Nr. Ql Zweites Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)
17./18. April MZ
Aus der Stadt Gießen.
Für das Deutsche JRote Kreuz
Am Sonntag findet die erste diesjährige Haussammlung für das Deutsche Rote Kreuz statt. Es bedarf nur dieser Erinnerung, damit das deutsche Volk Ln freiwilligem Einsatz die Spendenlisten füllt und dafür sorgt, daß, wie bei allen bisherigen Sammlungen das Ergebnis des vergangenen Jahres wett übertroffen wird. Jeder Deutsche weiß, daß die Mittel, die aus diesem Wege zusammenkommen, vor allem für die kämpfenden Soldaten besttmmt sind. Sie werden benutzt, um den Apparat des Deutschen flöten Kreuzes, der der Versorgung und Betreuung 3er Verwundeten und Kranken gewidmet ist, in je- 3er Beziehung leistungsfähig zu gestalten. Wer also eine Spende am kommenden Sonntag reichlich ge- taltet, der erfüllt eine Pflicht der Dankbarkeit gegenüber den Männern, die nunmehr schon seit fast fler Jahren an allen Fronten Europas für die Freiheit und die glückliche Zukunft unseres Volkes kämpfen.
Kein Volk ist wie das deutsche mit seinen Soldaten verwachsen. Jeder Deutsche ist stolz auf die Männer in der grauen und blauen Uniform. Es sind unfere Söhne und Brüder, und wir weilen mit un- eren Gedanken täglich und stündlich bei ihnen. Daher ist es auch kein Zufall, daß die Gebefreudigkeit Des ganzen Volkes durch die schlechten Nachrichten, 3ie wir im vergangenen Winter erhielten, nicht ;twa gelähmt und eingeschränkt worden war, sondern stark anwuchs. Das deutsche Volk ist bereit, mit 2llem, was es hat, für seine Soldaten einzutreten. Lei den Sammlungen für das Deutsche Rote Kreuz aber wird durch den unmittelbaren Verwendungs- xweck diese Zusammengehörigkeit mit der fämpfen- 5en Front besonders sinnfällig.
Wenn wir morgen unsere Beiträge in die Sammellisten eintragen, dann denken wir aber nicht nur an die Männer, für die die Spenden in erster Lilie bestimmt sind, sondern auch an die Schwestern und Aerzte des Roten Kreuzes, die in entsagungs- .aoller Arbeit eine schwere Aufgabe zu bewältigen haben. Dies gilt nicht nur für diejenigen Schwestern und Aerzte, die in den Seuchenlazaretten oder rn bombengefährdeten Gebieten ihren Dienst tun, andern das gilt auch für die Taufende und aber laufende unbekannter Rote-Kreuz-Schwestern und Aerzte, die täglich auf der Wacht stehen und von >eren hilfsbereiter Arbeit das Schicksal unserer Ver- > wundeten ab hängt.
Sie alle haben Anspruch auf unseren Dank, und wir können diesen nicht besser abstatten, als daß wir iem Roten Kreuz in noch reichlicherem Maße als nsher die Mittel zur Verfügung stellen, die es zur Erfüllung feiner großen Aufgaben braucht.
Reine Aenderung für den Karfreiiaq.
Soweit der Karfreitag als gesetzlicher Feiertag lingeführt ist, tritt in diesem Jahr keine Aende- inng ein.
Handels- und Gewerbebank Gießen.
Die Bank hielt am gestrigen Freitagabend unter Leitung ihres Auffichtsratsvorsitzenden, Amtsge- lichtsrat Gros, ihre 84. ordentliche Generalver- jammlung ab. Der Vorsitzende hob die günstige Entwicklung der Bank hervor und dankte dem Vorstand md der Gefolgschast für ihre erfolgreiche Arbeit.
Direktor Arnold erstattete den Geschäftsbericht. Der Abschluß, der im Zeichen zunehmender Geld- ülle stand, wurde von uns bei Erscheinen des gedruckten Geschäftsberichtes bereits besprochen (vgl. gieß. Anz. Rr. 78 vom 2. April). Wir wiederholen 'aher heute nur einige Ziffern: ^llan^summe RM. ' 281619, Umsatz aus einer Seite RM. 94 416 369, 648 Mitglieder mit RM. 533 714 Geschäftsguthaien, Gesetzliche Rücklage RM. 240 000, Reingewinn 3M. 41206. Jahresrechnung und Bilanz wurden genehmigt-, es werden 5 o. H. Dividende an dre Gegossen verteilt. „ cr.,. ,
Die ausscheidenden Mitglieder des Aufstchtsrates, Fabrikant Carl Müller, Architekt Ernst Schmidt, Metzgermeister Louis V o g t und Ober- pMendirettor Dr. Wolkewitz wurden wwder- lewählt.
Vorzügliche Zuchttiere in Gießen.
Der Reichsverb-md der Rinderzüchter Deutsch- Itinds, Abteilung 5 deutsches Rotvieh, oeranstal- G rtte am gestrigen Freitag in Gießen die 6. Haupt- K chsatzveranstaltung, zu der die einzelnen Unterab- A vilungen beste Datertiere zum Zwecke des -vmr- H custausches aufgetrieben hatten. Insgesamt wurden W tei dem vorzüglichen Material 4 Bullen der Wert- W lasse I, 10 Bullen der Wertmasse II und 2 Bullen ler Wertklasse III zugeteilt. Unter Leitung des ^bteilungsvorsitzenden Brand, Strothe, und de
I auptgeschäftsführers, Landwirtschaftsrat Dr. £ o r- I? t ede, Biedenkopf, nahm die Veranstaltung einen ivtten Verlauf. Sämtliche gekörten Bullen weA ß Viten ihren Besitzer und wurden vorwiegend durch \ ^uchtverbände und Zuchtgemeinden angekauft; u.a. Längen Bullen nach Schlesien, in tue Distnktsbe- jrfe Krakau und Warschau, sowie nach West- lilen und Kurhessen.
h Zu gleicher Zeit fand eine Abnahme von Zuch - K lullen für die Ostgebiete statt, bet der 35 Bullen I lerkauft wurden.
Gießener IBodienmflrft greife
Gießen, 17. April. Auf dem heuttgen Wochen- tiartt kosteten: Markenbutter, XU kg 1,80 JLDL, Ratte 30 Rpf., Käse, das Stück 8, Kartoffeln 5 kg <5, gelbe Rüben, xk. kg 15, rote Rüben 12, Spinat 19 bis 22, Meerrettich 80, Schwarzwurzeln 36, Rhabarber 55, Aepfel 40, Feldsalat /io 10, Lauch, las Stück 5 bis 15, Blumenkohl 61, Oberkohlrabi ‘5, Unterkohlrabi 8 Rpf.
Verdunkelungszeit:
17. April von 21.22 bis 5.50 Uhr.
18. April von 21.24 bis 5.48 Uhr.
** Ein Aufruf an die Bevölkerun g zur Bereitstellung von möblierten Zimmern für : & - I -erende im Sommersemester 1943 wird jn unserem ' Mutigen Anzeigenteil vom Rektor der Umversitat
Kreisletter und dem Oberbürgermeister ver- ! lfffontlicht. Auf den Aufruf sei besonders hmge- g diesen.
Amtsgericht Gießen.
l , Die M. ®. in Rennerod (W-sterw-ld) hotte .m f ! ebruar einer Hausgehilfin in Gießen Hwei Rmg
'm Gesamtwert oon 50 RM. gestohlen. Da die An Klagte wegen einer anderen Sache D°m !»,cht Gießen bereits zu sechs Monoten Gesang.- k --rurt-ilt worden war, erhielt sie letzt unter Em ; Ahnung der früheren Strafe msgefarnt neun
Monate Gefängnis.
„So lebte her Vursch in Gießen ganz wohl."
Erinnerungen aus zwei Jahrhunderten der Universität Gießen.
Pforten von den Studenten eingesammelt." Wenn das am grünen Holz geschieht ... Und nach dieser Finanzierung hat man vorn 17. bis 21. Oktober feuchtfröhlich die Hundertjahrfeier begangen.
Die Universttät unserer Zett ist eine Stätte der ernsten und angestrengtesten Arbeit. Die besonders im Kriege nicht allzu häufige Freizett wird zu gehaltvollen, kulturell hochstehenden Unterhaltungen und zu sportticher Ertüchtigung genutzt. Daß es an unserer Universität Gießen viele Jahre lang ober auch ganz anders zuging, lernt man erkennen, wenn man einen Blick in die Geschichte der Universität in der Zett von 1650 bis etwa um 1800 tut. Ein Geschichtsschreiber der Universität kennzeichnet jene Zeit mit den Worten: „So lebte der Bursch in Gießen ganz wohl; nur mit den Bürgern war kein Auskommen ..." Wandern wir nun im Geiste durch jene Jahrzehnte.
Mit dem Arbeitseifer scheint es damals nicht nur bei den Studenten, sondern auch bei Professoren wohl nicht allzuweit her gewesen zu sein. Zuerst 1617, dann wiederholt und u. a. im Oktober 1651 ermähnt Landgraf Georg die Professoren, „fleißiger zu lesen und gewissenhaft Disputationen zu halten"; 1659 gibt es erneut einen scharfen landgräflichen Tadel des „Unfleißes der Professoren"; im September 1770 erfolgt sogar die „Einsetzung eines besonderen inspector academicus, der über Fleiß der Lehrenden und Lernenden halbjährlich nach Darmstadt zu berichten und vor allem zu vermerken hat, ob die Professoren die Kollegien fleißig und ohne Aussetzung gelesen haben"; im April 1777 wird den Hörern, die das Honorar für die Vorlesungen binnen vier Wochen zu bezahlen haben, das Recht zuerkannt, „sich bei der Hoiwrarkommission zu be- sHweren, wenn der Dozent zu oft aussetzt, die Stunden zu kurz hält, zu viel diktiert, den Stoss zu ausführlich ober zu kurz behandelt und bas Kolleg nicht zu Ende bringt".
*
Die Studenten werden in puncto Arbeitseifer mit ihren Professoren aber durchaus einverstanden gewesen sein. Denn offensichtlich haben sie sich für die Freuden ihres Lebens, vor allem für gutes und reichliches Essen und Trinken mehr interessiert als für die Arbeit. So ist es nicht verwunderlich, daß 1656 ein „Verbot üppiger Prvmotions- schmäuse ohne fürstlichen Spezialdispens ergeht", 1661 erneut gefordert wird, den „Aufwand bei Promotionen, besonders bei den Mahlzeiten, zu beschränken", und 1665 wird das „Verbot der Acceß- jchmäuse und übler Behandlung der Kommilitonen" erneuert, einige Jahrzehnte später noch einmal wiederholt. Die Schattensetten jener genußfreudigen Lebensführung werden dadurch erkennbar, daß im Jahre 1660 „das Nachtfchießen in der Festung Gießen für ein Kapitalverbrechen erklärt wird und die betreffertben Prozesse der akademischen Gerichtsbarkeit entzogen werden", im Dezember 1671 ein Edikt der Universität „gegen Vermummungen (Teufels- laroen) und nächtliche Tumulte" ergeht, das Jahr 1693 im August wiederum ein „energisches Verbot des üppigen Lebens der Studenten (Saufen, Vermummen, Balgen, Tumultuieren)" bringt und zugleich bestimmt wird, daß „gegen Ruhestörer häufiger oon der Relegation Gebrauch gemacht werden soll". Alle diese Aufforderungen haben aber offensichtlich nicht viel genützt. Daher wird im Jahre 1718 betont: „Martinsschmäuse und Neujahrsschmäuse sind und bleiben verboten." Das Jahr 1724 bringt wiederum ein Gebot zu einfacherem Leben; diesmal handelt es sich um eine „Vereinfachung des Rektor- fchmouses", der abends um 10 Uhr zu Ende fein und (nur!) „sieben bis acht Gänge und Nachtisch umfassen soll" (trotz der Vereinfachung hat man also nicht zu hungern brauchen); erst 1732 wird bestimmt, daß „der Schmaus ganz abgeschafft werden soll". Immerhin scheint noch mancherlei in dieser Hinsicht übriggeblieben zu sein, denn im Dezember 1741 wird betont, „die Begrüßung des neuen Rektors oder neu ernannter Professoren seitens der Studenten durch eine Nachtmusik ist wegen der dem Gefeierten durch das darauffolgende Traktament erwachsenen Kosten zu unterlassen". Um die trunk- frohen Studiker zu schrecken, wird 1770 die „Abschaffung der Tranksteuerfreiheit der Studenten" an- geordnet, ein Jahr später, nämlich 1771, ergeht ein „Verbot aller aus Kosten des fisci academici gehenden Schmausereien".
Neben dem guten und reichlichen Essen und Trinken hat man damals bei den Studenten ober auch noch allerlei andere Kurzweil geschätzt. So wird aus dem Jahre 1668 von einer „Sing- und Dichterordnung" berichtet, die an der Universität „festgestellt" worden ist. Im Februar 1716 sieht man sich genötigt, ein „Verbot des unerlaubten Jagens der Studenten in fürstlichen Waldungen" zu erlassen, womit klargestellt ist, daß auch zu jener Zett schon die „^napperei" am Wildbestand nicht unbekannt war. 1726 wird durch manches Wintervergnügen ein dicker Strich gemacht, denn es ergeht ein „Erlaß gegen Schlittenfahren in Masken". Auch dem Spielteufel waren offenbar manche Studiker allzu stark verfallen, denn 1734 im Februar fiefjt man sich genötigt, ein „Verbot des Hazardierens unter den Studenten" auszusprechen. Man konnte, wenn man wollte, aber auch recht artig sein; dafür spricht eine Mitteilung aus dem Mai 1771, nach der die Studenten „Wieland, der bei Baumer übernachtete, eine angenehme Nachtmusik" brachten. Weniger angenehm haben sie sich aber offenbar gegenüber den Reisenden jener Zeit gezeigt, denn im September 1773 ergeht ein „Verbot des Anrufens des in der Nacht ankommenden Postwagens durch die Studenten". Offenbar hat man an den bekannten langen Pfeifen der Studenten ebenfalls mancherlei zu beanstanden gesunden, am 3. Juni 1775 ergeht nämlich für die Studenten ein „Verbot des Tabakrauchens auf den Straßen" Außerdem wird ihnen im September 1778 „das Halten von Hunden nur auf schriftliches Ersuchen mit Erlaubnis des Senats gestattet". Und schließlich ergeht 1791 eine „Warnung an die Studenten, Gänse zu stehlen".
♦
Daß mit den Studenten jener Zeit oft nicht gut Kirschen essen war und sie auch untereinander sich häufig in die Haare gerieten wird durch zahlreiche Maßnahmen bekundet. So bringt der November 1657 eine „landgräfliche Verordnung gegen Tumult und Nauf en der Studenten, wobei einer (am 12. November) ums Leben gekommen ist" Diese Verordnung muß schon im Juni 1658 wegen eines erneuten blutigen Tumults wiederholt werden. Im August 1668 richtet sich wiederum eine „landgräfliche Verordnung gegen das nächttiche Tumultuieren und Kreischen auf den Gassen". Don 1660 ab werden alle paar
Jahre Duellverbote erlassen, „insbesondere Verbot der Stoßdegen". Im Oktober 1712 erläßt man eine „Ordnung für Kaffee-, Wirts- und Weinhäuser, deren Besuch den Studenten sonntags gar nicht, sonnabends bis 2 Uhr, an den anderen Tagen bis 9 Uhr vormittags gestattet ist"; dadurch hofft man, mancherlei Reibungen zwischen Studenten und Bürgern vermeiden zu können. Im Mai 1723 wird befohlen, „alle Häuser, in denen Studenten wohnen, um 10 Uhr zu schließen"; ferner wird 1723 den Studenten das „Duellieren auf den Zimmern untersagt", und schließlich erfolgt 1761 ein „Verbot des Degentragens der Studenten" Die überschäumende Kraft der jungen Männer muß sich also schon recht unliebsam bemerkbar gemacht haben, denn anders sind derartige Anordnungen wohl nicht zu erklären.
*
Das „Pumpen" ist den Studenten jener Zeit auch nicht unbekannt gewesen, übrigens kein Wunder bei ihrem flotten Leben, für das wohl mancher väterliche Geldbeutel allzusehr strapaziert wurde. Aus der anderen Seite scheint man ihnen das „Pumpen" aber auch allzuleicht gemacht zu haben, so daß im Juli 1669 ein „Verbot des mißbräuchlichen Kreditgebens der Krämer, Apotheker, Weinwirte usw. an Studenten" ergeht. Dennoch muß der Pump weiterhin üppig geblüht haben, denn im Oktober 1701 wird bestimmt: ,Kein Student soll von der Universität abgehen, ohne seine Schulden bezahlt oder wenigstens deren Bezahlung in die Wege geleitet zu haben." Diese Bestimmung ist in den folgenden Jahrzehnten noch oft wiederhott und im März 1771 durch den Zusatz erweitert worden, „daß Schulden bei Wirtsleuten und Tischherren halbjährlich einzutreiben sind". Uebrigens- hat die Universität sellrst vor ihrer Hundertjahrfeier im Oktober 1707 den Studenten gezeigt, wie man „auf Pump" feiern kann, denn in jenem Jahre „werden 2000 Toler zur Bestreitung der Kosten des Universitcttsjubi- läums von Privaten gegen Zinsen auf genommen, da der Fiskus von Geldmitteln ganz entblößt ist. Ebenso werden 42 Taler zur Erbauung der Ehren-
Originell ist ferner eine im Jahre 1725 erhobene „Beschwerde der Universität wegen zu großer Zahl der Professoren, so daß die Senatstafel hat verlängert werden müssen . Ein interessantes Zeichen der Zeit ist weiterhin eine Notiz aus dem Mai 1730, in der es heißt: „Der Landgraf verweigert ebenso wie vorher die medizinische Fakultät einem Scharf- richterssohn, trotzdem er seine Examina bestanden und seine Dissertation hat drucken lassen, die Promotion zum Dr. med." Die allgemeine Verachtung des Scharfrichters, den man zwar brauchte, ihn im übrigen aber wie einen Aussätzigen mied, wird hier sogar noch auf den Sohn ausgedehnt. Ein anderes, geradezu klassisches Dokument für das Kastenwesen jener Zeit ist die Anordnung vom 12. September 1774, in der bestimmt wird: „Bürgers- und Bauernsöhnen ist das Studieren untersagt, falls sie nicht eine besondere Erlaubnis dazu erhalten." Diese Anordnung, in den Jahren 1790, 1806, 1812 und 1818 erneuert, wird erst am 14. Juni 1819 aufgehoben.
*
Bei dieser Rückschau haben wir ein interessantes Kulturbild der Alt-Gießener Zeit tennengelernt Vieles davon ist uns Heutigen schwer faßbar, aber unsere Vorfahren nahmen alle diese Erscheinungen und Gewohnheiten als ein selbstverständliches Stuck ihres Lebens hin. Der Professor und der Student unserer Zeit sind grundverschieden von denen jener Frühzeit unserer Universttät. Damals war das akademische Leben für viele zugleich der Inbegriff der satten Behaglichkeit und des möglichst wettgefaßten Lebensgenusses. Heute ist es für Professoren und Studenten ein Leben der Arbeit, des stärksten Einsatzes ihrer Wissenschaft für Volk und Vaterland, der freudigen Unterordnung des einzelnen und aller unter die Gebote der Gemeinschaft und des Gemeinnutzes, kurzum ein Spiegelbild unserer pflichtenschweren Zett im Dienste einer großen Mission zur Neuordnung einer ganzen Welt Dennoch ist ein solcher Rückblick, wie wir ihn hier auf ein Stück Alt-Gießen getan haben, von besonderem Reiz, zugleich auch eine Vertiefung unserer heimatgeschichtlichen Kenntnisse. B.
Theater der Universitätsstadt Gießen.
Ambroise Thomas: „Mignon".
Die Oper „Mignon" hat seinerzeit den Ruhm ihres Schöpfers Ambroise Thomas begründet. Als der Dreiundachtzigjährige die tausendste Ausführung dieses Werkes feiern konnte, war er m Paris der Mittelpunkt höchster Ehrungen. Auch auf der deutschen Bühne hat sich die Oper ihr Heimatsrecht erworben. Zwar entstamm der Stoff Goethes Bil- bungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre", aber die Verfasser des Textbuches haben gemäß ihrer rafsifcken und nationalen Veranlagung über das Problematische des Vorbildes hinweggesehen und eine Handlung herausgezogen, die ihnen Bühnenwirksamkeit versprach und damit ihre beabsichtigten Zwecke zu erfüüen vermochte. Was so entstand, zeigt an sich nur noch wenig innerliche Bindung zum Werk des großen Weimaraners, aber es ist gelungen, die Handlung so aufzubauen, daß sie den Anforderungen des Theaters entspricht und in dem musikalischen Gewände, das ihr Thomas gab, auch heute noch ihre Hörer zu gewinnen vermag.
Aeußerlich wahrt Thomas die ttadttionelle Opernform, aber er hütet sich vor der in der französischen Oper zuweilen anzutreffenden Konventionalität. Fast jede der Hauptpersonen spricht bei ihm eine eigene, individuell ausgeprägte Sprache, und selbst da, wo etwa im Ensemble ein Thema verschiedentlich übernommen wird, wandelt es sich persönlich ab, wie etwa in dem Terzett des zweiten Aktes; denn Thomas ist ein geistreicher Musiker, der es versteht, in feiner, geschliffener Form zu konversieren; feine Erfindung fließt reich und vielfältig, leicht und flüssig. Er hält sich frei von formelhaften Gemeinplätzen und läßt die einzelnen Personen je nach ihrem Charakter und ihren inneren Werten im wechselnd flutenden musikalischen Lichte erscheinen. So erweisen sich fejine Ensemblesätze als besonders anziehend durch die persönlich geprägte Durchbildung. Die instrumentale Farbe nützt er geschickt aus, um die einzelnen Werte in ihrer Geltung zu Unterstteichen.
*
Die Inszenierung durch Max Schwarze wurde zu einer Neugestaltung oon innen heraus; ja, man mochte annehmen, daß er in manchen Punkten sich direkt wieder oon dem Goetheschen Vorbild anregen und leiten ließ und ihm damit manches Moment roiebergemann und unferm deutschen Fühlen näherbrachte. Dadurch wurden die (9 eftalten über das Figurenmäßige hinaus zu persönlichem Akzent geführt und die inneren Vorgänge in ihrer Entwicklung und Entfaltung durch Geste, Gebärde und Umsetzung in die Bewegung verdeutlicht. Das bestätigte sich schon bei dem Einzug der Zigeuner des ersten Blldes mit seiner natürlichen Bewegtheit, frei von dem üblichen Gestelltsein; das zeigte die Titania-Arie im Spiegel der Elfenschar; das ließ aber aufs stärkste die Szene im Boudoir der Baronin sehen, wie Philine' mit jeder Miene, iedem Schritt, jeder Körperdrehung den Wilhelm Meister zu bestricken versucht.
Die Titelpartie verlettet oft dazu, bei dieser nicht leicht auf eine Formel zu bringenden Gestalt durch artistisches Können zu ersetzen, was an innerem Erfassen ab geht. Valeska Lange ließ inneres Erfühlen kundwerden in unmittelbarer Natürlichkeit der Empfindungen als ein vom Schicksal hart mitgenommenes Menschenkind. In jeder Seelenlage war sie echt und intuitiv im Erfassen, von einer den Hörer stark beeindruckenden Herzlichkeit. Traumverloren in der Romanze, von einer sarnmetweichen Mezza voce, von Bild zu Bild wachsend und sttmm- liche Höhepunkte gewinnend, mit weit aushol enden Tonen in der Verzweiflungs- und Erkennungsszene. Der stärkste Eindruck, den mir bis jetzt oon Valeska Lange hatten, und der auch zweifellos bestimmend wurde für den durchschlagenden Erfolg der Oper.
Die Philine von Lisel Schroter-Beckers wurde durch die Darstellung zur stärksten Konttast- fiqur Mignons. Das Kokette, Leichtferttge, aber auch Prickelnde fand durch sie letzte Formung im Lichte eines äußerst gepflegten Koloraturgesanges, in peinlicher Artikuliertbeit und hoher Ergiebigkett des Klanges an den Grenzen des Stimmumfanges. Der Lothario oon Ludwig Drusch el ließ das. schmerzzerfurchte Innere kund werden in ausgeprägten Tönen voll Innerlichkeit und Wärme. Adolf Rich
ters Mlhelm Meister war nachgiebig im lyrischen Eingehen zumal auf die Erfordernisse im Ensemble. Als ßaertes wußte Kurt Bosny sich frei von den üblichen Uebertreibungen zu halten und dennoch der Gestalt eigene treffende Züge zu geben. Als Führer der Zigeuner war Bernhard Schmitz ebenso am Platze wie Heinz Schommer als Friedrich.
Die vielen musikalischen Schönheiten wurden im Orchester lebendig durch Otto S o l l n e r mit feinem Nachgeben und Abtönen und im Herauswachsen des rhythmischen Impulses. Besonders die Ensembles waren ausgeglichen, und das Orchester gab in seinen Einzelstimmen Bestes. Die Chöre (Carl Willy Hahn) unterstrichen die Stimmung der Szene, und die Bühnenbilder Karl Löfflers bezeugten Mit- gehen mit dem Willen der Spielleitung. Der Beifall, mehrfach auf offener Szene, war überaus stark und herzlich. Dr. Hermann Hering.
G. A-Sport.
Dom Fußball.
Nachdem die Gruppensieger im Sportgau Hessen- Nassau feststehen, beginnen am nächsten Sonntag die Aufstiegspiele zur Gauklasse. Erfreulich ist, daß in der Gruppe Wetterau-Nord eine Gießener Mannschaft die Berechtigung erworben hat, an diesen Spielen teilzunehmen. Der Luftwaffensportverein bestreitet am Sonntag sein erstes Aufstiegspiel gegen Viktoria-Eckenheim. Die Mannschaft des Gegners des LSV. ist als gut zu bezeichnen. Das Spiel findet voraussichtlich auf' dem Platz des VfB.-R. statt.
Gau-WaldlaufmeisterschasteninGießen
Der kommende Sonntag steht im Zeichen reicher sportlicher Veranstaltungen. Nach den Kreis-Wald- laufmeisterschaften am 11. April stehen nunmehr die Gau-Waldlaufmeisterschaften bevor. Mit der Durchführung wurde der Luftwaffenfportverein Gießen beauftragt
Mit den Gaumeisterschaften in den Klassen des NSRL. werden die Gebietsmeisterschaften der Hit» ler-Jugend verbunden.
Die Meisterklasse läuft über 5000 Meter, die Alte» Herren-Klasse, die in drei Llllersklassen ein geteilt ist, etwa 2500 Meter. Die Hitler-Jugend hat drei Klassen festgelegt, und zwar für die HJ.-Klasse A eine Strecke von 3000 Meter, für HJ.-Klasse B 2000 Meter und für DJ.-Klasse A 1000 Meter.
— Oder Papier in den Müllkasten? Dies bedeutet Verlust von wertvollen und kriegswichtigen Rohstoffen! Gib Altpapier, Zeitungen, Zeitschriften, alte Bücher und Archivmaterial zur
ALTPAPIERSAMMLUNG 1943
VOM 4.-24. APRIL
MflOFF
MHÄ
Aus Altpapier wird Neupapier


