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Nr. M Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 16. August 1920

Die Wirticbüftstrik unö ihre Ursachen.! 'Haltung übertriebener Preise nackgcwre-'en wer- 1 b?n. Nur vereinzelt sind aus den Streifen der Arbeitnehmer derartige Vermuttmgen ausge­sprochen morden, für die ein ausreichendes Beweis- material aber n;d>t zur Verfügung stand. Es bandelt sich vielmehr am' beiden Seiten, auf feiten ber Käufer wie der Unternehmer, um zwangs-

Die Beratung des Wissellschen Antrags auf Ausbau und Durchführung einer produk liven Erwerbslosenfürsorge hat in dem ücp einigten Wirtschafts- und sozialpolitischen Ausschuß des R e i ch s w i r t s ch a f t s r a t s zu einer bemerkenswerten Aussprache über die erforderlichen Maßnahmen zu ihrer Behebung geführt.' Ten Verhandlungen lag ein von Ge­heimrat Dr. frerkncr erstatteter Bericht eines Unterausschusses zugrunde, der für die Beurteilung der verhängnisvollen Lage, die die gesamte Wirtschaft durch die fast völlige Absatzstockung der letzten Monate geraten ist, außerordentlich wertvolles Material enthält. Dabei wurde folgendes ausgeführt:

Tie schweren Gefahren, iveldx dem deutschen Wirtschaftsleben aus der sich auöbildenden Krise drohen, werden in weiten Kreisen noch unter­schätzt. Tie Statistik des Arbeitsmarktes zeigt nur für einzelne Gewerbe eine größere Zunahme der Arbeitslosigkeit. Tabei wird übersahen, daß teile rechtliche, teils faktische Verhältnisse Arbeiter cnt- laffungen erschweren und daß in großem Umfange bereits Einschränkungen der Arbeitszeit stattgefun­den haben. Außerdem sind zurzeit noch manche Gewerbe mit der Ausführung langfristiger vor Monaten ert.'ilter Austräge beschäftigt. Ta aber in den letzten Wochen keine neuen Aufträge erteilt rooeben sind, wird in absehbarer Zeit auch die Lage dieser Gewerbe sich bedrohlich gestalten. Alle diese beachtenswerten Umstände können in der Statistik des Arbeitsmarktes nicht genügend zum Ausdruck gebracht werden.

Deutschland ist ein Friedensvertrag aufge- zwungen worden, dessen Bestimmungen nidjt nur iebe5 Verständnis für die Lebensbeding'mgen der deutschen Volkswirtschaft vermissen lassen, sondern einander selbst widersprechen. Die Erfüllung der einen Bedingung macht die der anderen unmöglich. Ein noch nie dagewefener Steuerdruck ist notwendig geworden, ohne den öffentlichen Bedarf zu decken Der einzige Betrieb, der von Heiner Stillegung be­droht erscheint, ist der der Notenprcsie. Schwer lasten die Erhöhungen der Posteebühren und Eisen bahntarife aus dem Verkehr. Die Stützpunkte des deutschen Außenhandels in ben ehemals feind liehen Ländern sind zerstört worden. Der öffent­liche Kredit Deutschlands hat eine so empfindliche Erschütterung erfahren, daß die Verwandlung der schwebenden Schulden in konsolidierte in nennens­wertem Umfange noch nicht möglich geworden ist. Solange keine Don volkswirtschaftlicher Einsicht Getragene Revision der Friedensbedingungen er­folgt, wird die Krise für Deutschland gewisser­maßen der Normalzustand bleiben. Es besindet sich bestenfalls in einem labilen Gleichgewichtszustände. Es ist klar, daß auf einen derart geschwächten, tränten Wirtschaftskörper die internationale Krise, die besteht, ganz andere Wirkungen auSüben muß als auf Länder mit politisch und wirtschaftlich gesicherten Grundlagen. Vorübergehende Prospcri- lätsepochen einzelner Industrien, wie sie gerade durch die maßlose Inflation und den Tiefstand der deutichen Valuta hervor gerufen worden sind, dürsen über den Ernst der Lage nicht Hinwegtäuschen.

Fast ausnahmslos wird die Teuerung der Roh- und frilfsstoffe als Ausgangspunkt der Stö­rungen angesehen, während den Lohnerhöhungen em größerer Einfluß nur in vereinzelten Fällen «Krfarait worden ist. Jedenfalls besteht volle Uebaxinftimmung darin, daß an einen Abbau dec Löhne nicht eher gedacht werden darf, als auch die .Kosten der notwendigen Lebenshaltung ermäßigt worden sind. Die beispiellose, zum TeU auch durch Lchiebertum und illegitime Spekulation begründete Steigerung der Rohstosfpreife hat schließlich eine Preisgestaltung der Fertigsabrikate bewirkt, der die große Masse der Konsumenten trotz dringend­sten Bedarss nicht mehr gewachsen ist. Mochte hier und da auch die Auffassung vertreten werden, der sogenannte Käuferstreik sei willkürlich und mm Teil durch die Schuld von Regierung und Presse herbeigeführt nwrben, so steht doch die er- drüctende Mehrheit der Sachverständigen auf dem Standpunkte, daß es sich weit mehr um ein Nichtmehrkönnen als um ein Nichtmehrwollen der Käufer handelt. In weiten Kreisen ber Arbeiter schäft und vielleicht noch mehr in dem Mittel­stände hat die Einkommenserhöhung nicht entfernt mit der Geldentwertung Schritt gehalten. Immer größer ist der Bruchteil des Einkommens geworden, der für die dringendsten Lebensbedürfnisse veraus­gabt werden muß. Zudem müssen jetzt erhebliche Emkommensteile für Steuerzahlungen bereitgehal­len werden. Ebensowenig wie auf feiten ber Ver­braucher kann aber auch auf feiten ber Unternehmer im allgemeinen eine wirkliche Betriebseinfchcän- kung, eine sogenannte Unternehmersabotage, etwa cm Interesse bes Lohnabbaues oder der Aufrecht-

läultge Entwicklungen

Tie Schwierigkeiten wurzeln indes nicht allein in den zu hohen. Preisen der Rohstoffe, sondern auch in bereit sprunghaft'r Entwicklung, die viel- ad*. wieder mit dm wisichecen Verhältnissen ber tt'ft'ch " Valuta in engstem Zusamm-uhrug. st bt Scharfe Preis cigerung.'n au dem intern tional n Rohstviimarte und mit einer ergeb, ichm Ver ld k'dvierung ber deutschen Valuta zuiainmenge fallen, Preisermäßigungen mit deren Verbesserun­gen. Tic Fertigprodukte gelangen auf den Marke in einem Zeitpunkt, in welchem die Rohstoffpreise bereits im Niedergänge begrirren sind Tie Pro duzenten sind tetfiDci'e nicht geneigt, teilweise außerstande, sich mit Preisen der Fertigprodukte zu begnügen, welche den heutigen Rohstoffpreisen entsprechen wurden.

Ter Gedanke, bürd' Produkliouseinschränkun- gen schließlich doch noch den Verlauf ber Waren zu Preisen zu erzielen, welche den Einstandspreisen entspredreii, liegt nahe. Ein Arbeiten auf Lager wird überdies noch durch die phantastische Höhe der Selbstlostcn außerordentlich erschwert. Nicht allein, baß wegen ungenügenber Veli r rung mit Kohle vielfach nur die fralfte oder noch ein gc ring er er Bruchteil der Probnltionsanlage ausge­nutzt locrbcn kann und daher die Betriebs- und Gcneralunlvsten auf viel zu kleine Quantitäten fertiger Waren verteilt werden müssen, auch die übrigen Kosten sind derart gestiegen, baß eine Vor- va'sproduttion j.lbst nur ans wenige Monate hin­aus die Kapitalskraft, selbst der größten Firmen, überschreitet. Daher die überall ein treten be Er­höhung des Atticnka pftals und die überaus starke Inanspruchnahme des Bankkredits.

Ob die im Geschäft sieben herrschende Methode der Selbstkostenermittelnng durchaus gercchti.wligt ist, wird von sehr ftompeteuten Sach>oerständigen bezweifelt. Tie außevorixntlick-e Steigerung der Rohswssprcise führt, wenn die frülytren Verhält­nissen entsprechenden franbelszuschläge eingesetzt werden, unter Umständen zu PreissorLfenrngen, die mit den tatsächlichen Selbstkosten nicht mehr über­einstimmen. Es rechtfertige sich nickst, daß z. B. im Schnhwarenhandel rod) Aufschläge von 25 bis 33 Prozent unb mehr berechnet würden, nachdem die Erzeugerpreise eines Paares Herren stiefel von 7 bis 11 Mark auf 300 Mark unb mehr gestiegen niaren, zumal ein Teil oer Unkosten, wie Laoen- mieten, ja durch Staatseingriff künstlich nicdrig ge­leiten werden. Noch höher seien die Ausschläge im Möbelhandel, 50 °/0, unb im Deraillandel mit Textilartikeln. Terartige Kattulationsgepflogenhei ten müßten bei Waren, welche erst verschiedene Ofesckiäfte passieren, ehe |ic an den Verbraucher ge­langen, anaesich.s der hohen Rvhstofschreise zu über iricbenen Preisfvrdemngen und damit schließlich zur Unverkäuflichkeit der Waren fütyren.

Es darf freilich nick) außer acht gelassen wer­den, daß sich auch bas Risiko in unserem Geschästs- leben durch die jähen Preisumschläge auf der Wavenscite unb die ebenfalls sehr rasch ^vechselnben Beurteilung des Binnen- unb Auslands unseres Papiergeldes in bisher nicht erlebtem Grabe ver­schärft hat.

Tas ganze System der überlieferten Preise ist zusaminengebrochm, eine allgemeine Direktions- lo|igkeit ist die twtw.'nbige Folge. Es ist nicht so, daß etwa überall eine Preiserhöhung ftattfänbe, die einer bestimmten Geldwertverminberung ent­spräche. In einem Falle z. B. bei den Vergü­tungen für geistige Arbeiten, erreichen die Preissteigerungen kaum das Doppelte ber Vor­kriegszeit; im anderen Falle, bei den Landarbei­tern, kommen Erhöhungen auf bas 10- unb 12sache vor, während für die Materialpreife Er­höhungen auf bas 20- bis öOfache eingetreten find, soweit es sich um Valutarifik.'n im auswärtigen Verkehr hanb.'lt, ist mehrfach eine Einrichtung verlangt worben, welche, über Die bereits von der Reichsbank ausgeübte Tätigkeit hinausgehend, die Abwälzung des Valutenrisikos erleichtere. Mit ber Technik ber Deckungsmöglichkeiten, welche die Zeit­geschäfte bzw. ber Terminhandel in Devisen an die Hand gibt, sei die Gefchästswelt nicht genügend vertraut. Bei den gesunden Währungsverhältnifsen, welche sich vor dem Kriege fast überall eingebür­gert hatten, bestand ja in Deutschland auch nur in geringem Umfange die Notwendigkeit, sich gegen Valutarisiken einzubecken.

Weit verbreitet scheint die Auffassung zu sein, daß dieSpottgeburt" von Zwangswirtschaft und freier Wirtschaft, die zur Zeit besteht, zu unerträg­lichen Zuständen führt. Ob sich die künftige Ent­wicklung aber mehr in ber Richtung einer vollen Wiederherstellung der freien Märkte oder einer

allerdings nicht von burcaufratifcbem ober militäri­schem Geiste erfüllten Planwirtschaft vollziehen soll, darüber gehm die Meinungen stark ausein­ander. Viele Unternehmer befürworten eineWi.teer Herstellung b>3 freien Verkehrs in Uebereinstim mung mit den Weltmarktpreisen, die tatsächlich schon in großem Umfange sich vollzogen hat.

Der Förderung des Exportes wirb von Unternehmern wie Arbeitern in der Regel die größte Bedeutung zuerkannt. Mit der Perb sserung ber Valuta unb der internationalen Preissenkung auf den Warenmärkten haben sich wesentliche Er schwcrungcn des Exportgeschäft-' sühlvar gemacht Schon sind die Auslandspreise in mand;en Fäl | len nichtiger als die deutschen Erzeugerpreise Früher gerechtfertigt gewesene Maßregeln gegen den Ausrerkauf Teuttchlonds sind daher heute nicht mehr am Platze ober bedürfen mindestens einer gründlichen Rcvifion.

Aus den rorangegangenen Darlegungen geh. hervor, daß die wirksame B e k ä m ö f u n g der drohenden Betriebseinschränkung und Stillegung großenteils davon abhängt, ob cs unserer Wirt fchafts- und Finanzpolitik überhaupt möglid) sein wird, diese zahlreichen und schwerwiegenden Ur sack«i allgemeiner Art einigermaßen aus dem Wege zu räumen. Rohstoffe, Maschinen, Unter nehmet, Arbeiter und ungebedter Bedars sind zwar vorhanden. Wenn diese Faktoren aber nicht über­all zu nützlicher Tätigkeit vereinigt werden kön nen, so liegt es einmal au der ungenügenden Be liefcrung mit Kohlen und dann an der Preis­bildung, die freilich bis zu einem gewissen Grade auch wieder mit der Kohlensrage zusarnmenhängt. Soweit die Lieilmittcl in der Form allgemeiner Schlagworte gegossen werden dürfen, lauten sic also: Abbau ber Rohstoff preise, um die ^Fertig fabrifatc wieder verkäuflich zu machten, Stabilst ficrung bes Binnen und Auslandsivertes unseres Geldes, Verhinderung von Luxusimporten, Aus­hebung der Zwangswirtschaft, soweit sie der Stei­gerung ber Produktion im Wege steht, Vermeh­rung und weitere Rationalisierung der Produk tion, Befreiung unseres Wirtschaftslebens über Haupt von jeder llebcrorganifation mit ihren er- schreckend großen, kostspieligen, nnproduktiven, schwersälligen, oft nur einer überdies meist unwirksamen Kontrolle dienenden Einrichtun­gen, Förderung des Exportes aller für ben eige­nen Bedarf nicht unumgänglich nötigen Waren, Wiederherstellung von Treu und Glauben im Ge­schäftsverkehr, von Ruhe und Frieden, von Zucht und Ordnung.

Die Bewirtschaftung der Lebensmittel. Einr .Kundgebung gegen die Getreidebewirt­schaftung.

[1 Marburg, 14. Aug. freute mittag trafen in gefchlossenern Zuge vom Kämpfvasen aus meh­rere hundert Bersorgungsberechtigte aus den Dör­fern des Ebsdorfcr Grundes vor dem Landrats-- amtsgebäud: ein imb nahmen dort Aufstellung Eine aus etma 17 Teilnehmern bestehende Ab­ort» n u n g wurde dann bei Landrat v. Loewen- ftein mit dem Wunsche vorstellig, die Getreide-, bchwirtschrftung so zu regeln, daß die Versorgnngs^ berechtigten in den Crtf duften direkt Don den Erzeugern aus versorgt werden, denn wie bis­her könne es nicht iveitergehm. Tie Selbstversorger 'hätten das schönste Boot unb die anderen befämen Mehl, das schon mehr wie gesundheitsschädlich und nach obendrein recht teuer sei. Nack) längerer Aus- fütadr über die gesetzlichen Voraussetzungen der Gelreidebewirtschaftuny, die Ursachen der Teue­rung, die nicht auf tne Verwoltungslosten zurück zuftlhren seien usw. wurde auch zum Msdruck ge­brachst, daß den Erzeuger-Organisationen jetzt Ver- bvaucher-Organisativnen gegenübergestellt loercen Dürften. Tie MwrÄ.mng faßte ihre Beschlüsse schstießlich dahin zusammen, daß kein Getreide mehr aus ben Ortschaften heransbommt, ehe die dortige Versorgung gedeckt ist, ferner soll eine Kreisaus schustsitzung anberaumt und hierzu je drei Vertreter der Versvrgungsbereckstigten und der Erzeuger hin zugezogen werden. Außerdem soll eine 9lborbnuiig nad; Kassel reifen, um wegen dieser Angelcgeicheit mit der Regierung Rücksprache zu nehmen. Auch wegen der Regelung bes Kartoffelpreiscs sollen Verhandlungen angebahnt werden. Nach Anspvach.n des Lanbrats und eines Vertreters der Mbotbnung an die auf den Straße harrende Menge ging diese, ohne daß die Ordnung irgendwie gestört wurde, auseinander.

fb. Kassel, 14. Aug. Durch das Zusam inenarbeiten ber organisierten Landwirtschaft mit der Stadtverwaltung werden der Bevölkerung 1.50 000 Zentner Speisekartoffeln aus Kur Hesse., zum Preise von 20 Mk. vro Zentner überwiesen freute wurden bereits auf den Kopf zehn Pfund verkauft.

Vermischte».

Eine Insektenforscherin d e 5 £7. Jahrhunderts. Da: Andenken einer Frau, bi? vor fast 2- Jahrhundert.n e n? führende Rolle bei ber Begründung ber biolo ftsd.'-i W i en- schäften gespickt iv.t erneuert Dr. R.d>ard ')<. Wegner in einem Aussatz berUmschau". M a r i a S i b ii 11 a Me r. a n ist als Malerin. Stupf er» fteaKtin und Kunstg w rblerin in ber sinnst« ;cfcbid)t? b kannt '? ber ihr lob', ti* Zeit i.ber ragende Bedeutrmg crhä.t 1 .

ihrem .ftunstschafsen verbundene selbständig (yos- 'dwngStätigkeit. Die von ihr geschaisenen Piacht- werke zeigen mts nicht nur eine tüchtig \fün&? cun, sondern vor allem eine vorzüglich Bevbacb- cetn von emer noch heute erstaunlichen ststmauig-

Als Tochter des berühmten ckupicrstedierS Matthäus ^Merian am 12. April 164. geboren, teigte sie sd>on früh ein großes Inte reffe an bei Natur und befaßte sich mit der Beobachtung deS Seidenspinners, wodurch sie feststellte, daß auch die schönsten Schmetterlinge durch llmmanblanuicii aus Raupen hervorgelwn. Als erste Frucht ihrerBe sdstistigung mit ben Naturwisiensd>aft.n erschienen 1671 Bluin ndarstellungm aus 36 Stuvfcrtaseln, ans denen bereits die Blumen in ihrer Beziehung :r Tierwelt dargestcllt waren. Die aus ihre i Zuteften- sorschungen gewonnenen Ergebnisse legte sic dann in dem 16791683 erschienenen Werk , Der Rau­pen wunderbare Verwandlung und sonderbare Bin- mennahrung" nieder, in dem sic bie Entwicklung uoit den Eiern zur Raupe, Pilppe bis zum Schmet- terliiifl darstellt und schon Paraiilcn von Raupim bemerkt. Tie Erforschung der Insekten war damals noch ganz in den Anfängen: ganz kurz vorher hatte Radius den Nachweis erbrach!, daß Raupen imb Maden auS Eiern l)ervorgchen. und Malpighi dre Entwicklung deS Seidenspinners beschrieben Maria Sibylla, die uad) Trennung einer unglücklichen Ehe sich ber religiösen Sekte der Labadistcu ang.*|d)lofjen hatte, setzte ihre Forschungen in dem Ilassischen Lande der Blumcnliebe und Natursorschung, in frolland, fort und unternahm 1699 nach liebt1 r- winbung großer Sd)wi?rigkeiten eine Forfchnngs- reife nach Surinam. 1701 kehrte sie mit umfang- reichen Sammlungen zurück und gab 1705 ihr frauptlverk heraus, ein Prachtbuch mit 60 Kupser- tafclnDie Metamorphose der Insekten Suri­nams". Sie vermehrte ix.durch die bisher befaimtc Ticttvelt um eine Menge ttopischer Insekten, die mitten in ihren Lebensgewohnheiten öarncftellt waren. Nack) ihrem Tode 1717 gab ihre Tochter ihre nachgelassenen Insektenbeobachtungen heraus. Ihre Werke waren für die Entwicklung der Insek­tenkunde von großer Wichtigkeit.Sw übermittel­ten", sagt Wagner,nicht nur die Kenntni.- bfehrr unbekannter Tiersormen und bereit Entwicklung, fte wirkten in besonderem Maße anregenb und befruch­tend am andere Forscher, sie veranlaßten z. B. den besten Jnsektenmaler des 18. Jabrhunderts, A.- fel von Rosen Hof in Nürnberg, die Darstellung der Insekten zu scinein Lebensberuf zu erwäblcn.Linn^, der Altmeister der zoologischen Nomenklatur, sonst zurückhaltend in ber Verwendung von Personen­namen zur Artbereicherung, gab ihr zu El)ven einer Motten art ben Namen Tinea Merianella.

Büchertisch.

Unser Volk. Zeitschrift der Liga zum Schutze ber deutschen Kultur. Blätter für Politik, Wirtschaft, Kunst. Erscheint halbmonatlich. Preis bes Einzelheftes 1,50 Mk. Im vierteljährl. Abon ­nement 7,50 Mk. Zu beziehen durch die Buch­handlungen, die Postanstalten ober oeit Verlag ber Kulttirliga G. m. b. fr. (Berlin W 35), Zweig­stelle Darmstadt, Ernst-Ludwig-Straße 9. Tic Zeitschrift unterrichtet über alle wesentlichen Strö­mungen in Politik, Wirtschaft und Kunst. Sie dient keiner Richtung oder Partei, sondern will alle fruchtbaren, aufbauenben Kräfte zu Wort kommen lassen. Nur durch sachlick)e Gegenüber­stellung ber verschiedenen Meinungen wird Ucber- blick über die verworrenen (Zustände ber Gegen­wart ermöglicht. Für eine organische staatliche Entwicklung Deutschl-ai'.ds, die wir erstreben, ist Förderung des Gemeinschaftsgedankens Vorbe­dingung. Tie Uebcrbrüthntg ber vorhandenen Gegensätze kann nur durch Verbreitung sachlichen Wissens über das Wesen der gegeneinander (au- cu.'-en Strömungen erreicht lue.bm. Aus diesem Wege bereitet die Zeitschrist den Boden für Volks- und Kulturgemeinschaft.

Missa So lemnis. Roman von Zdenko von Kraft. «Deutsches Verlagshaus Bong u. Eo., Berlin W. 57.) Der Autor schildert das Schick­sal ^ines Menschen, der, von jugendlichem Idealis­mus durchglüht, ben Weg zur frühe erstrebt. Durch froffnungen und Sehnsüchte der Ztugend, Zweifel und Kämpfe des reifen Mannesalters, ringt sich Georg Faßbender, ber frelb des Romans, allmäh­lich zu freiwilliger Entsagung durch

Vlinder Hah.

Roman von Alfred Sassen.

(Nachdruck verboten.) Fortsetzung 7.

frermcmi frütiid) bemerkte, daß ein leichtes Rot in das Gesicht der jungen Dame stieg, ste rügte jedoch die vorschnellen Worte mit feiner Älbe.

Ter junge Dautschcrmeribaner sagte lächelnd zu dem jungen Burschen:Also habe Gnaoe vor den Augen des frerm Studvo gefunden? Mei- Yen resp.'littwllsten Dank! . . . Nun trugt es sich nur," nxrrrbte er sich an das junge Mädchen, ,wb Sie, mein gnDiges Fräulein, ber bricherlichen Trkwbnis, daß ich mit von der Partie fern darf, die entscheidende Stimme rtidrt vertagen nrrfren?"

Rena entgegnete in gehaltener Li^benswürdigv- teit ganz einfach:Der Anschluß ist Fhnen gern gestattet Fch dars mir ja gratulieren, zu meinem kleinen Ritter aud) noch einen großen zu erhalten."

Schade, daß es auf *bcr Leuchtenburg feine Ritzertaten zu verrichten gibt," rrcf "INox Boden­bach mit funMttbcn AugenEs muß doch eine berrlickte gewesen fern, als btc frerren von Vitzthum ba oben saßen und das ganze Land in Respekt erhielten!"

Wenn ich nicht irre," wart frermann frütttch gemütlich ein,so waren diese frerren von Vitz­thum arge Raubgefelfen. ... Id) meine, mein tapferer Keiner Mann, wir sollten übe.Haupt kei­ner versunkenen Zeit nachtraue n und sie eine herrliche mnnen. Die wahre frerr id?L*it soll stets bei uns und um uns sein. Gerade in ber Zelt, m ber tpir lebm. Freilich müssen totr re)lich mit Uran helfen, sie zu schaffen und zu erhöhen"

frerrgott," brach ber Lcüüler in mürrischer Trolligteit aus unb rückte die Mütze auf dem kurzgesdvvetten, dunklen Gelcock zurück, wie um feinen Mann" besser bctnad?cn zu können,Ste sind boch nicht etwa ein Schulmeister ? Ihren Reden nach könnten Sie's sein"

Noch bin ich's nicht aber ich hafte es zu werden ein echter deutscher ^daifmeiüer, so Gott will," antwortete frermann frütttch schlicht, aber voll schöner Wärme.

Neckend fügte er hinzu:Aber mir scheint, der kleine Ritter ohne Furcht und Tadel Kat ben Schulmeistern gegenüber ein sch echtes G wissen ?"

Gar nicht," behauptete Max Iterau5torbe nb, ich bin vierzehn und ein halb alt unb sitze feho-n in Untertertia das ist doch sehr anftäning? Nicht wahr. Renn? . . . 9fber beute ist Sonntag, unb da ist es doch mein gutes Recht, wenn ich von den schulmeistern nichts wissen will."

Und er schoß auf feinem Rad übermütig da­von, den beiden weit voraus.

Rena sah lächelnd hinter dem lieben Flücht­ling her, ohne jede Ver egenhcit darüber, baß fte mit dem Fremden so al .ein zuruckb.'ei ben mußte.

Sie hatte noch nicht ernstlich darüber nackge- dacht, wen sie in ihm vermuten, welchem Stand sie ihn beizählen sollte als er dann davon gesprochen, daß er auf dem Lehrgebiet für sich eine beglückende, segensreiche Zukunft erhoft'e, war aber doch ein stutzen in ihr gerne cn. Nern, weder zu ben gegenwärtigen, noch zu ben ^zukünftigen Schulmeistern hätte sie ihn geiedjnet. Dazu wollte ihr sein Gehab.nr voll weltmännischer Sidierheit nicht stimmen unb nicht die tadellose Sorgfalt und Eleganz der Kleidung.

Unwillkürlich matz sie ihn mit einem prüfen­den Seitenblick.

Er fing den Blick auf.

Rasch sah sie fort, nun doch ein wenig verlegen.

Er aber beharrte neckend:Darf ich raten, mein gnädiges Fräulein?"

Sie batte sich schnell gefaßt und ivehrte sich. Einen Tag wie ben heutigm, da die Sonne so köstlich über Berg unb Tal liegt, soll man nicht mit Rätselraten beschweren."

Er nickte und begann nun eifrig und voll wahrhaft empfundener Wärme von den Rei-m des Saaltals zu sprechen, daß es ihm, dem Aus­länder, ber er sei, mehr angetan habe, als irgend eme andere der vielen Gegenden, die er diesseits unb jenseits des Mecv^ gesehen.

Ans ganzer Seele spreche er das Wort .Hailer Karl V. nach, der auf einer KriegSsahrt, die ihn durch das Saaltal gerührt, ausgerufen habe:Tas ist ein gar herrlich Laich, fast so schön wie Welfch- lanb!"

Sie sind ju beneiden, mein Fräulein," fügte er hinzu, ,chaß Ihnen der frimmel über diesen lieblichen B.rgen unb Tälern^und dem anmutig gewundenen Silber band ber Saale b r frtnute Himmel ist! Tas ist ich nehme es an, da ich an Ihrem Rcch und an Ihnen selbst auch nicht bas bescheidenste Gepäck bemerk, bas auf ein weiteres frerfommen deutet."

Sie entgegnete:In ter Tat_ bindet mich freirnatsgesühl an diesen Teil des -saal teile Ge­boren aber bin ich in einer gvoßen Stadt. Em tieftraurige^ Ereignis, ber plötziche Tod meines Vaters, hat mich ledoch als Kind schon aus Magde­burg hierher in das So-altal, in das Städtchen

Lobeda geführt. Unb obwohl ich dort aud) noch die Mutier verlieren mußte, hab' ich es doch ebenso wie seine nähere und weitere Umgebung yerzlich lieb gewonnen."

frermann frütttch hatte feit am bewegt -.uge­hört Bei ben einfachen Worten des jungen Mär­chens waren ihm unwillkürlich bi.' Mitteilungen des Lehrers Refttsdorf über die blinde Frau Mag­dalene unb ihre Familie eingefallen Er glaubte zu erraten, wer die schöne Waise sei.

Jedenfalls wollte er GewiMeit habn , 5ie leben in Lobeda natürlich im Schutz lieber Ver­wandten ?" fragte er, unter dem Ton be. Teil­nahme feine Spannung verberge d

Nur eine Xante besitze ich dort. Es ist frei­lich eine außerordent ick>e Frau. Mein B uder und ich verdaarken ih^r liebevo.lea Fürsorge viel alles, müßte ich jagen. Und dabei sollte man meinen, sie sei selbst schütz- und hilfsfeiürftig. Denn sic ist vor vielen Jahren schon erblmdet, tiachdem sie das Bit erste, was einer Frau b - schieden fein Bann, erleiden mußte."

Im Innersten fühlte sich frermann frü^tid? ergriffen. Es nxir so, hne er g'ahnt Ein w In­der sanier Zufall hatte ihn mit der Nickste ber- bc- klagensrvertTN B i «den -ulammcnge'ührt'

Rena blickte den jungen Mann, ber aud nicht yne einzige Silbe auf ihre Worte erwiderte, em wenig befremdet an. Und plötzlich fühlte ne irch von .seinem Schwttgen, das sie natürlich talfch beutete, beschämt.

(Fortsetzung folgt.)