Mr. 129* Freitag den 6. Juni 188L
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigedlait für dm Kreis Gießen.
r Gchulstraße 7. Erscheint tZMch mit Ausnahme deS Monta-S. Prei- vie^teljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
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Amtlicher Aß § il.
Betreffend: Den Gebrauch des Doppeljoches. Gießen, am 4. Juni 1884.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an Erledigung der Verfügung vom 16. Mai 1884 binnen acht Tagen.
__Dr. Boekmann.
Nr. 15 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 29. Mai 1884, enthält:
(Nr. 1542.) Gesetz, betreffend die zur Erforschung der Cholera nach Aegypten und Ostindien entsandte wissenschaftliche Commission. Vom 27. Mai 1834.
(Nr. 1543.) Bekanntmachung, betreffend den Verkehr mit Erzeugnissen und Geräthschaften des Weinbaues in den deutsch-französischen Grenzbezirken. Vom 24. Mai 1884.
(Nr. 1544.) Bekanntmachung, betreffend die Einfuhr von Pflanzen und sonstigen Gegenständen des Gartenbaues. Vom 26. Mai 1884.
Gießen, am 4. Juni 1884. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberskcht.
Gießen, 5. Juni.
In den Annalen des deutschen Reichstages wird der kommende Montag als Tag der feierlichen Grundsteinlegung zum neuen Neichstagsgebäude eine besonders bedeutsame Stelle einnehmen. Freilich dürste sich die Feier nicht in dem weiten Rahmen vollziehen, wie ursprünglich gemeldet wurde, namentlich verlautet von officiöser Seite noch nicht das Geringste über die projectirte Theil- nahme mehrerer Bundessürsten und ebensowenig findet das Gerücht, daß der Kaiser selbst das Wort zu einer Ansprache an die Versammlung nehmen werde, Bestätigung; trotzdem verleiht schon die Anwesenheit des Kaisers und seiner nächsten Rathgeber, an ihrer Spitze der Reichskanzler Fürst Bismarck, der herannahenden Feier einen besonders bedeutungsvollen Charakter. Der neueste „Reichsanzeiger" veröffentlicht das definitive Programm zur Feier bei der Grundsteinlegung und bringen wir solches unter den telegraphischen Nachrichten. Am nächsten Tage, also am 10. Juni, nehmen die Plenarverhandlungen des Reichstages wieder ihren Fortgang und wird sich das Plenum an diesem Tage mit den bekannten Anträgen der Conservativen bezüglich der Gewerbeordnung und dem kirchenpolitischen Antrag- des Abg. Dr. Windt- horst beschäftigen; die zweite Lesung der Unfallversicherungs-Vorlage soll erst in nächster Woche beginnen.
Die durch kaiserliches Patent angeordnete Auflösung von neun Einzel-Landtagen Cisleithaniens wird in den betr. Kronländern vas Signal zu einer jedenfalls sehr lebhaften Wahlbewegung geben. Ein besonderes Interesse dürsten die Neuwahlen zum mährischen Landtage beanspruchen, da hier wie in Böhmen die nationalen Gegensätze zwischen Deutschen und Czechen mit in's Spiel kommen. Nachdem letztere durch allerhand „Praktiken" bereits in der Prager Landstube die entschiedene Majorität erlangt haben, soll dies nun auch bezüglich des mährischen Landtages geschehen und die prononcirt czechenfreund- Ziche Haltung des Statthalters von Mähren, Grafen Schönborn, wird den Czechen in diesem Kronlande bei dem Wahlkampfe ohne Zweifel sehr zu Statten kommen. Hoffentlich werden aber die Deutschen in Mähren ihre Position trotz der Ungunst der Verhältnisse zu behaupten wissen.
Der französische Minister des Innern, Herr Waldeck-Rousseau, hat die parlamentarische Pfingstpause zu einer öffentlichen Kundgebung über die innere Politik benutzt. Den äußerlichen Anlaß hierzu bot ein ihm am Pfingst- Sonntag zu Amiens gegebenes Banket, auf welchem Waldeck-Rousseau in einer Längeren Rede darauf hinwies, daß die Politik des Cabinets den Gefühlen und Wünschen des Landes entspreche, bei den Municipalrathswahlen seien die Gegner der Negierung, insbesondere die Intransigenten, allenthalben unterlegen. Der Minister erwähnte auch die Verfassungs-Revision, wies nach, daß dieselbe nur eine beschränkte sein dürfe und schloß mit einem Toast auf die Erfolge Frankreichs in Tongking. Am gleichen Tage hielt auch der frühere Finanzminister unter Freycinet, Löon Say, in Rambouillet eine Rede, die ihre Spitze aber gegen das Cabinet Ferry richtete und namentlich das Mißverhältniß zwischen der zu starken Belastung des Budgets und der Militärlast betonte. Auch äußerte sich Say mißfällig über die Recrutirungs-Vorlage und meinte, daß die hierdurch angestrebte Gleichheit der Militärdienstpflicht gegenüber bedenkliche Folgen haben würde.
Nach längerer Pause kommt aus Irland wieder die Kunde von einem Agrarverbrechen. Bei Millstreet in der Grafschaft Cork wurde der Pächter eines kleinen Landgutes in seinem Hause erschossen, zwei andere in dem Hause anwesende Personen wurden schwer verwundet. Die Mörder sollen der berüchtigten Mondschein-Bande angehören, die ja schon so viele Unthaten auf dem Kerbholz hat.
In Genf hat am Pfingstmontag die feierliche Enthüllung des Denkmals stattgefunden, welches hier dem aus dem Sonderbundskriege her bekannten General Dufour errichtet worden ist. Die Festreden hielten Oberst Aubert, der Genfer Bürgermeister Empeyta, der Bundespräsident Welti und der Regierungsrath Geward. Die Kantone, welche dem ehemaligen Sonder- Lunde angehörten, waren nicht vertreten, was wohl auch schwerlich erwartet worden war.
Zwischen Serbien und Bulgarien sind in Folge des Einfalles ferbischer, in Bulgarien angesiedelter Emigranten-Banden in serbisches Gebiet ernste Mißhelligkeiten ausgebrochen. Die serbische Regierung hat in Folge dessen beim bulgarischen Cabinet reclamirt, welches seinerseits gegen den serbischen Grenzwachtposten bei Bregova protestirte und drohte, denselben mit Waffengewalt aufzuheben. Daraufhin ist der Präfekt von Bregova von der Regierung in Belgrad angewiesen worden, den Posten keinenfalls einzuziehen und zugleich hat der diplomatische Vertreter Serbiens in Sofia Auftrag erhalten, von der bulgarischen Regierung entschieden eine Antwort wegen der Einfälle der Banden zu verlangen und im Weigerungsfälle mit seiner gelammten Kanzlei Sofia zu verlassen. — Der auf der Insel Candia zwischen Christen und Muselmanen ausgebrochene Zwist wegen der Vakuf-Frage nimmt einen bedenklichen Charakter an. Die christlichen Deputirten zur Generalversammlung haben die Forderung der türkischen Negierung, wonach für die ausschließliche Unterhaltung der Moscheen eine jährliche Summe von 5000 Pfund zu zahlen sei, abgelehnt und erklärt, daß sie weder die Vakufsteuer, noch einen andern Zehnten zahlen würden. Es verlautet, daß der Generalgouverneur von Candia wegen dieser Vorgänge seine Entlassung eingereicht habe.
In New-Aork dauern die Verhaftungen der Vorstände der jüngst fallirten Banken fort. Am Sonntag wurden der Präsident und der Kassirer der Pennbank verhaftet, doch ließ die Behörde den Letzteren gegen Kaution schließlich wieder frei.
Der egyptische Telegraph bringt wieder einmal recht widerspruchsvolle Nachrichten. Der englischen Negierung wurde unter dem 1. Juni aus Suakim telegraphirt, daß von Berber abgesandte Boten in Suakim mit der Meldung von der Uebergabe der erstgenannten Stadt an die Rebellen eingetroffen seien. Dagegen meldet ein dem „Daily Telegraph" am 2. Juni zuge- aangenes Telegramm, daß die Belagerung von Berber aufgehoben sei und daß sich auch Gordon mit Erfolg in Khartum behaupte. Die Nachrichten über Berber widersprechen sich also direct und ist daher eine nähere Aufklärung abzuwarten. Ferner meldet eine Depesche der „Agence Havas" aus Suakim, daß die Aufständischen in der Nacht vom Sonntag zum Montag einen allgemeinen Angriff auf Suakim gemacht hätten, aber durch das Feuer der die Stadt um» gebenden Forts zurückgeschlagen worden seien. — Eine in Kairo eingegangene Depesche des Gouverneurs von Dongola dementirt die Nachricht von dem Falle Berbers und bestätigt, daß General Gordon den Kampf gegen die Aufständischen mit gutem Erfolge fortsetze.
Darmstadt, 4. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog empfingen heute den Generalmajor Frhrn. Röder v. Diersburg und den Obermedicinalrath Uloth, sowie Lord Cadogan und Mr. Cunningham Grace von der Königlich Großbritannischen Gesandtschaft; zum Vortrag den Ministerial-Präsidenten Finger.
— Se. Königl. Hoheit der Prinz von Wales ist heute Vormittag zu eintägigem Besuch des Großh. Hofes hier eingetroffen.
—1. Darmstadt, 5. Juni. (Zweite Kammer der Landftände.j Für Dienstag den 10. ds. Mts. ist folgende Tagesordnung festgesetzt. Vormittags 9 Uhr geheime Sitzung. Vormittags von 10 Uhr an öffentliche Sitzung und zwar:
I. Verkündigung neuer Einläufe.
II. BerichtSanzeigen.
HI. Mündliche Berichterstattung, event. Berathung über:
a. die im 3. Wahlbezirk der Provinz Oberhessen (Butzbach-Bad-Nau- h:im) in Folge der Beförderung des Großh. Oberförsters Dittmar zum Forstmeister erforderlich gewordene Neuwahl eines Landtags- Abgeordneten;
b. die in Folge Mandatsniederlegung des Abgeordneten Han st ein für den 4. Wahlbezirk der Provinz Oberhessen (Gießen, Land) erforderlich gewordene Neuwahl eines Lsndtagkabgeordneten;
IV. Berathung der Interpellationen:
1. des Abgeordneten L a utz, die FahrbilletS bei der Hess. LudwigSbahrr betr. (Beil. Nr. 295)
2. der Abgeordneten Schaum, Ellenberger und Haas, die Baumpflanzungen an den Staatsstraßen, insbesondere an der Staatsstraße von Büdingen bis zur LandeSgrenze vor Lieblos betreffend (Beil. Nr. 285);
3. des Abgeordneten Grünewald, betreffend die Unterschlagungen beS Gerichtsvollziehers Schwarz zu Alsfeld (Beil. Nr. 283);


