage ^allmonatlich, spätestens aber am Schluffe des Vierteljahres, an uns emzusen .
Politische Ueberficht.
Gieße«, 14. August.
Die Kaisertage von Ischl beherrschen noch immer das Gebiet der politischen Reflexionen. Erfreulicherweise läßt sich constatiren, daß allerorten die Bedeutung, welche die Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit Kaiser Franz Josef für die Fortdauer des europäischen Friedens hat, anerkannt und betont wird. Auch die „Times", welcher man sonst gerade keine besonders freundschaftliche Gesinnung gegen Deutschland und Oesterreich nachrühmen kann, schreibt, daß bie Allianz beider Reiche eine treffliche Bürgschaft des europäischen Friedens bilde. Das Blatt vergleicht sodann die gegenwärtige Lage mit der des vorigen Jahres und constatirt die merkliche Besserung; heute sei die Ruhe des Welttheiles von ferner Seite bedroht, während im vergangenen Jahre einige dunkle Wolken am politischen Horizonte gestanden hätten. Ebenso äußerte sich der Pariser „TempS" freundlich über die Kaiserzusammenkunst und findet namentlich die Anwesenheit des ungarischen Minister-Präsidenten Tisza bemerkenswerth. Letzterer Umstand verdient allerdings registrirt zu werden, um so mehr, als der österreichische Ministerpräsident, Graf Taaffe, zu der Jschler Kaiserzusammenkunft nicht hmzu- gezogen wurde. Man sieht in der Anwesenheit des leitenden ungarischen Staatsmannes bei der Begegnung Kaiser Wilhelms mit dem österreichischen Herrscher einen neuen Beweis für den wachsenden Einfluß Ungarns und da Herr Tisza vom deutschen Kaiser in längerer Audienz empfangen wurde, so kann man hieraus wohl mit Recht folgern, daß auch Ungarns Stimme durch Consultirung seines leitenden Staatsmannes bei wichtigeren internationalen Entscheidungen gehört wird. p, , p , „ , . m
Der preußische interimistische Geschäftsträger beim Vatikan, Graf Monts, hat, nach einer Meldung des „Osservatore Romano", dem Kar- dinal-Staatssecretär Jacobini gegenüber erklärt, daß der Bericht des Correspon- denten eines Hamburger Blattes über eine Unterredung mit dem preußischen Gesandten v. Schlözer völlig unrichtig sei. Demzufolge sind also wohl auch die angeblichen Aeußerungen des Herrn v. Schlözer über die Haltung der päpstlichen Kurie in den Verhandlungen mit der preußischen Regierung als erfunden zu bezeichnen.^ ^iner Mittheilung der ,V°ff. Ztg.» ist der Hamburger Polizei eine überaus wichtige Entdeckung geglückt, indem sie auf dem englischen Schiffe „Elisabeth" anarchistische Schriften, Dynamit-Bomben und em Mtt- glieder-Derzeichnib der deutschen Anarchisten vorfand. Directe Hamburger Berichte nehmen das Verdienst, den dortigen Anarchisten auf die Spur gekommen zu sein, für die heimische Polizeibehörde in Anspruch. Indessen scheint die Ver- muchung nicht so ganz abseits zu liegen, daß sich daneben auch die Thätigkeit der Londoner Polizei in einer bestimmten Weise bemerkbar gemacht hat. Man erinnert sich, daß vor etwa 14 Tagen gemeldet wurde, von London aus ser der Plan einer anarchistischen Zusammenkunft in Kopenhagen rechtzeitig entdeckt und der dritten Abtheilung in Petersburg angezeigt worden. Bei der engen Verzweigung des anarchistischen Unwesens durch ganz Europa muß man annehmen, daß diese Entdeckung nicht ein vereinzeltes Faktum geblieben, sondern daß sie weitere Maulwurssgänge des Anarchismus blosgelegt hat, von denen einer auch nach Deutschland hinüberführt und hier nunmehr geschickt abgegraben und blos- gelegt worden ist. Bekanntlich findet unter den höchsten Landes-Polizeibehörden der europäischen Staaten und der nordamerikanischen Union schon seit Monaten ein regelmäßiger Austausch aller Nachrichten statt, welche aus die Umsturz, bewegung Bezug haben. Die vier int Hafen von Hamburg verhafteten Matrosen sind jämmtlich Deutsche, aus der Gegend von Stettin gebürtig; sie bekennen sich als Mitglieder eines Anarchisten-Bundes, der in Hüll seinen Sitz hat und fte haben schon seit Langem die anarchistischen Brandschristen „Der Rebell", bie
„Freiheit" rc. nach Deutschland eingeschmuggelt. Der wichtigste Fund, den die Polizei gemacht, ist jedenfalls derjenige des Mitglieder-Verzeichnisses der deutschen Anarchisten. Vielleicht gelingt es jetzt, die Brutnester der unheimlichen Gesell- schäft mit Einem Schlag und radikal auszunehmen.
Nach überaus stürmischen, an sc-«ndalösen Vorfällen überreichen Verhandlungen ist die französische National-Versammlung endlich bei den entscheidenden Abstimmungen über den Revifions-Entwurf angelangt. Am Montag nahm sie den Art. 1 der Vorlage mit 523 gegen 139 Stimmen und weiter den ersten Paragraphen des Art. 2, betr. die republikanische Regierung«- form, mit 602 gegen 165 Stimmen an. Selbstverständlich gingen diesen Ab- stimmungen wiederum sehr bewegte Debatten voraus; besonders bemerkenswerth erscheint die Rede des Bischofs von Orleans, Monsignore Freppel. Derselbe erklärte sehr richtig, daß der Artikel, welcher für Frankreich als unwandelbare Regierungssorm die Republik sestsetze, durchaus unnütz sei, denn wenn das sran- zösische Volk die Republik eines Tages müde sei, werde es sich durch den Artlkel in keiner Weise hindern lassen, wieder zur Monarchie zurückzugreifen. Ganz offen bekannte sich der Bischof als Anhänger des Grafen von Paris, was auf der Linken gewaltigen Lärm hervorries, trotzdem gab Msgr. Freppel ungescheut der Hoffnung Ausdruck, daß ein neuer Congreß auf die Erklärung der eroigen Dauer der Republik am 4. Mai 1889 mit der Wiederherstellung der Monarchte werde antworten können. Der geistliche Herr scheint den wankelmüthtgen Charakter seiner Landsleute sehr richtig zu beurteilen.
Die englische Regierung ist über die verunglückte Londoner Con- ferenz rasch zur Tagesordnung übergegangen und wendet ihre volle Aufmerk- samkeit jetzt der geplanten Expedition zum Entsätze General Gordon's in Khartum zu. Mit voller Berechtigung wird Gordon nun ausrusen können: „Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!" Freilich, die Regierung Gladstone's hat lange genug gezögert, ehe sie zu der Ueberzeugung gelangte, daß es schon das Prestige Englands im Orient erfordere, wenigstens den Versuch zur Rettung Gordon S zu machen, dafür werden jetzt in Kairo die Vorbereitungen zu der Expedition um so eifriger betrieben. Dieselbe soll aus einem gemischten CorpS von 4000 Mann englischer und egyptischer Truppen bestehen; dasselbe würde per Schiff bis Dongola am Nil befördert werden und von htsr aus den beschwerlichen Marsch durch die Wüste nach Khartum antreten.
In Belgien ist der Kampf zwischen Liberalismus und U l t r a m o n t a n i s m u s auf der ganzen Linie entbrannt. Namentlich das vom Cabinet Malou erlassene neue Schulgesetz ist den liberalen Gegnern des Mm- steriums ein Stein des Anstoßes und haben am Sonntag in Brussel wie in Lüttich große Kundgebungen gegen das Schulgesetz stattgefunden Einstweilen werden aber alle diese Demonstrationen nicht verhindern können, daß das Cabmet Malou seine Position im Parlamente nach Kräften ausnützt. So verwarf m der Montagssitzung Der Deputirtenkammer die klerikale Mehrheit den Antrag der Linken auf Vertagung der Berathung des neuen Schulgesetzes, und trat dte Kammer in die Debatte des Gesetzes ein, welches auch ohne Zweifel im Smne des Ministeriums Malou angenommen werden wird.
Das Erdbeben, welches am Sonntag an der nordamerikamschen Ostküste stattgesunden hat, ist das heftigste gewesen, welche» fett 100 Jahren die atlantische Küste der Vereinigten Staaten heimgesucht hat. In New-Dork und andern Städten stürzten die Bewohner unter Schreckensrufen auf bie Straße- Eiue gleiche Planck herrschte in den Badeorten Longbranch, Coney-^sland und Long-Jsland In Boston schwankten die Gebäude in beunruhigender Weise.
Von der chinesischen Küste sind seit dem Bombardement von Keelun- durch die Franzosen keine weiteren Nachrichten eingelaufen; jedenfalls ist abec. die Situation zwischen China und Frankreich noch eine sehr gespannte.


