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230 Donnerstag den 2 October 188£

ießmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint ILgtlich mit SKrSnahme beS MontckgK.

günreant Schulstraße 7.

Prei- vierteljährlich 2 Marl 20 Pf. mit Bringerlehn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.

Politische Ueberstcht.

Gießen, 1. October.

In der deutschen Colonial-Bewegungist eine neue bedeutsame und zugleich erfreuliche Nachricht zu verzeichnen. Aus specielle Zuladung des Reichskanzlers waren, wie bekannt, in den letzten Tagen die hauptsächlichsten Vertreter derjenigen Hamburger Firmen in Friedrichsruhe versammelt, welche am meisten am Handel mit West-Asrika betheiligt sind- Der leitende Staats- mann wollte die Ansichten der betr. Herren über die Regelung der Verhältnisse der deutschen Niederlaffungen in West-Asrika kennen lernen, was beweist, daß Fürst Bismarck die Colonial-Frage nicht vom grünen Tisch aus, sondern im Einverständniß mit den zur Beurtheilung dieser Angelegenheit am competentesten erscheinenden Persönlichkeiten regeln will. Gleichzeitig wird osficiöserseits be­richtet, daß mit England wie mit Frankreich Verhandlungen schweben, welche die künftige Gestaltung der nachbarlichen Beziehungen Deutschlands an der west- afrikanischen Küste betreffen und die gegründete Aussicht aus eine sreundschast- liche Verständigung über etwa mögliche Streitpunkte haben. Zur Wahrung der colonialen Interessen Deutschlands wird übrigens in den. nächsten Tagen em Geschwader unter dem Commando des Contre-Admirals Knorr nach West-Afrika abgehen. Dasselbe besteht aus den Panzer-CorvettenBismarck",Gneisenau undOlga", sowie der Glattdecks - CorvetteAriadne." Commodore Knorr will seine Flagge auf demBismarck" hissen.

Die osftcielle Abberufung des gegenwärtigen deutschen Botschaf­ters am Londoner Hose, des Grasen Münster, scheint nun doch m nächster Zeit erfolgen zu sollen. Bekanntlich ist Gras Herbert Bismarck, der ältere Sohn des Kanzlers, für diesen Posten designirt und würde es natürlich doppelt interessant sein, unter den gegenwärtigen Verhältnissen Deutschland am Hofe von St. James durch eine dem Fürsten Bismarck sonahestehende". Persön­lichkeit vertreten zu sehen. DerStandard" behandelt dieses Thema in einem Artikel, in welchem es u. A. heißt, daß die Ernennung des Grafen Herbert Bismarck zum Nachfolger des Grafen Münster eher als ein Beweis des Wohl­wollens, als irgend eines anderen Gefühles des Reichskanzlers gegen England zu betrachten sei. Die Befriedigung, mit welcher alle vernünftigen Menschen die Einigung Deutschlands unter dem Hause Hohenzollern betrachteten, sei von der großen Mehrzahl der Engländer gleichmäßig empfunden worden, und selbst der Mangel an Herzlichkeit, der hin und wieder die Beziehungen zwischen der gegen- wärtigen englischen Regierung und dem Fürsten Bismarck charaktenstrte, habe zu keiner Zeit den Strom der in England bem deutschen Volke gegenüber herr­schenden Sympathie abzulenken vermocht. Glücklicherweise habe es niemals einen wirklich schwierigen Gegenstand der Controverse zwischen den beiden Natio­nen gegeben, und selbst wenn einer entstehen sollte, würde er von der gesunden Vernunft derselben rasch beseitigt werden. Die Ausgabe des Grafen Herbert Bismarck werde daher keine schwierige sein und werde er nur jene Beziehungen der Freimüthigkeit und gegenseitigen Achtung, die zwischen den zwei Völkern lange bestanden haben, zu erneuern und fortzusetzen haben.

Die gemeinsame Note der Großmächte in Sachen des Staats­streiches der Northbrook-Nubar'schen Finanz-Weisheit ist so scharf wie möglich. Wenn so kräftig aus das Pult geklopft wird, muß auch eine andere Tonart beginnen. Natürlich erwartet man gar nichts vom Khedive und seinen Ministern, sondern Alles von Northbrook und Gladstone. Die Mächte werden im Voraus gewußt haben, daß, wie ein Telegramm aus Kairo meldet, der Vicekönig ein­fach den Empfang der Note bestätigen will, und in London wird man im Voraus darüber klar gewesen sein, was daraus folgt. Daß es in letzter Stunde noch gelingen sollte, außer dem Sultan irgend eine Macht gegen Europa aus­zuspielen, ist von Haus aus undenkbar. Gerade Rußland, auf dessen Sympa­thien Mr. Gladstone zu zählen pflegt, ist am weitesten gegangen und hat sich, außer in Kairo, auch in London über das neueste Stücklein der anglo-egyptischen Finanzkunst beschwert, und das ist deutlich. Daß die Mächte nicht gesonnen sind, bei einem formalen Protest stehen zu bleiben, geht aus der Meldung hervor, nach welcher der egyptische Finanzminister von dem internationalen Gerichtshöfe zu Kairo zur Verantwortung gezogen werden soll. Vielleicht ist diese den Mächten zugeschriebene Absicht mit der Anlaß zu der Conserenz gewesen, welche am Samstag in Sachen der finanziellen Angelegenheiten Egyptens in Kairo stattgefunden hat und welcher Lord Northbrook, der englische General-Consul Baring, der Ministerpräsident Nubar Pascha, der Finanzminister Mustapha Pascha Fehmy und ver Generalsecretär der Finanzen, Blum Pascha, bei­wohnten.

In die französische Flotten-Action an der chinesischen Küste wird demnächst wieder mehr Leben kommen. Admiral Courbet hat die erwar­teten Verstärkungen an Landungs-Truppen aus Tongking und Saigon erhalten

An die Groftherroalichen Bürgermeistereien des Bezirks.

$tei8 x M Xt »MoÄÄÄ »Ä »«Ä in g°eignttttWeile AnnMch geben wofcn.Großherzvgliches Rentamt Gießen.

und gedenkt zunächst gegen Keelung auf der Insel Formosa vorzugehen und die Stadt, sowie die in der Nähe liegenden reichen Kohlengruben zu besetzen. Der Marineminister Peyron erwartet die Meldung von der Ausführung dieser Ope- ration noch im Lause dieser Woche. Frankreich sei alsdann, schreibt das Journal de Paris", im Besitze eines Pfandes, dessen Werth den Betrag der von ihm geforderten Entschädigung übersteige und werde die Ausführung des Vertrages von Tientsin ruhig abwarten können.

Seit vorigen Samstag residiren Kaiser Alexander und seine Gemahlin wieder in Peterhos und hat somit die Reise der rupft chen Majestäten nach Polen ihren Abschluß gefunden. Welche Wirkung der längere Aufenthalt derselben in Polen auf die Bevölkerung Polens und speaell auf die der Hauptstadt Warschau ausgeübt hat, bleibt noch abzuwarten. Dem äußeren Anschein nach zu urtheilen, hat dieser Besuch das russische Kaiserpaar den Harzen seiner polnischen Untertanen näher gebracht, da dasselbe überall, wo es sich auch in Warschau zeigen mochte, von der Einwohnerschaft entschieden sympathisch begrüßt worden ist. Erfreulicher Weise hat man nicht das Geringste von Attentats-Versuchen gehört; der ungemein zahlreiche polizeiliche Apparat, welcher namentlich in Warschau anläßlich der Anwesenheit der russischen Majestäten ent­faltet wurde, macht es allerdings einigermaßen erklärlich, daß verbrecherische Versuche nach der angedeuteten Richtung unterblieben sind.

Die Ausweisung von sechs Anarchisten aus der Schweiz beweist, daß der Schweizer Bundesrath den Mißbrauch des Asylrechts der Eid­genossenschaft durch anarchistische Verschwörer-Banden nicht länger dulden will. Europa kann bei dem Gedanken, daß diePropaganda der That" ihrer haupt­sächlichsten Freistatt im Herzen des Erdthells verlustig gegangen ist, erleichtert aufathmen. .

Der Aufenthalt des österreichischen Kronprinzen-Paares in Sinaja, der reizend am südlichen Abhangs der Karpathen gelegenen Sommer» Residenz des rumänischen Herrscherpaares hat wieder einmal in ectatantec Wesse die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen dem Wiener und dem Bukarester Hofe gezeigt. Kronprinz Rudolf unv seine Gemahlin haben sich in Sinaja Seitens der rumänischen Majestäten des wärmsten Empfanges zu erfreuen gehabt und trug der Verkehr derselben mit ihren hohen Gästen den Charakter größter Herz- lichkeit. Am Samstag Abend sand zu Ehren der letzteren inl Srna,a em Gala­diner statt, an welches sich ein F-ckelzug und großer Zapfenstreich schloß Am Sonntag Vormittag führten zwei Jägerbataillone vor dein König und dem Kronprinzen Rudolf Exercitien im Jener aus. Am Nachmittag reisten tue rumänischen Majestäten mit ihren Gästen nach Predeal ab

Die türkische Regierung hat ihren Schiffspostoienst zwischen Kon­stantinopel und Varna wieder eingestellt, da die türkischen Postdampfer tn letz­terer Stadt stets den Anschluß an den Expreßzua nach Wien und Pans versäumten.____________ . ___

Darmstadt, 30. September. Durch Verfügung vom 17. d. Mts. wurde der Gerichtsaeeessist Georg Olt in Groß-Umstadt zum Amtsanwalt bet den Großh. Amtsgerichten Groß-Umstadt, Höchst, Michelstadt und Reinheim mit dem Sitze in Groß-Umstadt, und der Gerichtsaeeessist Emil s ch l app in Gießen zum Amtsanwalt bei den Großh. Amtsgerichten Bmgen, Ober-Ingelheim und Wöllstein mit dem Sitze in Bingen bestellt.

Darmstadt, 30. Septbr. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 24) enthält: , .. . ,,

1. Bekanntmachung Großh. Staatsminlstermms, die Bestellung der Wahl- eornmissäre für die Wahlen der Abgeordneten zum deutschen Reichstage betr

Zur Leitung der am 28. Oetober l. I«. stattfindenden Wahlen der Ab- geordneten zum deutschen Reichstage find auf Grund der Bestimmung des § 24 des Reglements vom 28. Mai 1870 - Bundesgesetzblatt Nr. 17 - folgende Wahlcommissäre bestellt worden: , . f ~ *

für den 1. Wahlkreis: der Großh. Provmzial-Director Dr. Boek- mann in Gießen,

für den 2. Wahlkreis: der Großh. Kreisath Dr. Braden m sür^den^. Wahlkreis: der Großh. Kreisrath Hofsmann in Alsfeld, für den 4. Wahlkreis: der Großh. Provmzial-Director v. Mar- quarb in Darmstadt, r

für den 5. Wahlkreis: der Großh. Kreisrath Hallwachs m Ossenbach, für den 6. Wahlkreis: der Großh. Kreisrath Dr. Usinger m für^den ^"Wahlkreis: der Großh. Kreisrath Freiherr v. Gagern fü/den^8^'ahlkreis: der Großh. Kreisrath Spam er in Bingen,