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Samstag den 1. November
Nr. 2S6
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Rußland
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Politische Ueberficht.
Gießen, 31. October.
Heute treten die gesummten übrigen Tagesfragen der inneren und auswärtigen Politik vor derjenigen nach dem Ausgange der Reichstagswahlen weit zurück. Schon jetzt ein abschließendes Uriheil über dieselben zu geben, ist aus naheliegenden Gründen natürlich noch nicht möglich, ein Moment tritt aber bereits mit erschreckender Sicherheit hervor, das rapide Anwachsen der Socialdemokratie. Dieselbe hat in einer ganzen Reihe von Wahlkreisen den Sieg davongetragen und auch bei den Stichwahlen werden ihr unzweifelhaft noch zahlreiche Wahlkreise zusallen. Zunächst hat in Berlin die Socialdemokratie in die bisherige fortschrittliche Reichstags-Einheit ein Loch gemacht, indem im vierten Wahlkreise der socialdemokratische Candidat Singer gegenüber dem Candidaten der Deutschfreistnnigen, Träger, und demjenigen der Conservativen, v. Köller, mit einer Majorität von ca. 1000 Stimmen gewählt worden ist. Im sechsten Wahlkreise kommt der socialistische Kandidat, Hasenclever, mit dem Candidaten der Deutschfreistnnigen, Landgerichtsrath Klotz, in die Stichwahl uno ist bei derselben an dem Sieg des ersteren nicht zu zweifeln. Im Königreich Sachsen, der alten Hochburg der Socialdemokratie, hat dieselbe gleichfalls namhafte Erfolge zu verzeichnen, indem ihr hier die Wahlkreise Glauchau-Meerane, welcher von den Ordnungs-Parteien das vorige Mal erst mühsam erobert wurde, Leipzig-Land — zum ersten Mal —, Chemnitz, Zwickau und wahrscheinlich auch Frankenberg-Hainichen zugefallen sind; weiter haben die socialistische« Candidaten, soweit dies bis Mittwoch bekannt war, in Hamburg I u. II die Majorität und gelangen noch zur Stichwahl in Hamburg III, Dresden-Altstadt, Mainz, Breslau I und II, Hannover, Nürnberg, Frankfurt a. M., Magdeburg, Darmstadt, Elberfeld-Barmen u. s. w. und wie die Verhältnisse nun einmal liegen, steht leider zu befürchten, daß die Candidaten der Umsturzpartei bei den Stichwahlen wenigstens zum größeren Theile durchdringen werden. An sonstigen charakeristischen Momenten aus dem Entscheidungskampfe sei für heute nur noch das Resultat der Berliner Wahlen angeführt. Wie schon erwähnt, hüt im vierten Wahlkreise der socialistische Candidat gesiegt und im sechsten kommt ebenfalls der Candidat der Socialdemokraten zur engeren Wahl. In drei Wahlkreisen haben Stichwahlen zwischen den Candidaten der Freisinnigen und der Conservativen stattzufinden, nämlich im zweiten zwischen Profeffor Virchow und Hosprediger Stöcker, im dritten zwischen Rechtsanwalt Munckel (deutsch- freisinnig) und Professor Brecher und im fünften zwischen Eugen Richter und Cremer. Nur in dem ersten Wahlkreise ist der deutschfreisinnige Candidat, Ludwig Löwe, gleich beim ersten Wahlgange durchgedrungen. Dieser Ausgang der Wahlen in der Reichshauptstadt ist höchst bezeichnend, er hat gezeigt, wie sehr dort der fortschrittliche Besitzstand durch die Angriffe von rechts und links erschüttert worden ist. Während noch bei den Wahlen von 1881 sämmtliche sechs Candidaten der liberalen Partei in Berlin gewählt wurden, ist diesmal nur einer sofort durchgedrungen, in einem zweiten ist ein Socialdemokcat gewählt worden und in den vier übrigen Wahlkreisen müssen sich die liberalen Candidaten Stichwahlen unterziehen — dieses Resultat entspricht freilich nur wenig der zuversichtlichen Haltung, welche die fortschrittlichen Führer gerade der Wahlbewegung in Berlin gegenüber einnahmen.
In den Erörterungen über die braunschweigische Frage ist jetzt eine Pause eingetreten, da es Neues über dieselbe kaum mehr zu sagen giebt. In Berlin wie in Braunschweig selbst hat das „Patent" des welfischen Thronprätendenten, des Herzogs von Cumberland, eine entschiedene Zurückweisung erfahren und einstimmig hat der braunschweigische Landtag dem ihm kundgegebenen Willen und Entschluß des Kaisers zugestimmt, die braunschweigische Frage verfassungsmäßig lösen und hierbei die Rechte und Interessen der braunschweigischen Bevölkerung wahren zu wollen. Einstweilen hat sich der braunschweigische Landtag vertagt und bleibt das Weitere abzuwarten.
Inmitten der nun abgeschlossenen Wahlbewegung hat sich an den Westmarken des Reiches eine Feier vollzogen, welche die Sympathien von ganz Deutschland herausfordert — die Einweihung des neuen Universitäts- Gebäudes zu Straßburg. Im Mai dieses Jahres waren 12 Jahre verflossen, seit die neue deutsche Hochschule in der dem Reiche wiedergewonnenen Hauptstadt des Elsasses eröffnet wurde und in dieser Zeit hat sich die Straßburger alma mater stets als eine Hüterin deutschen Sinnes und Wesens erwiesen und es ist daher die Theilnahme erklärlich, welche man auch in Altdeutschland der erhebenden Feier widmete, die den Einzug der Kaiser-Wilhelms-Universität in ihr neues prächtiges Heim begleitete.
In Oesterreich nimmt die Rede, welche Kaiser Franz Joses am Dienstag beim Empfange der in Pesth versammelten Delegationen gehalten hat, das allgemeine Interesse in Anspruch. Dieselbe bildet zugleich die Antwort auf die Ansprache der beiden Präsidenten, der Herren Graf Tisza und Smolka, von denen bemerkenswerther Weise der Erstere, der Präsident der ungarischen Delegation, das Zustandekommen des „vom Throne herab feierlich verkündeten" erfreulichen internationalen Verhältnisses gedachte. Der Kaiser betonte ebenfalls die durch die Begegnung zu Skierniewice geschaffene Lage, indem er hervorhob, daß allem Ermessen nach für die Zukunft die berechtigte Aussicht aus eine Epoche des Friedens und der ungestörten Völkerwohlsahrt vorhanden sei. Die auswärtigen Beziehungen der Monarchie, insbesondere zu den Nachbarstaaten, seien die freundschaftlichsten und habe die Begegnung von Skierniewice die erwünschte -Gelegenheit geboten, die herzlichsten Beziehungen zu dem russischen Kaiserhause
Amsterdam, 29. Octoder. Von den Wahlen zur zweiten Kammer Rnb 32 bekannt. Dre Katholiken sind bis auf einen (in Delft, wo eine Stichwahl mit den Liberalen stattfindet), die Calviniflen bis auf zwei, welche mit einem Liberalen und einem Katholiken in Stichwahl stehen, wtedergewählt, von drei Conservativen ist einer wiedergewählt, die betben andern kommen in Haag mit den Liberalen zur Stichwahl. Die qesonberten Liberalen verloren einen, in einem andern bisherigen Sitz kommen sie zur Stichwahl mit den Liberalen; die liberale Majorität verliert einen Sitz und steht tu zwei andern zur Stichwahl mit dea Calvinisten und Katholiken. In Amsterdam find sämmtliche Candidaten der liberalen Majorität mit großer Majorität gegen die Klerikalen und Gesondertltberalen gewählt.
Acutschrand.
Berlin, 27. October. Se. Majestät der Kaiser soll dem Generalfeldmarschall Grafen MoUke, welcher am vergangenen Sonntag den 26. d. MtS. fein 84. Lebensjahr vollendet hat — Graf Moltke ist am 26. October 1800 geboren — ein überaus huldvolles Glückwunschschreiben zu diesem Tage übersandt haben. Der greise Feldmarschall, der sich noch einer bewundernSwerthen Rüstigkeit erfreut und sich auf den Wege», die er zu machen hat, nur selten seines Fuhrwerks bedient, sondern dieselben größtentheilS zu Fuß zurücklegt, ist kein Freund großer Ovationen, weßhalb er denn auch feinen letzten Geburtstag in möglichster Zurückgezogenheit begangen hat. Außer den zur Gratulation erschienenen Generälen und höheren Officteren, zu denen in erster Reihe der Commandeur des Eisenbahn.Regiments gehört, welches dem Grafen Moltke direct unterstellt ist, sowie hervorragenden Staatsbeamten, welche thetls ihre Karten abgabeo, thetls ihre Namen in daS ausltegende Meldebuch eintrugen, zählten die etngelaufenen Glückwunschschreiben und Telegramme selbstredend wieder nach Hunderten, unter denen sich eine ganze Anzahl von gekrönten Fürsten befand. Außer einer ab und zu auftretenden leichten Entzündung der Augen, welche der Feldmarschall alle Morgen uud Abend mit nassen Compressen näßt, und einem Fußübel, an dem er gerade zur Zeit der Drei-Kaiser-Zusammenkunft zu leiden hatte und deßhalb zu seinem großen Bedauern den Kaiser nicht nach Scierniewice begleiten konnte, läßt der Gesundheitszustand deS greisen ChefS drS Generalstabs nichts zu wünschen übrig. Mögen seine Dienste dem Kaiser und der Armee noch recht lange erhalten bleiben.
Kossand.
Petersburg, 29. October. DaS „Journal de St. PeterSbourg« äußert einer Besprechung der österreichischen Thronrede: Noch nie habe der Kaiser auf herkömmlichen Ausdrücke der Ehrerbietung seitens der Delegationen in einer solchen feierlichen Weise geantwortet. Es sei eine wahrhafte Thronrede tn deutscher und ungarischer Sprache. Fortan werde Niemand auf beiden Ufern der Leitha übersehen dürfen, in welcher Weise der Kaiser und seine Regierung die Entrevue in Skternewice und deren Ergtbnifie aufgefaßt haben und noch auffassen, Ergebnisse, welche so wohl- tbätig feien sowohl für den Frieden im Allgemeinen als auch für die freundschaftlichen Beziehungen der drei Kaiserreiche zu einander, deren volle Uebereinstimmung auf der Aufrechterhaltung der Verträge und dem gegenseitigen Vertrauen bafirt sei. In solcher Weise habe man in Petersburg die Entrevue aufgefaßt und diese Auffassung sei nun bei der ersten Gelegenheit, wo einer der drei Monarchen sich hierüber geäußert habe, bestätigt worden. .
— Der Forschungsreisende Prschewalsky hat in einem über Kiachta eingetroffenen Bericht vom 8. August d. I. mttgetheilt, daß er während der drei Sommermonate in dem nordöstlichen Tibet tausend Werst durchwandert habe. Zu Anfang sei er bis zum „blauen Fluß" vorgedrungen und dann habe er zwei Seen am oberen Laufe des „gelben Flusses- erforfat. Hier sei die Expedition zweimal von berittenen tangutischm Räuberbanden überfallen worden, welche jedoch mit einem Verlust von
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Zeigen.
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ru erneuern; sie bezeuge die vollste Uebereinstimmung der drei Monarchen und Regierungen bezüglich der Erhaltung des Friedens, welcher aus der Grundlage der Wahrung der Verträge und auf dem gegenseitigen Vertrauen basire und solle diese Einmüthigkeit eine achtunggebietende Friedens-Bürgschaft bilden. Diese bedeutsamen Aeußerungen des österreichischen Herrschers bilden gewissermaßen auch eine Ergänzung zu der Thronrede, mit welcher der ungarische Reichstag eröffnet wurde und werden namentlich an der Newa ihren Eindruck nicht verfehlen.
Die von der französischen Opposition gehegten Pläne, das Ministerium Ferry mittelst der Tongkingsrage aus dem Sattel zu heben, können als in's Wasser gefallen betrachtet werden. Die parlamentarische Behandlung der Frage ist allerdings einstwellen in's Stocken gerathen, was aber wohl mehr aus formale als auf sachliche Schwierigkeiten zurückzuführen ist. Die Kammermehrheit hat mindestens das gleiche Interesse, wie die Regierung, den Tongking- handel nicht zu einer Waffe in den Händen ver Gegner werden zu lassen, und es erscheint daher die Befürchtung keineswegs begründet, daß das ostasiatische Programm Ferry's der Ausgangspunkt ernster parlamentarischer Differenzen werden könnte.
Die politische Lage in Belgien ist durch den Ersatz des Cabinets Malou durch das Cabinet Bernaert noch wenig geklärt worden. Weder die katholische Partei noch die Liberalen sind mit dem der gemäßigten Rechten angehörigen neuen Ministerium zufrieden und daher werden wohl diejenigen Recht behalten, welche das Cabinet Bernaert einfach als ein Auflösungs-Ministerium bezeichnen. Erst die Auflösung der Kammer und die hierdurch bedingten Neuwahlen dürften die Situation in Belgien klar gestalten.
Das Resultat der in der Schweiz am Sonntag stattgefundeuen Nationaliathswahlen liegt nunmehr vollständig vor und gehören von den Gewählten 87 den Freisinnigen und Demokraten, -39 den Ultramontanen und Conservativen und 19 dem Centrum oder keiner Partei an.
Die bulgarische Sobranje (Nationalversammlung) ist am Montag zu Sofia mit einer Thronrede des Fürsten Alexander eröffnet worden. In derselben bildet die hervorragendste Stelle der Passus über die Verbindung der serbisch-türkischen Eisenbahnen durch Bulgarien; im Uebrigen entwirft die Rede ein befriedigendes Bild von der Lage in Bulgarien.
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