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Ns. 293 Zweites Blatt Sonntag den 14. December
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ießener Anzeiger
Amts- und Auzeigtblatt für den dtteis Gießen.
Dureatt: Schulstraße 7.
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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Wochenschau.
Gießen, 13. December.
Der Kaiser hat in ben letzten Tagen angestrengt gearbeitet, selbst bis in die späten Abendstunden hinein und conferirte auch mehrfach mit dem Reichskanzler. Der Hofjagd im Grünewald, der letzten größeren für dieses Jahr, beabsichtigt der Kaiser am heutigen Samstag persönlich beizuwohnen. Der König von Sachsen, welcher vom Kaiser eine Einladung hierzu erhalten hat, dürfte am Freitag Abend in Berlin eingetroffen sein; nach den bisherigen Dispositionen begleitet die Königin Karola auf speciellen Wunsch der Kaiserin ihren erlauchten Gemahl.
Die ab gelaufene Woche hat uns aus parlamentarischem Gebiete ver- haltnißmäßig wenig Interessantes gebracht und scheinen die Neichstags-Debatten überhaupt in ein ruhigeres Fahrwasser eingelenkt -u sein. Ein altes Thema im Reichstage war die Mllitär-Gerichtsbarkeit und insbesondere die Militär» Strafrechtspflege, worüber am Dienstag sehr eingehende Debatten gepflogen wurden, während von der eigentlichen Tagesordnung, dem Etat, nur wenig die Rede war. Die Verhandlungen über den erwähnten Gegenstand haben darge- than, daß man die Mängel in unserem Militär-Gerichtsverfahren im Volke tief empfindet und die Redner fast aller Parteien befürworteten eine Reform desselben und gaben vor Allem dem Wunsche nach Oeffentlichkeit des Verfahrens lebhaften Ausdruck. Leider lassen die Erklärungen, welche ser preußische Kriegsminister über diese Materie gab, erkennen, daß vorläufig wenig Aussicht auf Aenderung in den bestehenden Verhältnissen vorhanden ist; doch darf man trotzdem hoffen, daß sich die Reichsregierung dem immer dringender hervortretenden Reform- Bedürfniß im Militär-Justizwesen früher oder später nicht verschließen wird. Der Mittwoch war als „Schwerinstag" lediglich der Berathung von Anträgen aus der Mitte des Hauses gewidmet, von denen diejenigen, welche die Aenderung der auf die Wahlprüsung bezüglichen Bestimmungen betreffen, zuerst zur Diskussion gelangten. Das Bedürfniß, in das Wahlprüfungs-Verfahren einen rascheren Gang zu bringen, hat sich immer dringender herausgestellt und demselben suchten auch die bezüglichen Anträge Rechnung zu tragen. Unter ihnen erscheint derjenige der Geschäftsordnungs-Commission als der geeignetste, welcher in der Hauptsache vorschlägt, die WahlprüfungS-Commission aus 14 Mitgliedern und 7 Ergänzungs-Mitgliedern bestehen zu lassen, welche auf die Dauer einer Session zu wählen sind; die auf Ungültigkeit«-Erklärung einer Wahl lautenden Anträge der Commission können nur bei Anwesenheit von mindestens 11 stimmberechtigten Mitgliedern beschlossen werden. Da» Haus nahm den Antrag schließlich mit großer Mehrheit an. ES folgte hierauf die Berathung der von den Abgg. Munckel (bfreif.) und Reichensperger (Centrum) eingebrachten An- träge auf Wiedereinführung der Berufung in die Strasproceß-Ordnung. Die beiden Anttäge unterscheiden sich im Wesentlichen nur dadurch, daß Abg. Munckel die Berufung in die Senate der Oberlandesgerichte, Abg. Reichensperger aber in die Berusungs-Kammern innnerhalb der Landgerichte legen will. Die Anträge sanden bei allen Parteien eine freundliche Aufnahme und auch Staats- secretär Dr. v. Schelling erklärte, daß die Reichsregierung mit der Tendenz derselben einverstanden sei. r .
Der Schwerpunkt der Verhandlungen der Congo-Confe- renz lag in der abgelaufenen Woche ausschließlich in den Berathungen der Commission, welche sich mit der Schifffahrts-Akte für den Congo und den Niger zu beschäftigen hat. Die Debatten hierüber, die sehr eingehender Natur sind, dürften wohl erst am Samstag beendigt worden sein und werden bie Com- missionsbeschlüffe daher erst in nächster Woche dem Plenum unterbreitet wer-
Aus Oesterreich meldet man eine bedenkliche Krisis in den Verhältnissen des österreichischen Bankwesens und der Industrie, die sich durch den Zusammenbruch der böhmischen Bodencreditbank documentirt. Von Seiten angesehener Finanzinstitute geschieht allerdings Alles, um der salliten Bank wieder aufzuhelfen. Die böhmische Sparkasse und die städtische Sparkasse in Prag hielten am Donnerstag in dieser Angelegenheit Sitzungen ab, auch sind Verhandlungen der Bodencreditbank mit Wiener Banken eingeleitet.
In Frankreich hat das Ministerium Ferry einen vollständig parlamentarischen Sieg bezüglich der Senatswahlreform zu verzeichnen, da die Depu- ürtenkammer bei der nochmaligen Berathung der betreffenden Vorlage dieselbe am Dienstag ganz im Sinne der Regierung mit beträchtlicher Majorität angenommen hat. Es blieb der Kammermajorität auch nichts anderes übrig, wenn sie nicht den Rücktritt des Ministeriums Ferry wollte und die Kammer scheint denn doch zu der Einsicht gekommen zu sein, daß sich das jetzige Cabinet nicht leicht ersetzen läßt. Nachdem die Kammer Herrn Ferry durch die Bewilligung der Tongkingcredite ihr Vertrauen in seine ostasiatische Politik ausgedrückt, ist dies nun auch in der wichtigen Angelegenheit der Senatswahlreform geschehen und der französische CabinetSchef fühlte somit wieder sicheren Boden unter seinen Füßen. Wahrscheinlich wird von ihm nunmehr die ostasiatische Action wieder mit größerer Energie ausgenommen werden; allerdings widerspricht dem scheinbar die dem General Briöre de l'Jsle und dem Admiral Courbet zugegangene Ordre, bis auf Weiteres sich vollständig in der Defensive zu halten. Man schreibt dies aber in unterrichteten Kreisen lediglich dem Umstande zu, daß wieder diplomatische Verhandlungen zur Beseitigung der französisch-chinesischen Affaire im Gange sein sollen, deren Resultat Herr Ferry wohl erst abwarten will.
Auf dem Gebiete der englischen Colonialpolitik ist ein neuer Schritt durch die englischerseits beabsichtigte Erwerbung des Kalahari- Gebiets in Südafrika signalisirt. Man versteht hierunter jene große Wüste, die sich von den südlichen Ufern des Nyamisees bis zum Oranjestrom erstreckt und von wandernden Buschmännern und Betfchuanen nur dünn bevvlkcn ifL Daß England ein so steriles Wüstenland in den Bereich seiner Machtsphäre ziehen will, muß seinen besonderen Grund haben und sucht man denselben darin, daß England hierdurch beabsichtigt, sich wie einen Kell zwischen die deutschen Besitzungen im Westen (Angra Pequena) und die Ansiedelungen der Boeren im Osten einzuschieben und so eine Verbindung zwischen beiden zu verhindern. Dieses Bemühen Englands erscheint indessen ziemlich überflüssig, denn die Herstellung einer Communication zwischen Angra Pequena und dem Boeren - Gebiet über Hunderte von Meilen öden Steppenlandes ist schwer denkbar.
Die Lösung der egyptischen Finanzsrage gestaltet sich den Bemühungen der englischen Regierung zum Trotz zu einer immer verwrckelteren Aufgabe. Die Anftage Englands an die Mächte wegen Ausnahme eines englischen Anlehens zu Lasten Egyptens und deffen Gläubiger begegnet von Seiten aller Mächte einem hartnäckigen Stillschweigen. Nach glaubwürdigen Mittheilungen haben weder Frankreich, noch auch Rußland, Oesterreich und Deutschland sich bis jetzt in irgend einer Weise geäußert. Den merkwürdigen diplomatischen Vorgängen, bie sich an die Gladstone'sche Occupationspolitik anschließen, wird damit ein neuer zugefügt, zu dem es wohl schwer sein wird, ein Gegenstück aufzufinden. Die „Times" hebt denn auch mit bitterer Irome die große Kunst hervor, mit welcher Gladstone dem englischen Parlamente jedes Urthell über seine egyptische Politik abzuschneiden gewußt habe. Frellich Europa gegenüber ist dem leitenden StaatSmanne Englands ein gleiches Verfahren nicht möglich und das Urthell Europas über die gesammte egyptische Politik Gladstone's ist schon längst gefällt. Auch das Schweigen gegenüber dem englischen Anleihegesuch ist ein Urthell und Herr Gladstone selbst roirb sich wohl kaum einreden, daß dasselbe ein seiner egyptischen Finanzpolitik günstige« ist.
Der Niederlage, welche der Ultramontanismus in München bei der Reichstagswahl erlitten hat, ist am Mittwoch bei den Communalwahlen eine neue gefolgt. Es wurden 11 liberale und 9 klerikale Candidaten gewählt und ist dieser Ausgang in Anbetracht des Umstandes, daß bis jetzt überhaupt nur 5 liberale Vertreter im Münchener Stadtverordneten-Collegium saßen, em entschiedener Sieg der liberalen Sache.
Allgemeiner
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Anzeiger.
Evangelische Gemeindevertretung.
Die geehrten Mitglieder der Gemeindevertretung lade ich, vorbehaltlich der an die einzelnen Herren ergehenden besonderen Einladung, hierdurch em ru einer Sitzung, die am Sonntag, den 14. December, Vormittag- 11 Uhr, in der Stadtkrrche stattfinden soll mit folgender 2^96801:^^^^^^ des Kirchenvorstandes über den kirchlichen und sittlichen Zustand unserer Gemeinde im Jahre 1883.
2. Der Kindergottesdienst.
3. Der Voranschlag der evangel. Kirche für da» Rechnungsjahr 1885/86.
Gießen, den 11. December 1884.
Der Porfihende des Krrchenvorstandes: 8224 Dr. Naumann, Pfarrer.
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