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11.5.1884 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 11. Mai

Zweites Blatt

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Berlin, 7. Mat. Zu der Verordnung des hiesigen Polizeipräsidiums in Betreff -er Verwendung gußeiserner Säulen in Gebäuden ist zu bemerken, daß die Baupolizei auch Stützen aus Werkstein, wie z. B. Granit-Säulen von der Verwendung in den m der Verordnung vom 4. März speciell bezeichneten Fällen ausschließt. DieDeutsche Bauzettung^ bemerkt, daß die bedingungslose Ausschließung von Werkstein-Stützen unaerechtfertigt sei, da durchaus an Beweisen für das ungenügende Verhalten solcher Stützen im Feuer fehle.

Düsseldorf, 5. Mai. DerDÜss. Zig." wird geschrieben: In Derendorf hatte diesen Morgen eine Frau ihre 3 Kinder, das älteste 6 Jahre alt, in der Wohnung emgeschlossen. Um 10 Uhr brannte es im Zimmer, btt Feuerwehr wurde alarmirt, die Wohnung erbrochen und die 3 Kinder als Leichen gefunden.

Eine aufregende Scene spielte sich neulich auf dem Agramer Exercierplatze vor den dort rxercircnden Landwehr-Offizieren ab. Der Oberlieutenant Koch des dort garnisonirenden Husarenregiments galoppirte sein Pferd, als dasselbe plötzlich bei einer Wendung auf dem nassen Boden ausglitt und stürzte, wobei der Reiter unter das Pferd zu liegen kam. Durch den heftigen Sturz verlor Oberlieutenant Koch einen Augenblick die Besinnung und ließ unglücklicherweise die Zügel aus, während das Pferd aufsprang und im Galopp daoonstürmte, seinen Reiter, der im rechten, Über den Sattel geschlungenen Steigbügel hängen geblieben war, auf der linken Seite neben sich her- schleifend. So ging es fort in wilder Jagd über Rasen und Schotter, durch Gruben und Wailerlachen, quer über den Exercierplatz gegen die Save zu, das erschreckte Pferd fortwährend gegen den herabhängenden Reiter ausschlagend, dessen Kopf neben den Hmterhufen schleifte. Zum Glück zog sich endlich der Fuß aus dem in den Büg-l eingeklemmten Stiefel und Oberlieutenant Kock blieb auf der Erde liegen, während das Pferd wie rasend weiter galoppirte. Die berbeieilenden Landwehr-Offiziere glaubten einen zerschmetterten Leichnam zu finden und erstaunten nickt wenig, als sich der Ge­stürzte, obwohl mühselig, erhob, nach kurzer Zeit das inzwischen eingefangene Pferd bestieg und nach Hause trabte. Trotzdem Oberlieutenant Koch eine bedeutende Strecke geschleift worden war, hatte er doch keinen Augenblick die Geistesgegenwart verloren. Während er mit der linken Hand über den Boden hinglitt, schützte er mit dem rechten Arm seinen Kopf vor den wüthenden Schlägen des Pferdes und entrann io, wie durch ein Wunder, allerdings mit zahlreichen Verletzungen auf der rechten Seite, einem beinahe sicheren Tode.

sVom Mahdis Das97. Wiener Tagebl." thetlte unlängst einige fesselnde Briefe eines in Kassala im Sudan ansässigen Oesterretchers mit, welcher intereffante Einzelheiten aus dem Leben des Mahdi und seiner nächsten Umgebung enthielt- Jetzt liegen dem genannten Blatte wiederum zwei Briefe jenes Mannes vor. In dem einen finden sich die folgenden Stellen:Während ich diese Zeilen schreibe, meldet man mir, überall sei das Gerücht verbreitet, daß der Mahdi plötzlich gestorben. Ich glaube nicht daran. Wahrscheinlich fühlen dieFakts" (die Wanderpriester des Mahdi) das Bc- dürfniß, eine neue Wunderihat des Mahdi, etwa seine Wiedererstehung vom Tode, zu insceniren, um bei dem abergläubischen Volke, dem die falschen Warzen auf der Backe des Mahdi vielleicht nicht mehr impomren, mehr Respect einzuflößen. Mein armer Landsmann, der Tyroler, welcher wie ich Dir voriges Jahr mitgetheilt, bei der Schlacht am Berge Gion, im Juni 1882. dem Mahdi in die Hände fiel und von diesem zu einer Art Leibkammerdiener gemacht wurde, dem die ausschließliche Sorge für die Tschibuks und Cigaretten des Mahdi anheimsiel, ist, wie mir vor einigen Wochen aus Khartum geschrieben wurde, nicht mehr unter den Lebenden. Er soll mit einer dem Harem des Mahdi angehörenden Europäerin, die auch als Kriegsbeute in die Hände des Mahdi gerieth, in gewisse Beziehungen getreten sein und wurde deshalb von einigen Günstlingen des Mahdi, denen er wahrscheinlich unbequem wurde dulden sie doch sammt und sonders keinen Europäer um seine geheiligte Person beschuldigt, den Mahdi vrrgiften gewollt zu haben, und da ließ ihn der Mahdi ohne viel Federlesens spießen. Armer Landsmann! Das wäre ihm in seinem glaubens­starken Tyrolerlandl gewiß nicht passirt!---" Der zweite Brief, datirt

Kassala. 5. März 1884, theilt folgendes interessante und bezeichnende Factum mit:Meine BefÜrcktungen, die ick Dir in meinem letzten Briefe angedeutet, daß der Mahdi sich in den Besitz von Kassala setzen will, fangen an, in Erfüllung zu geben. Gestern wurde hier einDschellabah" (ein wandernder, umherziehender Sclavenhändler) erwischt, der sich als Emissär und Spion des Mahdi entpuppte. In feinem Besitze wurde ein Stock gefunden, der inwendig hohl war und nebst einem Stück grünen Tuches, auf dem ein Spruch des Koran mit Bezug auf die Sendung des Mahdi zu lesen war - angeblich von der Fahne des Propheten eine Menge Proclamationen an die verschiedenen Araber-Stämme und an alle Bewohner des Sudan enthielt. Die Schriftstücke sind ähnlichen Inhalts, wie jene, die der Mahdi im Sommer des Jahres 1881 an alle benachbarten Araberstämme aussandte, in denen er sich für den erwarteten Mahdi ausgab und sie aufforderte, sich ihm anzuschließen. Nur haben sie den Zusatz, daß Allah mit seinem Propheten Mohammed Achmed im Bunde und ihn die glorreichsten Siege über seine Feinde daoontragen lasse."

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lich des Antrags Hicks-Beach seine egyptiscke Politik im Unterhause zu ver- theidigen und das ist keine angenehme Aufgabe. Es ist indessen wahrscheinlich, daß der Tadelsantrag Hicks-Beach abgelehnt und Gladstone so noch einmal mit Heller Haut davonkommen wird. Aus dem Unterhause ist zu melden, daß das­selbe am Dienstag den Antrag Broadhurst zu Gunsten der Legalisirung der Ehe mit der Schwester der verstorbenen Frau mit 238 gegen 127 Stimmen angenommen hat.

Die seit dem Entstehen der Kuldschafrage zwischen Rußland und China herrschenden Grenzstreitigkeiten werden voraussichtlich in nächster Zeit ihre definitive Schlichtung erfahren. In Taschkent, der Hauptstadt des General-Gouvernetnents Turkestan, ist eine chinesische Commission eingetroffen, welche die Vollmachten zur Unterzeichnung des Protokolls über die Grenz- regulirung zwischen dem russischen Gebiete und dem Gebiete von Kasch­gar besitzt.

In Vuenos-Ayres ist am Dienstag der Congreß der argentinischen Republik mit einer Botschaft des Präsidenten eröffnet worden. Die letztere bezeichnet die Beziehungen zu allen Mächten als die freundschaftlichsten, er­klärt, daß im Lande absolute Ruhe herrsche, daß sein finanzielles und com- merzielles Gedeihen Fortschritte mache und kündigt die Absicht der Regierung an, neue Eisenbahnen zu bauen.

Die englisch-egyptische Actio n gegen die aufständischen Sudanesen beschränkt sich jetzt auf Recognoscirungs-Expeditionen am Nil aufwärts, durch welche natürlich weder Berber noch gar Khartum entsetzt werden wird.

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Gießen, 10. Mai.

Die Erörterungen über die innere politische Lage wurden auch in dieser Woche wesentlich durch die Frage nach dem endgültigen Schicksal der Socialisten-Vorlage beeinflußt, worüber mittlerweile im ReichStags-Plenum die Entscheidung gefallen sein dürste.

Die Angelegenheit des preußischen StaatsratheS, welche in der letzten Zeit durch das Interesse, das man dem Socialistengesetz und den sich hieran knüpfenden Fragen entgegenbrachte, etwas zurückgedrängt wurde, wird nunmehr wieder mehr in den Vordergrund treten. Die Ressort-Minister sollen bereits aufgefordert worden sein, ihre Vorschläge hinsichtlich der Ernennung von Mitgliedern für den Staatsrath zu machen und erwartet man sehr zahl­reiche Ernennungen, da nach dem preußischen Staatshandbuche gegenwärtig außer den amtirenden Ministern nur neun ernannte Mitglieder des StaatsratheS vor­handen sind. Wahrscheinlich wird derStaatsanzeiger" bereits im Laufe der kommenden Woche die betr. Namen veröffentlichen. Nach Analogie früherer Perioden, in denen der Staatsrath durch Neu-Ernennungen ergänzt wurde, kann inan annehmen, daß er auch nach seiner jetzt zu erwartenden Ergänzung sich Vorzugsweise mit Finanz- und Steuer-Fragen beschäftigen wird.

Von kleineren Nachrichten aus dieser Woche sind zu erwäh­nen : Die am Dienstag eingetretene und bis zu diesem Samstag währende Vertagung des preußischen Abgeordnetenhauses, an welch' letztgenanntem Tage die dritte Lesung des Noth-Communalsteuer^Gesetzes stattfindet und die Verschie­bung des nationalliberalen Parteitages in Berlin auf den 18. Mai, zu welcher die plötzliche Erkrankung des Oberbürgermeisters Dr. Miquel den äußerlichen Anlaß gegeben hat.

Auf dem Gebiete der auswärtigen Politik ist in den letzten Tagen nichts Bemerkenswerthes zu verzeichnen gewesen. Das Conferenzproject will noch immer keine festere Form gewinnen und hängt das Zustandekommen der Conserenz vorläufig noch von dem Verlauf der Vorbesprechungen ab, welche Frankreich mit England bezüglich der Details der Conferenz zu haben wünscht. Es hat indessen nicht den Anschein, als ob diese Besprechungen schon begonnen haben- Auch aus dem Sudan ist noch nichts Entscheidendes zu melden; daß ober General Gordon nunmehr jede Hoffnung auf seine Rettung durch die eng­lische Regierung aufgegeben hat, beweist seine neuerliche Depesche an den General- Eonsul Baring, in welcher Gordon bekanntlich in bitteren Worten die Preis- gebung Khartums und der übrigen egyptischen Garnisonen im Sudan Seitens England geißelt und die allerdings seltsam klingende Absicht ausspricht, seinen Rückzug nach dem Aequator hin zu bewerkstelligen.

Das Hin scheiden der Kaiserin Maria Anna, der hochbetagten Wittwe Kaiser Ferdinands, hat unter den Völkern der habsburgischen Doppel- Monarchie die innigste Theilnahme erregt. Aus allen Gegenden des weiten Reiches und aus allen Bevölkerungsklassen sind der kaiserlichen Familie zahlreiche Beweise dieser Theilnahme zugegangen und diese Liebe der Völkerstämme Oesterreich-Ungarns zu ihrem Herrscherhause ist das Band, welches sie, allem Rationalitäten-Hader zum Trotz, immer wieder gemeinschaftlich umschlingt. Die feierliche Beisetzung der hohen Leiche findet diesen Samstag in der kaiserlichen Familiengruft in Wien statt. Im Uebrigen wird das Tagesinteresse in Oester­reich noch durch die Norbbahn-Angelegenheit in Anspruch genommen, welche in dieser Woche im Abgeordnetenhause wieder zu stürmischen <5eenen geführt hat, bei denen namentlich der bekannte antisemitische Abg. Ritter v. Schönerer eine hervorragende Rolle spielte. Augenblicklich unterliegt die betr. Regierungs- Vorlage, welche den Vertrag mit der Nordbahn aus 20 Jahre verlängert, den Berathungen des Eisenbahn-Ausschusses.

In Frankreich traten in dieser Woche die inneren Angelegen­heiten durch die Gemeinderathswahlen wieder mehr hervor. Im Allgemeinen haben die gemäßigten Republikaner den Sieg davongetragen, doch mußten sie immerhin in den Provinzen den monarchistischen Parteien einige Sitze überlassen und in Paris hat der gemäßigte Republikanismus eine empfindliche Niederlage erlitten, da die Radikalen und Jntranstgenten zu den 32 Sitzen, die sie bisher im Gemeinderathe inne hatten, acht weitere gewonnen haben, welche sich die Opportunisten aus's Verlust-Conto setzen müssen. Die allein in Paris nöthigen Stichwahlen werden jedenfalls den Radikalen noch weitere Erfolge bringen und ihnen die Majorität in dem neuen Gemeinderathe der französischen Hauptstadt sichern. Unter den auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs ziehen neben der Conserenzfrage die wieder begonnenen Verhandlungen mit China die Aufmerk­samkeit auf sich. Am Mittwoch hatte der chinesische Gesandte Li-Fong-Pao, welcher die Verhandlungen bis zum Eintreffen seines Collegen Chou-Tsing-Tchou interimistisch führt, eine längere Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Ferry, über deren Resultat jedoch nichts Näheres verlautet. Wenn es sich jedoch be- Dahrheitet, daß Frankreich von China den vollen Kriegsschadenersatz fordert, so darf man diesen neuen Pourparlers gerade nicht mit großen Erwartungen ent­gegensehen. lieber den französisch-marokkanischen Conflict wegen des Gouverneurs öoh Wazan verlautet ebenfalls noch nichts Näheres.

Die Sudanfrage und das Conferenzproject machen der englischen Regierung den Kopf fortdauernd warm, doch sorgt sie sich augenscheinlich mehr um das Zustandekommen der Conferenz als um die Lösung der ersteren Frage. /46er diese drängt sich dem Cabinet Gladstone immer wieder auf und Herr Gladstone wird kommenden Montag wieder einmal Gelegenheit haben, anläß-

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