Ausgabe 
5.11.1882 Drittes Blatt
 
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Akr. 239. Drittes Blatt. Sonntag den 5. November L882.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Bureau r S chulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Unfälle und Unfallversicherungen.

Die Opfer der Freiburger Katastrophe ruhen in der Erde oder befinden sich unter der sorgsamen Pflege der Aerzte, aus welcher sie aber leider nur zum Theil voll­ständig geheilt bervorgehen werden. Viele der Unglücklichen werden verstümmelt durchs Leben gehen müssen und diejenigen, welche ihren Lebensunterhalt ihren gesunden Glied- maßen verdanken, sehen gewiß mit Sorgen ihrer nächsten Zukunft entgegen. Die direkten Folgen so entsetzlicher Ereignisse wie dasjenige, welches sich in der Nacht vom 3. auf den 4 September abspielte, sind schaudererregend, wenn man sich aber vergegen­wärtigt, welch traurige weitere Folgen sich aus denselben ergeben, so wird man mit Recht fragen müssen, ob Seitens der Verunglückten selbst nicht bet Zeiten etwas hätte geschehen können, um solch' traurigen Eventualitäten, wie sie beinahe immer in Zu­sammenhang mit einem Unfall stehen, vorzubeugen.

Geht man die Listen der Freiburger Verunglückten durch, so findet sich, daß die Mehrzahl derselben dem Mittelstände, d. h. dem Handwerkerstands angehört haben, nur Leuten also, welche sich nach gethaner Wochenarbeit einen frohen Feiertag machen wollten und konnten, deren Verdienst somit hinretchte, sich außer dem täglichen Brod auch noch eine vollkommen berechtigte Erholung zu verschaffen. Ganz anders gestaltet sich die Sachlage nach der Katastrophe. Eine Anzahl Familienväter ist derselben zum Opfer gefallen und wenn der Tod erfolgte, stehen jetzt die Wittwe und die Kinder am Grabe, welches den Ernährer birgt, oder wenn eine schwere Verletzung die Folge des Unfalls war, so ist der Verletzte auf lange Zeit auf sein Schmerzenslager gefesselt, von welchem sich vielleicht ein Krüppel erheben wird, der nie mehr im Stande ist, feinem erlernten Berufe nachzugehcn und der somit seiner Familie nicht nur kein Ernährer mehr sein kann, sondern ihr selbst zur Last fällt. Aber selbst leichter Verletzte erleiden eine pekuniäre Einbuße dadurch, daß sie für längere oder kürzere Zeit ihrer Arbeits­fähigkeit und somit ihres Erwerbes beraubt sind, abgesehen von den Kosten der Her­stellung die doch den Halbwegs Bemittelten selbst zufallen werden. Allerdings haftet die Eisenbahnverwaltung nach § 1 des Haftpfl'chtgesetzes für den entstandenen schaden, sofern sie nicht beweist, daß der Unfall durch höhere Gewalt oder durch eigenes Ver­schulden der Getödteten oder Verletzten ve,ursacht ist, aber es steht jedesmal in Frage, ob die Verwaltung nicht versuchen wird, den Unfall auf höhere Gewalt zurückzusühren. Aber wenn auch die Entschädigungspfl'cht der Eisenbahnverwaltung ganz fest steht, so werden die Ansprüche der Verletzten wcht ohne Weiteres anerkannt werden und auch hier wird die richterliche Entscheidung proöociit werden müssen. Auf alle Fälle werden Prozesse geführt werden müssen, welche selbst bet günstigem Ausgang den Betroffenen bedeutende Opfer auferlegen.

Zur wirklichen Vermeidung einer pekuniären Einbuße gibt es nur ein Mittel, nämlich die Versicherung gegen Unfälle, und e§ ist geradezu unbegreiflich, warum von diesem einzigen und wirksamen Mittel in Deutschland noch so wenig Gebrauch gemacht wird, obgleich eine Anzahl gut fundtrter und solider Versicherungsgesellschaften seit Jahren bemüht sind, das Publikum dieser rationellen Einrichtung zugänglich zu machen und währenddem fn England und Frankreich die Unfallversicherung Jedem schon so nöthig erscheint wie die Feuer- und Lebensversicherung.

Wenn sich Jemand den eigenen Hausstand gründet, so wird er keinen Augen­blick anstehen, seine fahrende Habe gegen Feuersgefahr zu versichern. Macht der ver­mittelnde Agent gleichzeitig Vorschläge zur Lebensversicherung, so wird es ihm glück­licher Weise in vielen Fällen ebenfalls gelingen, nachdenkende und um ihre Zukunft besorgte Leute von den Vortheilen dieser segensreichen Einrichtung zu überzeugen. Viel weniger Glück wird er mit der Unfall-Versicherung haben und die Einwände, die dann gemacht werden, zeugen in der Regel von der auffallendsten Sorglosigkeit. Man sollte doch bedenken, daß die Unfallversicherung die sehr nothwendige Ergänzung der Lebens­versicherung bildet, denn mit letzterer sargt man allerdings für die Angehörigen, während­dem dieselbe dem Versicherten selbst nicht zu gute kommt. Erleidet derselbe einen Unfall, welcher ihn zum Invaliden macht oder welche seine Erwerbsfähigkeit auch nur auf kürzere Zeit schmälert, so kann seine pekuniäre Lage sich so verschlechtern, daß er nicht mehr im Stande ist, die Prämie für die Lebensversicherung aufzubringen, wodurch seine Angehörigen im Falle seines Ablebens auch noch dieses oft sauer erworbenen Vortheils verlustig gehen. Derjenige, welcher gegen Unfälle versichert, sorgt aber in erster Linie für sich selbst, indem er dem pekuniären Schaden, der ihm aus seiner Arbeitslosigkeit erwächst, vorbeugt. Allerdings muß hierfür in gesunden Tagen die Prämie aufgebracht werden, aber dieselbe ist tm Verhältniß zu dem Vorthetle, welchen eine solche Versicherung bei einem unglücklichen Ereigniß bietet, ungemeingering. Wmn man bedenkt, daß Jemand, welcher keiner besonders gefährlichen Berufsart obliegt, für circa 50 JL Jahresbeitrag seinen Angehörigen im Todesfälle eine Summe von 30,000 JL und im Jnvaliditätsfalle sich selbst eine Rente von ca. 2000 JL jährlich ver­schaffen kann, so wird man zugeben müssen, daß die jährliche geringe Ausgabe dem gebotenen Vortheile gegenüber kaum in die Wagschale fällt.

Dem Einwande, man setze sich keiner Unfallgefahr aus, man reife nicht, habe keinen gefährlichen Beruf u. f. w., ist leicht zu begegnen. Wir haben noch selten Jemand getroffen, der nicht schon einen größeren oder kleineren Unfall erlitten hätte und wir haben beinahe noch nie ein Zeitungsblatt in die Hand genommen, in welchem nicht über irgend ein derartiges Vorkommniß berichtet wurde. Die Unfallgefahr um­schwebt jeden Menschen zu jeder Stunde und an jedem Orte und sie ist meistens da, wo man sie am wenigsten vermuthet.

Jedenfalls ist sie bei Weitern größer wie die Feuersgefahr, die bei tfolirt stehenden Häusern gewiß unbedeutend ist. Man deckt sich aber gegen die pekuniären Schäden der letzteren mit Vorliebe, die nachtheiligen pekuniären Folgen eines Unfalls, welcher der eigenen Person zustößt, läßt man jedoch ganz unbeachtet und besinnt sich er ft, daß hierzu die Möglichkeit Vorhand n gewesen wäre, wenn es zu spät ist.

Die entsetzliche Katastrophe von Freiburg hat uns veranlaßt, die Unfallversicherung einmal in weiteren Kreisen öffentlich zur Sprache zu bringen und hoffen wir hierdurch dazu beizutragen, eine segensreiche Einrichtung populärer zu machen, so daß aus dem traurigen Ereigniß, welches so viele unglücklichen Folgen gehabt, auch der Menschheit Gutes und Nützliches erwachsen möge.

L o k a l e

Gießen, 4. November. (Sitzung der Stadtverordneten vom 2. November.) An­wesend Herr Bürgermeister Bramm, Herren Beigeordneten Keller und Heß, von Seiten der Stadtverordneten die Herren: Bai st, Diery, Gail, Han st ein. Hoch, Homberger, Kauf, Lüdeking, Adolf Noll, Aug. Noll, Pfannmüller. Scheel, Schopbach und Vogt. Ein Gesuch des Herrn Seuling u. A- um Ausbau der Steinstraße wird mit Hinweis auf die Bestimmungen der Bauordnung, nach welcher über die Hälfte der Straße erst bebaut sein muß, abgelehnt, desgl- ein in der Hauptsache auf den Ausbau der Schottstraße hinzielendes Gesuch. Bezüglich des Ausbaues der Bleichstraße wird mitgetbeilt, daß Herr Huhn auf die Offerte der Stadtoerordneten-Dersammlung vom 19. Oktober, nach welcher demselben für den Wegfall der Seilerbahn 500 Ji. Entschädigung werden sollen, eingegangen ist. Dem Gesuche des Herrn Ehr. Rübsamen um Ermäßigung des Pachtgeldes für das an der Badeanstalt befindliche Gelände wird nicht entsprochen. Auf desfallsiges Gesuch

werden dem Herrn Carl Euler 8 Meter Gelände oberhalb der Franz'schen Bade­anstalt pachtweise überlassen. Betreffs der Erwerbung von Straßengelände vor dem Hause des Herrn Schuhmacher Walther in der Wetzsteingasse wird beschloss.n, für das 1,72 lUKlafter große Plätzchen 200 JL. zu bieten und im Falle der Nichtannshrne dieser Offerte die anfänglich nachgesuchte Erlaubniß zur Einfriedigung gen. Plätzchens zu ertheilen. Das Statut für den Betrieb und die Benutzung des zu erbauenden Schlachthauses wird genehmigt. Zudem Gesuche des Herrn A. K. Worms um Erlaubniß zur Vornahme von Bauveränderungen an seinem Hause wird sich, mit Bezugnahme auf die Bauordnung, nach welcher sich diese Veränderung als em Umbau quültficirf, sowie auf die Bescheide Großh. Ministeriums, Großh. Kreisbauamts und Großh. Polizeiamts grgen Genehmigung ausgesprochen. Dem Anträge des Schul­vorstandes, mit Rücksicht auf die große Zahl der die Stadtknabenschule besuchenden Kinder eine neue Schulverwalterstelle zu errichten, wird beigetreten. Ein Gesuch des Herrn Apotheker Dr. Hempel, dahin gehend, der vor seinem Hause befindlichen Laterne die Eigenschaft als Richtungslaterne zu geben, wird abgelehnt. Zugleich wird beschlossen, die am Gail'schen Sp itzenhause befindliche Laterne als Richtungslaterne zu bezeichnen, sowie auf der Hammstraße 3 Laternen unter denselben Bedingungen aufzustellen wie dies am Schiffenbergerweg geschieht. Dem Verein zur Förderung der Sonntagsfeier wird auf fein Gesuch der Saal des alten Rathhauses zur Abhaltung desFeierabends für Lehrlinge" unentgeltlich überlassen. Die Anschaffung des diesjährigen Buchein­bedarfs für die Stadtwaldungen wird nach den Vorschlägen Großh. Obersörsteret Gießen genehmigt.~

Vermischte-.

Aus b er Schweiz, 1. November. Die Stürme und Regengüsse, welche Tirol und Frankreich heimsuchten, sind in der Schweiz nicht spurlos vorübergegangen. Der heftige Sturm, welcher am 27. und 28. v. M. die Nordschweiz durchtobte, scheint im Berner Oberland, tm Grindelwald und Lauterbrunnerthal am heftigsten gewüthet zu haben. Die Gemeinden Grindelwald, Burglauenen, Jtramen, Himmelwald und Mürren haben von dem Föhn, der aus den Gletscherpässen, aus den Lücken zwischen Wetterhorn, Eiger, Mönch und Jungfrau hervorbrach, furchtbar gelitten. Viele Jucharten Wald wurden gebrochen, zahllose Bäume entwurzelt und zersplittert, Hunderte von Scheunen in den Thälern abgedeckt, halb oder ganz fortgetragen. Dreißig bis vierzig Häuser sind adgedcckt, zehn vollständig zertrümmert worden, darunter die Schulhäuser in Jtramen. Mauerstücke tm Gewichte von mehreren Centnern wurden 2000 Schritt weit fortgetragen. Wie man den »Basl. Nachr." aus Interlaken schreibt, wurde der obere Stock eines Wohnhauses mitsammt dem Dache in die Höhe gehoben; in einem Hohnzimmer hingen an einer Wand Kleider, der Wind riß dieselben durch die aus der Hebung entstandene weite Fuge und setzte darauf die ganze Last wieder auf die in der Oeffnung wirbelnden Kleidungsstücke. Alles war das Werk eines Augenblickes. Einer an der Straße stehenden großen Scheune wußte der Wind nichts weiter anzu­haben, als dieselbe etwa in der Mitte der Höhe um nahezu einen Fuß aus den Fugen zu drehen Der gedrehte Theil wird annähernd 100 Centner wiegen! Wie tm Grindelwaldthal so raste der Föhn, über die Wengeralp kommend, auch tm Lauter- brunnerthal. In Grindelwald und Mürren wurden viele Häuser abgedeckt ober wie Kartenhäuser zusammengestürzt. Auch im Haslithal richtete der Föhn Verheerungen an, glücklicherweise feine so bebrütende wie in den anderen Thälern Dem Föhn folgte strömender Regen, der alles Heu verdarb, welches der Wind blosgelegt hatte. Die Noth unter den Bauern ist groß und die Regierung hat sogleich einen Commissär mit Unterstützungen an die Unglücksstatte abgesandt. In den Morgenstunden des 28. raste ein gefährlicher Föhnstur m auf dem Luganosee, viele Boote aufs Land schleudernd und zerstörerid. Regengüsse ließen gleichzeitig den See über seine Ufer treten und den unteren Theil von Lugano unter Wasser setzen. Ueberschwemmungsberichte kommen auch aus der Waadt, wo die Broye, die Glane und der Grand Foss4 ausgetreten sind und große Verheerungen angerichtet haben. Das Unheil, welches in dtesem Jahre die Bauern getroffen, scheint immer noch nicht fein Ende gefunden zu haben.

Lon don, 28. Oktober. Der Locomotivführer Sieg, der durch feine Geistes­gegenwart auf der Pennsylvanischen Eisenbahn 600 Passagieren das Leben gerettet ist. wie ein Newyorker Telegramm meldet, nach entsetzlichen Leiden seinen Verletzungen erlegen.

Verzeichnis

der Mittel-reise der gewöhnlichsten Verbrauchsgegenstände in der Stadt Gießen vom Monat Oktober 1882.

Je 50 Kilogramm kosten:

75

50

60

12

e

24

23

s

25

24

85

&

Z

10,22

3'50

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12I50

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Je V2 Kilogramm kostet:

't H

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62 19

64 25

54

20 28-

90

70

1 30

9

21

72

611

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Zur geft. Beachtung

Schriftliche Anfragen wegen Auskunftsertheilung über Inserate rc. können wir nur dann beantworten, wenn denselben eine Freimarke für die Rückantwort beigelegt ist. lieber Inserate bezüglich deren Offerten einzureichen sind, ist die Exp bition zu keinerlei Ausknnftsertheilungen befugt. Offertenbriefe find soweit keine bestimmten gegentheiligen Abmachungen getroffen wurden in der Expedition abzuholen.