Ausgabe 
26.11.1882 Drittes Blatt
 
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-tr. 277. Drittes Blatt. Sonntag den 26. November 1882.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Msutag-.

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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Petersburg, lieber die Vorfälle an der Universität Kasan dürfen die Petersburger Zeitungen nach Weisung der Ober-Preßverwaltung keine Mitthei­lungen bringen, und zwar in Anbetracht der Gährung, die unter den Peters­burger Studenten noch immer herrscht, Privatbriefe aber schildern den Anfang der Kasaner Tumulte in folgender Weise:

Am 27. October russischen Styls, Nachmittags um 5 Uhr, trat in das Zimmer des Nectors Fiffoff ein Student der Medicin, Namens Woronzoff, der sofort nach seinem Eintritt die Stube verriegelte.Was wünschen Sie?" fragte ihn der Rector.Ich habe Ihnen zu sagen, daß Sie ein Schuft sind!" rief der Student.Sie haben es durchgesetzt, daß mir das Landschafts-Stipen­dium, welches ich bisher bezog, genommen wurde; Sie sind schuld, daß ich jetzt Hunger leide."Sie irren", erwiderte Fiffoff, der seine Ruhe vollkommen bewahrte.Sie wissen, daß ein Student, der länger als zwei Jahre in einem Cursus zubringt, zur Beziehung von Stipendien nicht mehr berechtigt ist. Das verfüge aber nicht ich, sondern das gesammte Professoren-Collegium. Aber was weiter?" ,Ich werde Sie prügeln oder todtschlagen", versetzte Woronzoff. Wenn Sie sich wie ein Dieb in meine Wohnung eingeschlichen haben, so fiihren Sie Ihren Vorsatz aus",Nein", erwiderte Woronzoff,ich bedaure, heute ge­kommen zu sein; ich sehe, daß ich Sie öffentlich prügeln oder todtschlagen muß. Wenn es Ihnen beliebt, so übergeben Sie mich der Polizei." Damit verließ der Student das Zimmer. Der Rector muß die Drohung nicht ernstlich aufge­faßt haben, wenigstens stand er von einer Verhaftung des Burschen durch die Polizei ab und wollte sich damit begnügen, denselben von der Universität ent­fernen zu lassen. Als er nun am folgenden Tage sein Auditorium betrat, stürzte Woronzoff auf ihn zu und wollte ihm einen Hieb versetzen, dem Fiffoff aber rechtzeitig auswich. Es entstand nun ein wüster Scandal. Dem Rector gelang es, aus dem Auditorium zu flüchten. Binnen Kurzem war aber die ganze Studentenschaft aus den Beinen und die Tumulte nahmen derartige Dimensionen an, daß die Polizei allein nicht mehr fertig werden konnte, sondern das Militär zu Hülfe rufen mußte. Von Petersburg aus, wohin man sofort telegraphischen Bericht erstattete, kamen sehr scharfe Weisungen.

Zur Erziehung des. Heranwachsenden Geschlechts.

Wie oft ist nicht schon in den Kreisen der Eltern und einsichtigen Pädagogen di- Klag- über Ueberhürdung unserer heutigen Jugend durch Lernstoff in den Schulen laut geworden, aber so sehr man doch di- Richtigkeit dieser Frage tn mehr als einer B-zi-hung anerkennen muh, so verkehrt würde es auch fein, durch ein einfaches »uriirk- schrauben der Unterrichtsziele auf ein niedrigeres Resultat jener Klage gerecht werden zu wollen, denn eine tüchtige Ausbildung in möglichst vielen Wissenschaften ist heut- zutage die unerläßliche Bedingung geworden, um In irgend einem besseren Lebensberufe finden zu können nicht nur Gelehrte, Künstler und Beamten bedürfen der Wtsfenschaften, andern jeher Industrielle, jeder Kaufmann, jeder Landwrrih, der sich tn seinem Berus- auszetchnen und gleichzeitig eine bessere sociale Stellung ein- nehmen will muß auch ziemlich umfangreiche Kenntnisse, zumal in Sprachen, Geo- graphie Geschichte und Naturwiss-nschaft-n besitzen. Viel, möglichst viel unser heran- wachsendes Geschlechte lernenzu lassen, bleibt daher die werthvollste Mitgift, welche die Eltern ihren Kindern, der Staat seinen zungen Bürgern geben kann, und die Klagen er6flxUin8 b'r.3uüeI,b In den Schulen und dadurch verursachte löiverltthe Schwach- und Beeinträchtigung des Gemüthslebens müssen deßhalb Veranlassung geben, nach Mitteln zu suchen, welche die schä lichen Einflüsse der Schule und d"s Studiums bezüglich der körperlichen unb geistigen Entwickelung zu beseitigen Im beeinträchtigt mkb 8 $ Me mofllit6ft W wissenschaftliche Ausbildung selbst

s-lchi-ht dies offenbar am besten in der Weise, wie es vor Kurzem der preußische Kultusminister, Herr v, Gohl-r, in einem R-script- an di- SchMb-Md-n angeregt hat: Durch großer- B-I-bung und allgemeine Ausnahme her Turn- unb Spielübungen in allen Schulen 4u'nabme bet

Wir sinh ja an unb für sich bi-s-m Ziele nicht so sehr fern, beim ber deutsche Dlrnoater Jahn hat schon vor zwei Menschenaltern ben Grunb zu ben Körper und G- st veredelnben unb kraft g-nb-u Korperüdungen uub Spielen gelegt fast an allen Orten unb auch in ben meisten Schulen Deutschlands wirb auch Kra t- unb Spiel" turnen (jepffegt aber woii bi-sen Hebungen bei uns noch sehlt, bas ist bereu allaeme ne unb verebelte Anwenbung als ein burchaus unerläßliches Erri-bunaamN.-r ° °

keinem Schulplan- fehlen unb unler b-n Augen8ÄtfÄ

männer von Jahr zu Jahr verbessert unb setDoUfommnet unfere kräftiger unb fröhlicher machen sollte, benn es debars g« ttine8 befonberm Äm daß jeder Mensch, ber als Bürger unb Solbat, als Arbeiter unb Schaff» im K.aa.e unb ber Familie seine Aufgaben lösen will, vor allen Dingen eines und frohen G-müth-s bedarf und diese Güter müssenzumal d-m

Z-Flechte zu eigen gemacht werden, weil sie bi-sern am leichtesten °nzue?zsth?n sind

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einem Buche verbunden werden. Jeder Ausschnitt Kto? nm Cs unb die Nummer der betreffenden Zeitung unb wenn bka§ £atum Ta

9 08 ®ebrucft m,tbtrL lvor Jahren wurde im Palais nur die inzwischen eingegangene

Hande- und Spener'sche Zeitung" gehalten. In ähnlicher Weise werden auch für sammtliche Minister Zeitungsausschnitte zusammengestellt, namentlich solche, welche Angriffe der gegnerischen Parteien enthalten.

Newyork, 17. November, lieber den merkwürdigen elektrischen Sturm, welcher am Freitag aus dem ganzen amerikanischen Festlande von Boston nach San Francisco herrschte, melden amerikanische Blätter: In Omaha war die Aurora borealis so glänzend, daß die Nacht so hell wie der Tag war. In Cheyenne, Denver und an ge- -wissen Punkten in Kalifornien und Washington Terrstory wurde ein ähnliches Phäno­men beobachtet. In St. Paul (Minnesota) war der Horizont blutroth. Die Tele- araphenverbindung wurde ernstlich unterbrochen. Allenthalben versagten die Drähte den Dienst. Die Elektriker stimmen in der Meinung überein, daß die Störung eine solche war, wie bisher niemals empfunden worden sei.

Leipzig, 21. November. Das Reichsgericht hat am 20. d. Mts. wieder eine Markenschutzsache verhandelt, welche Beachtung verdient. Die Firma Fritz Schulz jun. hier verpackt ihre seit Jahren bekannte Brillant-Glanzstärke in rothen Papierbeuteln, welche mit drei im Zeichenregister des Amtsgerichts Leipzig eingetragenen Waaren- zeichen versehen sind. Diese Beutel sind vielfach Gegenstand der Nachahmung geworden, wiewohl meist so, daß die Waarenzeichen nur mit Abänderungen nachgemacht worden sind. So geschah dies auch von Seiten des Apothekers und Drogutsten E. Stürmer tn Breslau, der überdies noch seine Beutel widerrechtlich mit der FirmaFriedrich Schulze in Leipzig" versehen hatte. Zum Gebrauch der letzteren Firma glaubte er sich berechtigt, weil er einen Dienstmann (!) Namens Friedrich Schulze in Leipzig ausfindig gemacht hatte, von dem er sich ein Recept für Brillant-Glanzstärke hat unterschreiben lassen. Aus erhobene Anklage, bezüglich Nebenklage der Firma Fritz Schulz jun. wurde der 2C. Störmer durch das Landgericht Breslau am 29. Juni zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt, und außerdem wurden der Nebenklägerin 1500 Mark Geldbuße sowie Publikationsbefugniß zuerkannt, während die nachgeahmten Beutel zu vernichten sein sollten. Das Gericht hat angenommen, daß die Abänderungen solche seien, welche nur mit ganz besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen werden können und daß daher die Handlungsweise des Angeklagten nach § 18 des Markenschutzgesetzes strafbar sei. Die gegen dieses Uriheil von Seiten des Angeklagten eingewendete Revision ist nun am 20. d. Mts. vom Reichsgericht verworfen und Angeklagter in die Kosten des Rechts­mittels verurtheilt worden. Es ist dies nun schon ber zweite Fall, in welchem die Nachahmung ber Papierbeutel ber Firma Fritz Schulz jun. hier zur rechtskräftigen Verurtheilung ber betreffenden Nachahmer geführt hat. Es kann also nicht dringend genug vor derartigen Nachahmungen gewarnt werden.

Heber den Tod des Kapellmeisters K6ler-B6la und des Cellisten August Dötsch, die beide dieser Tage fast gleichzeitig in Wiesbaden gestorben sind, schreibt derRhein Knrr.": Der Tod hat dem musikalffchen Leben unserer Stadt zwei Künstler­naturen entrissen, deren eine auf eine bewegte und erfolgreiche Vergangenheit zurück­blickte, die andere einer verheißungsvollen Zukunft gegenüberstand. Der alte Köler-Bela und der junge Cellist August Dötsch wurden an ein und demselben Tage ihrer Kunst entrissen. Mit K^ler-Böla schwindet eine ber populärsten Figuren aus dem Leben unserer Kurstadt, bereit Namen weit über das Weichbild der Stadt, über die Grenzen Deutschlands hinaus und bis ins Ausland hinein, als der des Vertreters einer eigenen musikalischen Specialität, einen guten Klang besitzt. Seine Kräfte wurzelten in einem der heitersten Gebiete ber Kunst, dem ber Tanzmusik unb von .dort aus haben seine Melodien in die Herzen Tausender Frohsinn und Freude getragen. So wenig Neigung er den ernsteren Bestrebungen der musikalischen Kunst entgegenbrachte, so fruchtbar erwies er sich auf dem Gebiete, in welchem Terpsichore das Scepter führt und wo man tanzt, da fand die lebendige Rythmik seiner Weisen ein williges Gehör. K6ler-B4la war ein geborener Ungar und das feurige Temperament des Magyaren hat in den bewegten Klängen seiner Tanzmusik melodischen Ausdruck gefunden. In früheren Jahren einer österreichischen Militärkapelle angehörend, wurde er von dem Herzoge Adolf von Nassau für den nassauischen Dienst gewonnen und als Kapellmeister bei dem in Wiesbaden garnisonirenden 2. Nassauischen Infanterie-Regiment angestellt. Durch die Annexion von 1866 verlor K6ler-B6la diese Stellung; später Übernahm er die Leitung ber stäbtischen Kurkapelle. Von 1870 ab datiren zahlreiche Gastreisen K6ler«B6las, bie berfelbe innerhalb Deutschlands, sowie nach London, Petersburg, Kopenhagen u. s. w. unternahm und die seinen Ruf als Dirigent, wie Componist in die weitesten Kreise trugen. Vor wenigen Wochen noch erhielt K6ler-B6la einen Ruf Zu den Jubiläumsconcerten eines Kölner Vergnügungs-Etablissements, welchem er, obgleich er sich bereits leidend fühlte, Folge leistete; nach Wiesbaden zurückgekehrt, mehrten sich die Anzeichen ber bevorstehenden Auflösung und heute früh erfolgte der Tod im städtischen Krankenhause. Wie derRh. K." noch mittheilt, hat sich Käler- B6la während seiner Krankheit eine seltene Geistesklarheit zu wahren gewußt und ist mit einem originellen Zeugnisse menschlicher Willenskraft aus dem Leben geschieden. Kurz vor seinem Ableben hat er die betaitlirteften Angaben zu Papier gebracht über die Art seiner Beerdigung, die Publikation seiner Todesanzeige u. f. w. Sogar für die nothwendige Trauermusik beim Leichenbegängnisse hatte er Sorge getragen und für sich einen besonderen Trauermarsch componirt, mit dessen Ausführung er seinen Collegen Münch betraut sehen wollte. Geht in ihm ein alter, origineller Matador ber Kunst verloren, so beklagen wir in bem Hinscheiben bes Cellisten August Dötsch eine junge Kraft, die zu den begründetsten Hoffnungen auf eine schöne künstlerische Entwicklung berechtigte. Dötsch starb in dem jugendlichen Alter des noch nicht vollendeten 24. Lebensjahres, nachdem er seinen musikalischen Studien unter der Leitung Jules de Swerts obgelegen hatte und nunmehr in ber Laufbahn bes Virtuosen selbststänbig ein getreten war. Er hat während der letzten Jahre in zahlreichen Concerten hier und auswärts die schönsten Proben seiner künstlerischen Befähigung abgelegt und unter günstigen Auspicien die Grundlagen seiner künstlerischen Existenz gelegt. Leider machten sich bereits vor einigen Monaten Krankheitssymptome geltend, die, wenn sie auch nicht auf eine birecte Gefahr hinwiesen, dennoch ihm die öffentliche Ausübung feiner Kunst erschwerten; die bedenklichsten Anzeichen mehrten sich und spitzten sich schließlich zu einem auszehrenden Leiden zu, welchen das hoffnungsvolle Leben des jungen Musikers heute zum Opfer fiel. Der Verstorbene war der Sohn des früheren Steuer-Einnehmers Dötsch in Münster bei Bingen. Hat die Kunst durch seinen Tod den Verlust eines im frischen Aufblühen begriffenen musikalischen Talentes zu beklagen, so verlieren seine zahlreichen Freunde in ihm einen stets liebenswürdigen und treuen Genossen, dessen schöne menschlichen Eigenschaften ihm ein dauerndes Gedenken sichern.

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Die sichere unb rasche Beseitigung ererbter und veralteter Hebel jeder Art, bie durchgreifende Reinigung der Säfte, die Stärkung des Nervensystems und Neubelebung des ganzen Organismus sind die Resultate, welche durch die Anwendung ber in so vielen Kreisen hochgeschätzten Dr. Liebaut'schen Regenerationskur erzielt werden. Man lese die soeben erschienene sehr interessante und lehrreiche Dr. Liebaut'sche Broschüre, welche gegen Einsendung von 50 H (in Marken) durch die Erraß'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M. franko zu beziehen ist. 7767